5.8. – 10.8.2008 von Santiago nach Finisterre

5.8.2008 Negreira (24 km)
Heute war eigentlich ein kurze Etappe aber der Einstieg nach der mehrtägigen Pause fiel ganz schön schwer. Agnes und ich sind flott gestartet heute Morgen und nach der langen Pause haben auch meine Füsse nicht mehr geschmerzt. Als wir zur Stadt raus gelaufen sind, haben wir uns schon bald gefragt wo es lang geht aber Gott sei Dank waren da drei zielstrebig laufende Italiener wo wir uns gleich mal angehängt haben.
Bei Ponte Maceira haben wir im Rio Tambre gebadet. Dies war das erste Mal seit ich von der Schweiz aufgebrochen bin, dass ich in einem Fluss gebadet habe! Endlich kam mal mein Bikini zum Zug! Man konnte mit einem Seil ins Wasser springen und das haben wir dann auch getan. Agnes hat sich leider bei dieser Aktion den Finger verstaucht. Im Fluss gab es eine kleine Felseninsel, da sind wir hingeschwommen und haben uns ein wenig in die Sonne gelegt. Anschliessend hätten wir wohl besser eine Siesta abhalten und nicht gleich weiter marschieren sollen. Ich fühlte mich wie Blei und die 3 letzten Kilometer bis Negreira waren die reinste Qual. Die Herberge war schon ziemlich „Completo“ und nur weil Agnes im richtigen Moment reagiert hat haben wir in den Zelten noch die 2 letzten Matratzenn bekommen. Sonst hätten wir noch ein paar Kilometer weiterlaufen müssen.
Abends haben wir mit den 3 Italienern welche mit uns aus Santiago rausgelaufen sind Abendessen gekocht. Es gab natürlich Pasta, Salat und 4 Flaschen Wein!!! Dieses Festmahl hat jeden von uns 2.50 gekostet. Ich glaube dies ist das günstigste Essen meines ganzen Caminos! Wir waren völlig gelöst und haben viel und laut gelacht. Zum Leidwesen von zwei älteren deutschen Pilgerinnen, die das gar nicht lustig fanden aber Hand aufs Herz mit Italienern kann man sich einfach nicht leise unterhalten…;-). Und schon gar nicht wenn man 4 Flaschen Rotwein trinkt. Wir hatten auf jeden Fall kein schlechtes Gewissen, manchmal muss man auch auf dem Camino über die Stränge schlagen.

6.8.2008 Olveiroa (33 km)
Heute war eine lange und anstrengende Etappe. Wir hatten total Mühe und uns fehlte die nötige Motivation, irgendwie ist uns die in Santiago abhanden gekommen. Vielleicht liegt es aber auch am gestrigen Weingelage…;-). Ich fühlte mich wie Blei, die Füsse schmerzten mal wieder und es schien keine Energie mehr übrig zu sein. Irgendwie hat die Energie mich bis Santiago gezogen und getragen, jetzt ist das Ziel erreicht und man muss sich selber motivieren und vorwärts schieben. Na ja ist eh alles nur im Kopf. Kurz vor Olveiroa, als es besonders schwer war, habe ich einfach die Stöcke in den Boden gerammt und mich so vorwärts gestossen. Das hat gut getan und die Energie kam soweit zurück, dass ich es bis Olveiroa geschafft habe.
Jetzt fühle ich mich total leer und versuche es einfach so zu lassen. Es gibt sowieso nichts womit ich diese Leere auffüllen könnte.
Vielleicht muss ich auch einfach wieder alleine laufen und Agnes auch. Ich werde Morgen nach Muxia laufen und Agnes geht direkt nach Finisterre. Ich glaube, dass uns das gut tun wird. Ich mag Agnes sehr und dennoch bin ich froh Morgen wieder mal alleine unterwegs zu sein.
Ich möchte unbedingt nach Muxia, weiss auch nicht wieso. Habe das Gefühl, dass dies ein ganz spezieller Ort sein muss.
Die letzten zwei Etappen stehen an, schon ein komisches Gefühl. Ich glaube es ist wichtig, dass ich diese Etappen alleine laufe, ich muss für mich etwas abschliessen.
Heute ist uns noch Contin begegnet. Er war auf dem Rückweg von Finisterre nach Santiago. Das letzte Mal als ich ihn gesehen habe war in Le Puy. Er wirkte total glücklich und schwebte wie 5 cm über dem Boden. Bei uns war es genau das Gegenteil wir fühlten uns wie 100 kg und haben uns mühsam vorwärts geschoben…;-).

7.8.2008 Muxia (30 km)
Es war gut wieder alleine unterwegs zu sein, bin aber trotzdem nicht richtig vorwärts gekommen. Irgendwie habe ich den Schwung den ich vor Santiago hatte verloren. Es war mal wieder harte Arbeit und ein Gehen unter Schmerzen.
Kurz nach Hospital hat sich der Weg geteilt. Links ging es nach Finisterre und geradeaus nach Muxia. War mir zuerst nicht sicher, ob ich auf dem richtigen Weg bin und bin nochmals zurückgelaufen aber es gab keine andere Markierung. Ich sah keine gelben Pfeile und auch gab es keine anderen Pilger, die sind alle Richtung Finisterre weitergelaufen. Habe mich schon fast etwas einsam gefühlt…;-). Die letzten Tage vor allem vor Santiago war ich es mir gewohnt in der Karawane zu laufen und plötzlich ist man wieder mal alleine. Habe den ganzen Tag kaum jemanden gesehen und irgendwie hat es mich an die Zeit auf dem Jurahöhenweg erinnert, ganz am Anfang meines Caminos.
Ca. 8 km vor Muxia habe ich dann zum ersten Mal das Meer gesehen. Das hat mich fast umgehauen und tief berührt. Fast noch mehr als ich in Santiago angekommen bin. Die Vorstellung von mir zu Hause bis ans Meer gelaufen zu sein war einfach unbeschreiblich.
Muxia ist ein Fischerdorf und ich fühle mich hier sehr wohl wenn auch etwas einsam. War heute Abend seit langem wieder einmal alleine im Restaurant. Habe vorher im Internet erfahren, dass Carl am 5. August in Santiago angekommen ist, dass er jetzt in Finisterre ist und dass wenn ich Morgen ankomme er schon im Bus nach Hause sitzt. Habe somit keine Chance ihn wiederzusehen. Schade! Dann hat mir Agnes noch eine SMS geschickt und mir geschrieben, dass sie gerade daran sei ihre Kleider am Kap zu verbrennen und dann hat mich das heulende Elend überkommen und ich fühlte mich total traurig, dass sie nicht auf mich gewartet hat. Hatte das Gefühl, immer alles alleine machen zu müssen.
Da sass ich nun alleine im Restaurant, wartete auf das Essen und musste total heulen. Irgendwie kam alles zusammen: das Ende meines Caminos, alleine in Muxia zu sein, Carl nicht mehr zu sehen und Agnes die ihre Kleider ohne mich verbrennt.
Die Senora im Restaurant war total nett, hat mich getröstet und gemeint dies sei ganz normal, dass man weinen müsse wenn der Camino zu Ende gehe. Sie hat mir dann das Pilgerbuch und einen Schnaps gebracht und gemeint ich solle unbedingt etwas reinschreiben. Diese Frau war so herzlich und nett, da habe ich mich gleich wieder besser gefühlt.
Die Kirche am Meer ist übrigens wunderschön und ich bin noch lange am Meer auf den Felsen gesessen und habe den Wellen zugeschaut. Der einzige Wermutstropfen war, dass es so touristisch war. Hätte mir etwas mehr Beschaulichkeit und Ruhe gewünscht aber so ist es halt.

8.8.2008 Finisterre (28 km)
Die letzte Etappe war auch noch einmal eine echte Herausforderung und vor allem meine letzte Lektion in Sachen Vertrauen. Die Markierungen bis Lires waren sehr, sehr schlecht. Manchmal hatte es zuviele Pfeile, dass man nicht mehr wusste in welche Richtung man jetzt gehen soll, dann wieder gar keine oder der Pfeil ging einfach in den Boden. Toll! Bei jeder Verzweigung stand ich vor dem gleichen Problem und musste ich mich entscheiden in welche Richtung ich jetzt gehen soll. Ich war immer unsicher ob ich auf dem richtigen Weg bin. War mal wieder völlig verzweifelt und mir blieb nichts anderes übrig als zu beten und Gott um Hilfe zu bitten. Bei jeder Verzweigung habe ich Ihn gebeten mir ein Zeichen zu geben ob ich mich richtig entschieden habe. Ich war innerlich so angespannt und fühlte mich völlig verloren. Einmal war es richtig schlimm und als ich dann endlich den Stein mit der Jakobsmuschel sah, bin ich in die Knie gesunken und in Tränen ausgebrochen vor Dankbarkeit. Da ist innerlich ein richtiger Damm gebrochen und von da an war ich voller Vertrauen und wusste einfach, dass Gott immer an meiner Seite läuft und mich nie im Stich lässt. Ich konnte Ihn sogar spüren wie ein Kitzeln in meinem Nacken. Da hat mich so ein Glücksgefühl durchströmt und eine Gewissheit dass Er da ist und immer sein wird. Ich hoffe nur, dass ich dieses Vertrauen wenn ich zurückkomme in den Alltag mitnehmen kann. Als ich den Fluss nach Lires barfuss überquert hatte, haben mich nicht einmal mehr die Füsse geschmerzt. Den Rest des Weges bis Finisterre war ich leicht und voller Vertrauen unterwegs. Immer ein Lied auf den Lippen: „Thy will be done, thy will be done, thy will be done“. Ich glaube ich habe mich noch nie im Leben mit Gott, mit mir und dem Leben so verbunden gefühlt.
Es war total wichtig für mich diese zwei Tage nochmal allein zu laufen, sonst hätte ich diese Erfahrung mit Gott wohl nicht gemacht.
In Finisterre habe ich es Gott überlassen wo er mich haben wollte. Bin gleich mal in die Albergue und da stand schon mal ein einladendes „Completo“ an der Türe. Bin dann aber trotzdem rein da ich die Fisterra abholen wollte. Habe dann noch beiläufig erwähnt, dass hier wohl „Completo“ sei und dann hat die Hospitalera gemeint, Nein es sei noch ein Bett frei, da ein Mann abgereist sei der eigentlich hier übernachten wollte. Dies war mir Zeichen genug und ich bin in der Albergue geblieben.
Um 20.00 Uhr kam dann endlich eine SMS von Agnes, hatte mich schon gefragt wo sie eigentlich steckt, die war energetisch wie weg. Sie hat gemeint ich solle was zum Essen mitnehmen und zum Kap hochkommen. Habe mir schnell ein PickNick und Wein eingepackt und bin die 3.5 km zum Kap flott hochgelaufen. Meine Klamotten habe ich auch mitgenommen damit ich endlich meine stinkenden Pilgerklamotten verbrennen kann. Ein netter Spanier wollte mich in seinem schicken Wagen mitnehmen aber ich habe dankend abgelehnt und mich auf meine gesunden Beine verlassen.
Habe mich total gefreut Agnes wieder zu sehen und sie hat mir erzählt, dass sie sich in Thorsten verliebt hat welchen Sie zum ersten Mal in Santiago beim Salsa tanzen getroffen hat. Ein süsses Paar kann man nur sagen, hoffe, dass alles so kommt wie sie sich das wünscht. Habe dann meine Kleider verbrannt und das Miam Miam Do Do auch noch gleich, Seite für Seite. Hat total Spass gemacht und ist ein schönes Riual um die Pilgerschaft zu beenden. Habe den Sonnenuntergang genossen und mit den anderen zuviel Rotwein getrunken.
Bin dann im Dunkeln alleine und leicht torkelnd zurückgelaufen, da mein verliebtes Päarchen einfach vergessen hatte, dass ich auch noch dar war. Habe ich lächelnd zur Kenntnis genommen, ich weiss ja wie es ist wenn man in diesem Zustand ist…;-). Es war stockdunkel und immer wenn ein Auto kam habe ich die Stirnlampe angemacht, da ich keine Lust hatte überfahren zu werden. Es hatte soviele Sterne am Himmel und war einfach wunderschön. Irgendwie ist meine Pilgerreise erst hier in Finisterre wirklich zu einem runden Abschluss gekommen. Ein Abschluss der sich so richtig gut anfühlt, in Santiago habe ich mich eher beschissen gefühlt bei meiner Ankunft.


9.8.2008 Finisterre
Jetzt ratet mal wer mir da über den Weg läuft läuft als ich Morgens in das Städtchen laufe um zu frühstücken. Na zuerst ist mir mal die total verliebte Agnes begegnet, die gerade mit ihrer Mama telefonierte. Aber weiter hinten habe ich jemanden gesehen, den ich seit St. Jean-Pied-de-Port nicht mehr gesehen hatte. Männlich, etwas verrückt und sehr liebenswert: Carl!!! Ich habe meinen Augen nicht getraut und mich natürlich total gefreut. Der Bus am 8. August war voll und somit konnte er nicht abreisen. Zudem hatte er in seinem Blog meine Nachricht gelesen und gewusst, dass ich in Finisterre bin. Gott hat wohl beschlossen, dass wir uns doch noch sehen müssen bevor jeder von uns nach Hause geht.
Wir sind dann abends zusammen zum Kap hoch gelaufen und ich habe micht gefragt, was mir an dem Freak, der an meiner Seite läuft bloss gefallen hat? Am Kap als wir dann so still beisammen sassen war die Verbindung dann plötzlich wieder da. Es ist einerseits seine tiefe Stimme und seine Verrücktheit die mich anzieht. Andererseits berührt er etwas in mir, dass ich ihn einfach nur in die Arme nehmen und halten möchte.
Thomas, mein Pilgersohn ist heute auch endlich angekommen, er musste ja krankheitshalber noch einen Tag länger in Santiago bleiben. Beim Kleiderverbrennen hat er einfach gekniffen und sich von keinem seiner miefenden Stücke trennen können. Na ja, soll er sie halt wieder mit nach Hause nehmen. Thomas ist auch so einer der etwas in mir berührt aber eher meine Muttergefühle…;-).
Bin dann zusammen, Arm in Arm, mit Carl zurückgelaufen und wir sind noch in eine Bar und haben zusammmen ein Glas Wein getrunken. Wir mochten uns einfach nicht trennen und haben noch die ganze restliche Nacht miteinander verbracht. Mehr will ich eigentlich gar nicht erzählen, nur dass unsere Begegnung eher mit dem Herzen und Heilung zu tun hatte als mit dem was ihr jetzt wieder denkt…;-).

10.8.2008 Finisterre
Heute Morgen habe ich mich mit Agnes zum Frühstück getroffen und anschliessend habe ich Agnes, Thorsten und Carl zum Bus zurück nach Santiago gebracht. Agnes werde ich in Santiago wiedersehen und mir ihr dann zusammen die Heimreise antreten. Ich bleibe noch einen Tag länger und werde dann Morgen zurück fahren. Thomas und ich sind jetzt sozusagen die letzten von unserem Grüppchen die noch in Finisterre sind. Wir werden uns heute Abend noch ein leckeres Abendessen mit Meeresfrüchten in einem teuren Restaurant gönnen. Das muss jetzt einfach sein. Marco ist auch hier, den habe ich zuletzt auch in St. Jean-Pied-de-Port getroffen. Er ist dann aber den Camino del Norte gelaufen und jetzt am Schluss kommen unsere Wege wieder zusammen.
Mein Camino-Abenteuer geht zu Ende und ein neues Abenteuer beginnt. Es ist OK nach Hause zu fahren auch wenn ich davor etwas Angst habe. Ich weiss jetzt aber, dass Gott immer an meiner Seite ist und dass das einzige was mich vor Ihm trennt alles ist was ich glaube zu sein aber nicht bin nämlich mein Ego.
Mit diesem neu gefundenen Vertrauen möchte ich das nächste Kapitel meines Lebens beginnen und bin neugierig wo der Weg mich hinführt.

YOU NEVER WALK ALONE!!! In diesem Sinne wünsche ich allen die mich begleitet haben (auf und neben dem Weg) alles Gute.

In Liebe Françoise

2.7. – 4.8.2008 von St. Jean Pied-de-Port nach Santiago de Compostela

Roncesvalles, 2.7.2008 (27 km)

Ich habe die Pyrenäen überquert! Wir sind am Morgen früh, es war noch dunkel, bei Nebel und Nieselregen gestartet. Wir waren zügig unterwegs, bei diesem Wetter kam es einem ja auch nicht in den Sinn zu schlendern, und nach ca. 1.5 Std. waren wir schon in Orisson wo wir uns eine Kaffeepause gegönnt haben. Die ersten 7 – 8 km bis Orisson sollen ja die steilsten sein auf dem ganzen Weg aber wir sind da leicht und locker hoch gelaufen. In Orisson hat sich Ashley noch angeschlossen eine Bekannte von Bridget und so waren wir dann zu viert unterwegs. Gesehen haben wir nicht viel, da es total neblig war. Als wir schon fast oben auf dem Pass waren ist der Himmel plötzlich aufgerissen und wir durften das wunderschöne Panorama bewundern. Plötzlich haben wir Geier gesehen, Schafe und wilde Pferde. Es war einfach toll und wir waren in euphorischer Stimmung. Roger hat sich dann mal ins Gras gelegt und wollte die Geier testen indem er sich tot gestellt hat aber sie haben ganz in Ruhe weiter ihre Kreise gezogen und darauf gewartet dass einer von uns das zeitliche segnet. Was Gott sei Dank nicht passiert ist. Dann hat man schon wieder gesehen wie der Nebel hoch kommt und es ging nicht lange da war es schon wieder vorbei mit der Sicht. Bei der Rolandsquelle haben wir Pause gemacht und von dem berühmten Nass getrunken. Ein Spanier war auch da und den haben wir gleich mal mit einem „Hola, que tal“ begrüsst. Er hat uns nur angegrinst und ist dann weitergelaufen. Das erste was uns in Spanien aufgefallen ist, waren die riesigen blau/gelben Pfeile für den Camino. Wir haben uns gekrümelt vor Lachen, die sieht sogar ein Blinder und bei dickstem Nebel. Da kann ja nichts mehr schief gehen…;-).

Wir kamen durch einen Wald um im Nebel war der richtig mystisch. Trotz dem schlechten Wetter hat der Nebel auch seine schönen Seiten. Gegen Ende wurde die Etappe dann noch richtig lange und die Euphorie kippte langsam in totale Erschöpfung. Wir wollten nur noch ankommen und uns ausruhen. Als erstes sind wir gleich mal in die Kirche von Roncesvalles und da ist mir vor allem der Pomp, Gold und Kitsch aufgefallen den spanische Kirchen haben. Dagegen sind französische Kirchen direkt schlicht aber es war trotzdem ergreifend da zu sein. Als das Pilgerbüro aufmachte mussten wir dann zum ersten Mal anstehen und warten bis wir endlich den ersten spanischen Stempel in unseren Pass bekamen. Jetzt liege ich auf dem Kajütenbett dieses riesigen Schlafsaals und versuche zu begreifen, dass ich in Spanien angekommen bin.
Irgendwie kommt es einem hier vor wie in einem Flüchtlingslager und für die Männer und Frauen gibt es je 2 Duschen! Vor Bridget und mir standen eine Gruppe Japanerinnen und jede hat sich in der Dusche aus- und angezogen und dazu noch die schönen langen Haare gewaschen. Ist ja alles Ok aber nicht wenn 50 andere Frauen darauf warten zu duschen. Jede dieser Japanerinnen hat ca. 15 Min. gebraucht bis sie wieder angezogen vor der Tür stand. Bridget und ich hatten beschlossen, dass es so nicht weitergehen kann und dann haben wir den Vorschlag gemacht, dass man sich vorher schon auszieht und auch draussen abtrocknet und wieder anzieht. Wir sind ja alles Frauen und sehen mehr oder weniger alle gleich aus oder? Bridget und ich haben je ca. 2 Minuten gebraucht um zu duschen und von da an ging es richtig schnell.
Der grösste Unterschied zu Frankreich sind die Massen von Pilgern und die riesigen Schlafsäle. Werde wohl einige Tage brauchen um mich daran zu gewöhnen. Trotz der vielen Pilger ist die Herberge gut geführt von Holländern und man kann sogar seine Kleider waschen und trocknen lassen da es nicht viel Platz gibt um sie aufzuhängen. Überhaupt hört man viel negatives über diese Herberge was ich nicht bestätigen kann (vor allem wenn man das Buch von Hape gelesen hat). Draussen regnet es in Strömen und da ich meine Regenjacke und Turnschuhe zurückgeschickt habe, habe ich jetzt nur noch die Pellerine und die Sandalen. Ich bin in der Frühschicht zum Essen dran und bin froh, dass ich nicht mehr all zu lange warten muss. Um 10.00 Uhr ist dann Lichterlöschen, im Wahrsten Sinne des Wortes gehen dann die Lichter aus. Um 6.00 Uhr gehen sie dann wieder an und wir werden mal wieder ohne Frühstück (ich nehme an in Spanien wird das jetzt immer so sein) bis Burguete laufen und da gibt es dann das erste spanische Frühstück. Bocadillo con jamon, übe schon mal ein bisschen für Morgen…;-).

Larrasoana, 3.7.2008 (27 km)
Heute Morgen punkt 6.00 Uhr ist im Schlafsaal von Roncesvalles das Licht angegangen und alle sind aus dem Bett gehüpft um schnell im Bad zu sein so lange es noch Platz hat. Habe mal wieder sehr schlecht geschlafen und bin mit Kopfschmerzen aufgewacht. Habe mich gefragt in welchem schlechten Film ich wohl gelandet bin? Bridget mussten wir leider zurücklassen, sie war total traurig und hatte Tränen in den Augen und ich war auch nahe daran loszuheulen. Hätte sie so gerne mitgenommen aber sie wird den Camino nächstes Jahr fortsetzen.
Ich habe euch ja noch gar nicht von unseren Hardcore Pilgern erzählt. Vater und Sohn, ich glaube sie heissen beide Daniel, er war früher bei der Fremdenlegion und die zwei hatten über die Pyrenäen ihre erste Etappe. Schon im Esprit du Chemin sassen wir zusammen am Tisch und haben über die Pyrenäenetappe geredet und mir war schnell klar, dass sie zuviel Gepäck dabei haben. Habe gemeint, dass sie nochmals ihre Rucksäcke durchgehen sollten und wirklich nur mitnehmen was wirklich nötig ist, was sie nicht brauchen könnten sie ja zurücksenden. Die hatten noch eine ganze Campingausrüstung dabei und beide bestimmt 20 kg auf dem Buckel. Bei der Ueberquerung haben sie auf jeden Fall ziemlich gelitten und Vater Daniel hatte abends schon richtig Knieprobleme. Am Morgen als wir dann von Roncesvalles aufbrechen wollten kam Daniel zu mir und hat gesagt er hätte praktisch die Hälfte seines Rucksackinhaltes in den Container geschmissen! Wir konnten es nicht glauben und haben nachgeschaut. Tatsächlich lag da die Campingausrüstung und andere Sachen. Zusammen mit Roger haben wir alles wieder aus dem Container geholt und in der Herberge auf das Regal gestellt wo Pilger Sachen zurücklassen welche sie nicht mehr brauchen. Ich habe gemeint ich spinne! Man kann doch die ganzen Sachen nicht einfach wegschmeissen, vielleicht kann es ja jemand anders gebrauchen. Auf jeden Fall waren sie froh nicht mehr soviel Gewicht auf dem Rücken zu haben. Was haben wir gelacht.
Dann ist die Pilgerkarawane ohne Frühstück Richtung Burguete marschiert, kam mir vor wie auf einer Massenwanderung und immer noch wie in einem schlechten Film. Hatte das Gefühl die rennen ja alle, wo rennen sie nur hin? Fühlte sich alles ziemlich stressig an. In Burguete gabs dann Frühstück und mein erstes Bocadillo con jamon, hat sehr gut geschmeckt.
Die Strecke heute war sehr schön und wir mussten kaum auf der Strasse laufen. Wir hatten jetzt die Pyrenäen im Rücken aber es war immer noch bergig mit wunderschöner Aussicht. Ich muss mich daran gewöhnen nicht mehr auf französisch zu bestellen sondern auf spanisch.
Die Herberge hier in Larrasoana ist eine Katastrophe (viel schlimmer als Roncesvalles!!!), da ist zum einen wieder der riesige Schlafsaal mit 50 Betten oder mehr aber was viel schlimmer ist sind die katastrophalen sanitären Anlagen. Das Bad ist so ein Container der draussen im Hof steht und während die einen im Trog die Wäsche waschen spucken die anderen die Zahnpasta hinein. Einfach ätzend! Hoffe, dass es in Spanien auch noch andere Herbergen geben wird, im Moment sehne ich mich zurück nach Frankreich…:-(. Überhaupt scheinen hier alle ein Rennen zu absolvieren, es ist alles viel stressiger als in Frankreich. Es scheint, dass ich noch nicht hier in Spanien angekommen bin und ich muss mich auf die neue Situation erst einstellen aber im Moment habe ich noch Mühe damit.

Cizur Minor, 4.7.2008 (20 km)
Am Morgen war es eisig kalt aber wunderschön. Ich liebe diese Stimmung am frühen Morgen bevor die Sonne aufgeht. Im ersten Dorf nach Larrasoana haben wir auch schon unseren ersten Kaffee erhalten und ein Bocadillo gegessen. Ca. um 11.00 Uhr waren wir schon im Pamplona, da liefen gerade die Vorbereitungen für San Fermin auf Hochtouren. Am Sonntag (oder Montag?) jagen sie dann wie jedes Jahr die Stiere durch die Strassen und die Mutigen unter den Zuschauern rennen vor ihnen her. Nichts für meine schwachen Nerven…;-).
Langsam aber sicher komme ich hier in Spanien an und ich habe mich vom Kulturschock langsam erholt. Man ist anfangs schon etwas erschlagen von den Pilgermassen, riesigen Schlafsälen, den wenigen Duschen und teilweise schlechten sanitären Anlagen. Plötzlich wimmelt es nur so von Pilgern und man hat das Gefühl in einer Karawane zu laufen. Da kommt mir immer Loriot in den Sinn mit seinem „Wo laufen sie denn, wo laufen sie denn hin?“.
Es bleibt mir mal wieder nichts anderes übrig als loszulassen. The final let go!
Heute bin ich dafür in einem kleinen Paradies gelandet, was das Ankommen hier in Spanien unheimlich erleichtert und nach den zwei letzten Nächten einfach eine Wohltat ist. Konnte auch wieder einmal die Dusche richtig geniessen, meine Vorgängerin hatte zwar gemeint das Wasser wäre kalt aber von dem habe ich nichts mitbekommen. Vielleicht hat sie am falschen Hahn gedreht…;-). Die Hospitalera hier in der Albergue ist eine richtig gute Seele, sie verpflegt sogar die geschundenen Füsse der Pilger. Mir hat sie meine Blase, welche ich mir während der Pyrenäenüberquerung in den neuen Wanderschuhen zugezogen habe, aufgestochen und die Flüssigkeit mit einer Spritze abgesaugt. Dann hat sie mir die kleine Spritze und Kanüle mitgegeben damit ich evt. weitere Blasen auch so behandeln kann. Die neuen Schuhe gehen nicht ganz spurlos an mir vorbei aber im Grossen und Ganzen habe ich wenig Probleme damit.
Werde mir heute wieder einmal selber etwas kochen, die anderen werden sich wieder das Menu Peregrino reinziehen. Möchte die Albergue hier ein bisschen geniessen und im Garten Essen. Morgen werden wir einen kleinen Umweg nach St. Maria de Eunate machen, darauf freue ich mich schon lange.

Cirauqui, 5.7.2008 (30 km)
Als wir heute Morgen Cizur Minor verlassen haben war es noch dunkel aber es fing bereits an etwas heller zu werden. Es war wieder einmal eine wunderschöne Stimmung und der Weg führte anfangs relativ flach und geradeaus durch Felder.
In Zariquiegui gab es den ersten unerwarteten Kaffee vor einem privaten Haus. Es sah so aus als würden sich zwei Geschwister, eine Junge und ein Mädchen in den Ferien etwas Sackgeld dazu verdienen. Sie haben einfach vor der Haustür einen Tisch aufgestellt und Kaffee und Kleinigkeiten zum Essen angeboten. Uns Pilger hat es auf jeden Fall sehr gefreut und wir sind gestärkt und guter Laune weiter gewandert.
Dann kam der Aufstieg auf den Alto del Perdon wo man schon von weitem die riesigen Windräder sehen kann. Oben auf dem Alto hat es stark gewindet und war kalt. Wir haben trotzdem eine kurze Pause eingelegt, natürlich viele Fotos geschossen und die schöne Aussicht genossen. Der Abstieg vom Alto del Perdon war ganz schön steil und ich war mal wieder richtig froh meine Stöcke dabeizuhaben, das geht nämlich ganz schön in die Knie.
Der Höhepunkt des heutigen Tages war ohne Zweifel der Umweg zur kleinen Kirche von Santa Maria de Eunate. Ich habe mich schon lange darauf gefreut und ich wurde auch nicht enttäuscht. Die Kirche ist wirklich sehr schön, so schlicht und so still. Dieser Ort ist für mich ganz etwas spezielles und hat eine sehr schöne Energie. Habe mir Zeit genommen ein wenig in der Kirche zu meditieren und die Stille auch mich wirken zu lassen. Schade gibt es hier keine Herberge, wäre gerne noch etwas länger geblieben.
In Puente la Reina haben wir uns zuerst mal eine Cerveza con limon gegönnt und dann mussten wir entscheiden ob wir noch weiter bis Cirauqui laufen wollen. Es war doch schon 14.00 Uhr, sehr heiss und bis zu unserem Zielort noch 2 Stunden. Auch stand im Reiseführer, dass es auf dieser Strecke nicht viel Schatten gibt. Dazu kam noch die drohenden Gewitterwolken welche langsam auf uns zu kamen. Ja und trotz allem hatten wir noch keine Lust anzuhalten und sind weiter Richtung Cirauqui. Der Weg geht hier teilweise der Autobahn entlang und es war wirklich sehr, sehr heiss. Bei jedem kleinsten Schatten musste ich anhalten um etwas abzukühlen. In Maneru gab es einen Brunnen wo ich mir erst einmal Wasser über den Kopf und die Arme geleert habe um die Hitze zu kühlen. Am Brunnen war ein Päarchen aus der Schweiz. Er ist den Weg schon gelaufen und wollte seine Freundin bis Leon begleiten. Er war sehr beeindruckt, dass ich den ganzen Weg von Basel bis hierher gelaufen bin und hat gemeint ich solle jeden Moment geniessen, es gehe so schnell vorbei. Genau das habe ich vor zu tun.
Der Weg nach Cirauqui ist wunderschön und man sieht schon von weitem die kleine Stadt auf dem Hügel thronen. Dieser Ort gefällt mir wirklich sehr gut.
Reindert ist auch hier und wir gehen alle zusammen einkaufen und ein Bierchen trinken. Was gibt es schöneres nach einem langen, heissen Wandertag…;-).

Villa major de montjardin, 6.7.2008 (24 km)
Heute sind wir um 6.15 aufgebrochen. Es war nicht sehr heiss heute und bewölkt. Momentan habe ich Mühe mein Tagebuch fortzuführen weil mir einfach nichts einfällt, dass ich schreiben könnte. Fühle mich irgendwie leer. War heute Abend in der Kirche und habe eine Kerze angezündet. Habe darum gebetet noch mehr loslassen zu können. Möchte meine Kontrolle völlig abgeben und darauf vertrauen, dass Gott mich an der Hand nimmt. Es ist unheimlich befreiend nicht mehr für den Abend ein Bett reservieren zu müssen und mich einfach treiben zu lassen. Bis jetzt hat es auch immer geklappt mit den Übernachtungen. Ich möchte meine alten Verhaltensmuster und Projektionen loslassen, toleranter werden und mich und die anderen so akzeptieren wie sie sind. Ich habe auch den tiefen Wunsch mich wieder zu verlieben und eine erwachsene und reife Beziehung mit einem Mann einzugehen. Mich fallen lassen können, so sein wie ich bin. Vertrauen ist das Zauberwort für mich, auch darauf vertrauen, dass von allem genug vorhanden ist. Genug Liebe, genug Freundschaft, genug Geld, alles ist im Überfluss vorhanden. Ich muss mich nur darauf einlassen. In diesem Sinne Buen camino.

Viana, 7.7.2008 (31 km)
Heute war ein sehr langer und heisser Tag. Wunderschöne Strecke nur am Ende etwas lang. Sorry guys, ich habe heute einfach keine Lust Tagebuch zu führen.

Navarette, 8.7.2008 (22 km)
Heute haben wir nur eine kurze Etappe gemacht. Ich war immer noch sehr müde von der gestrigen Etappe und hatte überhaupt keine Energie mehr. Gestern sind wir 31 km von Villamajor bis Viana gelaufen. Es ging alles sehr gut und abends haben meine Füsse nicht mal so fest geschmerzt. Es ging auch fast alles geradeaus, ausser das letzte Stück und wenig auf der Strasse. War stolz so eine lange Etappe so gut überstanden zu haben.
Dafür bin ich heute kaum in die Gänge gekommen. Es hat ein paar Tage gebraucht um hier in Spanien anzukommen aber jetzt bin ich 100% gelandet. Bis jetzt haben wir überhaupt keine Probleme eine Unterkunft zu finden. Wir sind meistens aber auch sehr früh dran und kommen dementsprechend früh an. Meine Ängste haben sich komplett verabschiedet und ich werde immer gelassener.

Azofra, 9.7.2008 (23 km)
Heute bin ich mal wieder ein Stück alleine gelaufen und das hat mir sehr gut getan. Merke, dass ich wieder alleine unterwegs sein möchte und muss darüber mit Roger sprechen. Roger ist nun wieder auf dem Weg und braucht mich nicht mehr. Mein Job war einfach, dass er nicht aufgibt und das hat er ja auch nicht.
Hier in Azofra sind wir wieder einmal im Pilgerparadies gelandet. Es gibt hier eine neue Herberge mit 30 Zimmern und je 2 Betten. Im Hof plätschert ein Brunnen und es hat einen kleinen Pool wo man die heissen Füsse abkühlen kann. Wir sitzen auch alle drumherum und lassen es uns gut gehen. Nur das Wasser kann man hier nicht trinken und wir müssen für Morgen noch Mineralwasser einkaufen.
Reindert haben wir auch wieder getroffen, er hat letzte Nacht woanders übernachtet und heute wollte er nicht so weit laufen wegen der Hitze. Es hat über 30 Grad und nach 14.00 Uhr geht nichts mehr. Morgen werde ich wieder früh aufbrechen um Zeit zu haben für Santo Domingo della Calzada. Das ist der Ort wo die Hühnerlegende her kommt und in der Kirche werden immer noch lebende Hühner in einem Stall gehalten.

Redecilla del Camino, 10.7.2008 (27.5 km)
So ich laufe wieder alleine. Habe es Roger gestern mitgeteilt und heute habe ich ihn den ganzen Tag nicht gesehen. Vielleicht ist er beleidigt oder einfach froh wieder seine eigenen Etappen laufen zu können. Er ist auf jeden Fall weiter gelaufen als ich heute. Heute war es wieder sehr heiss und eine echte Herausforderung. Morgen soll es kühler werden, nur 24 Grad, was für ein Segen. Überlege mir ob ich Morgen nur eine kurze Etappe bis Belorado mache, da gibt es eine Albergue mit Swimmingpool und Massagen. Vielleicht mache ich sogar einen Ruhetag, meine Füsse würden es mir danken, denn sie schmerzen mal wieder stark. Werde in Belorado entscheiden.
In Santodomingo della Calzada war ich in der Kirche und habe die Hühner bewundert. Anschliessend ging es bei grosser Hitze weiter bis Granon wo ich mir schon mal überlegt habe zu bleiben, bin dann aber doch noch bis Redecilla weiter gelaufen. Jetzt bin ich in der Provinz von Kastillien und Leon, La Rioja liegt auch schon wieder hinter mir.

Villafranca Montes de Oca, 11.7.2008 (24 km)
Heute war ganz ein mühsamer Tag. Anfangs ging es ganz gut aber ab Villamayor del Rio hat es angefangen zu winden und das war richtig unangenehm. Überhaupt fand ich die Dörfer heute alle deprimierend und ich hatte nirgends Lust länger zu verweilen. Belorado fand ich sowas von hässlich, dass ich gleich weiter bin. Ich weiss nicht ob es an meiner Stimmung lag oder an der Umgebung aber es war alles mühsam. Habe versucht alles so zu lassen wie es ist und bin einfach weiter gelaufen.
Meine Füsse schmerzen sehr und ich bin stolz trotzdem 24 km geschafft zu haben. Habe heute auch fast niemanden getroffen ausser in der Albergue bin ich ganz unerwartet über Reindert gestolpert. Er lag auf dem Bett und hat geschnarcht..;-). Habe mich total gefreut und wir haben zusammen gekocht, Wein getrunken und gegessen. Roger ist wahrscheinlich schon in San Juan de Ortega. Da darf er sich wahrscheinlich über eine kalte Dusche freuen…;-).
Morgen mache ich nur eine kurze Etappe bis Atapuerca und übermorgen bin ich schon in Burgos. In 3 Wochen werde ich schon in Santiago sein, im Moment geht mir alles viel zu schnell. Bis jetzt sind die Albergues überhaupt nicht überlaufen und man trifft immer etwa die gleichen Pilger.

Atapuerca, 12.7.2008 (19 km)
Heute habe ich mal wieder etwas länger geschlafen und bin später los da ich wusste, dass es heute kühler ist. Kühl ist aber nur das Vorwort es war nämlich saukalt. Ich hätte Handschuhe anziehen können sofern ich welche dabei gehabt hätte. Der Weg ging anfangs sehr schön durch den Wald und dann aber durch eine riesige, hässliche Schneise welche man ganz brutal in die Landschaft gerissen hat. Es war ziemlich eintönig und die 12 km bis San Juan de Ortega gab es absolut nichts ausser Kälte, Kälte und nochmals Kälte. Dafür war die Kirche von San Juan de Ortega ein absoluter Lichtblick. Wenn ich wieder zu Hause bin werde ich mir einen schönen Bildband von Spanien kaufen, denn mit meinen eigenen Fotos finde ich es immer sehr unbefriedigend.
Ich lerne immer wie mehr anzunehmen und zu akzeptieren was gerade ist und mich nicht darin zu verlieren wie ich es gerne hätte.
Morgen bin ich in Burgos und leider ist Sonntag da ich mir gerne ein neues T-Shirt gekauft hätte aber vielleicht gibt es ja Touristenläden welche offen haben oder sonst halt in Leon.
Heute ist schon der zweite Tag wo ich wieder alleine unterwegs bin und es geht schon wieder viel einfacher. Da ist einerseits das Bedürfnis wieder alleine zu sein und andererseits zahlt man halt auch einen Preis dafür nämlich Einsamkeit. Zuerst bin ich wie in ein Loch gefallen aber jetzt fange ich das alleine unterwegs sein wieder an zu schätzen.

Burgos, 13.7.2008 (21 km)
Die heutige Etappe nach Burgos war kurz aber dennoch anstrengend da man die meiste Zeit auf Asphalt läuft und die ganze Industriezone zu Fuss durchqueren muss. Es gibt ja Pilger welche für dieses Stück den Bus nehmen was ich durchaus verstehen kann. Man verpasst gar nichts.
Die Kathedrale von Burgos ist so riesig und überwältigend, dass es einen beinahe den Atem verschlägt wenn man sie zum ersten Mal sieht aber dennoch ist sie sehr schön. Auch Burgos selber ist im Zentrum eine sehr schöne und lebendige Stadt. Trotzdem bin ich immer wieder froh, aus Grossstädten so schnell wie möglich herauszukommen, in den kleinen Dörfern gefällt es mir meistens besser. Es würde mir nie in den Sinn kommen hier einen Ruhetag einzulegen. Die Herberge hier im Park ist mal wieder eine ziemliche Katastrophe, vor allem die sanitären Anlagen sind unter aller Sau! Wenn man duscht macht man am besten die Augen zu. Als ich schon geduscht hatte, hat mir eine Pilgerin gesagt, dass es in einem separaten Gebäude noch andere Duschen geben soll die besser sind aber da war es leider zu spät. Auf jeden Fall weiss ich jetzt warum sie in Burgos eine neue Herberge neben der Kathedrale aufmachen werden.
Die Herberge liegt auch gut 20 Minuten ausserhalb von Burgos, wir haben uns nach dem Duschen gleich in die Stadt begeben und sind bis nach dem Abendessen da geblieben. Wir hatten keine Lust den langen Weg mehrmals zu machen.

Hontanas, 14.7.008 (30 km)
Letzte Nacht ist ein Pilger welcher neben mir geschlafen hat mitten in der Nacht um 3.00 Uhr morgens aufgestanden um loszulaufen. Ob der wohl Angst vor der grossen Hitze der Meseta hat, na auf jeden Fall hat er einen Knall. Heute war mein erster Tag in der Meseta und ich fand es wunderschön, nur das letzte Stück bis Hontanas war sehr heiss. Ich habe Burgos früh morgens verlassen und in Tardajos gab es nach 2 Std. endlich den ersten Kaffee. Kurz vorher habe ich noch Reindert getroffen welcher auf einer Bank sass und mit ihm zusammen gefrühstückt. Hatte plötzlich total Hunger.
Hontanas ist ein symphatisches kleines Dorf und die Albergue ist im Gegensatz zu gestern ein Traum.
Morgen, heisst es, fängt die Meseta erst richtig an und ich freue mich riesig darauf. Wenn ich früh loslaufe sollte es auch kein Problem mit der Hitze sein.
Heute werde ich die ganze Zeit beschenkt. Zuerst hat mir ein alter Mann in Rabé de las Calzadas ein Medaillon mit einem Schutzheiligen geschenkt damit ich gut durch die Meseta komme und in Hornillos del Camino bekam ich dann auch noch eine Fusscrème.

Boadillo del Camino, 15.7.2008 (28 km)
Heute war ein schwerer Tag für mich und doch bin ich abends im Paradies gelandet. Habe letzte Nacht sehr schlecht geschlafen, da die ganze Nacht das Licht vom Notausgang geleuchtet hat. Wer jetzt meint dies sei eine orange oder grüne Leuchte gewesen hat weit gefehlt, es war ein weisses Neonlicht! Habe mir gegen Morgen ein Handtuch über die Augen gelegt damit es einigermassen dunkel war. Morgens bin ich dann mit Kopfschmerzen aufgewacht und mir war total übel, es hat sich angefühlt wie wenn ich eine Migräne bekomme. Habe dann ein Panadol geschluckt und einen Kaffee getrunken und bin um 6.00 Uhr mit Cécile aus Dijon abmarschiert. Bis Castrojeriz war es die reinste Qual aber ich habe mich nicht gewehrt sondern habe es so hingenommen wie es ist. In Castrojeriz habe ich mir dann 2 Café con leche gegönnt und ein riesiges Bocadillo verdrückt. Habe nur die Hälfte geschafft und den Rest hat mir der sehr symphatische Barbesitzer eingepackt zum mitnehmen. Von da an ging es mir um einiges besser. Mein linker Fuss hat mich den ganzen Tag gequält, ich glaube es war von der Lasche vom Wanderschuh. Musste immer wieder anhalten und den Fuss strecken. Es ist dann aber doch noch recht gut gegangen bis 4 km vor Boadillo. Mittlerweile war es so heiss und ich konnte fast nicht mehr, habe es nur mit Mühe und Not in die Albergue geschafft. Hier ist es dafür wunderschön, die reinste Idylle und es hat sogar einen Swimmingpool. Hier wäre ein guter Ort um einen Ruhetag einzulegen.
Bis Carrion de los Condes sind es nur 25 km, ich werde aber trotzdem früh aufstehen damit ich ein Bett unten ergattern kann. Ich mag diese Kajütenbetten nicht vor allem nicht wenn ich dann noch hoch- und runterklettern muss. Morgen habe ich die Hälfte des spanischen Weges geschafft und es bleiben nur noch ca. 400 km bis Santiago. Wahnsinn!!!

Carrion de los Condes, 16.7.2008 (25 km)
Bin in Carrion de los Condes, ein schönes Städtchen, es gefällt mir hier sehr. Bin bei den Schwestern von St. Maria untergekommen. Sehr gute Herberge mit guter Betreuung der Schwestern. Wir haben mit den Schwestern gesungen und zusammen gekocht. Im Schlafsaal hatte sich eine Schwalbe verirrt und ist immer gegen die Mauer geflogen. Dann landete sie plötzlich auf meinem Bett und ich habe sie in die Hände genommen und zum Fenster getragen wo sie sogleich davongeflogen ist.
Die ersten 6 km bis Fromista waren sehr schön. Es ging alles einem Kanal entlang. Als ich loslief war es noch dunkel und total friedlich, ich hatte den ganzen Camino für mich alleine. Dann hat sich der Himmel langsam verfärbt und den Tag angekündigt und es folgte ein wunderschöner Sonnenaufgang. In Fromista habe ich gefrühstückt und dann wollte ich noch die schöne Kirche besichtigen aber rundherum war ein Gitter aufgespannt da sie gerade renoviert wurde. Schade. Dann ging es alles der Strasse entlang, nicht sehr schön aber ich übe mich ja im loslassen. Wenn ich nicht mehr konnte habe ich einfach Musik gehört und gesungen.

Terradillios de los Templarios, 17.7.2008 (26 km)
Die letzte Nacht war wieder einmal eine Katastrophe. Neben mir lag ein Spanier der sich die ganze Nacht unter riesigem Getöse gekehrt und geschnarcht hat. Jedes Mal hat das Bett gezittert wie bei einem Erdbeben. Gegen das Schnarchen kann man ja Ohropax benutzen aber gegen die Erschütterungen ist man machtlos. Heute Morgen war ich dann dementsprechend müde und kurz vor 6.00 Uhr standen wir alle vor verschlossenen Türen. Die Schwestern schliessen erst um 6.00 Uhr auf da sie verhindern wollen, dass sich Pilger schon morgens um 3.00 Uhr auf den Weg machen (wie in Burgos!) und die Nachtruhe der anderen stören. Bin heute auch wieder mit Cécile gestartet und wir sind zusammen aus Carrion de los Condes hinausgelaufen. Bald nach der Stadt fängt die Via Aquitana an die alte Transportstrasse der Römer. Bis Calzadilla de la Cueza sind es 18 km und entlang des Weges hat es kein anderes Dorf und Wasser gibt es auch nicht. Gross war deshalb die Überraschung, als mitten in der Pampa plötzlich eine improvisierte Bar am Wegesrand erschien. Was haben wir uns gefreut und einen unverschämt teuren Café con leche getrunken. Maxime und Thomas haben auch noch was gegessen und viel Geld liegen gelassen. Der Senor der die Bar betreibt weiss die Situation, dass es an diesem langen Wegstück keine Verpflegungsmöglichkeiten gibt, sehr wohl auszunutzen. Was solls es war trotzdem eine schöne Überraschung so unverhofft zu einem Kaffee zu kommen. Reindert ist dann auch noch gekommen, er hat vorher mitten in der Meseta auf einem viereckigen Heuballen sein Frühstück eingenommen, ein Bild für Götter und ich habe leider kein Foto geschossen. Vielleicht kriege ich ja eines von meinen Mitpilgern. Auf dieser Strecke hat man das Gefühl, dass es endlos ist und dass man niemals ankommen wird. Stundenlang geht es einfach geradeaus, mal sanft hinunter, mal sanft hinauf aber vor allem geradeaus. Endlose Kornfelder, manchmal einen Feld voller Sonnenblumen und einzelne Bäume alle in einer Reihe. Eines vom schwierigsten ist es einen Moment abzupassen wo man mal die Hosen runter lassen kann. Es hat wenig Gebüsch und das Gelände ist von weither einsehbar. Na ja aber auch da findet man seinen Weg..;-). Die Meseta hat auch etwas mystisches, man hat das Gefühl komplett leer zu werden, wahrscheinlich bedingt durch die Monotonie des Weges. Der Verstand kriegt einfach nicht genug Futter und schaltet sich aus. Keine Gedanken, nur noch Leere. Gar nicht unangenehm im Gegenteil, endlich Ruhe!

Berciano del Real Camino, 18.7.2008 (24 km)
Heute Morgen bin ich wieder um 6.00 Uhr los. Es war stockfinster und der Vollmond war direkt vor uns und hat den Weg beleuchtet. Ich liebe diese Stunde zw. 6.00 und 7.00 Uhr bevor die Sonne aufgeht. Nach 6 km gab es bereits Frühstück in San Nicolas.
In Sahagun habe ich mir einen neuen Pilgerpass geholt, da mein alter schon wieder voll ist. Jetzt kann ich mir wieder überall einen Stempel holen bis Santiago.
Es wieder einmal einfach und mühelos heute. Die Hitze ist auch gut auszuhalten, da wenn es richtig heiss wird ab 14.00 Uhr, wir schon angekommen sind. Ich glaube, dass wir ziemliches Glück haben mit dem Wetter. In der Meseta ist es normalerweise noch viel, viel heisser.
Habe heute viel an Carl gedacht und mir gewünscht ihn wiederzusehen. Gestern hat ein Pilgerpäarchen mir Grüsse von ihm ausgerichtet. Er ist ca. 2 Tage hinter mir. Habe das Gefühl, dass Gott mir fast jeden Wunsch erfüllt nur den von einer Beziehung und einem Gefährten nicht. Habe es satt alleine zu sein und trotzdem das Gefühl, dass es nicht in meiner Hand liegt und ich vertrauen muss. Vielleicht bin ich auch einfach zu blöd was Beziehungen betrifft.

Mansilla de las Mullas, 19.7.2008 (26 km)
Heute war ein richtiger Härtetest und ich habe ihn ganz gut überstanden. Die ersten 7.5 km bis El Burgo Ranero gingen ganz einfach. Reindert und ich mussten die Bar welche im Führer erwähnt war lange suchen aber wir wussten, dass die nächste Einkehrmöglichkeit erst wieder nach 12.5 km kommt, also haben wir nicht aufgegeben bis wir vor unserem Cafe con leche sassen.
Gott sei Dank haben wir uns noch gestärkt, denn dass was dann kam war der Härtetest! Es ging 12,5 km alles der Strasse entlang und es war extrem heiss. Die Luft hat richtig geflimmert vor Hitze, ohne Stärkung davor hätte ich das wahrscheinlich nicht überlebt. Sie haben zwar entlang der Strassen kleine Wege angelegt und hunderte von Bäumen gepflanzt aber die Bäume sind noch recht klein und geben noch nicht viel Schatten. Was müssen die Pilger früher auf diesem Abschnitt gelitten haben, direkt auf der Strasse und ohne den kleinsten Schatten. In ein paar Jahren wenn die Bäume gewachsen sind wird es auf diesem Abschnitt wohl einfacher werden.
In Reliegos gab es dann endlich eine Erfrischung. Reindert und ich haben genüsslich die Schuhe ausgezogen und uns mit eiskalten Gertränken erfrischt. Es ging nicht lange bis auch Maxime und Thomas angeschlichen kamen und sich völlig erschöpft hingesetzt haben. Wir haben eine richtig lange Pause gemacht und mussten uns richtig überwinden den Weg bis Masilla de las Mullas in der Hitze fortzusetzten.
Die Durchquerung der Meseta dauert noch 3 Tage bis Astorga und dann geht es dann mal wieder in die Berge. Freue mich schon richtig darauf endlich mal wieder was anderes zu sehen als Kornfelder. Im Moment wird es von Tag zu Tag heisser. Morgen mache ich nur eine kurze Etappe bis Leon und nehme mir den Nachmittag Zeit die Stadt zu besichtigen.

Leon, 20.7.2008 (20 km)
Gegen 12.00 war ich heute schon in Leon. Der Weg war auch heute kein Lichtblick und nicht wert überhaupt darüber zu reden, dafür hat mir Leon um so mehr gefallen. Wunderschöne lebendige Stadt mit einer sehr schönen Kathedrale. Als ich in die Kathedrale rein bin standen die Türen offen und die Sonne hat durch die farbigen Fenster geschienen, es war einfach unbeschreiblich. Die Kirche hier gefällt mir besser als in Burgos, sie ist auf eine unaufdringlichere Weise schön. Habe es genossen in einer Bar zu sitzen, Bier zu trinken, Oliven zu Essen und den Menschen beim Flanieren durch die Altstadt zuzuschauen. Bald sind auch noch Thomas, Maxime und Reindert dazu gestossen. Wir verabreden uns eigentlich selten und doch sind wir die meiste Zeit zusammen, ist schon lustig auf diesem Pilgerweg. Reindert treffe ich schon seit St. Jean-Pied-de-Port immer wieder auf meinem Weg. Ich starte morgens oft mit ihm und wir laufen zusammen bis zur ersten Bar und dann trennen sich unsere Wege wieder, bis wir uns abends meistens in der Herberge wieder treffen. Er fragt mich immer: „Senora, can you show me the way out of this city?“ und dann laufen wir zusammen los. Er ist ein ganz sympathischer Mann, glücklich verheiratet und absolut unaufdringlich. Sehr angenehme Gesellschaft! Freue mich immer ihn zu sehen. Maxime habe ich in Cuzor Minor zum ersten Mal getroffen und Thomas in Atapuerca. Thomas ist 21 und will Arzt werden, er ist mein Pilgersohn und ich mag ihn sehr gerne. Ja und Maxime kommt aus Belgien und sieht aus wie ein richtiger Gentleman mit seinem Bolero.
Heute Abend werde ich mit ihnen allen mein erstes Döner Kebab essen gehen. Sie konnten nicht glauben, dass ich das noch nie gegessen habe und haben gemeint dies müssen wir sofort nachholen. Weiss aber noch nicht ob ich dieses eklige Fleisch werde Essen können.

San Martin del Camino, 21.7.2008 (25 km)
Heute hatte ich keinen guten Tag. Das Wetter war bis zum Mittag grau und verhangen wie meine Gedanken. Hatte keine Energie und der Weg war einfach schrecklich. Alles der Nationalstrasse entlang, in den Abgasen der Autos und landlandschaftlich völlig öde. Im Moment finde ich es nur noch schrecklich und habe einmal voller Wut meine Stöcke in den Asphaltboden gerammt, was natürlich nicht viel genutzt hat. Sass auf einem Mäuerchen und hatte keine Lust mehr. Thomas kam dann auch noch angeschlichen und hat mich soweit motiviert dass ich bis zur nächsten Bar weitergelaufen bin.

Astorga, 22.7.2008 (24.5 km)
Heute bin ich der Nationalstrasse entflohen! Es gab eine Alternativroute welche etwas länger dafür aber um so schöner war. Ich habe es genossen wieder einmal durch die Natur und durch kleine Dörfer zu laufen, was habe ich das vermisst. Ausser Sara und Marco sind alle der Strasse entlang gelaufen, diese dummen, dummen Pilger…;-). Der Weg war wunderschön und ich war überglücklich.
Am Morgen war ich plötzlich total traurig, keine Ahnung wieso und ich habe mich völlig einsam gefühlt. Hätte mir einen Freund oder eine Freundin gewünscht, jemand der mich einfach in die Arme nimmt und wo ich mich ausheulen kann. Leider war niemand da ausser mir und Gott. Habe meinen Tränen freien Lauf gelassen und bald fühlte ich mich besser. Habe mir Bajans von Deva Premal angehört und mitgesungen. Ja und der schöne Weg hat meine Stimmung auch erheblich gebessert.
Bin seit 14.00 Uhr in Astorga und in der wunderschönen Herberge von San Javier untergekommen. Die Herberge ist wirklich sehr empfehlenswert und gleich bei der Kathedrale. Habe mir Zeit genommen den Palast von Gaudi zu besichtigen und es hat sich wirklich gelohnt. Schon sagenhaft was dieser Gaudi so alles gebaut hat, ich war schon in Barcelona hin und weg von seinen architektonischen Baukünsten. Reindert und Thomas sind ins Hotel Gaudi Essen gegangen und haben sich ein exzellentes 3-Gang Menu reingezogen. Maxime und ich haben uns in der Herberge was aufgewärmt. Maxime muss auch sparen und mich hat mal wieder das Geld gereut. Mein Linseneintopf war absolut grässlich und ich hätte mich mal wieder ohrfeigen können, dass ich so knauserig bin. Man kann sich hier für 8 Euro eine Stunde massieren lassen, leider habe ich das zu spät gesehen und es ist schon alles ausgebucht. Aber es geht einem nur schon vom Zusehen besser…;-).
Habe den schönen Abend auf der Plaza mit einem Bier ausklingen lassen und Maxime gleich noch eingeladen, dem geht nämlich langsam auch das Geld aus.

Foncebadon, 23.7.2008 (26.5 km)
Ok, ich werde schreibfaul, habe irgendwie immer weniger zu berichten. Dies hat vielleicht damit zu tun, dass ich immer in Gesellschaft bin und das Tagebuch nicht mehr so wichtig ist. Komme auch nicht mehr so zum schreiben deshalb.
Heute haben wir endgültig die Meseta verlassen und mein Herz hat gelacht als wir endlich Richtung Berge gingen. Der Weg war sehr schön und es gab viele Cafes con leche da wir an vielen Dörfern vorbeigekommen sind. Ich habe auch wieder einmal eine Schafherde gesehen und dies hat mich total an die Pyrenäen erinnert.
Rabanal del Camino hat sich zu einem richten Vorzeigedorf gemausert und viele sind auch gleich da geblieben. Wir sind noch nach Foncebadon weitergezogen da wir unbedingt im Geisterdorf übernachten wollten.
Trotz der vielen Ruinen und nur wenigen richtigen Häusern gefällt es mir gut hier auf 1450 m (!!!). Maxime, Thomas und ich sind in der Albergue donativo untergekommen, dies ist gut für unseren Geldbeutel. Ich habe hier meine erste eiskalte Dusche genommen, es war schrecklich. Meine Füsse haben so geschmerzt von dem kalten Wasser und sie sind ganz steif geworden. Habe nur ganz schnell geduscht und mich dann schnell wieder an die Sonne gesetzt. Reindert hat sich etwas mehr Luxus gegönnt und ist in die private Albergue gegangen. Nach dem Duschen sind wir dann zu Reindert und haben uns ein Franziskaner (3 €) gegönnt, hier in Foncebadon, Wahnsinn!!! Sara und Marco sind auch hier, langsam sind wir eine richtige kleine Pilgergemeinschaft.
Morgen in Ponferrada werde ich die ganze Truppe zum Rotwein einladen, da ich die 2000 km Marke erreiche und dies muss wie ich finde gefeiert werden. Zudem bin ich heute vor 3 Monaten aufgebrochen. Die Zeit geht so schnell rum und in ca. 9 Tagen bin ich in Santiago.
Agnes hat mir mal wieder eine Nachricht in einer Kapelle am Weg hinterlassen. Ich werde sie spätestens in Finisterre wiedersehen vielleicht auch schon vorher. Sie ist meine Seelenverwandte hier auf dem Weg und die Freundin die ich mir während des Weges mehr an meiner Seite gewünscht hätte aber leider laufen wir nicht die gleich grossen Etappen. Fühle mich aber trotzdem mit ihr verbunden.

Ponferrada, 24.7.2008 (27.5 km)
Heute war mal wieder ein schwieriger Tag. Es hat schon damit begonnen, dass die Horde Spanier das ganze Frühstück weggefuttert hat und nichts mehr übrig blieb. Ich finde diese spanischen Gruppen überhaupt nicht lustig, sie sind laut und rücksichtslos!
Bin dann geflüchtet und wollte schnell los damit ich vor ihnen bei Cruz de Ferro bin und den wichtigen Ort am Weg in Ruhe geniessen kann. Draussen war es stockdunkel und neblig, richtig unheimlich. Es ist schon lange her, dass ich mich unterwegs gegruselt habe aber dies war wirklich unheimlich. Bin ein kurzes Stück gelaufen und bin dann umgekehrt weil ich Angst hatte. Glaubte einen riesigen Hund mitten auf dem Weg liegen zu sehen und bin zurück zur Albergue. Da kam dann auch Thomas raus und ich habe ihn gebeten mit mir zusammen zu laufen da ich Angst hätte. Ich glaube er war auch froh nicht alleine zu sein…;-).
Wir hatten schon Angst vor lauter Nebel am Cruz de Ferro vorbeizulaufen. Wir waren dann aber die ersten und irgendwie war ich ein wenig enttäuscht. Zudem war es eisig kalt und ich hatte Mühe meinen kleinen Stein welcher mir Willi mitgegeben hat im Holz so zu platzieren damit er hält, zumindest so lange bis ich ein Foto gemacht habe. Eigentlich hatte ich mir das Ganze als Ritual vorgestellt und dann war es aber so kalt und ungemütlich, dass mir die Lust dazu vergangen ist. Wollte nur noch eins, so schnell wie möglich hier weg und runter vom Berg damit es etwas wärmer wird.
Wir sind dann völlig unterkühlt weitergelaufen oder besser gerannt. In Manjarin konnten wir ganz unerwartet bei einem so genannten Tempelritter Kaffee trinken. Habe einen Eintrag von Agnes gesehen und erfreut festgestellt, dass sie nur einen Tag vor mir ist. Habe ihr dann eine SMS geschrieben und sie hat mir erzählt, dass sie 4 Tage in Rabanal im Kloster war um sich auf das Ende ihrer Pilgerreise vorzubereiten. Hätte ich auch tun sollen…
Der Abstieg nach El Acebo war ziemlich steil und steinig und meine Füsse haben mich so sehr geschmerzt, dass ich fast nicht mehr vorwärts gekommen bin. In El Acebo habe ich dann eine ausgiebige Pause eingelegt und mich erst einmal von den Strapazen erholt.
Danach ging es wieder ganz leicht und ich war frohen Mutes. In Molinasecca wäre ich geblieben wenn ich nicht mit den anderen in Ponferrada abgemacht hätte um meine 2000 km zu feiern. Ist ein wunderschönes Städtchen und gut wenn man vor Ponferrada Halt machen will.
In Ponferrada hat mich dann erst mal der Schlag getroffen als ich die lange Pilgerkolonne vor der Albergue gesehen habe. Zum ersten Mal ausser in Roncesvalles musste ich in einer Herberge anstehen. Habe es natürlich gleich bereut nicht in Molinasecca geblieben zu sein.
Anschliessend habe ich die Templerburg und Ponferrada besichtigt und bin dann völlig ausgehungert mit den anderen einkaufen gegangen für unser Festessen. Einen guten Rioja haben wir gekauft (also nicht nur eine Flasche…;-)).

Pereje, 25.7.2008 (29.5 km)
Heute war eine ziemlich einfache Etappe trotz den fast 30 km. Es war meist eben und der Weg führte durch viele Weinreben. Villafranca del Birzo hat mir sehr gut gefallen nur habe ich leider dieses Portal del Perdon nicht gefunden, vielleicht habe ich es ja gesehen und einfach nicht bewusst wahrgenommen.
Reindert hat sich mal wieder abgesetzt, wahrscheinlich ist er bis Trabadelo weitergelaufen, er möchte mal wieder auf eine neue Pilgerwelle…;-). Keine Ahnung wo mein Pilgersohn Thomas steckt vielleicht hat er den Camino duro genommen und ist dann wahrscheinlich auch in Trabadelo geblieben. Maxime und ich sind die einzigen aus unserer Pilgergemeinschaft welche hier sind. Wollte eigentlich auch den Camino duro nehmen habe aber irgendwie die Abzweigung verpasst. Der Weg ging dann der Strasse entlang und mir ist immer Hape Kerkeling eingefallen als er in seinem Buch diese Strecke beschreibt wo er fast überfahren wurde. Heute ist nur noch das erste Stück bis zur Autobahn etwas gefährlich, da man hier immer noch auf der Strasse läuft. Ab der Autobahn hat man einen separaten Weg für die Pilger angelegt. Gegen Abend hat es immer wie mehr zugemacht und gerade als ich in Pereje angekommen bin sind die ersten Tropfen gefallen. Es kam ein richtiges Gewitter das aber auch schnell wieder vorbei war. Konnte dann doch noch meine Wäsche draussen trocknen.

O Cebrero, 26.7.2008 (23.5 km)
O Cebrero, nur der Name ist schon ein Gedicht. Es ist wunderschön hier wenn auch ziemlich touristisch. Ich geniesse die schöne Aussicht und es ist wunderbar in den Bergen zu sein. Der Aufstieg war nicht all zu schwer auch wenn es in den Reiseführern als schwierige Etappe geschildert wird.
Heute Morgen bin ich nicht so richtig in die Gänge gekommen und brauchte erst mal einige Cafes con leche…;-). Die erste Bar in Trabadelo war leider geschlossen und ich habe mich erst mal frustriert davor in den Stuhl gesetzt. Da kam Maxime vorbei, hat sich auch schnell hingesetzt und ist dann weiter gelaufen. Plötzlich habe ich Maxime meinen Namen rufen hören und da wusste ich, dass noch eine andere Bar offen hat. Bin ihm dann schnell hinterher und kam endlich zu meinem wohlverdienten Kaffee. Ja, ja die kleinen Freuden und Aufsteller am Weg…;-).
Hier hatte sich gerade eine Reisegruppe zum gemeinsamen Gebet versammelt und Maxime und ich beschlossen vor der Gruppe zu starten. Seit Ponferrada hat es sehr viele Gruppen und die Einzelpilger gehen fast unter. Auch sieht man immer wie mehr Pilger mit nur kleinem Rucksack welche sich das Gepäck transportieren lassen. Bisher hat mir aber noch keiner von denen ein Bett weggenommen…;-).
Die Autobahn verläuft hier teilweise auf hohen Brücken und scheinbar hatte es oben einen Unfall gegeben. Man konnte ein Auto sehen welches auf dem Dach lag. Gott sei Dank ist er nicht über den Brückenrand runter gefallen, weiss ja nicht ob die Insassen überlebt haben aber diesen Sturz hätten Sie bestimmt nicht überlebt. War richtig froh zu Fuss unterwegs zu sein.
Nach las Herrerias beginnt dann der eigentliche Aufstieg zum O Cebrero. Der Weg geht durch einen wunderschönen Wald stetig bergauf. Kurz nach La Faba hat man eine wunderschöne Aussicht und ich habe mich irgendwo auf eine Weide gesetzt, mein Picknick ausgepackt und die Aussicht genossen. Ja und wer kommt da den Weg hinauf und betritt meinen Picknickplatz? Thomas! Habe mich total gefreut ihn wiederzusehen. Der arme hatte sich gestern total verlaufen und heute eine Mammutetappe hingelegt um uns wieder einzuholen, da er ja wusste dass wir vorhaben in O Cebrero zu übernachten. Sind dann das letzte Stück bis O Cebrero zusammen gelaufen und haben die Grenze nach Galicien überschritten. War ein gutes Gefühl. Am Eingang der Herberge sind wir gleich auf Maxime und Tatjana gestossen, Sara und Marco sind auch hier nur unser lieber Reindert fehlt immer noch. Wo er wohl sein mag? Ich vermisse ihn!
Sara und Marco wollen heute Abend für uns kochen und zwar richtig italienische Küche: PASTA!!! Aber vorher werden wir unsere stinkenden Kleider wieder einmal in einer Waschmaschine waschen!

Samos, 27.7.2008 (30 km)
Heute Morgen bin ich zuerst einmal in die falsche Richtung gelaufen und zwar Dank einem netten Spanier der mir den falschen Weg gezeigt hat. Habe aber bald gemerkt, dass etwas nicht stimmen kann, da kein anderen Pilger unterwegs waren und bei den vielen Menschen im Moment ist das eher ungewöhnlich. Bin dann zur Albergue zurückgekehrt und habe den richtigen Weg gefunden. Ja und plötzlich waren wieder andere Pilger unterwegs…;-). Habe schon bald Maxime und Tatjana vor mir laufen sehen, die beiden Langschläfer waren auch schon unterwegs. Dann habe ich Thomas eingeholt und wir waren alle total übermütiger Stimmung. Es war mal wieder ein wunderschöner Morgen mit Nebelmeer und prächtigem Sonnenaufgang, wie werde ich diese Stimmung morgens vermissen wenn ich nicht mehr unterwegs bin. Es ist einfach unbeschreiblich schön.
In Hospital da Condesa haben wir dann endlich eine Bar gefunden die offen hatte. Show me the way to the next whiskey bar..;-). Mein netter Spanier war auch da und hat sich vielmals entschuldigt, dass er mich in die falsche Richtung geschickt hat. War nach einem Cafe con leche gnädig gestimmt und habe ihm verziehen…;-).
Dann ging es weiter über den Alto do Poio wo wir gleich wieder Pause gemacht und die Sonne genossen haben. Den nächsten Kaffee gab es bereits wieder im nächsten Dorf nämlich in Fonria. Soviel Kaffee und Bocadillos con jamon kann man gar nicht trinken respektive essen. Aber irgendwie haben wir gespürt, dass wir unserem Ziel Santiago immer näher kommen und plötzlich war da eine euphorische und ausgelassene Stimmung. Ich liebe Galicien, es ist wunderbar grün und bis jetzt sind wir auch von den berühmt berüchtigten Regengüssen verschont geblieben. Habe die Statistik nicht im Kopf aber es soll glaube ich mehr als 200 Tage im Jahr regnen!
In Triacastela ging die Festtagstimmung gleich weiter und wir haben uns eine Cerveza con limon gegönnt. Viele sind hier geblieben aber wir haben beschlossen bis Samos weiterzugehen. In Triacastela teilt sich der Weg, der eine führt über einen Umweg über Samos nach Sarria und der andere ist der direktere, kürzere Weg. Habe aber gehört, dass das Kloster in Samos sehr sehenswert sein soll und mich deshalb für den Umweg entschieden. Der Weg führ zuerst der Strasse entlang und dann entwickelt es sich zu einem der schönsten Wege die ich bisher gegangen bin. Durch Eichenwälder, es hat viele kleine Bäche, irgendwie verwunschen und einfach himmlisch. Habe mir ein lauschiges Plätzchen an einem Bach gesucht und ein bisschen was gegessen und vor allem die schöne Umgebung genossen. Es ging nicht lange und dann sind Maxime und Tatiana dazugestossen, Thomas ist schon weitergelaufen. Kurz vor Samos hat Thomas in einer Bar auf mich gewartet und hatte mir schon eine Cerveza con limon bestellt. Sie war dann leider schon etwas warm bis ich gekommen bin aber ich fand das total süss.
Der erste Blick von oben auf Samos ist einfach umwerfend! Das Kloster ist riesig gross und unbeschreiblich schön. Dafür ist die Herberge nicht gerade der Hit und die Betten seit langem wieder einmal total schmuddelig. Bin froh, dass ich meinen Schlafsack und mein eigenes kleines Luxuskissen dabei habe.
Wir haben dann noch das Kloster besichtigt aber leider war die Führung nur auf spanisch und wir haben somit nicht viel verstanden und uns aufs anschauen konzentriert. Als Thomas und ich zurück kamen sahen wir Maxime, Tatjana und wer noch in der Bar sitzen? Reindert! Die Freude war mal wieder gross und ich glaube er hatte uns sogar vermisst. Er sah auf jeden Fall ganz happy aus wieder mit uns vereint zu sein.
Wir sind dann nochmals in die Kirche und haben uns gregorianische Gesänge angehört. Um 20.00 Uhr sind Reindert und ich rausgeschlichen da wir keine Lust hatten an der anschliessenden Messe teilzunehmen zudem haben unsere Mägen so sehr geknurrt, dass sie uns sowieso wegen Ruhestörung rausgestellt hätten…;-). Thomas der Arme hat uns nach der Messe leider nicht gefunden und lag traurig und hungrig im Bett! Unser Küken, Herz erweichend kann er sein.

Moimentos, 28.7.2008 (29 km offiziell, 33 km inoffiziell)
Bin heute Morgen nach dem Frühstück mit Reindert los und habe ihn mal wieder aus der „Stadt“ rausgeführt, man soll alte Traditionen schliesslich beibehalten…;-). Es war noch dunkel und wir haben irgendwo eine Abzweigung verpasst und sind geradeaus weitergelaufen. Der Weg führte einen Bach entlang und wurde immer unwegsamer. Irgendwann war sogar uns klar, dass wir uns verlaufen haben. Wir entschlossen weiter bis zum Dorf zu laufen und dann nach dem Weg zu fragen. Plötzlich habe ich oben auf der Strasse Pilger gesehen und wir sind den Weg hochgelaufen. Waren total froh wieder auf dem Weg zu sein und dann haben wir gemerkt, dass wir im Kreis gelaufen sind und hier schon einmal vorbeigekommen sind. Dann sind wir halt den Weg nochmals gelaufen und haben dann auch gesehen wo wir den Weg verpasst hatten. Die ganze Zeit war ich völlig gelöst und es waren überhaupt keine Widerstände da, habe einfach alles so genommen wie es war und dabei die ganze Zeit gelacht und mich darüber amüsiert, dass wir im Kreis rumgelaufen sind. Nach 3 Stunden haben wir zum ersten Mal Pause gemacht und zu dem Zeitpunkt sind wir bestimmt schon 12 km gelaufen, nach Reiseführer und ohne Verlaufen leider nur 8 km. Mir taten schon seit dem Morgen die Füsse weh, dies ist immer so wenn ich am Tag zuvor eine grosse Etappe gelaufen bin. Habe dann ein riesiges Bocadillo verdrückt und Reindert ist schon wieder losgelaufen. Ich brauchte etwas länger Pause mit meinen schmerzenden Füssen.
In Sarria habe ich mir dann überlegt zu bleiben als ich die ganzen Schulklassen gesehen habe die von dort aus weitergelaufen sind. Habe dann mein altes Sicherheitsdenken einfach abgestreift und bin weitergelaufen im Vertrauen, dass Gott schon irgendwo ein Bett für mich bereit hält trotz der vielen Gruppen die unterwegs sind. Habe dann wegen meinen schmerzenden Füssen ein Panadol geschluckt und das hat wirklich geholfen.
In einer Bar am Weg habe ich dann Reindert und Thomas wieder getroffen, nachdem ich kurz vorher ein Stossgebet in den Himmel geschickt habe dass ich Unterstützung meiner Mitpilger brauche und wurde gleich zur Cerveza con limon eingeladen. Thomas brauchte auch noch Unterstützung in Sachen loslassen, er machte sich immer noch zuviele Sorgen, dass wir heute Abend kein Bett bekommen.
In Morgade hätten wir bereits ein teures Zimmer zu dritt haben können, wir haben geschwankt aber für mich und Reindert fühlte es sich noch nicht richtig an anzuhalten. Ich wollte nicht die Sicherheit wählen sondern einfach noch mehr loslassen und vertrauen. Thomas hat sich dann auch entschieden weiterzugehen. In Ferreiros war dann wirklich alles completo! Zum ersten Mal nach 3 Monaten stand ich vor einem completo und konnte nur lachen. Mein Horrorszenario und jetzt als es soweit war konnte ich nur lachen und es war überhaupt nicht tragisch. Wir sind dann ins Restaurant und haben Calamares gegessen und Bier getrunken. Dann haben wir beschlossen bis Portomarin weiterzulaufen. Ich war so im reinen mit mir, Gott und der Welt, nicht mal die Füsse haben mich mehr geschmerzt. Noch mal 2.5 Std. Ok, kein Problem, gehen wir einfach weiter. Ich war in so einer Hochstimmung, dass ich fast geflogen bin und Thomas habe ich einfach mitgezogen und mit meiner Euphorie angesteckt.
Nach 3.5 km kam eine wunderschöne Bar und ich habe nur schnell reingeschaut ob ich Thomas und Reindert sehe und wollte schon weiterlaufen. Da kam Reindert raus und hat nach mir gerufen. Dies sei eine neu eröffnete Herberge und wir könnten hier bleiben es habe noch Platz. Zur Begrüssung bekam ich vom Gastgeber gleich ein Begrüssungsgetränk und konnte mein Glück kaum fassen. Da sass ich, bei einem Glas Wein, mit meinen Freunden mitten in einem kleinen Paradies und wir konnten hier bleiben. Ich war völlig baff und sprachlos. Gott hatte dies mal wieder so gut hingekriegt, viel besser als wenn wir die Zügel selber in die Hand genommen hätten und in Morgade geblieben wären. Jetzt bin ich genau an dem Punkt angelangt wo ich hinkommen wollte. Völliges loslassen der Kontrolle und völliges Vertrauen in Gott dass er zu mir schaut. Es war ein langer Weg um diese Lektion zu lernen aber es hat sich gelohnt. Alles ist genauso wie es sein soll und ich habe das Gefühl angekommen zu sein bevor ich angekommen bin.
Später sind dann auch noch Maxime und Tatjana hier eingetroffen! Wir haben hier abends ein super leckeres Essen bekommen und einen sehr guten Wein, im Paradies kann es auch nicht anders sein. Nach dem Essen haben sie ein Hexenritual durchgeführt um die Hexen auf dem Weg zu vertreiben. Der Wald hier heisst auch Hexenwald (bosco de los bruchas). Hape erwähnt dies auch in seinem Buch, mir ist zwar nichts unheimliches begegnet aber vielleicht liegt es daran, dass sie hier dieses Ritual durchführen…;-).
Habe noch mit Agnes SMS ausgetauscht und wir werden uns Morgen in Palas de Rey wiedersehen!!! Sie macht eine kurze Etappe und ich mache nochmals eine längere. Ach ist das schön sie nach 2 Monaten wiederzusehen meine verwandte Seele. Vielleicht können wir ja die letzten 3 Tage zusammen laufen und gemeinsam in Santiago ankommen. Das wünsche ich mir.

Palas de Rey, 29.7.2008 (29 km)
Heute bin ich erst um 7.15 gestartet, alle anderen schliefen noch da wir alle spät ins Bett sind. Eigentlich wollte ich ja auch ausschlafen aber ich habe mal wieder sehr schlecht geschlafen und um 6.30 war ich schon wach.
Als ich losging war es neblig aber schon hell. Ich mag diese mystische Stimmung wenn es Nebel hat. Habe heute eine grosse Dankbarkeit gespürt diese Erfahrung des Caminos machen zu dürfen. Fühle mich sehr beschenkt und habe das Gefühl, dass alles so ist wie es sein soll. Mein grösster Wunsch war es Vertrauen zu finden und die Kontrolle loslassen zu können. Dies ist beides in Erfüllung gegangen aber ich weiss, der Prozess geht noch weiter und ist noch lange nicht zu Ende.
Als ich auf dem Weg die Musik von Gotan Project gehört habe, habe ich beschlossen mir noch einen Traum zu erfüllen und nach Buenos Aires zu fahren um Tango zu tanzen. Dies will ich schon so lange und irgendwann werde ich mir auch diesen Traum erfüllen.
Wenn alle Widerstände weg sind wird das Laufen wirklich einfach.
In der Herberge in Palas de Rey hat mir Agnes ein Bett reserviert und zwar unten damit ich nicht hoch klettern muss…;-). Es ist total schön sie wiederzusehen. Ihre Haare sind gewachsen, meine auch…;-). Wir haben uns total viel zu erzählen und trotzdem verstehen wir uns auch schweigend.
Morgen wollen wir in Melide Mittag essen, dies mache ich sonst nie aber die letzten Tage vor Santiago ist eh alles ein bisschen anders. In Melide gibt es eine sehr gute Pulperia und der Käsekuchen soll auch sehr gut sein. Habe heute mein letztes Geld abgehoben und gleich noch mein Konto überzogen. Es scheint wirklich alles ganz genau aufzugehen.

Rabadiso, 30.7.2008 (27.5 km)
Übermorgen sind wir in Santiago, kaum zu glauben aber wahr. Mein Abenteuer geht langsam aber sicher seinem Ende entgegen und so langsam kommt auch eine gewisse Wehmut auf. Auch ein wenig Angst, was kommt danach? Was wenn ich kein Ziel mehr vor Augen habe, wenn ich angekommen bin. Bin froh, dass Agnes bei mir ist weil sie hat ähnliche Gedanken.
War heute den ganzen Tag mit Agnes unterwegs und wir haben unseren Schritt ganz locker aneinander angepasst. Wie wenn wir schon Wochen zusammen unterwegs wären.
Kurz vor Melide kommt man in Furelos vorbei wo diese Kapelle mit der sehr speziellen Darstellung von Jesus am Kreuz steht. Viel wurde schon darüber gerätselt was diese besondere Christusdarstellung wohl bedeuten mag. Für mich ist es einfach eine Einladung, er reicht mir die Hand und kommt mir somit die Hälfte des Weges entgegen, den Rest muss ich aus eigener Anstrengung schaffen.
Reindert, Thomas, Maxim und Tatjana habe ich komischerweise den ganzen Tag nicht gesehen aber wir sind heute Morgen auch sehr spät los erst so um 8.15. Reindert ist auch hier in Rabadiso aber wo die anderen sind weiss ich nicht. Werde sie aber bestimmt spätestens in Santiago wiedersehen.
Fühle mich so durchsichtig und habe das Gefühl, dass ich mich auflöse. Habe Lust mich zu betrinken weiss auch nicht wieso.

Arco del Pino, 31.7.2008 (22.5 km)
Heute haben wir Galicien endlich so kennengelernt wie es ja meistens sein soll; nämlich nass, nässer am nässesten. Es hat den ganzen Tag geregnet und war ganz schön hart. Ich bin in meinen Schuhen geschwommen, war natürlich auch selber schuld weil ich zu faul war die Gamaschen zu montieren. Hatte schon richtige Schwimmhäute und natürlich eine Blase eingefangen. Kein Wunder wenn die Füsse so aufgeweicht sind. Agnes ist einmal absichtlich mitten in eine Pfütze gesprungen, dies wollte sie scheinbar seit ihrer Kindheit wieder einmal tun…;-). Es spielte auch wirklich keine Rolle mehr wir waren ja sowieso schon nass.
Die Strecke war schön und es ging viel durch Eukalyptuswälder. Es roch die ganze Zeit wie in der Sauna. Ich mag diese Bäume nicht denn sie nehmen dem Boden das ganze Wasser weg und verdrängen alle anderen Arten.
Hatte gegen Ende wieder heftige Fussschmerzen und musste ein Panadol nehmen.
Arco del Pino ist ein grässliches, hässliches Nest und die Herberge ist einfach grauenhaft. Muss das denn noch sein an unserem letzten Abend vor Santiago? Agnes und ich haben nur noch gemotzt. Uns ist so richtig eingefahren, dass wir bald ankommen und dann keine Pilger mehr sind. Wir sind dann wieder ganz normale Touristen. Es fällt schwer das Pilgerdasein loszulassen.
Heute an unserem letzten Abend sind wir alle wieder versammelt. Agnes, Reindert, Maxime, Thomas, Tatjana, Sara, Marco und noch ein paar andere. Beim Abendessen haben wir gesungen und gelacht, die anderen Leute haben uns immer schräg angeschaut weil wir so laut waren. Es war wohl die Aufregung vor dem Ankommen.

Santiago, 1.8.2008 (20 km)
Heute sind wir noch einmal früh aufgestanden, denn wir wollten die Messe in Santiago um 12.00 Uhr nicht verpassen. Es war heute noch mal so richtig schwer. Meine Füsse und Beine fühlten sich an wie Blei und mein Rucksack als hätte es Steine drin. Agnes ging es ähnlich und wir haben uns nur mühsam voran geschleppt. Eigentlich hatte ich gedacht, dass wir an unserem letzten Tag nach Santiago fliegen würden aber dem war nicht so.
Der Monte de Gozo war auch nicht sehr berauschend, das Denkmal für den Papst ist einfach nur hässlich. Die Kathedrale haben wir auch nicht gesehen aber vielleicht war einfach die Sicht schlecht. Den Einmarsch in die Stadt fand ich dafür gar nicht so schlimm, Burgos war schlimmer!
Habe versucht keine Erwartungen zu haben und mich daran erinnert, dass der Weg das Ziel ist und nicht Santiago und trotzdem bin ich abgestürzt als ich angekommen bin.
Als wir in die Stadt reingekommen sind habe ich meinen Rucksack in der ersten Herberge gelassen und ich bin dann ohne Rucksack weiter. Agnes hat mich noch gefragt, ob ich sicher sei, dass ich hier bleiben wolle. Ich habe gesagt Nein ich bin nicht sicher habe meinen Rucksack aber trotzdem dort gelassen. Dies war der Anfang meiner schwierigen Ankunft in Santiago. Bei der Kathedrale sind wir zuerst ins Parador und Agnes hat sich ein Zimmer geleistet. Sie wollte sich einfach etwas gutes tun. Anschliessend sind wir in die Kathedrale gerannt da die Messe gleich anfing. Die Messe war sehr berührend auch weil viel und schön gesungen wurde. Den berühmtem Botafumero durften wir auch bewundern. Anschliessend habe ich im Pilgerbüro meine Compostela abgeholt und bin mit den anderen etwas trinken gegangen. Der Nachmittag ist so vor sich hin geplätschert und um 18.00 wollte ich dann zurück in die Albergue um zu duschen. Bin durch die Stadt geirrt und habe einfach den Weg zurück nicht mehr gefunden. Ich hätte die ganze Zeit einfach nur losheulen können, ich fühlte mich total beschissen. Musste mehrmals fragen bis zwei nette Polizisten mir an Hand einer Karte den Weg erklärt haben. Um 19.15 war ich dann endlich in der Herberge, habe schnell geduscht und bin gleich wieder zurück gehetzt dar wir um 20.00 Uhr auf der Plaza vor der Kathedrale abgemacht hatten. Als ich dort ankam war ich fix und fertig und bin zuerst einmal heulend zusammengebrochen. Habe meinen Kopf in Agnes Schoss gelegt und geweint wie ein Schlosshund. Irgendwie war alles zuviel und ich hatte mir mit dem ganzen herumrennen nicht genug Zeit genommen um wirklich hier anzukommen. Die anderen waren alle total süss und haben versucht mich aufzuheitern aber ich musste jetzt einfach mal weinen. Wir sassen alle auf dem Platz vor der Kathedrale und bald ging es mir wieder besser. Agnes hatte vorher in der Stadt eine Tarotspiel gekauft und ich habe eine Karte gezogen. Da stand Stirb und Werde, genauso habe ich mich gefühlt.

Santiago, 2.8.2008
Habe heute Morgen früh meinen Rucksack gepackt und bin zum Pilgerbüro wo ich Maria getroffen habe welche Zimmer in Santiago vermietet. Habe ein wunderschönes Zimmer mit zwei Betten für mich und Agnes gemietet. Fast bei der Kathedrale! Es fühlt sich gut an mitten drin zu sein. Thomas ist gleich im Zimmer neben an, er teilt es mit Tatjana. Reindert ist mit dem Bus nach Finisterre gefahren und Maxim ist schon nach Hause gefahren. Sara und Marco sind auch schon weg. Unsere Pilgergemeinschaft löst sich auf. Schade.

Santiago, 3.8.2008
Heute ist mein dritter Tag in Santiago. Habe wieder eine Karte gezogen und da stand: Wenn du immer das gleiche tust, wirst du auch immer das gleiche kriegen. War wieder einmal ein Wink mit dem Holzhammer. Etwas was ich wirklich loslassen möchte sind meine Gefühle von Minderwertigkeit. Morgen werde ich etwas ändern zuerst einmal an meinem Auesseren. Ich werde mir endlich mal wieder die Beine enthaaren und mir etwas schönes zum anziehen kaufen. Möchte etwas figurbetontes damit ich mich mal wieder so richtig schön und weiblich fühle. Das Gefühl mag in den Wanderklamotten nicht so richtig aufkommen.
Es ist viel für mich passiert auf diesem Weg und die Reise, vor allem die Innere, wird immer weiter gehen. Habe mir von Willi 1’000. Fr. geborgt damit ich die restliche Zeit noch etwas geniessen kann.
Ich bin total glücklich zusammen mit Agnes hier zu sein. Es ist völlig easy mit ihr auszuhängen und wir müssen auch nicht immer zusammen kleben.
Frage mich ob ich Carl noch sehen werde und muss schauen keine grossen Erwartungen zu haben. Eine andere Karte die ich gezogen habe hiess: Träume nicht dein Leben sondern lebe es! Wie wahr, wie wahr.
Ich muss die Leistung anerkennen die ich hier vollbracht habe. Es gibt kein Versagen auf diesem Weg und er hört auch nicht in Santiago auf. Ich möchte immer bewusster werden und einfach sein.

Santiago, 4.8.2008
Heute habe ich mir ein neues Outfit gekauft und es fühlt sich total gut an. Zuerst musste ich durch meine alt bekannten Muster durchbrechen nichts zu finden was mir steht und nicht schön genug zu sein. Wollte schon wieder aufgeben und aus dem Laden flüchten. Für jene die mich nicht so kennen; Kleider kaufen ist mir ein Gräuel oder war es bis anhin. Habe Gott gebeten mir zu helfen und plötzlich war alles ganz einfach. Habe das Gefühl wieder etwas altes hinter mir gelassen zu haben und das erste was ich machen werde wenn ich zurück bin ist mir eine völlig neue Garderobe zuzulegen. Weil ich es mir wert bin…;-).
Morgen geht es weiter nach Finisterre. Bin bereit und freue mich darauf nochmals mein Bündel zu packen und loszumarschieren. Es sind drei Etappen bis Finisterre wobei zwei über 30 km lang sind. Ja und ich werde wahrscheinlich sogar vier Etappen machen da ich noch nach Muxia möchte.

16.6. – 1.7.08 von Moissac bis St. Jean-Pied-de-Port

St. Jean Pied-de-Port, 1.7.2008
Heute war den ganzen Tag wunderschönes Wetter aber für Morgen haben sie leider Regen angesagt, ich scheine kein Glück mit den Pyrenäen zu haben oder zumindest was die Aussicht betrifft. Sonst kann ich mich ja nicht beklagen.
Wir werden Morgen zu dritt loslaufen darauf freue ich mich sehr. Roger hat sich entschieden die Pyrenäen nochmals zu überqueren und Bridget hat sich uns auch noch angeschlossen. Leider ist für sie in Ronceveaux Endstation da sie nach Hause zurück muss. Sie schreibt Kinderbücher und im August kommt ihr erstes Buch heraus. Schade und immer wieder muss man loslassen.
Charles ist gestern gegen 22.00 auch noch hier angekommen, wollte gerade die Fensterläden im Zimmer schliessen um ins Bett zu gehen und da kam er gelaufen. Wir haben uns noch kurz unterhalten und uns für heute verabredet. Letzte Nacht haben Gwen, Christine, Charles und ich das Zimmer geteilt und sind aufs Thema schnarchen gekommen. Ich habe dann gemeint er solle mich doch einfach auf die Seite drehen falls ich loslegen sollte. Christine, Gwen und ich haben uns halb tot gelacht bei der Vorstellung. Er ist total sympathisch und ich habe Lust ein bisschen mit ihm zu flirten. Leider hat er vor die Pyrenäen in 3 Etappen zu überqueren, das heisst leider, dass ich ihn auch zurück lassen muss denn ich werde die Etappe in einem Tag machen. Kann nur hoffen, dass in Hunto und Orisson alles voll ist und er bis Ronceveaux weiterlaufen muss.
Werde meine alten Schuhe im Esprit du Chemin an die Fassade zu den anderen Wanderschuhen hängen. Roger und Charles werden mir dabei helfen. Es ist gut zu wissen, dass die Schuhe welche mich von der Schweiz bis zur spanischen Grenze getragen haben, hier einen Ehrenplatz erhalten. Das haben sie verdient.
St. Jean Pied-de-Port, 30.6.2008 (20.5 km)
Ich bin hier am Fuss der Pyrenäen und total glücklich soweit gekommen zu sein! Meine neuen Schuhe sind auch angekommen und ausser dass die Sohlen noch etwas steif sind total bequem. Werde sie Morgen im Städtchen etwas einlaufen.
Heute hatte ich eine ganz leichte und kurze Etappe mit nur wenig Steigung und Gefälle. Bin die meiste Zeit mit Bridget gelaufen, die super schnelle, kleine Engländerin. Ich habe ja schon einen flotten Gang drauf wenn ich gut unterwegs bin aber sie schlägt mich noch.
Habe Roger hier wieder getroffen, den ich auf der berühmt, berüchtigten Etappe von Lectoure (Moskito- und Sumpfalarm!!!) kennengelernt habe. Eigentlich müsste er schon lange in Spanien sein, da er ja 2 Tage Vorsprung auf mich hatte. Er ist am 28.6. bis Orisson gelaufen und am nächsten Tag Richtung Ronceveaux aufgebrochen. In der Herberge in Ronceveaux hat ihn dann plötzlich eine irrationale Angst gepackt und dann hat er am nächsten Tag den Bus zurück genommen. Er kann nur französisch und fühlte sich in Spanien völlig verloren und isoliert weil er die Sprache nicht spricht, der Mut hatte ihn komplett verlassen. Als ich ihn traf war er gerade auf dem Weg zum Bahnhof wo er eine Fahrkarte nach Hause kaufen wollte. Habe mir die Geschichte angehört und gemeint er solle zuerst mal mit mir und den anderen was trinken gehen. Wir haben dann alle mit ihm geredet und versucht ihn behutsam wieder aufzubauen. Er hat geweint und sich auch für seine Ängste geschämt. Was ich völlig unnötig finde, schliesslich kommen wir alle an unsere Grenzen auf diesem Weg und ich habe gelesen, dass auch jeder mindestens einmal weint (bei mir war es öfter…). Er darf doch jetzt nicht aufgeben wo er doch schon so weit gekommen ist.
Er wird heute Abend in den Esprit du Chemin zum Essen kommen und mir mitteilen was er entschieden hat. Mein Gefühl sagt mir, dass ich ihn gerade noch im rechten Moment getroffen habe und dass St. Jacques mich geschickt hat um ihn aufzuhalten. Habe ihm auch angeboten, die Pyrenäen zusammen zu überqueren, was für mich ja auch eine Unterstützung ist, da man immer wieder hört wie anstrengend diese Etappe ist. 1260 m Höhenunterschied bis man auf dem Pass ist und dann wieder 500 m runter bis Ronceveaux, tönt ja nicht gerade nach einem Spaziergang.
Die Herberge in Ronceveaux soll ja sehr speziell sein, Roger hat nicht gerade davon geschwärmt. Ein bisschen militärisch aber vielleicht muss das so sein mit diesen Menschenmassen. Lasse mich einfach überraschen und Morgen gibt es erst einmal Ruhetag!
Wünsche mir von tiefstem Herzen schönes Wetter für die Pyrenäenüberquerung damit ich vielleicht endlich etwas sehe von dieser Herrlichkeit. Bis jetzt wurde ich ja nicht gerade mit schönen Aussichten verwöhnt.
Christine und Gwen haben mich heute verlassen, sie mussten plötzlich ganz schnell auf den Zug weil sie sonst keinen anderen mehr gehabt hätten.

Ostabat, 29.6.2008 (23 km)
Bin in Ostabat, mitten im wunderschönen Baskenland. Mir gefällt die Ecke hier sehr und die Leute sind auch sehr nett. Würde gerne mal hier Ferien machen. Der Monsieur von der Gîte hat uns gleich mal einen Begrüssungsschnaps aufgetischt. Irgendeine Spezialität aus dem Baskenland.
Bridget ist hier, eine junge Engländerin welche ich in Auvillar zum ersten Mal getroffen habe, Christine und Gwen, ja und natürlich der ewige Jean-Claude mit Betty. Ausserdem habe ich noch Charles kennengelernt einen Belgier der auch den ganzen Weg von zu Hause gemacht hat. Ein bisschen verrückt aber sehr nett! Bridget, Carl und ich sind gleich mal ein Bier trinken gegangen. Abends wollen wir uns den Fussballmatch Spanien – Deutschland anschauen, mal sehen ob es hier irgendwo einen Fernseher gibt in einem Restaurant. Hoffe sehr, dass die Spanier Europameister werden, dann ist die Stimmung bestimmt richtig gut im Land…;-).
Morgen werde ich also in St. Jean Pied-de-Port ankommen und ich bin fast ein bisschen aufgeregt. Dies wird meine letzte Etappe in Frankreich sein, nach 2 Monaten! Soviele Bilder und Berichte habe ich über dieses Städtchen am Fuss der Pyrenäen gesehen oder gelesen. Bin gespannt wie es ist da anzukommen. Ob es wohl in Spanien mit den 4-Gang Menues weitergehen wird? Ich glaube kaum, vor allem werde ich wahrscheinlich auf die Käseplatte nach dem Essen verzichten müssen. Hatte die letzten 2 Monate einen richtigen Querschnitt der französischen Käse auf dem Wege.
Aroue, 28.6.2008 (18 km)
Heute war ein wunderschöner Tag wenn auch gegen Mittag heiss, ich bin aber schon um 14.00 Uhr in Aroue angekommen. Die Strecke war wunderschön und oft ging es durch den Wald. Habe mich total glücklich gefühlt, mich an den Rand eines Feldes gesetzt und indische Bajans gesungen. Ich lasse immer mehr los und das macht mich unbeschwert und glücklich.
Ich glaube Spanien wird wieder ganz anders und vor allem ist da fertig mit reservieren, nicht dass ich in Frankreich immer reserviert hätte aber die Angst kein Bett zu finden ist unterschwellig doch immer da, mehr oder weniger. Ich möchte einfach drauf los laufen können ohne daran zu denken wo ich am Abend schlafen werde. Einfach völlig loslassen und auf Gott vertrauen, da er es meistens sowieso viel besser hinkriegt wie ich. Im Moment ist das Vertrauen manchmal da und manchmal nicht.
Agnes ist schon in Ronceveaux, sie hat es in St. Jean Pied-de-Port nicht mehr ausgehalten, da sie sich wieder einmal verliebt hat und ihr Weggefährte zurück nach Genf ist. So eine süsse Maus und immer unglücklich verliebt.
Freue mich auf das neue Abenteuer in Spanien aber zuerst gibt es einen Ruhetag in St. Jean Pied-de-Port. Hoffe, dass meine Schuhe angekommen sind und sie passen aber ich bin zuversichtlich.
Navarrenx, 27.6.2008 (22 km)

Maslacq, 26.6.2008 (23.5 km)
Liege auf dem Bett und draussen zieht gerade ein Gewitter vorbei. Was bin ich doch froh, jetzt nicht draussen sein und laufen zu müssen! Bis jetzt hatte ich immer Glück und das Gewitter kam erst abends.
Habe letzte Nacht sehr schlecht geschlafen, konnte nicht einschlafen. Habe mir auf dem i-Pod Eckhart Tolle angehört und das hat mich eher wach wie müde gemacht und zudem war das Bett viel zu weich und ich zu faul die Matratze auf den Boden zu hieven.
Am Morgen bin ich dann ziemlich lust- und energielos losmarschiert. Alle 5 Minuten kam ein Bänkchen und da habe ich mich dann auch hingesetzt. Muss noch anmerken, dass ich mal wieder ohne Kaffee gestartet bin und dann fehlt mir sowieso der morgendliche Energieschub. Dafür war es ein wunderschöner Morgen, ein bisschen neblig und die Sonne war gerade aufgegangen. In Pomps bin ich dann endlich zu meinem wohlverdienten Kaffee gekommen, habe gleich zwei getrunken da man nie weiss wann man den nächsten bekommt. Die Ladenbesitzerin hat extra für mich den Laden schon früher aufgemacht da sie wahrscheinlich gesehen hat wie mir der Laden runter ging als sie gesagt hat es sei noch geschlossen. Habe mich dann noch mit Lebensmitteln eingedeckt und dann ging es etwas flotter weiter wie vorher. Habe mir Eckharts Worte zu Herzen genommen und einfach akzeptiert, dass ich heute keine Lust hatte, müde war und mich nur so dahin geschleppt habe. Dann wurde es von Schritt zu Schritt einfacher.
Nach Arthez de Bearn war es dann wieder sehr drückend heiss und Schatten gab es auch nicht viel.

Uzan, 25.6.2008 (25.5 km)
Heute war es wieder den ganzen Tag bedeckt und ich habe die Pyrenäen schon wieder nicht gesehen. Scheine kein Glück zu haben mit diesen Bergen. Es war aber sehr angenehm zum Laufen heute, nicht so schwül wie die letzten Tage. Der heutige Tag war aber sehr lange und gegen Ende sogar etwas mühsam da Uzan einfach nicht kommen wollte. Zuerst hiess es noch eine Stunde bis Uzan und da habe ich mich schon gefreut, dass es weniger lange war als ich gedacht habe. Dann kam nach langer Zeit endlich das Ortsschild und ich dachte na endlich! Dann stand darunter, dass es noch 2 km sind bis zum Ortskern von Uzan, Puuuhhh. Dies hat mir auf einen Schlag alle Kraft geraubt und die Motivation war weg. Wer jetzt meint dies sei ein grösserer Ort hat weit gefehlt. Uzan ist ein kleines Nest mit keinen 100 Einwohnern! Habe gegen Schluss Gwen und Christine wieder getroffen als ich völlig vernichtet auf einem Bänkchen sass welches man extra für die Pilger hingestellt hatte. Wahrscheinlich genau deshalb weil alle nach diesem Ortsschild so deprimiert sind. Sie waren auch fix und fertig und wir haben nur noch rumgeblödelt und dumme Sprüche gemacht. Ca use de marcher à Uzan…;-). Auf dem letzten Stück war ich wie betrunken vor Lachen, ich glaube ich habe hyperventiliert, und ich habe es gerade noch bis zur Herberge geschafft.
In der Herberge haben wir auch wieder Jean-Claude und Betty getroffen und ich habe sogar ein eigenes Zimmer! Was für ein Luxus, der einzige Wermutstropfen ist, dass mein Bett völlig durchhängt und ich mir schon überlege die Matratze auf den Boden zu legen. Jetzt werden wir noch zusammen was kochen und dann werde ich nur noch müde ins Bett sinken und hoffen, dass der morgige Tag wieder etwas einfacher wird.
Sensaq, Maison Marson, 24.6.2008 (22.5 km)
Letzte Nacht habe ich trotz der Hitze und Feuchtigkeit relativ gut geschlafen. Bin erst um 3.00 Uhr morgens zum ersten Mal aufgewacht als ich aufs Klo musste. Bin um 6.15 aufgestanden, schnell ins Casino zum einkaufen (nicht zu empfehlen da sehr teuer!) gegangen und habe dann gefrühstückt. In Aire sur l’Adour macht der Supermarkt extra für die Pilger von 6.15 – 6.45 auf und schliesst dann wieder bis 8.00 Uhr. Wenn das kein Dienst an den Pilgern ist…;-).
Um 7.30 bin ich los und die Strecke war ziemlich eintönig und langweilig. Ausser kurz nach Aire sur l’Adour ging man durch ein Naturschutzgebiet an einem See entlang. Es war total idyllisch und ruhig, man hörte nur die Vögel zwitschern. Als ich zur Strasse hochkam sass ein Päarchen mit einer Tasse Kaffee in der Hand vor dem Wohnmobil und blickte auf den See. Diese Szene hatte so etwas friedliches und es machte mir richtig Lust auch einmal im Wohnmobil rum zu kurven und anzuhalten wo ich gerade Lust habe. Wer weiss vielleicht mache ich das ja mal.
In Miramont Sensacq hätte man bei schönem Wetter zum ersten Mal die Pyrenäen sichten können nur leider war es zu dunstig und man hat nichts aber auch gar nichts sehen können. Schade, wäre bestimmt ein schöner und berührender wenn nicht zu sagen historischer Moment gewesen.
Meine rechte Brust ist heute angeschwollen und juckt erbärmlich, hat sie mich doch voll getroffen diese bedauernswerte Biene. Die anderen Pilger meinen sicher ich habe Läuse und werden ein grossen Bogen um mich machen..;-).
Morgen mache ich mal wieder eine etwas längere Etappe und hoffe, dass das Wetter hält und es keine Gewitter gibt aber bis jetzt hält ja Gott sein schützendes Händchen über mich.
Mein rechter Fuss schmerzt heute mal wieder sehr. Dieser Fersenschmerz begleitet mich fast schon den ganzen Weg, ich glaube die ersten 2 Wochen hatte ich noch Ruhe aber seitdem Schmerzen ohne Ende. Am linken Fuss habe ich absolut keine Probleme.
Aire sul l’Adour, 23.6.2008 (20 km)
Es ist so schwül, ich könnte schon wieder duschen. Das Gewitter welches man den ganzen Tag erwartet hat ist bis jetzt nicht gekommen. Habe mir mal wieder unnötige Sorgen gemacht. Hoffe, dass es heute Nacht kommt und nicht Morgen. Bis jetzt hatte ich ja immer Glück bin noch nie in ein Gewitter gekommen.
Heute bin ich um 7.15 los und es war so schwül und feucht, dass es sehr unangenehm war. Die Moskitos haben mal wieder zugeschlagen und es waren wieder schlammige Wege zu meistern. Aber nach Lectoure kann mich in Sachen Sumpf und Moskitos so leicht nichts mehr erschüttern. Wobei ich die Moskitos nach wie vor ein Plage finde. Frage mich immer wie Gott nur so unnütze Kreaturen erschaffen konnte. Irgendwie muss er halt schon ein Sadist sein oder warum sonst gibt es Moskitos?
Hatten den ganzen Tag Angst vor dem Gewitter welches bis jetzt nicht gekommen ist. Der Verstand ist immer damit beschäftigt sich Sorgen zu machen anstatt einfach im gegenwärtigen Augenblick zu bleiben. Erst im Nachhinein sieht man wie unnötig das Ganze eigentlich ist.
Weiss noch nicht, ob ich Morgen bis Pimbo oder bis Uzan laufe, kommt ganz darauf an ob ich in der Gîte noch ein Plätzchen zum Schlafen finde. Mal schauen was Gott morgen mit mir vor hat.
Heute Nachmittag hat mich eine Biene in meine rechte Brust gestochen. Ich war gerade am picknicken und sie hatte sich in meinen Haaren verheddert. Ich werde dann immer ganz hektisch und habe sie aus den Haaren geschüttelt. Daraufhin ist sie so aggressiv geworden, dass sie mich in die Brust gestochen hat. Es hat aber nur kurz weh getan und es ist kaum geschwollen. Nicht wirklich schlimm wenn man bedenkt, dass die arme Biene wahrscheinlich ihr Leben lassen musste.
Maison Labarbe, 22.6.2008 (22 km)
Heute bin ich um 6.30 losmarschiert. Es war fast bis 13.00 Uhr bedeckt und dunstig. Es war sehr angenehm zum laufen. Erst ab 13.00 Uhr hat es angefangen heiss zu werden aber da war ich schon fast am Ziel.
Die Gîte hier ist sehr schön. Es ist ein umgebauter Hühnerstall aber von dem merkt man nichts mehr. Wir sind wieder alle vereint: Jean-Claude, Betty, Christine und Gwen. Ein richtiges Kontrastprogramm zu gestern Abend.
Heute habe ich den ganzen Tag niemanden gesehen wahrscheinlich weil ich so früh los bin. War irgendwie komisch, hatte das Gefühl im falschen Film zu sein oder auf dem falschen Weg.
Habe nach dem Duschen ein kleines Nickerchen gemacht und hatte meine Ohrstöpsel in den Ohren. Habe gar nicht bemerkt wie alle rein gekommen sind und plötzlich waren alle da. Wir haben geredet, gelacht und ein Gruppenfoto gemacht. Schön wieder andere Leute um mich zu haben.
Agnes hat mir heute in der Kirche von l’Hôpital einen Gruss hinterlassen das hat mich total gefreut. Sie ist mir immer noch drei Tage voraus. Dann habe ich noch gesehen, dass Heribert und Irène, welche ich auf dem Weg von Genf nach Le Puy kennengelernt habe, fast 10 Tage vor mir sind. Nimmt mich Wunder ob sie immer noch so schwere Rucksäcke haben oder ob sie inzwischen Sachen zurückgeschickt haben. Ich scheine ja wirklich eine lahme Ente zu sein aber es läuft halt jeder in seinem Tempo und ich habe ja auch keinen Grund mich zu beeilen.
Die Kirche bei l’Hôpital ist übrigens ein ganz verwunschener und wunderschöner Ort. Da kann man gut eine Weile bleiben und die Ruhe geniessen. Guter Ort zum meditieren. Total schöne Energie.

Sauboires, 21.6.2008 (24 km)
Heute ist Sommeranfang und das Thermometer ist wirklich auf ca. 35 Grad geklettert! Was für eine Tortur bei so grosser Hitze zu laufen. Ich hatte solche Angst zu verdursten, dass ich mir noch eine Flasche Wasser dazu gekauft habe. Bei jedem Brunnen habe ich gleich wieder meine Flaschen aufgefüllt und mich zuerst noch an den Wasserhahn gehängt.
Ich bin heute mit Christine und Gwen um 6.45 gestartet und gleich zum Anfang haben wir uns verlaufen. Ist schon komisch, dass dies immer passiert wenn ich mit anderen zusammen unterwegs bin. Alleine verlaufe ich mich fast nie! Irgendwie scheine ich meinen Instinkt zu verlieren sobald andere Menschen um mich rum sind oder ich vertraue einfach auf die anderen. Wir sind den gleichen Weg dreimal hin und her gelaufen bis wir an Hand von den Karten und unserem abhanden gekommenen Orientierungssinn den richtigen Weg doch noch gefunden haben. Dann wollte ich eine Abkürzung über die Strasse nehmen und habe prompt die Abzweigung verpasst, da ich nicht mehr geschaut habe da zwei andere Pilger vor mir liefen. Schon wieder ist mir mein Instinkt verloren gegangen…;-). Christine und Bee, welche hinter mir liefen sind dann irgendwann umgekehrt, ich habe sie plötzlich nicht mehr gesehen.
Es war erst 8.00 Uhr morgens und schon sehr heiss, einen kurzen Moment bin ich fast in Panik gekommen beim Gedanken mich bei dieser Hitze zu verlaufen und zu wenig Wasser dabei zu haben. Habe dann meine negativen Gedanken auf die Seite gewischt und sehr resolut ein Auto angehalten und nach dem Weg gefragt. Es war gut, dass ich nicht umgekehrt bin denn ein kurzes Stück später bin ich wieder auf den GR 65 gestossen. Habe mich dann erst mal im Schatten ausgeruht und dann kamen auch Christine und Bee wieder. Sie hatten sich auch verirrt. Gibt schon komische Tage, scheint manchmal kollektiv zu sein.
Beim Pilgerfritz in Lamothe habe ich dann einen Kaffee getrunken und ziemlich viel Zeit verloren. Scheinbar hat mich Roland von der Maison des Pelerins in Condom gesucht da er einen Todesfall in der Familie hat und zurück nach Deutschland muss. Hat mich gefragt ob ich in der Zeit seine Gîte in Condom führen möchte. Habe ihm auf die Mailbox geredet aber bis jetzt nichts von ihm gehört. Vielleicht hat er das Problem ja anders lösen können. Ich möchte im Moment auch nicht anhalten da ich spätestens am 3. Juli in St. Jean-Pied-de-Port sein muss um meine neuen Wanderschuhe auf der Post abzuholen.
Habe in Eauze erst mal ausgiebig Pause gemacht und mich im Office de Tourisme erkundigt ob die Gîte in Saubois überhaupt offen hat, da ich niemanden erreicht habe. In Eauze war gerade ein Musikfestival und Christine, Bee und der Besitzer der Bar wollten mich überzeugen hier zu bleiben und das Fest zu geniessen. War am hin und her überlegen aber eigentlich hatte ich keine Lust auf ein Fest mit vielen Menschen, irgendetwas in mir zieht mich einfach immer weiter. Bin dann bei grösster Backofenhitze weitergelaufen und musste bei jedem Baum oder noch so kleinen Schatten anhalten um Pause zu machen und mich runterzukühlen.
Bei der Abzweigung Richtung Saubois bin ich an einer schönen Farm vorbeigekommen und ein schöner junger Mann stand auf dem Feld und hat Gemüse geerntet. Er hat mich gefragt ob ich in die Gîte wolle und ich habe ja gesagt. Er hat gemeint er sei der Betreuer der Gîte und hat mich erst einmal auf ein kühles Bier eingeladen, seine Frau kommt auch aus der Schweiz. Anschliessend hat er mir noch aus dem Hühnerstall ein paar frische Eier geholt für mein Abendessen und mich dann in die Gîte gefahren. Bei der Hitze habe ich nicht Nein gesagt, vor allem nicht wenn ich schon ein Bier getrunken habe. Das hat mich nämlich gleich umgehauen.
Bin seit langem wieder mal ganz alleine in der Herberge und geniesse es mich so richtig ausbreiten zu können. Werde mir Spiegeleier brutzeln und Tomaten und Brot essen. Morgen werde ich auch wieder früh loslaufen, denn es soll wieder heiss werden. Dies ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf Spanien!
Man kommt auf diesem Weg schon immer wieder einmal an seine Grenzen, manchmal bin ich sogar richtig verzweifelt und dann tut sich wieder eine Türe auf. Ich kriege immer Hilfe wenn ich es nötig habe aber manchmal ist es auch ganz schön schwer zu vertrauen. Bin sehr stolz auf mich, dass ich diesen Tag geschafft habe trotz aller Irrwege und überhaupt dass ich schon soweit gekommen bin.
Seviac, 20.6.2009 (20 km)
Heute befinde ich mich an einer römischen Ausgrabungsstätte. Sitze auf einer uralten Mauer einer ehemaligen römischen Villa und geniesse den Sonnenuntergang. Der Gîte ist auf dem Gelände der Ausgrabungsstätte und jetzt am Abend haben wir den ganzen Platz für uns alleine, für die Touristen ist ab 18.00 Schluss und die Pilger können gemütlich ihre Runde drehen. Das ist schon sehr speziell! Was mich am meisten fasziniert sind die alten Bäder und die Heiztechniken welche die alten Römer schon hatten, ja und natürlich die Mosaike. Wir meinen vielleicht Bodenheizung wäre was modernes aber nein die Römer in der Antike kannten das auch schon oder besser sie sind wahrscheinlich sogar die Erfinder..;-).
Meine Schwellungen an den Armen sowie an der rechten Hand und im Gesicht sind stark zurückgegangen. Ich kann schon wieder die Venen meiner Hand sehen. Dies ist glaube ich eines der wenigen Dinge die ich nicht noch einmal erleben möchte!!!
Heute habe ich Jean-Claude und Betty wiedergetroffen. Dass ich Jean-Claude wiedersehe habe ich ja fast erwartet aber Betty war dann doch eine riesige Überraschung. Sie ist ja von Conques aus nach Hause gefahren und man hat ihr angemerkt, dass sie am liebsten geblieben wäre. Sie hatte aber private Sachen zu Erledigen und musste in die Schweiz zurückkehren. Nachdem sie ihre Sachen erledigt hatte, hat sie dann beschlossen, dass sie auf den Weg zurückkehrt und Jean-Claude hat dann in Condom auf sie gewartet. Ob das wohl eine neue Liebesgeschichte auf dem Camino ist? Wir werden ja sehen…Wir sind dann bis Montreal du Gers zusammen gelaufen und sie sind dann da geblieben. Ich wollte aber unbedingt noch weiter zu dieser Ausgrabungsstätte und habe mich bei grosser Hitze noch ca. 2 km weitergequält. Angefühlt hat es sich wie 10 km und ich bin mit hängender Zunge und völlig ausgepumpt in Seviac angekommen. Der Empfang war sehr herzlich und es hat sich wirklich gelohnt noch bis hierher weiterzulaufen.
Morgen möchte ich sehr früh starten da sie ca. 35 Grad vorausgesagt haben. Das heisst man kann ab ca. 14.00 Uhr nicht mehr laufen weil die Hitze einfach zu gross ist. Man kann sich das etwa so vorstellen wie wenn man in einem Backofen läuft….
Condom, 19.6.2008 (26 km)
Ich bin total fertig. Weiss nicht ob es die lange Etappe ist, die Sonne, die Hitze, die vielen Moskitostiche oder alles zusammen. Heute war der erste Hitzetag mit Temperaturen über 30 Grad. Vielleicht ein Vorgeschmack auf Spanien?
Kurz vor Condom habe ich unter einem Baum ein Schläfchen gemacht und das hat mir sehr gut getan. Anschliessend habe ich auch das letzte Stück noch gut hinter mich gebracht.
Roland von der Gîte hat gemeint, dass sie für den Monat Juli auf dem Camino Frances 25’000 Pilger erwarten. Hilfe, vielleicht sollte ich doch den Küstenweg nehmen. Ja, ja der Hape ist an allem schuld. Hätte er nicht diesen Bestseller geschrieben wäre jetzt nicht so ein run auf den Jakobsweg…;-). Habe Agnes eine sms geschickt und sie hat gemeint ich solle mir doch keinen Kopf machen. Sicher sei alles nur halb so schlimm.
Bin bei Roland in der Maison du Pelerin abgestiegen. Letztes Jahr habe ich es ja nicht geschafft deshalb bin ich um so erfreuter, dass es dieses Mal geklappt hat. Der Platz hier ist wirklich zu empfehlen und man fühlt sich hier sehr willkommen.
Heute gab es keine Katastrophen wie Sümpfe und Moskitos zu bewältigen aber ich leide immer noch von den Nachwirkungen des gestrigen Tages. Meine rechte Hand ist total geschwollen und auch meine Arme und das Gesicht. Roland hat mir gesagt, dass viele Leute in Condom das Spital aufsuchen mussten wegen den vielen Stiche und allergischen Reaktionen. Es gibt auch Leute die danach Fieber hatten.
Marsolan, 18.6.2008 (19 km)
Der heutige Tag geht unter „knapp überlebt“ ein!
Eigentlich hat der heutige Tag ganz gut damit angefangen, dass ein lieber Mensch, evt. ohne Absicht, meine total verdreckten Schuhe geputzt hat. Ich wollte meine Schuhe anziehen und traute meinen Augen nicht. Da standen sie blitz, blank sauber und haben mich angestrahlt. Habe innerlich dem unbekannte Wohltäter gedankt und bin dann frohgemut und mit einem Lied auf den Lippen losmarschiert. Die Sonne schien und alles war ganz wunderbar.
Kurz vor Lectoure habe ich José getroffen welche vor einem völlig verschlammten Feld stand und den Weg suchte. Wir standen ein paar Minuten ziemlich ratlos rum und dann kam ein Bauer und der meinte wir müssen da mitten durch. Habe geflucht über die Franzosen welche uns armen Pilger über solche Schlammpfade schicken und mich ins unvermeidliche Schicksal reingeschickt, meine Schuhe versanken fast bis zum Schaft im Schlamm. Scheisse!!! Bin anschliessend durch das feuchte Gras gelaufen um meine Schuhe wenigstens ansatzweise wieder etwas vom Schlamm zu befreien. In Lectoure habe ich dann eine ausgiebige Pause gemacht, Lebensmittel gekauft und im Park gegessen. Von hier hatte man eine wunderschöne Aussicht auf die Landschaft.
Heute Nachmittag war es auch zum ersten Mal so richtig heiss und prompt ist mir auch das Wasser langsam ausgegangen.
Das schrecklichste stand mir aber noch bevor kurz nach Lectoure. Am Anfang ging es noch der Strasse entlang und dann ging der Weg rechts ab in den Wald. Plötzlich war ich mal wieder mitten im Schlamm. Am Anfang konnte ich mich noch links und rechts daran vorbeizirkeln aber mit der Zeit war es so schlimm dass ich regelrecht im Schlamm versank. Ich war aber schon zu weit um noch umkehren zu können und musste wohl oder übel da durch. Der Sumpf war ja schon schlimm genug aber dann kamen noch riesige Schwärme von Moskitos dazu. Sowas habe ich echt noch nie erlebt und ich kam mir vor wie irgendwo im Dschungel. Ich habe mit den Armen wild um mich geschlagen und musste gleichzeitig aufpassen nicht auszurutschen und auf die Schnauze zu fallen. Ohne meine Stöcke hätte ich diese Strecke wohl nicht geschafft. Ich habe vor Verzweiflung geschrien und gebetet und war nahe dran total in Panik zu verfallen. Ich habe geschnaubt wie ein Pferd um mir die Moskitos aus dem Gesicht zu blasen aber es hat alles nicht viel genutzt.
Als ich endlich aus dem Sumpf rauskam und wieder auf der Strasse war hat mich so eine eiskalte Wut überkommen, dass ich wie eine Furie weitermarschiert bin. Ich hatte echt Mordgedanken und nur gut ist mir niemand über den Weg gelaufen. Die Moskitos haben mich noch lange verfolgt und irgendwann habe ich meinen Rucksack auf den Boden geknallt und das Moskitorepellent ausgepackt welches natürlich ganz unten in meinem Rucksack war. Ich habe mich von Kopf bis Fuss eingesprüht und habe mich dann erst mal völlig erschöpft hingesetzt. Dies ist wirklich mit Abstand das schlimmste was mir bisher auf diesem Weg wiederfahren ist. Von diesem Schock musste ich mich erst einmal erholen. Wenn ich wieder zu Hause bin werde ich dem Tourismusbüro in Lectoure einen Brief schreiben, denn dieser Weg gehört einfach gesperrt. Man hätte die Strecke auch auf der Strasse laufen können und es ist wirklich nicht zuviel verlangt eine kleines Schild aufzustellen, dass der Weg momentan nicht passierbar ist. Ich weiss z.B. dass José eine Allergikerin ist und wenn sie diesen Weg nehmen würde, was sie Gott sei Dank nicht getan hat, könnte das erste Konsequenzen haben.
Beim nächsten Halt habe ich mir dann das Gesicht, Arme und Beine mit Wasser abgespühlt und anschliessend Sonnencrème aufgetragen.
Kurz vor Marsolan habe ich an einem Picknickplatz Pause gemacht und da kam ein anderer Pilger den Weg entlang. Ich musste mir nur seine Schuhe anschauen um zu wissen, dass er auch diesen Weg genommen hat. Wir haben uns dann unterhalten und zusammen gegessen und zu diesem Zeitpunkt konnte ich schon wieder lachen. José hat sich dann auch noch zu uns gesellt und wir sind alle zusammen weiter nach Marsolan gelaufen.
Mein Gesicht, meine Arme und Hände sind total geschwollen und Christine hat mir eine Crème gegeben welche ich auftragen kann. Zusätzlich habe ich auch noch Tavegyl genommen um die Allergie etwas einzudämmen. Normalerweise reagiere ich ja nicht allergisch wenn mich Moskitos stechen aber wenn man gleich von ganzen Schwärmen gefressen wird…
Gott sei Dank war meine generelle Stimmung heute wieder besser sonst würde ich nach diesem Erlebnis wohl nach Hause zurückkehren. Aber eben mein Motto ist ja: „Never give up“!!!
Castet-Arrouy, 17.6.2008 (22.5 km)
Ich sitze im Garten der Gîte und vor mir sehe ich gerade einen wunderschönen Sonnenuntergang. Wenigstens Abends haben wir noch etwas von der Sonne, habe heute nämlich wieder ziemlich gehadert. Hatte die Schnauze einfach voll von diesen Schlammpfaden. Meine Schuhe sehen aus wie nach einer Schlammschlacht und ich habe sie nicht einmal geputzt, die werden ja eh gleich wieder schmutzig.
Es ist sehr friedlich hier in der Gîte. Habe mit Christine und Bee im Garten zu Abend gegessen und jetzt wollen wir uns zusammen den Match zwischen Frankreich und Italien reinziehen. Leider ist der Empfang sehr schlecht, ich glaube nicht dass ich ihn zu Ende kucken werde.
Morgen soll das Wetter besser werden aber das haben sie schon gestern gesagt und ich bin wieder im Schlamm rumgelaufen. Im Moment ist wirklich loslassen angesagt aber ich habe echt Mühe. Jetzt geht es langsam Richtung spanische Grenze und ich freue mich total auf die Pyrenäen. In knapp 2 Wochen lasse ich Frankreich hinter mir, im ganzen war ich dann 2 Monate in diesem Land.
Jetzt ist die Sonne gerade hinter einer Wolke verschwunden und es ist schon wieder bald Zeit ins Bett zu gehen. Spätestens um 22.00 Uhr bin ich immer in den Federn.
Auvillar, 16.6.2008 (19 km)

Was habe ich heute doch mit mir gekämpft und gehadert. So einen schlimmen Tag hatte ich schon lange nicht mehr.
Bin heute Morgen wieder mal bei Regen gestartet und völlig unmotiviert losmarschiert. Jean-Luc und Paulette haben noch ein Foto von mir gemacht in voller Regenmontur. Ich war völlig genervt und hatte Nullbock. Habe mich immer und immer wieder hingesetzt und Pause gemacht, am liebsten hätte ich den ganzen Bettel hingeschmissen. Hatte die Nase voll von diesem Scheisswetter und überhaupt warum tue ich mir das eigentlich an? War den ganzen Tag auf Asphalt unterwegs und dies hat meine Laune auch nicht gerade verbessert, im Gegenteil zusätzlich haben mich die Füsse noch total geschmerzt. Habe mich sogar darüber geärgert, dass es nie ein Bänkchen gibt wo man sich hinsetzten kann und wenn eines kommt dann bestimmt im falschen Moment. Hatte mich kurz vorher völlig entnervt auf den Boden gesetzt und keine 5 Minuten später kam ein Picknickplatz. Die machen sich wohl über mich lustig…;-(. Gottseidank geht alles einmal vorbei auch die schlechteste Laune!
Am Nachmittag ist dann sogar die Sonne rausgekommen und hat langsam aber sicher meine negativen Gedanken vertrieben.
Der Gîte communal von Auvillar ist neu renoviert und wunderschön. Es hat eine grosse, gut eingerichtete Küche, einen kleinen Salon, schöner Garten mit Tischen und Bänken. Bin in einem Zweierzimmer mit José, wir haben bereits in Moissac das Zimmer geteilt.
Habe mir in der tollen Küche wieder einmal Pasta gekocht, mein Leibgericht momentan. Es war auf jeden Fall total lecker. Habe unterwegs Pfefferminz gefunden und der kam dann auch noch in die Pasta.
Momentan mache ich die gleichen Etappen wie damals mit Christian nur dieses Mal alleine. Ab Condom ist dann alles wieder neu, da ich diese Strecke noch nie gelaufen bin.
Ab Morgen soll das Wetter besser werden und ab Mittwoch wird es sogar heiss. Es wird dann aber nicht gejammert, bin genug im Regen gelaufen!
Wolfgang wird morgen meine neuen Wanderschuhe zur Post bringen damit ich sie habe wenn ich in St. Jean-Pied-de-Port ankomme. Werde dann die Pyrenäenüberquerung mit neuen, noch nicht eingelaufenen Schuhen machen aber darüber mache ich mir keine Sorgen. Habe eigentlich nie Probleme mit neuen Schuhen und bis jetzt hatte ich eine einzige Blase.

26.5. – 15.6.08 von Le Puy bis Moissac

Moissac, 14.6.2008 (24.5 km)

Lauzerte, 13.6.2008 (23 km)
Heute ist wahrlich Freitag der 13. Habe festgestellt, dass mein Wanderschuh auf beiden Seiten Löcher hat und ich mit diesen Schuhen nicht bis Santiago werde laufen können. Habe mich ein paar Mal gewundert, dass mein rechter Fuss sich bei Regen feucht anfühlt aber es ist mir nicht in den Sinn gekommen, dass mein Schuh Löcher haben könnte.
Vielleicht finde ich ja in Moissac ein paar neue Schuhe ansonsten werde ich Willi oder Cécile fragen ob sie mir das gleiche Modell welches ich habe kaufen und sie mir nach St. Jean Pied-de-Port schicken lassen.
Gester Abend habe ich mich in Lascabanes auf dem Friedhof auf einen Baum gesetzt und als ich aufgestanden bin gab es ein komisches Geräusch und mein Hintern war voll dunkelbraunem Harz. Es sieht aus als hätte ich in die Hosen gemacht. Werde mir in Moissac auch eine neue Hose kaufen müssen. Habe mein Konto überprüft und festgestellt, dass nicht mehr soviel Geld darauf ist. Habe das Gefühl, dass mir das Geld wie Sand durch die Finger rinnt und jetzt muss ich auch noch neue Schuhe und Hosen kaufen.
Ja und wie wenn das nicht schon genug wäre kommt auch noch Jean-Claude daher und teilt mir theatralisch mit, dass wir uns ab Morgen nicht mehr sehen würden. Habe ihn gefragt ob er den Bus nehmen oder in aller Hergottsfrühe loslaufen wolle? Er scheint die Schnauze voll von mir zu haben, was ich auch verstehen kann. Es ist kein schönes Gefühl zurückgewiesen zu werden und ich kann recht eklig sein wenn ich mir jemandem vom Leib halten will. Ich sollte mich wohl bei ihm entschuldigen. Wahrscheinlich ist es besser wenn unsere Wege sich komplett trennen. Wenn er mich sieht wird er immer daran erinnert, dass ich ihn zurückgewiesen habe und wenn ich ihn sehe denke ich immer: Mein Gott ich werde ihn einfach nicht los!

Lascabanes, 12.6.2008 (22 km)
Bin im wunderschönen Gîte communal von Lascabanes und freue mich schon auf das Essen. Dies sollte man hier auf keinen Fall auslassen denn es ist einfach hervorragend!
Heute war ein wunderschöner, sonniger und etwas windiger Tag. Was für ein Unterschied wenn man diese Etappe bei schönem Wetter läuft. Keine Stollen unter den Schuhen welche einem das Laufen schwer machen und dazu ist die Strecke relativ flach.
War den ganzen Tag alleine unterwegs und habe mich mal wieder so richtig wohl gefühlt in meiner Haut. Ich glaube Jean-Claude hat es endlich kapiert, dass ich alleine laufen möchte.
Bei Les Mathieux stand 1130 km bis Santiago somit wäre ich Morgen bei der Hälfte meines Weges angekommen. Ich bin echt stolz auf mich und das alles ohne grössere Probleme. Keine Unfälle, keine Krankheit, keine Sehnenscheidenentzündungen, nur Abends schmerzende Füsse welche sich aber jeweils über Nacht wieder erholen. Hoffe es bleibt auch weiterhin so.
Bin schon um 15.00 Uhr angekommen und warte darauf, dass die Gerantin kommt und ich mein wohlverdientes Bier trinken kann. Hier gibt es auch einen kleinen Lebensmittelshop wo man sich selber bedienen kann und dann wirft man das Geld in die Kasse. Die sind ja hier echt vertrauensvoll.
Sonst gibt es eigentlich heute nicht viel zu berichten, werde immer leerer und mein Verstand quält mich auch nicht mehr oft. Versuche einfach im Moment zu sein und das Leben zu geniessen.
Ich vermisse Agnes welche aber zu weit voraus ist als dass ich sie einholen könnte. Wir schicken uns aber immer wieder mal ein sms um in Kontakt zu bleiben.

Cahors, 11.6.2008 (17 km)
Habe mir endlich hier in Cahors ein neues Heft besorgen können. Wollte eigentlich noch bis Les Mathieux weiterlaufen, da von dieser Gîte immer in den höchsten Tönen geschwärmt wird. Es hat einen Swimmingpool mit wunderschöner Aussicht, unter den Gîtes bekommt sie 5 Sterne…;-). Als ich dann aber die drohenden Gewitterwolken sah welche sich vor mir auftürmten habe ich beschlossen doch in Cahors zu bleiben. Dies war ein gute Entscheidung denn wenig später ist ein gigantisches Gewitter über uns hergezogen.
Gestern in Carbrerets, habe ich Jean-Claude am Morgen mitgeteilt, dass ich wieder alleine laufen möchte. Es wurde mir mal wieder zu eng, seine Reserviererei geht mir auf die Nerven und es ist einfach nicht so wie ich meinen Camino laufen möchte. Ich kann ein ziemliches Ekelpaket sein wenn ich mich eingeengt fühle und dies hat er auch schon zu spüren bekommen; deshalb habe ich beschlossen alleine weiter zu gehen. Ich muss lernen mich abzugrenzen ohne gleich alle Schotten dicht zu machen und mein Herz zu verschliessen.
Wenn ich in Moissac bin habe ich die Hälfte des Weges geschafft nämlich 1100 km. Dann ist dann ein Gläschen Champagner fällig. Schon verrückt wenn ich darüber nachdenke.

Pasturat, 10.6.2008 (18 km)

Carbrerets, 9.6.2008 (17.5 km)

Marcilhac-sur-Célé, 8.6.2008 (13.5 km)

Moulin Vieux, 7.6.2008 (26.5 km)

Habe beschlossen die Variante durch das Célé-Tal zu nehmen anstatt auf dem GR65 zu bleiben. Die andere Strecke bin ich ja schon letztes Jahr gelaufen und so freue ich mich Neuland zu entdecken. Jean-Claude hat sich mir angeschlossen mal schauen wie lange das gut geht. Bin ja nicht gerade dafür bekannt sehr gut paarweise laufen zu können…;-). Eigentlich wollten wir heute in Espagnac übernachten aber die Gîte war wieder einmal durch eine Reisegruppe belegt. Jean-Claude reserviert seine Übernachtungen immer 4 Tage im voraus und ich möchte am liebsten gar nicht reservieren. Möchte ja lernen zu vertrauen und die Kontrolle loszulassen. Er ist jetzt natürlich wieder davon überzeugt, dass es besser ist zu reservieren. Kommen da wohl schon die ersten kleinen Unstimmigkeiten? Dies ist der Preis wenn man zu zweit läuft man muss immer Kompromisse schliessen.
Die Madame wollte uns dann in der Küche auf Klappbetten einquartieren aber im Hinblick darauf, dass die Reisegruppe evt. kochen könnte, haben wir beschlossen bis zum Campingplatz von Moulin Vieux weiterzulaufen. Hier sind wir nun in einem Wohnwagen und sind froh nicht in der Küche übernachten zu müssen.
Die Strecke heute war sehr schön und es ging meist dem Fluss Célé entlang. Ja und das Wetter hat sich auch von seiner schönen Seite gezeigt und nur gegen Abend sind wieder Gewitterwolken aufgezogen.
So jetzt muss ich aufhören, denn mein erstes Heft ist zu Ende und ich muss mir zuerst ein neues besorgen bevor ich weiter schreiben kann.

 
Figeac, 6.6.2008 (24 km)

Heute bin ich früh los da ich es wenn möglich bis La Cassagnole schaffen wollte. Leider hat es nicht geklappt da wegen Bauarbeiten die Strecke länger war als vorgesehen und 30 km waren mir in diesem Moment einfach zuviel.Ich hatte Livinhac kaum hinter mir gelassen als schon wieder die ersten Tropfen vom Himmel fielen und ich meine „geliebte“ Regenpellerine überziehen musste aber es hat nicht lange angehalten. Als ich schon eine Weile unterwegs war ist mir plötzlich eingefallen, dass ich einen Teil meines Proviantes im Kühlschrank zurückgelassen hatte. Habe die beiden Jean-Claudes angerufen aber leider kam bei beiden nur die Mailbox. Ok, dann musste ich halt auf meinen Käse und den Schinken verzichten, ist ja nicht so dass ich gar nichts mehr dabei hatte.Bei der Chapelle de Guirande habe ich eine Abkürzung genommen und bin 2 km auf der D2 geblieben anstatt einen grossen Umweg über das Hinterland zu nehmen. Den guten Tipp habe ich von 4 Franzosen bekommen welche vor mir liefen…;-) und da ich einen weiten Weg vor mir hatte kam mir das gerade recht.In Saint-Felix habe ich dann ausgiebig Rast gemacht und meine Franzosen haben mir sogar noch eine Dose Sardellen und Käse geschenkt als sie mitgekriegt haben, dass ich einen Teil meines Proviantes zurückgelassen habe. Das fand ich echt nett und ich nahm die Gaben dankend entgegen.Auf dem Weg runter nach Figeac bin ich dann wieder den beiden Jean-Claudes und Nordie begegnet und wir sind gleich zusammen ein Bier trinken gegangen.Wir hatten dann mal wieder ein Abschiedsessen da Nordie und Jean-Claude2 hier aufgehört haben. Marco ist auch noch zu uns gestossen und wir sind alle zusammen Essen gegangen. Im Fernsehen lief gerade der Final von Roland Garros zwischen Roger Federer und Rafael Nadal. Es war total spannend und ich bin kaum zum Essen gekommen. Jean-Claude2 hat gemeint wenn wir in Finisterre wären sollen wir ihm eine sms schicken und dann kommt er uns mit dem Segelboot abholen und wir fahren alle zusammen irgendwohin. Schöner Gedanke…;-).

 


Livinhac-le-Haut, 5.6.2008 (24 km)

HeuteMorgen habe ich mich um 8.00 mit den beiden Jean-Claudes vor der Kathedrale verabredet. Als sie um 8.15 immer noch nicht da waren wollte ich schon alleine loslaufen. Da kamen sie herbeigeeilt und haben schuldbewusst gemeint, dass sie schon losgelaufen sind und mich vergessen haben! Hmmm, also ein bisschen beleidigt war ich schon.Der Anstieg zur Chapelle Sainte Foy ist ganz schön steil und wir sind ziemlich ins Schwitzen gekommen. Dafür lohnt sich der Ausblick zurück auf Conques. Leider kam die Sonne genau von vorne, dass ich keine schönen Bilder machen konnte.Wir haben dann beschlossen, die Variante über Noailhac zu nehmen, vor allem weil es auf dieser Strecke noch eine Verpflegungsmöglichkeit gab. Wir sind auch nicht runter nach Decazeville, da wir die hässliche Stadt meiden wollten, sondern oben auf dem chemin des crêtes geblieben. Die ganze Strecke verläuft meistens auf der Strasse und ist für die Füsse dementsprechend anstrengend. Habe gehört, dass es bis Figeac so weitergehen soll.Es war den ganzen Tag ziemlich sonnig nur gegen Abend haben sich Gewitterwolken angemeldet aber als die ersten Tropfen fielen waren wir schon angekommen.Wollte eigentlich in den Gîte communal gehen aber die beiden Jean-Claudes haben mich dann in die Herberge (la Magnanerie, sehr zu empfehlen!) mitgenommen wo sie schon reserviert hatten. Es hatte dann für mich auch noch ein Plätzchen frei und wir haben uns Abends ein leckeres Essen zubereitet mit einem richtig guten Stück Fleisch, Gemüse, Salat und natürlich viel Rotwein. So gut gegessen habe ich schon lange nicht mehr und das für sage und schreibe 5 Euro pro Person.Die beiden Jean-Claudes haben sich früh in ihrem Turmzimmer schlafen gelegt und ich habe noch mit Marco ein Glässchen Wein getrunken wozu er mich eingeladen hatte. Marco ist auch zu Hause in Deutschland gestartet und macht hier gerade einen Ruhetag.




Conques, 4.6.2008 (12 km)

Heute bin ich nur eine kurze Strecke gelaufen damit ich früh in Conques ankomme und viel Zeit habe. Ich war wieder alleine unterwegs da die beiden Jean-Claudes zu spät aufgestanden sind und ich keine Lust hatte zu warten.Es war wieder einmal nach langer, langer Zeit schönes Wetter und ich habe es total genossen bei Sonnenschein zu laufen und meine Regenpellerine kein einziges Mal auspacken zu müssen! In Sénergues habe ich mir erst mal in der Sonne sitzend einen Kaffee und ein Croissant gegönnt, das schöne Wetter muss schliesslich ausgenutzt werden…;-).Kurz nach Saint-Marcel bin ich wieder bei diesem lustigen Esel vorbeigekommen (man sieht ein Foto von ihm in meinem alten Bericht von Le Puy nach Conques). Habe mich ein paar Minuten mit ihm unterhalten und er hat wieder kräftig Iaaaah, Iaaaah gemacht und wäre wieder am liebsten mit mir mitgekommen. Leider konnte er den Zaun nicht überwinden und ich musste alleine weiter. Vielleicht schafft er es ja nächstes Mal…;-).Den Abstieg nach Conques fand ich nicht mehr so anstrengend wie beim ersten Mal aber wahrscheinlich bin ich jetzt einfach durchtrainiert da ich schon so lange unterwegs bin.Bin wieder in der Abbaye Sainte Foy untergekommen wie letztes Mal als ich in Conques war. Nur dieses Mal im Schlafsaal und nicht in einem Doppelzimmer.Im Restaurant St. Jacques haben wir uns zum Abschiedsapero von Betty und Martine getroffen.Betty wohnt in Reinach, dies ist ein Nachbardorf von Basel also ganz in meiner Nähe. Die beiden sind mir zum ersten Mal bei Regine in Les quatre chemins begegnet und von da an haben wir uns immer wieder getroffen. Betty würde am liebsten weiterlaufen aber sie hat irgendwelche Verpflichtungen denen sie nachkommen muss. Martine ist froh wieder nach Hause gehen zu können. Sie hat Betty nur begleitet weil sie ihre Schwester nicht alleine gehen lassen wollte. Marie-France welche ich zum letzten Mal in der Domaine du Sauvage gesehen habe beendet hier auch ihren Weg. Nordie wird noch bis Figeac laufen und dann ist auch für sie der Weg zu Ende. Es ist mal wieder loslassen angesagt.Am Abend sind wir noch ins Orgelkonzert in die wunderschöne Kathedrale von Conques gegangen. Es war sehr schön und ein Priester hat uns vorher auch noch auf lustige Art das Tympanon des Eingangportals der Kathedrale erklärt.
 
 

Espeyrac, 3.6.2008 (24 km)

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Heute bin ich den ganzen Tag mit den beiden Jean-Claudes gelaufen. Es hat wieder viel geregnet aber die Stimmung war gut und wir haben viel gesungen und gelacht. Jetzt fehlt mir nur noch Agnes zu meinem Glück! Ich weiss aber, dass ich sie früher oder später wieder treffen werde.
Es ging heute viel durch den Wald und in Golinhac haben wir uns im Hameau de Saint-Jacques eine ausgiebige Pause gegönnt und unsere klitschnassen Pellerinen zum trocknen aufgehängt. Die Madame hat uns sogar angeboten, dass wenn wir in Espeyrac nichts zum übernachten finden würden, wir sie anrufen sollen und sie uns dann mit dem Auto abholen würde. Wenn das nicht ein super Service ist! Da kann man ja ganz beruhigt weiterlaufen.
Die Gîte communal in Espeyrac ist sehr schön und verglichen mit der in Estaing direkt luxuriös. Jean-Claude kocht gerade Pasta mit sehr viel Zwiebeln, Tomaten, Speck und Pilzen. Es riecht total lecker und ich habe wieder einmal tierisch Hunger.
 
Estaing, 2.6.2008 (11 km)
 
Heute bin ich nicht soweit gekommen wie ich eigentlich vor hatte. Für die 11 km nach Estaing habe ich sage und schreibe 4 Stunden gebraucht. Ich bin fix und fertig. Habe dummerweise die Karte nicht angeschaut sonst wäre ich vielleicht auf der Strasse geblieben.Der Weg bis Bessuéjouls zur Eglise Saint-Pierre war Ok und ging meistens der Strasse entlang. Danach kam ein Schlammpfad welcher den Berg hinaufführte. Ich habe mich hinaufgekämpft und musste die ganze Zeit aufpassen nicht auszurutschen. Die ganze Zeit habe ich mit mir und Gott gehadert und mich zusätzlich noch damit fertiggemacht, dass ich nicht intelligent genug war auf der Strasse zu bleiben.
Hatte mal wieder so richtige Wiederstände und damit läuft es sich bekanntermassen besonders gut. Oben angekommen ging es Gott sei Dank ein Stück der Strasse entlang und ich habe es geschafft meine Wiederstände loszulassen. Ich bin dann singend weitergelaufen. Vor Trédon ging es dann noch ein Bachbett hinunter, meine Schuhe waren völlig durchnässt. Die Kirche von Trédon war leide r geschlossen und ich habe mich draussen auf die Mauer gesetzt. Neben der Eingangstüre stand dieses wunderschöne Gedicht:AM ENDE SEINES LEBENS SCHAUTE EIN MANN AUF SEINEN LEBENSWEG ZURÜCK UND SAH, DASS ES ENTLANG DES GANZEN WEGES VIER FUSSABDRÜCKE IM SAND HATTE, DIE SEINEN UND DIE VON GOTT ABER IN DEN SCHWIERIGEN MOMENTEN HATTE ES NUR ZWEI!SEHR ÜBERRASCHT UND AUCH VERLETZT SAGTE ER ZU GOTT: ICH SEHE, DASS ES GERADE IN DEN SCHWIERIGEN MOMENTEN WAR WO DU MICH ALLEINE GELASSEN HAST….ABER NEIN! HAT IHM GOTT GEANTWORTET, IN DEN SCHWIERIGEN MOMENTEN HATTE ES NUR MEINE SPUREN IM SAND WEIL ICH DICH IN MEINEN ARMEN GETRAGEN HABE.Dies war genau den Balsam welche meine Seele in diesem Moment brauchte. Es hat mich so berührt, dass ich angefangen habe zu heulen und von da an fühlte ich mich nicht mehr alleine und wirklich getragen von Gott.Um 12.00 mittags war ich in Estaing und überlegte mir noch weiterzulaufen aber irgendwie hatte ich keine Energie mehr. Habe ein Sandwich gegessen und Kaffee getrunken. Da sah ich plötzlich Jean-Claude auf mich zukommen und wir haben uns total gefreut uns wiederzusehen. Seit der Domaine du Sauvage hatten wir uns aus den Augen verloren. Er war mit einem anderen Pilger unterwegs der auch Jean-Claude heisst…;-). Sie haben mich dann überzeugen können mit ihnen in Estaing zu bleiben; ehrlich gesagt hat es nicht viel Überzeugungsarbeit gebraucht da meine Motivation durch den vielen Regen und Schlamm im Keller war.


Espalion, 1.6.2008 (22 km)
Ich bin in Espalion und es regnet in Strömen. Seit ich in Le Puy meine Turnschuhe zurückgeschickt habe und ich nur noch meine Trekkingsandalen habe ist das Wetter schlecht. Vielleicht sollte ich die Sandalen wieder nach Hause schicken…;-)? Bin gerade kurz raus zum telefonieren und irgendwie komme ich mir dämlich vor in meinen Sandalen aber was solls das Wetter kann ja nur noch besser werden.
Heute hat es fast den ganzen Tag geregnet und ich habe die Variante der Strasse entlang genommen, nachdem mir ein Barbesitzer in Saint-Côme-d’Olt geraten hat nicht dem GR65 zu folgen, da der Weg völlig verschlammt sei.
Ich habe dann noch den kurzen Abstecher zur Eglise du Perse gemacht und war völlig begeistert von diesem ruhigen und schönen Ort. Im goldenen Buch habe ich dann auch noch einen Eintrag von Agnes gelesen und festgestellt, dass sie mir 2 Tage voraus ist. Habe mich total gefreut indirekt von ihr zu hören. Werde ihr ein sms schicken und sie fragen wie es ihr geht. Vermisse sie nämlich.
Meine Moral ist immer noch recht gut trotz des vielen Regens. Ich probiere einfach alles so zu nehmen wie es ist. Es hilft ja sowieso nichts wenn ich mich über das Wetter aufrege.
Nordie hat sich angeboten eine Pizza für uns beide zu holen und ich bin froh muss ich nicht nochmals mit meinen Trekkingsandalen im Regen spazieren gehen.
Ein italienischer Pilger hier hat die Nase gerümpft als er gehört hat, dass wir die Variante der Strasse entlang genommen hätten. Er meinte dies sei nicht der Originalpilgerweg und deshalb hat sich auf dem Schlammpfad abgemüht. Ideen haben die Leute manchmal da kann ich mich nur wundern. Ich habe ihn dann gefragt, ob er meint, dass die Pilger früher auf dem GR65 gelaufen seien…;-).
Agnes hat mir zurückgeschrieben, sie ist bereits in Conques und bleibt da einen Tag. Sie will den Umweg nach Rocamadour machen und vielleicht kann ich sie dann ja einholen. Wer weiss?



St. Chely d’Aubrac, 31.5.2008 (17 km)
Ich bin hundemüde dabei bin ich Heute nur eine kurze Etappe gelaufen oder besser gesagt geschlichen. Vielleicht bin ich immer noch müde von Gestern. Habe auch sehr schlecht geschlafen und am Morgen hatte ich keinerlei Motivation loszulaufen. Es war grau und kalt und überhaupt. Ja und dann geht man halt trotzdem weiter, irgendeine Kraft treibt mich voran. In meiner Pilgerapotheke hat es eine Karte die heisst; ES GEHT WENN MAN GEHT und genau so ist es. Man setzt einen Schritt vor den anderen und bewegt sich immer weiter. Stimmungen kommen und gehen wieder.
Heute ging es nochmals durch den Aubrac, dieses Mal über offene Weiden bis auf 1300 m. Irgendwann stand plötzlich ein Stier mitten auf dem Weg und hat fürchterlich gebrüllt. Er wollte sich mit dem anderen Stier hinter der Mauer messen. Ich hatte ziemlich Angst und habe mich nicht weiter getraut. Bin dann ganz langsam rückwärts gelaufen und habe auf die 4 Franzosen gewartet welche hinter mir waren. Brauchte ein wenig Unterstützung. Wir haben dann zusammen einen grossen Umweg über die Weide genommen und gehofft, dass der Stier kein Interesse an uns hat. War froh, als wir endlich an ihm vorbei waren und das Gatter hinter uns geschlossen haben.
Ich mochte diese Strecke schon beim letzten Mal nicht, da sie teilweise schlecht markiert ist und man durch die Kühe hindurch laufen muss. Ich war froh, als ich oben bei der Schutzhütte war am höchsten Punkt und die Kühe hinter mir gelassen habe.
In Aubrac gab es dann endlich den ersten Kaffee und Kuchen gibt es hier einfach köstlich! Nachher bin ich wie betrunken weitergelaufen, weiss auch nicht wieso denn Alkohol hatte ich ja keinen. Bis St. Chely waren es nur 8 km und es ging nur noch hinunter. Das letzte Stück war dann noch ganz schön nahrhaft, wie wenn man ein ausgetrocknetes Bachbett runterläuft.
In der Gîte haben wir alle zusammen gekocht, natürlich Pasta, dies scheint das absolute Pilgeressen zu sein…;-). Jetzt liege ich völlig erschlagen auf dem Bett und hoffe, dass ich heute Nacht schlafen kann.
 
 

Nasbinals, 30.5.2008 (27 km)
Heute habe ich das geschafft, was ich vor 1.5 Jahren nicht für möglich gehalten hätte, nämlich von Aumont Aubrac nach Nasbinals zu laufen. Heute ist es immer noch eine lange Etappe aber machbar. Die Herberge von Nasbinals ist sehr schön und bis jetzt sind wir zu viert im Dortoire. Habe wieder Geschichten über Uwe gehört und bin froh dass er nicht hier ist. Er ist bisher der erste Pilger wo ich eine spontane Abneigung empfinde. Er hat etwas von einem Tier und ich mag ihn nicht mal anschauen. Bin froh wenn ich ihm so wenig wie möglich begegne. Irgendwie tut er mir auch leid, es ist schon schlimm wenn einem der schlechte Ruf so vorauseilt. Die Leute haben sich dann schon eine Meinung über dich gemacht bevor sie dich überhaupt kennen lernen. Er muss sehr einsam sein.
Die Etappe durch den Aubrac war wunderschön und ich hatte totales Glück mit dem Wetter. Ab Rieutort d’Aubrac ein paar Regentropfen aber sonst wurde ich verschont. Ich musste viele Stellen überwinden wo der Weg eher Ähnlichkeit mit einem See hatte. Teilweise musste ich über den Stacheldraht und einen Umweg im Weideland machen. Möchte diese Etappe nicht bei strömendem Regen laufen. Habe gehört, dass die Pilger vor 2 Tagen noch knietief im Wasser versanken. Wir haben zuerst bei Regine (les quatre chemins) nachgefragt ob der Weg passierbar sei und sie hat gemeint ja. Gott hat mal wieder sein schützendes Händchen über mich gehalten, hoffe dass dies auch weiterhin anhält…;-). Habe mich wieder am Anblick der schönsten Kühe der Welt erfreut; wo gibt es schon Kühe mit geschminkten Augen…;-).
Ich fühle mich immer unbeschwerter und habe das Gefühl, dass ich überhaupt nichts falsch machen kann. Nur meine Langzeitpilger, Jean-Claude und Agnes fehlen mir, habe langsam genug von diesen Reisegruppen. Ok, es ist mal wieder Toleranz gefragt schliesslich gehört der Weg ja bekanntlich allen; nur uns Pilgern ein kleines bisschen mehr…;-). Bin total müde aber auch sehr zufrieden mit mir und glücklich.


Aumont Aubrac, 29.5.2008 (21 km)
Die letzte Nacht im Schlafsaal war ziemlich laut aber Uwe war nicht der einzige der geschnarcht hat, da war ein Franzose der hat ihn in Sachen Lautstärke noch übertroffen. Da haben nicht mal meine Ohrstöpsel was genutzt, sie konnten den Lärm nur dämpfen. Zudem war die Luft im Raum stickig da fast alle Fenster zu waren. Gott sei Dank habe ich mir das Bett unter dem Fenster ausgesucht und hatte deshalb frische Luft.
Heute Morgen bin ich bei Regen gestartet und die ersten 7 km bis St. Alban hat es auch nicht aufgehört. Mir sind heute Pilger begegnet welche auf dem Rückweg waren von Santiago, wer weiss vielleicht mache ich das ja auch, sollte ich dann noch Geld haben…;-). Da kam auch ein seltsamer Pilger welcher sich peregrino bianco nannte, keine Ahnung was das bedeuten soll. Vielleicht ist das einer welcher auf dem Rückweg nach Hause und von allen Sünden reingewaschen ist…;-).
Habe mich heute sehr entspannt und gelassen gefühlt auch der Regen konnte mir nicht wirklich was anhaben. Das Gehen ging ganz leicht und mühelos. Habe darum gebetet noch mehr die Kontrolle loszulassen und mein Herz für andere zu öffnen.
Es ist schön wieder einmal in einem Hotelzimmer zu sein mit eigenem Bad und WC. Der pure Luxus! Dies muss manchmal auch sein und doppelt so gut wenn man es zudem noch so richtig geniessen kann. Heute gibt es nur Taboule zum Essen, dafür kann ich auf dem Bett sitzen und die Beine ausstrecken. Wenn man selber kocht kann man schon viel Geld sparen. Das Frühstück lasse ich auch meistens weg. Das kostet nur viel und bringt nichts. Lieber in der Bäckerei 2 Croissants kaufen und in der nächsten Bar einen Kaffee trinken. Man kann dann auch früh starten und muss nicht auf das Frühstück warten welches manchmal erst um 8.00 serviert wird.
Meine Moral ist sehr gut auch wenn das Wetter seit Le Puy schlecht ist. Das Wetter kümmert mich nicht, es ist halt wie es ist und das heisst momentan eher nass. Das einzige was mir manchmal Mühe macht ist wenn es dazu noch stark windet.
In St. Alban habe ich über eine Stunde Pause gemacht und dann hat es auch schon aufgehört zu regnen. Es sind sehr viele Leute unterwegs, vor allem Reisegruppen und das empfinde ich manchmal als störend. Möchte wieder mal Pilger treffen vor allem jene die zu Hause gestartet sind. Wo Agnes wohl ist? Jean-Claude ist wahrscheinlich in Les Estrets geblieben.
Bin eigentlich ganz froh, dass ich meinen Blog nicht mehr aktualisieren muss, irgendwie hat mich das immer gestresst ein Internet suchen zu müssen. Wenn ich zu Hause bin kann ich das dann in aller Ruhe machen.
 

Les Faux, 28.5.2008 (28 km)
Heute habe ich eine sehr lange Etappe gemacht, bin richtig stolz auf mich! Wir hatten heute richtig Glück mit dem Wetter, nur mal kurz ein paar Regentropfen. Die Regenpellerine hatte ich in meinem Rucksack verstaut und ich musste sie Gott sei Dank mal nicht auspacken. Jean-Claude und Marie-France sind in der Domaine du Sauvage geblieben und ich bin mit Vincent bis Les Faux weitergelaufen. Hatte ehrlich gesagt auch keine Lust in der Domaine zu bleiben, da die Gastgeber recht unfreundlich waren.
Wir haben uns vor dem Eingang zum Haus an den Tisch gesetzt und wollten noch einen Moment mit Jean-Claude und Marie-France verbringen bevor wir weiterziehen. Da kam die Madame aus dem Haus und hat gefragt ob wir alle hier übernachten würden und als wir gesagt haben Nein hat sie uns weggescheucht dies sei Privat hier. Wirklich nicht sehr einladend. Hier in Les Faux ist es dafür super sympathisch!
Der berühmt berüchtigte Uwe ist auch da, werde schon mal meine Ohrstöpsel bereit legen…;-). Er ist mir auf jeden Fall auf Anhieb unsympathisch, wenn man ihn unterwegs grüsst dann grunzt er nur aber vielleicht bin ich auch voreingenommen da ich schon soviel negatives über ihn gehört habe. Man muss ja auch nicht alle Menschen welchen man unterwegs begegnet mögen.
Seit Le Puy sind sehr viele Leute unterwegs vor allem solche welche sich den Rucksack transportieren lassen. Pilger trifft man leider nur wenige. Habe zusammen mit Nordie für Morgen in Aumont Aubrac ein Hotelzimmer reserviert, da mal wieder alles ausgebucht ist. Wir haben gerade noch das letzte Zimmer bekommen. Wäre schön wenn sie in den Gîtes 1 -2 Plätze für Pilger frei halten würden, oft ist die Herberge durch Gruppen welche reserviert haben schon ausgebucht.
So, werde mir jetzt leckere Pasta mit Tomaten, Thunfisch und Zwiebeln kochen. Das Gläschen Rotwein gibt es dann nachher im Restaurant.
 
 
Sauges, 27.5.2008 (19 km)
Habe nur eine kurze Etappe gemacht heute und dazu mit vielen Pausen. Es sind viele Pilger und Wanderer unterwegs und irgendwie wird es immer lustiger. Es gibt jetzt auch viel mehr Möglichkeiten um mal anzuhalten und einen Kaffee zu trinken. Jean-Claude habe ich in Le Puy auch wieder getroffen und ich muss immer sehr über seine Geschichten lachen. Heute hat es auch wieder geregnet und am Nachmittag dazu wieder heftig gewindet. Ich werde immer gelassener, nehme das Wetter so wie es ist und reservieren tue ich seit Le Puy auch nicht mehr. Ich entscheide am gleichen Tag bis wo ich laufen will.
Bis jetzt hatte es auch immer genug Platz. Nimmt mich Wunder wo Anges ist, wahrscheinlich ist sie schon in der Domaine du Sauvage. Das würde heissen sie ist mir eine Etappe voraus. Ich wünsche ihr, dass sie neue Freunde findet wie ich auch und viele gute Erfahrungen macht. Freue mich schon wieder auf unser Wiedersehen.
Hier in Sauges ist es ziemlich kalt und ich liege in meinem Schlafsack um mich aufzuwärmen. Überhaupt ist das Wetter seit Le Puy ziemlich beschissen! Es windet, regnet und ist kalt!
 


St. Privat d’Allier, 26.5.2008 (23.5 km)
 
Bin zusammen mit Agnes in Le Puy gestartet. Michael und Konstantin mussten wir leider zurücklassen, es war schon lustig mit diesen beiden. Ich glaube Agnes ist es ziemlich schwer gefallen die beiden zu verlassen…;-).
Ich hatte ein richtiges Deja vue heute. Es war regnerisch und sehr windig wie vor 2 Jahren. Total anstrengend, nur war meine Moral um einiges besser als damals aber es war ja auch nicht mein erster Tag heute. Irgendwann habe ich mir gesagt, dass wenn ich diese Erfahrung wirklich ein zweites Mal machen muss, dann ist es halt so.
In St. Christoph hat es, wie vor 2 Jahren auch, angefangen zu regnen. Agnes und ich haben schnell Pause gemacht um etwas zu essen. Dann auf der Hochebene habe ich Agnes verloren weil sie einfach schneller lief wie ich und ich musste ein paar Mal mit der Pellerine kämpfen. Jeder Pilger der schon einmal versucht hat bei starkem Wind und Regen eine Pellerine anzuziehen weiss was ich meine…;-).
Ich habe am Gurt des Rucksacks einen kleinen Beutel befestigt wo ich immer kleine Sachen zum Essen wie z.B. Müsliriegel, Schokoloade und trockene Aprikosen drin habe. Auf der rechten Seite habe ich immer Zugriff auf meine Wasserflasche. Dies ist total praktisch wenn es regnet und man seinen Rucksack nirgends absetzen kann. Ich kann mich dann entweder im Gehen mit Nahrung versorgen oder mich samt Rucksack und Pellerine hinsetzen. Auf dieser Etappe war dies mal wieder sehr praktisch.
In der Kapelle kurz vor Montbonnet habe ich kurz angehalten und mich hingesetzt. Habe mich daran zurückerinnert wie aufgelöst ich damals war als ich hier angekommen bin. Hatte fast nichts mehr zum Essen, nur Wasser und Brot. Ein ganz harter erster Wandertag, ein richtiger Härtetest. Heute ist alles anders. Das Wetter ist das Gleiche aber ich fühle mich gut.
In Montbonnet habe ich dann eine längere Pause gemacht und mir einen Croque Monsieur und eine Cola gegönnt. Im Fernsehen lief gerade ein Tennismatch mit Roger Federer und das musste ich mir einfach anschauen. Anschliessend gab es auch noch einen Kaffee um wieder in die Gänge zu kommen. Der war auch bitter nötig nach der langen Pause…;-).
Hatte gehofft Agnes in der Gîte von St. Privat d’Allier wieder zu treffen aber sie war leider nicht da, wahrscheinlich ist sie noch 7 km weiter bis Monistrol d’Allier gelaufen. Jetzt ist mal wieder loslassen angesagt aber ich bin mir fast sicher, dass ich sie wiedersehen werde.
Draussen zieht gerade ein Gewitter vorbei und ich bin froh im Trockenen zu sitzen. Ich hoffe Agnes hat nicht beschlossen draussen zu schlafen… Jetzt hagelt es auch noch, der Alptraum jedes Pilgers aber nur wenn man draussen ist…;-).
Teile das Zimmer mit Nordie und Marie-France. Wir haben spontan beschlossen heute Abend zusammen zu kochen. Es gibt Pasta mit Speck, Rahm und Parmesan. Hmmmmmm. So ist es auf dem Pilgerweg; man verliert die einen und lernt dafür wieder andere Leute kennen.
 

8.5. – 25.5.08 von Genf bis Le Puy

Beaumont, 8.5.2008 (16 km)
Heute habe ich die Schweiz verlassen und da es eine grüne Grenze war habe ich es nicht einmal bemerkt. Da war zwar ein Schlagbaum aber es war nichts angeschrieben. Nun bin ich also wieder im schönen Frankreich und in meiner ersten Gîte d’étape. Bin hier mit 2 Pilgern aus Bayern und wir sitzen in der Sonne und trinken unser Feierabend-Bier und geniessen das Nichtstun. Mein Schlafplatz für Morgenabend in Chaumont ist auch schon reserviert und somit gibt es für mich nichts mehr anderes zu tun als Tagebuch zu schreiben und auf das Nachtessen zu warten.
Habe heute nur eine kurze Etappe gemacht, hätte noch bis zum Mont Sion weiterlaufen können aber dann hätte ich wieder im Hotel übernachten müssen und das wollte ich nicht. Hatte genug Hotels in der Schweiz, es reicht! Muss mein Portemonnaie schonen. Es ist sehr schön hier und ich bin einfach glücklich andere Pilger zu treffen und nicht alleine zu sein. Die Gîte ist bis auf die letzte Matratze ausgebucht!
Morgen geht es weiter nach Chaumont, das ist dann etwas weiter aber ich bin ja jetzt langsam richtig gut eingelaufen und somit sollte das kein Problem sein. Freue mich darauf in Frankreich zu laufen, habe bis jetzt nur gute Erfahrungen in diesem Land gemacht.

Chaumont, 9.5.2008 (23.5 km)
Puuhhh! War ganz schön anstrengend heute, vor allem das letzte Stück ging noch steil bergauf nachdem ich vorher alles runter gelaufen bin. Als ich den Hohlweg runter lief hat mich eine junge Frau auf einem Pferd überholt und mich gefragt wo ich hin wolle. Ich habe gemeint nach Chaumont worauf sie mich entsetzt angeschaut und gemeint hat das wäre aber noch ziemlich weit und vor allem steil. Fand ich ziemlich aufbauend in diesem Moment und ich war auch ziemlich fertig als ich oben angekommen bin.
Seit Genf ist es vorbei mit dem Alleinsein auf dem Pilgerweg. Hatte mich eigentlich darauf eingestellt, dass es bis Le Puy einsam weitergeht und dann kommt alles anders als man denkt. Wahrscheinlich habe ich es mir innerlich so sehr gewünscht Gesellschaft zu haben, dass Gott ein Nachsehen mit mir hatte. Die Gîte heute ist sehr rustikal und einfach und kostet dementsprechend auch nur 7 Euro. Dafür dürfen wir uns im Restaurant auf ein gutes Nachtessen freuen. Ausser Wolfgang und Irene, den 2 Bayern von gestern, sind auch noch Andrina und René aus Genf da und es ist von Anfang an sehr lustig mit ihnen.
Morgen werde ich zum ersten und bestimmt nicht zu letzten Mal ohne Frühstück loslaufen. Hoffe, dass es in Frangy dann den ersten Kaffee gibt. In Frangy werde ich dann auch meinen Proviant aufstocken müssen, da über Pfingsten wahrscheinlich alles zu ist.
Warum denken Pilger eigentlich immer ans Essen?

 Les Côtes, 10.5.2008 (17 km)
Sitze auf der Terasse der Herberge in Les Côtes und brate in der Sonne und das im Mai. Habe gerade gehört, dass hier ein Klima herrscht wie in der Provence. Das merkt man…;-).
Ich bin übrigens zur Direktionssekretärin ernannt worden, da ich immer die Etappen plane und für alle anrufe und reserviere. Gestern hatten wir es total lustig in unserem Rustico, René hat uns alle zum Lachen gebracht mit seinen Sprüchen. Es tut so gut wieder einmal mit anderen Menschen zusammen zu sein. Die meisten werde ich wahrscheinlich bis Le Puy immer wieder sehen.
Die heutige Etappe war kurz und das einzige was mich schmerzt ist meine linke Ferse aber wenn die Etappen nicht zu lang sind geht es. Die Vorstellung ein ganzes Land zu Fuss zu durchqueren ist schon wahnsinnig. Habe heute ausgerechnet, dass ich für 150 m 200 Schritte machen muss. Für 1 km sind es dann 1133 Schritte, 10 km 11’330, 100 km 113’300, 1000 km 1’133’000, 2000 km 2’266’000. Bis ich in Santiago ankomme habe ich ca. 2.5 Millionen Schritte gemacht, wenn das nicht verrückt ist.

Chanaz, 11.5.2008 (24 km)

Liege im Bett im Hotel du Canal von Chanaz und bin total müde. Meine Füsse schmerzen und es erstaunt mich immer wieder, dass am nächsten Morgen die Schmerzen weg sind und ich wieder laufen kann. St. Jacques muss nachts wohl Ueberstunden machen um alle Pilger zu pflegen.
Bin wieder mit Andrina und René zusammengetroffen, ein sehr symphatisches älteres Paar. Er ist 71 und sie 60 aber beide topfit. Sie laufen bis Le Puy und seit Chaumont begegnen wir uns immer wieder.
Als ich vor Chanaz am Campingplatz vorbei wollte sah ich von weitem René winken und mir zurufen ich solle mich beeilen. Sie hatten auf dem Campingplatz ein Bungalow gefunden und für mich hätte es sogar ein eigenes Zimmer gehabt. Habe mich total gefreut, der Bungalow war sehr schön mit einer Veranda davor und Blick auf den Kanal. Ich hatte mich gerade in meinem Zimmerchen eingerichtet und wollte eine Dusche nehmen als die Madame vom Campingplatz vorbeikam und uns mitteilte, dass sie sich geirrt hatte und der Bungalow doch nicht frei wäre. Da hiess es mal wieder loslassen und meine 7 Sachen zusammenpacken. Es wäre ja auch zu schön gewesen um wahr zu sein. René und Andrina habe sich direkt zum Hotel Canal begeben und ich habe mich auf den Weg gemacht um die Gîte rural mit diesem unfreundlichen Gastgeber zu finden welchen ich am Tag zuvor angerufen habe um ein Bett zu reservieren. Die Herberge war ausserhalb von Chanaz und ich musste noch ca. 20 Min. hochlaufen. Als ich sie dann endlich gefunden hatte wollte der Monsieur nichts mehr von meiner Reservation wissen und meinte er hätte kein Zimmer frei. Irgendwie passte dies ja zu diesem unfreundlichen AL. Muss ein richtiger Pilgerhasser sein und mein Reiseführer scheint recht damit zu haben, dass Chanaz nicht sehr Pilgerfreundlich ist. Dann bin ich wieder zurück ins Dorf, eine Frau gegenüber der Gîte rural hatte mir gesagt dass es noch eine andere Herberge gibt nur war da leider niemand zu Hause. Bin dann völlig entnervt ins Hotel du Canal und habe mir ein überteuertes Zimmer für 50 Euro gemietet. Das Zimmer war nicht einmal schön aber in dem Moment wollte ich einfach nur ein Bett und mich ausruhen. Netterweise haben sie mir das Frühstück geschenkt.
Anschliessend bin ich mit Andrina und René Essen gegangen und jetzt bin ich totmüde und liege in meinem Hotelbett. Was für ein Tag und irgendwie bin ich ja trotzdem dankbar, dass ich nicht bei diesem unfreundlichen Gastgeber gelandet bin.

Yenne, 12.05.2008 (16 km)
Wunderschöne Bergetappe aber einfach zu faul um Tagebuch zu schreiben. Haben uns in einem grossen Zelt auf dem Campingplatz kurz vor Yenne einquartiert. Sieht ein bisschen aus wie ein Feldlazarret. Der Campingplatz liegt direkt am Fluss. Jetzt gehen wir nach Yenne etwas essen. Bis bald.

St. Genix, 13.5.2008 (24 km)

Heute war eine wunderschöne wenn auch anstrengende Bergetappe. Bin auf dem Campingplatz in einem Bungalow mit Andrina und es ist wunderschön hier. Meine Füsse schmerzen mal wieder endlos, vor allem die letzten 8 km von St. Maurice runter ins Tal waren sehr anstrengend.
René musste heute nach Hause zurückfahren da er starke Schmerzen im Knie hatte nach der gestrigen Bergetappe wo es auch steil hinunter ging. Gestern in Yenne waren wir auch auf dem Campingplatz in einem grossen Zelt mit ca. 10 Betten. Wir hatten das ganze Zelt für uns alleine. Der Zeltplatz liegt direkt am Fluss und ist sehr schön gelegen am Rande der Stadt. Wir haben uns dann noch total überessen und ich bin mit einem richtigen Kugelbauch ins Bett. Habe beschlossen abends nicht mehr soviel zu Essen, vielleicht ist dies auch ein Grund warum ich so schlecht schlafe.
Anne und Dominique, 2 Schweizerinnen aus der Nähe von Genf, standen auch unvermittelt hier auf dem Zeltplatz von St. Genix. Eigentlich wollten sie ja in St. Maurice bei Monsieur Revel übernachten. Im Outdoor Reiseführer steht er sei eine interessante Persönlichkeit; er ist ein ehemaliger Pfarrer und hat eine eigene kleine Kapelle. Die beiden sind auf jeden Fall um 17.00 da geflüchtet und ca. um 19.30 hier angekommen. Diese Gîte von Monsieur Revel sei ein völliges Bordell und völlig verdreckt laut Anne und Dominique. Es stand noch das Geschirr vom Frühstück rum. Zuerst haben sie Zeit damit verbracht das Bad zu putzen aber plötzlich haben sie es da nicht mehr ausgehalten und sind geflüchtet. Wir sind dann noch alle zusammen auf der Veranda gesessen und haben ein Bierchen getrunken. Habe mich daran erinnert, dass mir Silvie ja eine kleine Pilgerapotheke mitgegeben hat. Dies ist eine kleine Dose mit Tarotkarten für Pilger und die Sprüche sollen speziell in schwierigen Situationen helfen. Jeder von uns hat dann eine Karte gezogen und für jeden war es genau die richtige. Bei mir hiess es Pilgern heisst mit den Füssen zu beten; wenn ich die Schmerzen in meinen Füssen spüre muss ich unendlich viel gebetet haben. Dann sind Anne und Dominique sichtlich müde von den Strapazen zu ihrem Bungalow geschlichen.
Wir haben uns heute Abend ein Fertigsüppchen gekocht und ich habe meine Notration, den Teigwarensalat, gegessen. Wir hatten einfach keine Lust ins Restaurant zu gehen und uns wieder zu überessen. Überhaupt ist mir aufgefallen, dass ich einen riesigen Bauch habe! Muss wohl das tägliche Feierabendbier und das Essen „wie Gott in Frankreich“ sein.
Es ist total friedlich hier auf dem Campingplatz, die Vögel zwitschern, man hört den Fluss rauschen und ich sitze gemütlich auf unserer Veranda. Das Pilgerleben kann so schön sein.

Valencogne, 14.5.2008 (21 km)

Heute war wieder ein sehr schöner und heisser Tag. Ueberhaupt habe ich bisher wahnsinniges Glück mit dem Wetter. Ich musste meine Regenpellerine bisher nicht ein einziges Mal auspacken.
Heute sind wir in einem Acceuil Jacquaire untergekommen. Dies ist eine spezielle Art von Unterkunft welche es nur auf dem Weg von Genf bis Le Puy gibt. Die Vereinigung der Acceuil Jacquaire wurde gegründet da es auf dem Weg nicht genug Gîtes gab. Die Unterkünfte sind immer bei privaten Leuten und dann kann es schon mal sein, dass man in einem Schloss übernachtet, in einem wunderschönen Landhaus oder auf dem Bauernhof. Man kriegt ein Bett und isst mit den Gastgebern und am Ende gibt mann eine Spende. Jeder gibt das was er will und kann wahrscheinlich ein bisschen ähnlich wie das Donativo in Spanien. Schon schön, dass es sowas gibt für die Pilger. Wir haben beschlossen 20 Euro zu geben (10 fürs Essen und 10 für die Übernachtung).
Heute habe ich eine Lektion in Vertrauen erhalten. Wir haben für heute Abend nichts reserviert. Ich habe dreimal versucht in der Gîte anzurufen aber es hat niemand abgenommen. Diese Herberge war dann auch geschlossen als wir hier angekommen sind. Innerlich habe ich schon gedacht, dass ich es jetzt wieder so mache wie ich es gewohnt bin nämlich am Abend vorher anzurufen. Andrina ist da viel entspannter und sagte dass St. Jacques uns bereits irgendwo ein Bett reserviert hat. Ja und sie hatte recht. Bei der Kirche sind wir bei Bernard Berlioz und seiner Frau gelandet welche für uns diese Uebernachtungsmöglichkeit organisiert hat. Wir sind auf einem Bauernhof 2 km ausserhalb von Valencogne und wir wurden mit dem Auto abgeholt und das beste ist, dass wir morgen früh auch wieder hierher zurückgebracht werden.
Nichts zum schlafen zu finden und draussen übernachten zu müssen ist nach wie vor meine grösste Angst und ich wünsche mir dieses Vertrauen und diesen Glauben zu haben immer ein Bett zu finden. Heute Abend kann ich auch nicht reservieren da ich kein Netz habe. Werde morgen also schon wieder vertrauen müssen… Gott scheint mir täglich meine Lektionen zu geben. Ich wünsche mir, soviel Vertrauen zu haben, dass ich einfach planlos drauf loslaufen kann ohne mir Gedanken machen zu müssen wo ich übernachten werde. Ich möchte die Kontrolle abgeben und darauf vertrauen, dass Gott mir jeden Abend ein Bett sucht. Ob ich wohl je an diesen Punkt gelangen werde? Bis Spanien muss ich das schaffen denn dann kann man eh nicht mehr reservieren.
Die Tage vergehen wie im Fluge, ich bin nun schon seit 3 Wochen unterwegs. Heute habe ich eine Karte gezogen und da hiess es: Laufe langsam, denn du kommst doch nur immer wieder bei dir selber an. Wie weise diese Karten doch sind.
Das Nachtessen mit unseren Gastgebern war sehr schön und wir haben viel gelacht. Der Monsieur hat uns 3 verschiedene Chartreuse, ein Likör aus Eisenkraut, versuchen lassen und die Stimmung war dementsprechend angeheitert.

 La Frette, 15.5.2008 (22 km)

Heute hatten wir seit langem etwas Regen aber nicht genug um die Regenpellerine auszupacken. Ich habe eine weitere Lektion in Sachen Vertrauen erhalten. Wir haben wieder nichts reserviert und gegen Abend wurde ich ziemlich unruhig und nervös. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob ich dies wirklich Gott überlassen kann für mich ein Bett zu finden. Ist dieser Kerl denn wirklich zuverlässig oder sollte ich es nicht doch besser selber in die Hand nehmen? Im Dorf vor La Frette haben wir nichts zum Übernachten gefunden und sind dann weitergelaufen. In La Frette standen wir vor dem Hotel Les Voyageurs und es sah ziemlich geschlossen aus. Die Fensterläden waren zu und die Haustür war verschlossen. Ich sagte gerade zu Andrina, dass ich ab Morgen wieder reservieren werde und ich diese Unsicherheit satt hätte und in diesem Moment ging die Türe vom Hotel auf und eine alte Dame hat uns freundlich reingebeten. Ich war so froh, nicht weiterlaufen zu müssen und ein Bett zu haben. Gott hat das mal wieder richtig gut hingekriegt, vielleicht macht er es ja wirklich besser wie ich. Er hat mir Andrina geschickt damit ich lerne die Kontrolle loszulassen und zu vertrauen.
Im Hotel haben wir mit René und Jean-Claude zu Abend gegessen. Jean-Claude ist von Genf aus gestartet und will auch den ganzen Weg bis Santiago laufen. Bin froh, dass es noch andere Spinner gibt…;-). Er hat uns soviele Geschichten erzählt welche ihm auf dem Weg von Genf bis hierher wiederfahren sind. Zum Beispiel von Gastgebern welche nicht mit ihm gesprochen haben oder Betten die völlig durchnässt waren. Dann war da ein Deutscher namens Uwe der so laut geschnarcht hat, dass er mitten in der Nacht aus dem Zimmer geflüchtet ist. Im Flur hat er dann ein altes Bett gefunden und als er sich hingelegt hat, hat es gekracht und er lag mit seinem Hinterteil auf dem Boden. Wir haben total gelacht und ich habe mich gefragt, warum mir nicht solche Sachen passieren. Wahrscheinlich ist es so, dass jeder andere Lektionen zu lernen hat auf dem Camino…;-). Meine Themen sind ganz klar Vertrauen finden, Kontrolle loslassen und einen Zugang zu Gott finden.

 Faramans, 16.5.2008 (18 km)

Ich bin mal wieder im Paradies gelandet…! Wir sind in einer Gîte etwas ausserhalb von Faramans. Das Haus liegt in einem wunderschönen Garten und es riecht nach Rosen. Als wir hier ankamen haben wir gedacht, dass es das wohl nicht sein kann, dies ist sicher privat. Da war ein Glocke mit einem Seilzug welche wir dann auch betätigt haben woraufhin ein sehr symphatischer Mann herauskam. Wir haben ganz schüchtern gefragt ob er Zimmer vermiete und ob man hier übernachten könne? Woraufhin er gemeint hat ja dies sei die Herberge und er hätte uns schon erwartet. Bevor wir hier herausgelaufen sind haben wir nämlich schnell angerufen. Ausser der Gîte gibt es noch so kleine Blockhütten wie im Wilden Westen. Alle total liebevoll eingerichtet. Zu meinen Füssen liegt ein wundervoller Cocker Spaniel, im Paradies ist halt auch alles schön.
Habe ein wenig Mühe mit meinen Füssen, habe Krämpfe in der Fusssohle, sehr unangenehm. Muss vielleicht mehr Magnesium essen. Hoffe, dass meine Füsse morgen wieder mitmachen.
Morgen darf ich mal wieder entspannen denn wir haben die Übernachtung schon reserviert in einem Acceuil Jacquaire. Gott gibt mir eine kleine Pause…;-).
Heute haben wir La Côte St. André erreicht und somit schon die Hälfte der Via Gebennensis hinter uns. Es ist wirklich eine sehr schöne Strecke und ich kann sie allen nur empfehlen.
Heute Abend ist noch ein beleibter Deutscher keuchend hier aufgetaucht. Nach der Beschreibung von Jean-Claude waren wir uns ziemlich sicher, dass es sich um den schnarchenden Uwe handelt. Er hat uns gefragt was die Nacht hier kostet und ich habe ihn dann diskret auf die günstigen Blockhütten aufmerksam gemacht. Er ist dann Gott sei Dank in die Blockhütte gegangen und ward nicht mehr gesehen. Der Monsieur musste ihm noch 3 grosse Flaschen Bier bringen. Ich hoffe nur, dass die Blockhütte morgen noch steht und Uwe sie nicht über Nacht zersägt hat…;-).

Bellegarde, 17.5.2008 (22 km)

Heute Morgen um 4.00 hat es angefangen zu regnen und zwar in strömen. Ich lag im Bett, habe das Prasseln des Regens gehört und mich noch tiefer in meinen Schlafsack gekuschelt. Am Morgen hatten wir Mühe aufzustehen und auch das Packen des Rucksacks ging nicht so flott voran wie sonst. Wir mussten uns zum ersten Mal in unsere Pellerine zwängen und ich hatte ziemliche Wiederstände raus in den Regen zu gehen. Wir sind dann zurück nach Faramans gelaufen und haben uns zuerst einmal einen Kaffee und 2 Croissants gegönnt. Dann haben wir uns gut gelaunt in den Regen gestürzt und sind zügig los marschiert. In Pommier haben wir uns zum Trocknen in die Kirche gesetzt und dann hat es für einen kurzen Moment aufgehört zu regnen. Wir mussten vielen riesigen Pfützen auf dem Weg ausweichen und irgendwann fühlten sich meine Füsse auch nicht mehr trocken an. Die Kühe an welchen wir vorbeigekommen sind haben uns angeschaut wie wenn wir total bescheuert wären bei diesem Wetter raus zu gehen. Sie haben nicht unrecht…;-).
In Revel Tourdan konnten wir nach 7 km am Stück endlich mal wieder Pause machen. Der Regen hatte aufgehört und es gab einen schönen Picknickplatz mit Tischen und Bänken wo es schon fast trocken war. Dort haben wir dann noch Markus aus Bern getroffen welcher ziemlich unmotiviert durch die Gegend lief. Er wusste noch nicht wie weit er gehen würde da ihm zur Zeit etwas die Motivation fehlt. Er hat sich auch kaum auf seinen Camino vorbereiten können und war dann fast etwas überrumpelt als er loslief. Also ich hatte genug Zeit nämlich 1.5 Jahre…;-). Im wunderschönen mittelalterlichen Dorf von Revel Tourdan hat uns Markus dann noch zum Kaffee eingeladen.
Dann ging es immer weiter und gegen Schluss war ich schon am Ende meiner Kräfte und dann hat Andrina mich noch in die falsche Richtung geführt aber ich hätte halt selber nachschauen sollen. Meine innere Stimme hatte mich schon länger gewarnt, dass wir in die falsche Richung laufen. Bei der Kapelle oberhalb von Bellegarde habe ich dann endlich meine Karte gezückt und genauer angeschaut und dann war schnell klar, dass wir umkehren mussten. Ich bin dann ziemlich sauer und schnell den ganzen Weg wieder zurück gelaufen. Um 18.00 Uhr sind wir dann endlich angekommen in dem wunderschönen Landhaus in Bellegarde-Poussieu. Danielle die Gastgeberin, ist uns mit dem Auto entgegen gefahren weil sie uns schon vermisst hat. Ich war fix und fertig und meine Füsse fühlten sich an wie Brei.
Jetzt haben wir sehr gut gegessen bei Danielle und André und die Strapazen des heutigen Tages sind schnell wieder vergessen. Diese Acceuil Jacquaire sind schon sehr speziell und die Gastgeber sind alle sehr nett und gastfreundlich. Es hat etwas sehr persönliches wenn man in ihr Haus eingeladen wird, ein leckeres Essen serviert bekommt und mit den Gastgebern am Tisch sitzt. Es ist mal wieder ein traumhaft schönes Haus mit riesigem Garten und wunderschöner Aussicht auf die Berge.
So es ist 22.00 Uhr und ich will nur noch eines nämlich ins Bett auch wenn ich in letzter Zeit wieder sehr schlecht schlafe. Werde meinen Outdoor-Führer hier lassen da ich ihn nicht sehr gut finde. Mit dem gelben Heft von der Association Rhône-Alpes und dem Topo-Guide bin ich hingegen sehr zufrieden.

Clonas sur Varèze, 18.5.2008 (21 km)

Heute war eine einfache Etappe und ich bin sie zum grössten Teil alleine gelaufen. Es hat gut getan wieder einmal alleine unterwegs zu sein. Andrina ist sehr nett aber sie redet einfach zuviel. Vor allem Morgens laufe ich gerne in Stille und zuviel reden lenkt mich einfach ab.
Letzte Nacht haben die Vögel die ganze Nacht ein Konzert abgehalten. Habe das noch nie erlebt, bei uns hören die Vögel bald nach Sonnenuntergang auf zu singen aber hier ging es die ganze Nacht munter weiter. Irgendwann musste ich dann die Ohropax reintun weil ich einfach nicht einschlafen konnte bei dem Lärm…;-).
Wir sind heute ca. um 9.00 Uhr los und schon bald habe ich mich über das Gerede von Andrina genervt. Wir haben dann René und Jean-Claude getroffen und sind dann mit ihnen ein Stück zusammen gelaufen. In St. Maurice Surieux wollte Andrina noch eine Kirche besichtigen und ich hatte keine Lust auf sight seeing und bin weitergelaufen. Habe dann noch Markus aus Bern getroffen und bin mit ihm ein Stück gemeinsam gelaufen. Da er sehr gross ist und lange Beine hat war ich sehr schnell unterwegs. Konnte das Tempo aber nicht sehr lange mithalten und habe dann Pause gemacht und Markus ziehen lassen. Ich hatte aber alle anderen abgehängt und war von da an alleine unterwegs.
In Clonas sur Varèze hat mich Andrina schon erwartet (keine Ahnung wo sie mich überholt hat) und fast vorwurfsvoll gefragt warum ich nicht auf sie gewartet habe. Von dem Moment an war mir klar, dass ich wieder alleine weiter möchte und keine Lust mehr habe mit Andrina zu laufen. Ich bin zu Hause alleine gestartet und manchmal ist es schön wenn man eine zeitlang mit jemandem gehen kann aber ich habe keine Lust auf irgendeine Art von Zweierkiste wo man dann immer aufeinander warten muss.
Unser Gastgeber Daniel, wohnt in einem wunderschönen Haus welches er selber entworfen hat, mit einer einmaligen Aussicht auf das Tal und die Berge welche wir Morgen überqueren werden. Eine junge Österreicherin namens Agnes, welche in Klagenfurt gestartet ist, ist auch hier. Sie hat das Bett auf einer Empore oben und nun will sie ihren schweren Rucksack da hinauf bugsieren. Was sie alles so mit sich rumschleppt…;-).

La Croix Sainte Blandine, 19.5.2008 (22 km)

Heute Morgen sind Andrina, Agnes und ich von Clonas gemeinsam aufgebrochen. Monsieur Daniel war gar nicht zufrieden mit den 15 Euro welche wir ihm gegeben haben. Scheinbar war dies zu wenig aber er war auch nicht so nett und herzlich wie die anderen. Er war nicht wirklich an uns interessiert und die Unterhaltung beim Abendessen war eher verhalten.
Agnes ist schon seit 2 Monaten unterwegs. Sie ist die dritte Langzeitpilgerin welche ich bis jetzt angetroffen habe. Wir waren uns auf Anhieb sehr sympathisch.
Heute Abend sind wir in einer Jurte auf ca. 700 m. Es ist ganz schön frisch und ich hoffe, dass wir heute Nacht nicht frieren werden und mein Schlafsack warm genug ist. Die Kälte kommt so richtig vom Boden durch die Matratze.
Habe mich auch heute wieder von Andrina abgesetzt und war zum Teil alleine, mit Agnes und mit Jean-Claude und René unterwegs. Ich sollte mit Andrina reden, dass es für mich nicht mehr stimmt mit ihr zu laufen aber bis jetzt habe ich den richtigen Zeitpunkt noch nicht gefunden. Ja und wie man weiss bin ich nicht gerade ein Hirsch wenn es darum geht mich abzugrenzen…
Ansonsten war es eine wunderschöne Etappe heute und auch das Wetter hat gehalten. Hoffe, dass es auch Morgen noch so bleibt. Möchte Morgen bis Les Setoux kommen und dies sind ca. 27 km. Für mich ist das immer noch eine sehr lange Etappe, mal schauen ob es klappt.
Agnes kommt aus Graz und ist wirklich sehr nett und wir verstehen uns sehr gut. Irgendwie eine verwandte Seele. Hoffe, dass ich sie noch öfters antreffen werde bis Santiago. Sie ist auch ein Grund warum ich es bis Les Setoux schaffen möchte Morgen…;-).
Jean-Claude hat mich gefragt, ob ich ab Le Puy mit ihm zusammen laufen möchte, da René da aufhört aber ich möchte lieber alleine weiter. Bin viel mehr bei mir und im jetzigen Moment wenn ich alleine laufe. Zu zweit verbrauche ich zuviel Energie mit Reden und verlaufe mich auch eher da ich immer abgelenkt bin. Möchte mich auch nicht verpflichtet fühlen und gemeinsam Etappen planen. Dies ist mein Camino und ich möchte ihn so laufen wie ich will ohne mich Absprechen zu müssen.
Heute Abend sind Frank und Sylvie unsere Gastgeber und wir Frauen sitzen nur am Tisch, trinken selbst gemachten Sirup und himmeln Frank an. Er ist SEHR attraktiv und offen, nur hat er leider eine Frau und die ist zudem auch sehr nett. Leider gibt es erst um 20.00 Uhr Abendessen hoffe, dass ich bis dann nicht verhungert bin. Vor dem Essen machen wir noch einen Spaziergang zum Croix Sainte Blandine welches auf einem Hügel steht. Agnes und ich klettern auf das Kreuz hoch und geniessen die schöne Rundumsicht. Dann sehen wir Stefan, der Pilger welcher ohne Geld unterwegs ist, mit seinem Kamerateam ankommen und wollen schnell die Flucht ergreifen, da wir keine Lust haben gefilmt zu werden. Stefan will hier sein Zelt aufstellen und die Nacht verbringen. Wir werden später nochmals vorbeikommen um ihn ein bisschen zu erschrecken…;-).
Vor dem Essen spielen wir noch eine Runde Dart und ich bin wirklich sehr schlecht und verliere haushoch.
Das Essen mit Frank und Sylvie war sehr gut und wir haben uns bestens unterhalten. Frank ist daran das Haus umzubauen und ab nächstem Jahr wird es hier eine wunderschöne Gîte geben. Wir sind noch zu früh dran aber die Yurte ist auch einzigartig!
Nach dem Essen gehen Agnes und ich nochmal zum Kreuz und wir heulen wie die Wölfe um Stefan zu erschrecken aber er ist gar nicht zu Hause. Wahrscheinlich ist er mit dem Kamerateam Essen gegangen (nehme an sie haben ihn eingeladen). Wir klettern nochmals zum Kreuz hoch und sitzen einfach in Stille beisammen. Schön, dass es Pilger gibt mit welchen man das kann. Dann sehen wir plötzlich Scheinwerfer und ein Auto kommen. Stefan ist zurück mit seinem Kamerateam und wir ergreifen mal wieder die Flucht…;-).

Les Setoux, 20.5.2008 (27 km)

Heute war eine Riesenetappe und ich habe nach genau 4 Wochen meine erste Blase am grossen Zeh! Dies musste gleich fotografiert und dokumentiert werden. Endlich kommt mein erstes Compeedpflaster zum Einsatz…;-). Im Grossen und Ganzen ist es aber recht gut gelaufen. Ich laufe wieder alleine und in meinem eigenen Rhythmus und treffe Andrina nur noch selten und manchmal abends in der Gîte und das ist gut so.
Hier in Les Setoux ist es saukalt, immerhin liegt das Dorf auf knapp 1200 m. Liege eingemummelt in meinem Schlafsack um nicht zu erfrieren bis es Abendessen gibt. Der Herbergsvater ist gerade vorbeigekommen und hat die Heizungen eingeschaltet. VIELEN DANK AUCH!!!
Am Freitag bin ich bereits in Le Puy und es gibt Gerüchte, dass schon alles ausgebucht sein soll. Habe deshalb die erste Nacht im Acceuil St. François reserviert vor allem auch weil ich am Wochenende ankomme.
Ich freue mich auf Le Puy, dies ist bereits das dritte Mal, dass ich diese Stadt besuche und sie wird immer etwas spezielles für mich bleiben. Dieses Mal werde ich den Kreuzgang besichtigen und zur Notre Dame du Puy hinaufsteigen, dann habe ich alles besichtigt in Le Puy.
Jetzt bin ich bereits seit 4 Wochen unterwegs und bald habe ich das erste Drittel meines Caminos geschafft. Die Zeit vergeht wie im Fluge und ich habe noch gar keine Lust in Santiago anzukommen. Bin froh, dass das Ziel noch weit entfernt ist. Ich möchte es in vollen Zügen geniessen und jeden Moment auskosten. Ich glaube kaum, dass ich nochmals von zu Hause aus Richtung Santiago starten werde. Ich bin so glücklich, dass ich den Mut hatte diesen Camino zu gehen. Es ist ein riesiges Geschenk!
Ab Le Puy werde ich dann hoffentlich auch jüngere Pilger treffen. Im Moment bin ich mit meinen 47 Jahren praktisch immer die Jüngste. Auf dem Teilstück von Genf nach Le Puy sind vor allem Rentner unterwegs, keine Ahnung woran das liegt.
Auf dem Weg zum Abendessen begegne ich Contin, ein Franzose welcher auch zu Hause gestartet ist. Er schläft bei dieser Kälte draussen vor der Kapelle. Das ist richtig Hardcore, nichts für mich ich bin nämlich ein Weichei…;-). Ich liebe warme Zimmer und Daunenschlafsäcke.
Hier im Schlafsaal sind schon alle im Bett nur ich schreibe noch mit meiner Frontallampe in meinem Tagebuch. Agnes kommt gerade von ihrem Spazierganz zurück und benutzt auch ihre Frontallampe. Ganz schön praktisch dieses Ding!
Es war sehr anstrengend Heute und das letzte Stück bin ich nur noch geschlichen aber trotzdem bin ich sehr stolz auf mich. Langsam bin ich richtig fit und kann auch längere Etappen laufen wenn auch nicht alle Tage. Meine linke Ferse schmerzt noch immer aber am nächsten Tag geht es immer wieder. Schmerz scheint mein ständiger Begleiter zu sein auf dem Camino.
Stefan schläft heute auch in der Gîte. Er ist den Camino letztes Jahr schon gelaufen und wollte dieses Jahr ausprobieren ob es auch ohne Geld geht. Das Kamerateam kommt auch gerade in den Schlafsaal um zu filmen wie er auf dem Bett liegt. Wir stellen viele dumme Fragen und lachen viel. Dummerweise kann er kein Französisch und dann muss er immer andere Pilger fragen welche für ihn Übersetzen wenn es darum geht wo er schlafen kann. Er probiert irgendwie seine Dienste anzubieten damit er gratis übernachten kann. Ehrlich gesagt reisst sich niemand darum für ihn zu Übersetzen. Ich könnte das nicht ohne Geld unterwegs sein und ständig andere Leute um Hilfe fragen. Wahrscheinlich ist das aber eine gute Übung denn sicherlich macht das einem demütig wenn man immer um Hilfe fragen muss.
Tence, 21.5.2008 (26 km)
Heute bin ich um 8.15 in Les Setoux los. Es war ziemlich kalt und windig. Ab und zu hat die Sonne geschienen aber es war vor allem kalt. Bis Montfaucon ist es eigentlich ganz gut gelaufen. Als ich da ankam taten mir aber schon die Füsse ziemlich weh. Habe dann eine Stunde Pause gemacht und ein Sandwich gegessen. Nachher kam ich fast nicht mehr in die Gänge. Unterwegs habe ich dann noch meine Blase aufgestochen und ein Compeedpflaster daraufgeklebt. Ich habe es singend und betend trotz meiner schmerzenden Füsse bis Tence geschafft.
Bin mit Agnes in einem Acceuil Jacquaire und wir haben beide ein eigenes Zimmer bekommen. Luxus pur! In der Yurte war es zu kalt und die Gastgeber haben uns dringend davon abgeraten. Es brauchte nicht viel um uns zu überzeugen uns in ein richtiges Bett zu legen…;-).
Dominique und Laurent sind in meinem Alter und haben 4 erwachsene Kinder zw. 16 und 23 Jahren. Zusätzlich haben sie noch Yasmina aufgenommen, eine 41-jährige Algerierin aus schwierigen familiären Verhältnissen mit psychischen Störungen. Die Franzosen scheinen wirklich keine Nachwuchsprobleme zu haben, hier sind kinderreiche Familien immer noch sehr häufig. Der Abend war nett wenn auch anstrengend. Nach dem Gehen ist man manchmal so müde und hat eigentlich gar keine Lust mehr sich zu unterhalten und Konversation zu machen. Man würde sich am liebsten einfach nur ins Bett legen… aber man kann die Gastgeber auch nicht vor den Kopf stossen.
Übermorgen bin ich in Le Puy. Vor Le Puy gibt es einen Aussichtspunkt den Montjoie, wie der Monte de Gozo in Spanien, wo man die Stadt zum ersten Mal sieht. Freue mich riesig darauf.

St. Julien Chapteuil, 22.5.2008 (26 km)

Schon wieder so eine lange Etappe aber meine Füsse tun nicht gar so weh wie gestern. Es war ein sehr schöner Tag und ich bin wieder ganz alleine gelaufen.
Morgen werde ich früh aufstehen und zeitig loslaufen. Es sind zwar nur 18 km bis Le Puy aber wenn ich schon am frühen Nachmittag ankomme habe ich noch viel Zeit einige Dinge zu erledigen. Freue mich darauf im Acceuil St. François ankommen zu können.

Le Puy-en-Velay, 23.5.2008 (18.5 km)

Bin im Acceuil St. François und fühle mich zum ersten Mal seit langem wieder etwas verloren. Ein wichtiger Wegabschnitt ist zu Ende gegangen und ein neuer Weg beginnt. Es ist wie wenn man wieder von vorne beginnen würde. Es ist auch nicht einfach Ruhetage einzulegen wenn alle anderen weiterziehen oder nach Hause fahren. Agnes wird morgen schon weitergehen, leider, hoffe sie aber irgendwann wiederzusehen. Ich fühle mich aber sehr müde und meine Füsse haben auch eine längere Pause verdient. Werde Samstag und Sonntag in Le Puy bleiben und erst am Montag Richtung St. Privat d’Allier aufbrechen.
Habe mir heute Trekkingsandalen gekauft und meine Turnschuhe werde ich Morgen nach Hause schicken. Leider ist das Paket welches ich gekauft habe zu klein und es passen nur gerade die Schuhe rein. Meine Reiseführer werde ich wohl dalassen müssen.
Muss mich erst noch an die Sandalen gewöhnen und dies ist auf dem Kopsteinpflaster in Le Puy gar nicht so einfach. Fühle mich wie auf Eiern…;-).
Heute Morgen habe ich mir einen Kaffee und ein Croissant in der Bar gegönnt bevor ich in St. Julien Chapteuil gestartet bin. Bin dann ganz beschwingt Richtung Le Puy losgelaufen. Vom Montjoie aus habe ich tatsächlich zum ersten Mal Le Puy gesehen und dann waren es aber immer noch 8 km bis man endlich in der Kathedrale ist. Es war wunderschönes Wetter und die Aussicht war den ganzen Tag grandios.
Dieses Mal war ich nicht so aufgelöst wie das letzte Mal als ich hier in Le Puy angekommen bin aber es ist trotzdem sehr schön hier zu sein. Ich bin vor allem unheimlich stolz auf mich habe jetzt nämlich schon 630 km zurückgelegt…;-). Würde eigentlich noch gerne raus gehen und meine Mitpilger suchen aber ich bin einfach zu müde. Morgen muss ich bis 8.30 das Zimmer verlassen. Werde meinen Rucksack hier lassen, da ich erst ab 15.00 Uhr in den Relais St. Jacques kann.
Le Puy, 24.5.2008
Heute beim Frühstück habe ich Michael getroffen welcher auch im Acceuil Jacquaire in Valencogne war. Haben uns darüber ausgetauscht wie schwierig Ruhetage sein können und dass man teilweise in ein richtiges Loch fällt aber für die Erholung des Körpers sind solche Tage wichtig. Dann musste er auf den Zug welchen ihn zurück nach Deutschland bringt. Er wird den Weg wahrscheinlich in einem Jahr fortsetzen. Als ich die Gîte verlassen wollte habe ich Konstantin und Michael getroffen. Dies sind zwei total süsse Berner welche ich zum ersten Mal kurz nach Clonas sur Varèze getroffen habe. Sie wollen ein Jahr unterwegs sein und sich mit Musik (Didgeridou) etwas Geld verdienen. Sie werden auch nicht nur dem Jakobsweg folgen denn sie wollen auch nach Barcelona. Bin mit ihnen ins Tam Tam gegangen, eine Bar mit Internet wo man auch frühstücken kann. Agnes konnten wir übrigens auch noch überzeugen in Le Puy zu bleiben und mit uns auszuhängen. Wollte hier eigentlich meinen Blog aktualisieren und habe dann festgestellt, dass ich nicht mehr reinkomme. Habe es 100 mal probiert und sogar Benutzerwort und Passwort in ein Textfile geschrieben aber es hat einfach nicht geklappt. Habe es dann völlig entnervt aufgegeben. Scheinbar war meine e-mail Adresse nicht mehr gültig weil ich mein Cablecom-Abo gekündigt hatte. Habe den Blog losgelassen und beschlossen, dass es einfach nicht sein soll. Wenn ich ehrlich bin hat es mich auch gestresst immer ein Internet zu suchen und von der französischen Tastatur reden wir schon gar nicht, denn die treibt einem zum Wahnsinn. Ja und ich will ganz bestimmt keinen Stress auf meinem Camino!
Abends sind wir dann alle zusammen Essen gegangen. Zuerst haben Agnes und ich noch bei strömendem Regen auf Michael und Konstantin gewartet aber sie kamen und kamen nicht. Habe dann beschlossen schon mal ins Restaurant zu gehen da ich um 22.00 Uhr im Relais St. Jacques sein musste weil sie um diese Zeit die Türen schliessen.
Nach dem Essen bin ich zusammen mit Elke nach Hause gelaufen und wir haben den Weg fast nicht mehr gefunden, da die Kathedrale geschlossen war. Habe es dann aber doch kurz vor 22.00 zurück in die Gîte geschafft. Bin freudig hereingestürmt und wurde gleich mit einem dreifachen Psssssssst empfangen. Oje, war ich mal wieder zu laut. Habe dann beschlossen am nächsten Tag nochmals umzuziehen nämlich ins Grand Seminaire, da kann man rein und raus wie man will und muss sich an keine Sperrstunde halten.
Das Dortoire hier ist sehr speziell, es besteht aus kleinen Kabinen mit einem Vorhang davor. Frauen und Männer sind in getrennten Räumen. Hat irgendwie etwas von einem Lazarett. Die Luft im Schlafsaal ist schier gestanden und es hat gestunken. Leider konnte ich kein Bett am Fenster ergattern, das tue ich meistens wenn es irgendwie geht. Habe nämlich festgestellt, dass die meisten am liebsten mit geschlossenem Fenster schlafen und da kriege ich die Krise. Ich brauche Luft zum atmen! Zudem hat eine der Frauen geschnarcht wie ein Weltmeister! Habe mich dann aufs Bett gelegt, eine Schlaftablette genommen und mit meinem i-Pod Ekhart Tolle gehört. Als ich müde wurde; Ohropax rein und schlafen.

Le Puy, 25.5.2008

Heute stand ich um 8.00 Uhr morgens schon wieder auf der Strasse und bin bei Wind und Regen im ausgestorbenen Le Puy herumgeirrt. Zuerst habe ich noch meinen Rucksack ins Grand Seminaire reingeschmuggelt. Agnes hat mir am Abend vorher den Code der Eingangstüre mitgeteilt. Am Sonntag ist hier alles zu vor allem die Bars waren nicht offen damit man einen Kaffee hätte trinken können. Bin dann später wieder ins Grand Seminair zurückgegangen und habe im Esssaal Michael, Konstantin und Agnes getroffen. Habe mit ihnen zusammen gefrühstückt und dann auch gleich ein Zimmer bekommen. Musste Gott sei Dank nicht bis 16.00 Uhr warten, dann macht die Herberge nämlich offiziell auf, bei diesem Sauwetter! Hätte echt nicht gewusst was ich bis 16.00 Uhr machen soll. Ich habe ein riesiges Zimmer mit einem Doppelbett bekommen und die anderen waren alle ganz neidisch. Es sind dann auch alle immer wieder zu mir rübergekommen und das war richtig schön. Agnes hat uns allen eine Shiatsu-Sitzung gegeben und dies war ein wunderbares Geschenk. Habe mich danach wie neugeboren gefühlt. Sie macht das richtig toll! Werde sie dann mal zum Essen einladen als Gegenleistung, wenn sie mir nicht schon bald davon läuft. Denn sie läuft eigentlich grössere Etappen wie ich. Sie ist wirklich total sympathisch und wir hatten von Anfang an einen guten Draht miteinander. Hoffe, dass sie mir noch eine zeitlang erhalten bleibt.
Michael und Konstantin werden Morgen Richtung Arles weiterziehen und Agnes und ich nehmen die Via Podiensis. Wir werden heute Abend im Grand Seminaire zu Abend essen und anschliessend noch zusammen mit Elke was trinken gehen.

30.4. – 6.5.2008 von Noiraigue nach Genf

Heute bin ich nun in Genf angekommen und habe nach langem Suchen endlich enen Platz zum Schlafen gefunden. Bin im Heim der Töchter untergekommen..;-), ist mir eigentlich egal wo Hauptsache ich habe einen Platz zum Schlafen. Habe schon auf dem Weg hierher versucht telefonisch etwas zu reservieren aber überall habe ich nur ein „nous sommes complet“ zur Antwort erhalten. War schier am verzweifeln und habe mir schon überlegt, direkt nach Frankreich weiterzulaufen. Das wären dann nochmal ca. 10 km gewesen und ich habe einiges zu erledigen in Genf. Muss z.B. die Sachen ersetzen, die ich unterwegs liegengelassen oder verloren habe, wie z.B. mein Sackmesser oder mein Duschgel. Genf ist eine riesige Stadt aber die Altstadt ist wunderschön. Jetzt habe ich bereits seit einer Woche nichts schreiben können und weiss gar nicht wo ich anfangen soll.

Von Neuchâtel bin ich dann Abends mit dem Zug nach Noiraigue gefahren und hatte wie so oft das Dortoire (Massenlager) für mich alleine. War ein bisschen öde da und im Restaurant haben sie gerraucht wie blöde. Habe mich dann ziemlich schnell verzogen und bin früh zu Bett gegangen. Das Frühstück für den nächsten Tag hat mir die Madame gleich mitgegeben da sie am nächsten Tag frei hatte und natürlich nicht aufstehen wollte. Für mich war das auch Ok da ich so früh los konnte da sie für den nächsten Tag ab Mittag Regen vorausgesagt hatten.
Ich war dann um 6.45 schon unterwegs und bin den Creux du Van raufgestiegen. Um 8.15 war ich schon auf dem Soliat und habe mich mal wieder gefragt, ob ich eigentlich noch alle Tassen im Schrank habe. Da oben war es saukalt, es ging eine eisige Bise und ich lief Mutterseelenallein da oben rum. Dafür habe ich Gemsen gesehen und dann gedacht, dass ich vielleicht doch nicht ganz alleine bin. Ich war ziemlich flott unterwegs da es konstant nach Regen aussah. Kurz vor La Combaz kam ich auf eine Hochebene und da hat es fast schon gestürmt und mich schier davon geblasen. Habe dann in beschlossen in La Combaz den Bus zu nehmen und bis Ste-Croix zu fahren. La Combaz war aber leider kein Ort sondern nur ein Restaurant welches auch noch zu hatte. Bei der Bushaltestelle gab es keinerlei Angaben wann der nächste Bus fährt. Das Wetter wurde immer schlechter und ich bin dann der Strasse entlang gelaufen und wollte Autostopp machen. Nach langer Zeit hat dann auch wirklich ein Auto gehalten und ein Vater mit seinem Sohn hat mich mitgenommen. Zuerst wollten sie mich nur bis zur nächsten Verzweigung mitnehmen doch dann fing es so heftig an zu schneien, dass sie Mitleid mit mir hatten und mich bis Ste-Croix gefahren haben. Dafür war ich Ihnen endlos dankbar. Habe mich dann in das nächste Café gesetzt und erst mal abgewartet dass es aufhört zu schneien, dann habe ich mir eine Bleibe gesucht und war froh nicht mehr weiter zu müssen. Am nächsten Tag sollte das Wetter etwas besser werden hatten sie vorausgesagt.
Am nächsten Tag bin ich relativ spät los da es erst ab 8.15 Frühstück gab. Das Wetter war besser als am letzten Tag. Es war zwar immer noch saukalt und ab und zu gab es ein paar Graupelschauer aber im grossen und ganzen war es zum aushalten. Bin mal wieder eine ganze Etappe bis Vallorbe gelaufen. Mein Verstand hat mir auch wieder ein paar mal gesagt, dass ich wohl bescheuert sein muss aber ich habe einfach versucht die Stimme in meinem Kopf zu ignorieren und dies ist mir auch ganz gut gelungen. Ich hätte dann den Berg Le Suchet besteigen sollen und innerlich habe ich mir ganz fest gewünscht, dass es doch eine Abkürzung gibt und ich nicht da rauf muss, weil es doch so kalt war. Ich bin dann in der Grange Neuve abgestiegen und habe einen Kaffee getrunken und mich am offenen Feuer aufgewärmt. Dann bin ich weiter und prompt wie auf Bestellung kam die gewünschte Abkürzung. Ich war so glücklich und bin ganz beschwingt weitergelaufen. Irgendwie scheinen meine Gebete immer erhört zu werden und wenn ich Hilfe brauche kriege ich sie auch. Das ist ein gutes Gefühl und macht mich total dankbar. Ich konnte nie lange Pausen machen denn jedes Mal wenn ich mich hingesetzt habe und gerade fertig mit meinem Brötchen war kam wieder ein Graupelschauer und ich musste schnell weiter. Ich war dann dementsprechend müde und die letzten 4 km bis Vallorbe bin ich nur noch geschlichen. War dann froh, als ich in der Augerge pour tous angekommen war und endlich meine Füsse hochlegen konnte.
Von Vallorbe bin ich dann nach Le Pont. Dies war ein kurze Etappe bei schönem Wetter und ich habe mir Zeit genommen etwas Sight seeing zu machen. Zuerst habe ich die Grotten von Orb besucht. Das war sehr beeindruckend und auch etwas unheimlich. Ist irgendwie ein komisches Gefühl soviel Fels über einem zu wissen, man fühlt sich ein wenig eingesperrt. Aber es ist wirklich sehr empfehlenswert und sehr schön gemacht für die Touristen. Mit viel Beleuchtungseffekten….;-). Man sieht auch den Fluss Orb welcher hier unterirdisch durch die Grotte verläuft. Ich war aber trotzdem froh als ich wieder draussen war.
Dann ging es weiter zum Dent de Vaulion ein Aussichtsberg wo man eine wunderschöne Aussicht hat über den Lac Leman. Habe da sogar jemanden von Basel getroffen welcher auch gerade eine Auszeit gemacht hat…;-).
In Le Pont bin ich in einem wunderschönen Hotel direkt am Lac de Joux abgestiegen und habe mich mit Eglifilet verwöhnen lassen. Schliesslich war heute ja mein Touristentag!
Von Le Pont ging es dann auf den Col dur Marchairuz. Ja das war vielleicht eine abenteuerliche Etappe, bin ehrlich gesagt froh, dass ich sie heil überstanden und mich nicht irgendwo da oben verlaufen habe. Ich bin stundenlang durch den Schnee gestapft und war eigentlich nur froh, dass ich den Spuren im Schnee folgen konnte, denn Wegweiser hat man nicht wirklich gesehen. Ich habe mir mehrmals überlegt umzukehren denn es kam mir schon fast leichtsinnig vor so in den Bergen zum zu laufen. Ich war schon fast etwas am verzweifeln und habe mir gesagt wenn ich bis zu diesem Punkt 50 m vor mir niemanden treffe oder ich keinen Grund auf Hoffnung habe, dass ich es schaffen kann, kehre ich um. Als ich zu diesem Punkt kam lief da vor mir ein Paar und ich konnte es mal wieder nicht fassen, dass mein Gebet so schnell erhört wurde. Ich bin ihnen dann einfch hinterher gelaufen und habe mir immer gesagt, dass ich sie einfach nicht aus den Augen verlieren darf. Kurz vor dem Mont Tendre haben sie dann Pause gemacht und ich bin ziemlich orientierungslos und schon fast in Panik rumgelaufen. Habe mich schon gesehen wie ich mich verirre und elendiglich sterbe da oben auf 1600 m. Habe mir dann ein Herz genommen und das Paar nach dem Weg gefragt und die haben mich dann wieder auf den richtigen Weg geschickt. Ohne sie wäre ich komplett verloren gewesen. Endlich war ich dann auf dem Gipfel des Mont Tendre auf 1680 m und da oben hatte es ganz viele Leute und ich war total glücklich nicht mehr allein zu sein. Auf dem Weg runter ging es dann im gleichen Stil weiter, bin stundenlang durch den Schnee gestapft und habe immer wieder den Weg gesucht. Aber immer wenn ich wirklich Hilfe brauchte kam sie auch entweder in Form einer Person oder eines Wegweisers. Ich habe auch immer wieder einen Vater mit 2 Söhnen getroffen und dies hat mir auch geholfen diesen Tag zu überstehen. Ich bin dann fix und fertig auf dem Col du Marchairuz angekommen und habe mich überglücklich diesen Tag überlebt zu haben auf das Bett gelegt.
Vom Col du Marchairuz ging es dann nach St. Cergue wo ich in einem Hotel gelandet bin wo es so richtig unsymphatisch war. Hatte das erste Mal das Gefühl, so richtig über den Tisch gezogen zu werden. Aber lassen wir das es lohnt sich nicht mal darüber zu schreiben. Ansonsten war es ein wunderschöner Tag mit strahlenden Sonnenschein. Verglichen mit dem vorigen Tag war es heute ein Spaziergang. Am Anfang bin ich noch im Schnee rumgestapft aber wirklich erschüttern konnte mich das nicht mehr. Habe auch noch ein paar Mal den Weg gesucht aber nach dem gestrigen Tag war das Peanuts.
Am nächsten Tag bin ich dann weiter nach Founex. Hätte eigentlich noch die zweithöchste Erhebung des Juras nämlich den Mont Dôle besteigen müssen aber nach den Erfahrungen auf dem Mont Tondre habe ich mir das geschenkt und bin direkt runter nach Nyon. In Nyon habe ich mir dann im Touristenbüro Infomaterial mit Uebernachtungsmöglichkeiten vom Schweizer Jakobsweg geben lassen. Der Schweizer Jakobsweg scheint vor allem aus einem zu bestehen nämlich aus Strassen auf dem der arme Jakobspilger dann seine Füsse ruiniert. Zum ersten Mal haben mich meine Füsse so sehr geschmerzt, dass ich Abends fast nicht mehr laufen konnte und das dank der geteerten Strassen. Na ja dies war wahrscheinlich die Strafe dafür, dass ich den zweithöchsten Berg des Juras gemieden habe…;-). Der Jura-Höhenweg ist wirklich sehr zu empfehlen, er ist sehr schön und man läuft praktisch nie auf Strassen. Das nächste Mal würde ich aber erst im Juni loslaufen…;-).
Ja und heute bin ich also von Founex nach Genf wobei ich das letzte Stück den Zug genommen habe damit ich mehr Zeit für die Zimmersuche habe. Es war praktisch wieder alles auf der Strasse aber landschaftlich sehr schön.
Ja und jetzt bin ich in Genf und wenn ich im Töchterheim 2 Nächte bleiben kann gibt es Morgen einen Ruhetag bevor es in Frankreich weitergeht. Von den Finanzen her bin ich froh, dass ich die Schweiz bald hinter mir habe denn es war ziemlich teuer. Musste öfters im Hotel übernachten da es einfach nichts anderes gab und unter 100.- Franken kommt man dann selten weg.
So jetzt seit ihr wieder informiert. Mir geht es im grossen und ganzen sehr gut und auch meine Füsse machen bis jetzt gut mit. Freue mich auf das Abenteuer Frankreich. Bis bald. Françoise

27.4. – 29.4.2008 Von Le Bémont nach Neuchâtel

Neuchâtel, 29.4.2008

Nun bin ich also in Neuchâtel gelandet, lag eigentlich nicht auf meiner Route. Heute morgen in Les Vue des Alpes auf 1280 m habe ich aus dem Fenster geschaut und da hat es geschneit. Habe mich einfach nicht getraut eine Bergtour auf ca. 1400 m Höhe zu machen, bei Schnee und ganz alleine ausserdem macht das Militär auf dieser Strecke noch Schiessübungen. Habe deshalb mein Programm kurzfristig umgestellt und bin runter nach Cernier gelaufen um dort den Bus zu nehmen nach Neuchâtel. Jetzt scheint wieder die Sonne aber was solls, ich werde mir jetzt einen ruhigen Tag gönnen, ein paar Sachen erledigen wie z.B. meinen Blog auf dem laufenden halten. Auch ist gestern mein i-Pod ausgestiegen und ich war total traurig, da es meine einzige Möglichkeit ist mich etwas zu unterhalten. Habe mir auch soviel Mühe gegeben alles was ich brauche darauf zu laden. Meinen Spanischkurs, das Hörbuch die vier Säulen, spirituelle Texte und natürlich meine Musik. Gestern im Hotelzimmer wollte ich gerade mit dem Hörspiel anfangen, draussen hat es geregnet und es war richtig eklig. Habe es mir im Bett gemütlich gemacht und dann ging nichts mehr. Da hiess es wieder mal loslassen und ich habe auch gesehen, wie abhängig ich schon von meinem i-Pod bin. Vorher war ich in einem Mac-Shop und die haben gemeint man müsse ihn nur aufladen (Ha, ha, ha). Habe ich ja gestern versucht aber das ging auch nicht aber es sollte scheinbar einfach nicht sein.
Heute Abend werde ich den Zug nach Noiraigue nehmen, das war eigentlich das Etappenziel des heutigen Tages und schauen ob ich Morgen dann weiterkomme. Das Wetter soll zwar die nächsten 2 Tage ziemlich regnerisch sein. So ich werde jetzt die letzten paar Tage ein wenig zusammenfassen damit ihr seht wo ich überall war.
Von Le Bémont bin ich weiter nach La Cibourg. Es war ein wunderschöner Frühlingstag und ich habe zum ersten Mal so richtig Sonnencrème gebraucht. Auch hatte ich zum ersten Mal richtige Glücksgefühle unterweg zu sein. Ich kriege dann am ganzen Körper eine Hühnerhaut und eine tiefe Freude steigt in mir auf. Es war auch eine wunderschöne Wanderung über Weiden, Wiesen und lichte Wälder. Aber wie das halt so ist hält diese Freude auch nicht ewig und später wurde es mir dann zum ersten Mal mulmig als ich zwischen den Kühen hindurch musste.  Da habe ich nämlich immer Angst und wenn ich es irgendwie vermeiden kann dann mache ich das auch. Dieses Mal bin ich am elektrischen Zaun aussen rum bis kurz vor dem Gatter und habe mich dann unter dem elektrischen Zaun mit meinem Rucksack unten durch gezwängt. Dann bin ich schnell zum Tor und raus. Puuuhhhhh, nochmal davon gekommen. Es ist ja nicht so, dass Kühe generell aggressiv sind aber ich habe es einmal erlebt als ich mit Willi unterwegs war und wir über den Stachelzaun flüchten mussten. Willi hat sich dann noch die Hose zerissen.
Kurz vor La Ferrière habe ich mich dann noch so richtig über die Jurassier geärgert welche beim Höhenweg ständig die Wege neu verlegen und zwar so, dass man richtige Umwege machen muss und am Schluss merkt man dann, dass man einfach die Strasse ein Stück geradeaus hätte weiterlaufen müssen. Ist ja nett gemeint, dass man nicht auf der Strasse laufen muss aber ich ziehe es vor wenn ich nicht unnötige Umwege dafür machen muss. Man macht dann immer noch zusätzliche Kilometer und meistens dann wenn man sowieso schon nicht mehr mag.
In La Ferrière habe ich dann meinen Aerger über die Jurassier mit einem Panaché runtergespült und dann war meine Welt auch schon wieder in Ordnung. Vor allem wenn man in einer symphatischen Gartenwirtschaft sitzt und einem die Sonne ins Gesicht scheint, da kann man ja nicht lange sauer sein…;-).
Bin dann ganz beschwingt weiter nach La Cibourg auf den Campingplatz gewandert. Da hatte ich das ganze Massenlager für mich alleine. Das war wie ein riesiges Appartement mit Wohnzimmer, Küche usw. Habe mir abends dann den Tatort reingezogen, eingemummelt in meinen Schlafsack im riesigen Fauteuil. In die Betten konnte ich mich quer reinlegen…;-).
Von La Cibourg bin ich dann erst so um 10.00 los da ich nur eine kurze Etappe bis la Vue des Alpes geplant hatte. Zwischen La Vue des Alpes und Noiraigue gibt es sonst nichts zum übernachten und da auf den Nachmittag Regen vorhergesagt war, war mir das auch ganz recht so. Bin bei Sonnenschein los und dann hat es immer wie mehr zugemacht und nach einer Stunde hat es dann angefangen zu regnen. Kurz vor den ersten Tropfen habe ich noch eine Pause gemacht, das war perfektes Timing. Der Regen war nicht sehr stark aber ich war froh, dass es nicht mehr weit war. Es ging dann noch durch den Wald und steil den Berg hinauf. Ich habe gekeucht wie eine Dampfwalze…;-). Mein Muskelkater ist seit gestern weg und überhaupt habe ich bis jetzt nur wenig Probleme mit meinem Körper. Habe nur Probleme mit dem Wetter! Hoffe, dass ich Morgen weiter kann. Vielleicht gibt es halt wieder nur eine kurze Etappe. Morgen geht es auf den Creux du Van und ich hätte mir dieses Mal gewünscht, dass es schönes Wetter gibt, da ich letztes Mal als ich mit Willi unterwegs war auch schon bei strömendem Regen unterwegs war. Na ja wir werden ja sehen. So ich mache jetzt Schluss mit meinem Eintrag von heute und melde mich dann wieder wenn mir ein Computer mit Internetanschluss über den Weg läuft. Man trifft sie nicht an jeder Ecke hier im Jura auf dem Höhenweg…;-).

23.4. – 26.4.2008 von Basel nach Le Bémont

am donnerstag bin ich dann um 9.00 los und zwar nochmal eine kurze etappe bis Kleinlützel. dort bin ich im gasthaus zum engel abgestiegen und hatte ein zimmer ganz für mich alleine. war schon ziemlich früh in Kleinlützel und habe dann noch einen ausflug nach röschenz gemacht. Leider habe ich pfarrer szabo nicht angetroffen, sonst hätte ich mir von ihm noch einen pilgersegen geben lassen. das wetter hatte es bis anhin gut mit mir gemeint, nur ab und zu ein paar regentropfen aber nicht mal genug um die regenpellerine auszupacken.
am abend habe ich mir dann mit ein paar leuten vom dorf den fussballmatch YB – Luzern reingezogen und habe mich natürlich gefreut, dass YB verloren hat…;-).

am freitag morgen als ich beim frühstück sass habe ich mal kurz zum fenster rausgeschaut und es hat in strömen geregnet. es hat dann aber bald aufgehört und mehr als ein paar tropfen habe ich nicht abgekriegt. es sah aber den ganzen tag grau und trübe aus und ich habe jeden moment einen regenschauer erwartet. er kam aber gott sei dank nicht. dies war meine erste richtige etappe bis Les rangiers und abends war ich fix und fertig. eigentlich hätten es nur 20 km sein sollen aber die haben im jura die wege teilweise anderst angelegt und schlussendlich habe ich bestimmt 25 km gemacht, wenn nicht mehr. ich bin zum ersten mal an meine grenzen gestossen und habe mich mal wieder gefragt, warum ich mir das eigentlich antue. Hatte mal wieder keine antwort aber ich weiss dass so momente vorbeigehen. 
gegen schluss der etappe habe ich mich dann noch verlaufen und habe dann völlig verzweifelt im hotel angerufen wo ich ein zimmer reserviert hatte um nach dem weg zu fragen. die frau am telefon hat mir dann den weg erklärt und schlussendlich habe ich es dann doch noch gefunden. Ich habe dann noch schnell mit willi telefoniert weil ich jemanden gebraucht habe der mich aufstellt. willi bringt mich immer zum lachen und dann geht es mir gleich wieder besser. Ich war total müde und erschöpft. im restaurant habe ich dann mit einem wanderpäarchen zu abend gegessen.
Ich bin dann ins bett und habe 2 panadol geschluckt weil mir mein rücken und meine füsse so richtig weh getan haben. in diesem moment habe ich geblaubt, dass ich am nächsten tag keinen einzigen schritt mehr machen kann.

Heute morgen, am 26. april bin ich dann wieder früh los zusammen mit dem wanderpaar. es war strahlend schön aber kalt. die strecke von les rangiers nach saignelegier ist bekannt als panoramaweg und es ist wirklich sehr schön. man geht viel über weiden und durch lichte wälder. teilweise kommt es einem vor wie im Märchen. ich hatte immer mal wieder krisen zu überstehen weil mir die füsse so weh taten aber schlussendlich habe ich es dann doch bis zur jugendherberge in le bemont geschafft. so ich muss aufhören, das ist so mühsam mit dieser tastatur es ist zum verzweifeln. Ich melde mich dann wieder.

Le Bémont, 26.4.2008
endlich, endlich bin ich an einem ort wo es Internet hat. werde alles in kleinschrift schreiben da die tastatur echt mühsam ist.
Ich bin am letzten Mittwoch in basel vom Neuwilerplatz gestartet und habe nur eine kurze etappe bis Mariastein gemacht. es war ziemlich nass und rutschig, da es die tage vorher ja ausgiebig geregnet hatte. Prompt bin ich natürlich ausgerutscht und habe danach ausgesehen als hätte ich in die Hosen geschissen. dabei hatte mich ein nettes ehepaar noch gewarnt ich solle auf der strasse bleiben da es so rutschig sei aber eben wer nicht hören will muss fühlen. Ich habe mich vor biel-benken auch noch verirrt und eine ausländerin hat mir dann den weg gezeigt. war irgendwie lustig. Ich war dann um 15.00 schon in Mariastein und um 15.30 ist dann silvie mit dem bus gekommen. sie wollte zuerst die etappe mitlaufen hatte dann aber schmerzen im fuss und dann ist sie nach Mariastein gefahren um mich zu verabschieden. wir sind dann zusammen in die gnadenkapelle und ich habe eine Kerze angezündet und um Schutz auf meinem Weg gebetet.

silvie ist dann mit dem bus nach hause gefahren und ich habe noch den kurzen weg bis zur jugendherberge zurückgelegt. die jugendherberge von Mariastein-rotberg ist in einer burg untergebracht und man fühlt sich zurückversetzt ins mittelalter. Ich habe meine erste Nacht im schlafsaal gut überstanden aber ausser mir hatte es auch nur einen Mann mit 2 kindern.

Vorbereitung meines Caminos April 2008

Basel, 18. April 2008
Morgen ist Zügeltag und dies ist mein letzter Eintrag bevor ich meinen Computer abbaue. Mal schauen ob ich nochmal dazu komme etwas zu schreiben bevor ich gehe.
Diese Woche war sehr anstrengend und ich bin froh wenn der Umzug vorbei ist. Habe jetzt schon überall Muskelkater und die Füsse tun mir weh dabei hat das Möbel schleppen noch gar nicht begonnen.
Ein bisschen Wehmut ist ja schon dabei wenn ich denke, dass dies meine letzte Nacht in meiner Wohnung ist. Habe heute nochmal auf dem Balkon zu Mittag gegessen, es war ein wunderschöner Frühlingstag mit Temperaturen um die 20 Grad. Habe dieses Wetter schon mal für meinen Starttag vorbestellt…;-). Wäre einfach froh, wenn ich nicht im strömenden Regen los laufen müsste.
So, ich mache jetzt noch einen gemütlichen Fernsehabend und dann werde ich früh schlafen gehen. Will morgen früh aufstehen damit ich die restlichen Sachen noch erledigen kann, heute mag ich einfach nicht mehr.

Basel, 12. April 2008
Ich hatte gestern meinen letzten Arbeitstag und Abends war ich noch mit meinen Kolleginnen Essen. Der Abschied war tränenreich und hat mich sehr berührt. Eine lange Zeit der Zusammenarbeit ist nun zu Ende und etwas ganz neues fängt an, für mich und natürlich auch für meine ehemaligen Arbeitskolleginnen. Viel Unsicherheit was meine Zukunft betrifft und ganz viel Neugierde wie es weiter geht. Irgendwie fühle ich mich total leicht wie wenn ich in einer Luftblase schweben würde. Hoffe, dass die Luftblase nicht platzt und ich ganz unsanft in der Realität landen werde…;-). Ich lasse im Moment Schritt für Schritt mein altes Leben los, das bringt viel Unsicherheit ist aber auch sehr befreiend. Ich möchte viel Platz für Neues schaffen in meinem Leben. Ich freue mich darauf ein ganz neues Buch in meinem Leben aufzuschlagen.

Jetzt gönne ich mir noch ein ruhiges Wochenende und dann heisst es langsam Zügelkisten packen. Am nächsten Samstag kommt der nächste Schritt nämlich meine Wohnung aufgeben und die Möbel bei Willi einstellen. Bin froh wenn der Umzug vorbei ist.

Basel, 9. April 2008
Es sieht so aus als würde ich geprüft bevor ich los laufe. Ich habe meine dritte Erkältung in 3 Monaten. War noch nie in meinem Leben so oft krank und trotzdem zweifle ich nicht mehr daran, dass ich in 2 Wochen los marschieren werde.
Meine grösste Angst war von Anfang an, dass ich meinen Job und meine Wohnung künde und dann aus irgendeinem Grund nicht gehen kann. Ja und seit ca. 3 Monaten lässt mich mein Körper wie ich meine im Stich indem er dauernd krank ist. Ich bin in letzter Zeit öfters nachts aufgewacht völlig in Panik, dass ich nicht werde gehen können und ich war mir in dem Moment absolut sicher, dass es so sein wird. Am Morgen sah dann wieder alles anders aus und ich habe mich gefragt, was eigentlich mit mir los ist.
Diese Tage ist mir nun klar geworden, dass überhaupt nichts schief gehen kann. Denn ich wollte schon lange eine Änderung in meinem Job und meine Wohnung wollte ich langfristig auch nicht behalten. Die Entscheidung diesen Camino nach Santiago zu gehen hat mir einfach geholfen endlich meinen Job los zu lassen.
Seitdem ist eine grosse Last von meinen Schultern gefallen und trotz meinem keuchenden Husten welcher mir schier die Brust verreisst, weiss ich das alles Gut ist.
Klar ist meine Kondition im Moment etwas angeschlagen da ich immer wieder stark erkältet war und bin aber d. h. nur, dass ich am Anfang kurze Etappen machen werde und meine Kraft und Ausdauer langsam wieder aufbauen muss.
Seitdem wache ich auch nicht mehr in Panik auf und kann wieder ruhiger schlafen.
Am Freitag habe ich meinen letzten Arbeitstag und die letzten 2 Wochen habe ich meine Nachfolgerin eingearbeitet. Wir sind vom Typ her sehr ähnlich und ich glaube sie wird mich gut vertreten oder besser ersetzen. Täglich muss ich mich nun von den Patienten verabschieden und das loslassen ist nicht immer einfach. Viele sind schockiert und können es kaum fassen, dass ich gehe schliesslich gehöre ich nach 10 Jahren schon fast zum Inventar der Praxis…;-). Ich weiss oft auch gar nicht was ich sagen soll. Die meisten verstehen es aber und geben mir viele guten Wünsche mit auf den Weg. Es tut gut zu spüren wie sehr meine Arbeit von meinen Patienten geschätzt wurde, auf jeden Fall von den meisten…;-).
Draussen regnet es in Strömen und ich frage mich wo ich wohl heute in 2 Wochen sein werde….

Basel, 24. März 2008
Mir geht es wieder gut, der Hexenschuss war schnell vorbei. Mein Chiropraktiker hat gemeint das wäre nur ein Hexenschüsschen gewesen…;-). Der Riese eines Arztes hat mich kurz schnell gekrackt und mein Rücken fühlte sich augenblicklich besser an. Ich meinte noch er sei so brutal worüber er lachen musste aber er versteht sein Handwerk. Mache jetzt täglich Yoga, Stretching und gehe viel Laufen. Das Wetter ist zwar nicht vielversprechend im Moment aber es ist halt wie es ist und ich hoffe, dass es dafür im April besser wird. Draussen schneit es wieder und ich kann mich nicht erinnern, dass Ostern schon mal so früh war wie in diesem Jahr.

Morgen ruft die Arbeit aber es wird mal wieder eine sehr kurze Woche. Am nächsten Wochenende werde ich einen Workshop besuchen und etwas für mein Herz und meine Seele tun. Kann nicht schaden im Moment. Am nächsten Samstag habe ich auch noch Geburtstag aber der wird dieses Jahr nicht gefeiert dafür gibt es im April noch ein Abschiedsessen mit Familie und Freunden im Goldigen Fass.
Ja die Zeit rennt und bald werde ich meinen Rucksack schultern und Richtung Santiago los pilgern.

So es ist Zeit an die frische Luft zu gehen und ein wenig Lauftraining zu absolvieren…;-).

Basel, 16. März 2008

Ich habe seit gestern einen Hexenschuss!!! So langsam mache ich mir wirklich Sorgen ob ich im April meinen Camino starten kann. Mein Körper gibt mir in letzter Zeit nur ein Zeichen, nämlich dass ich nicht fit bin. Ich weiss nicht, ob dass meine Ängste sind die mich unbewusst sabotieren, ich weiss nur, dass ich im Moment überhaupt nichts tun kann. Am wohlsten ist es mir wenn ich liege, meine Beine hoch lege und mir eine Wärmflasche auf den Bauch lege, ausserdem brauche ich Schmerzmittel. Tönt nicht gerade nach intensivem Aufbautraining nach meiner Grippe! Gleichzeitig höre ich eine Stimme in meinem Inneren welche mir sagt, dass ich einfach vertrauen soll und das alles gut wird. Schwierig zu glauben im Moment. Ich habe nur noch das Gefühl, dass mir alles aus der Hand gleitet und ich nicht mehr die bin welche die Kontrolle hat aber vielleicht hatte ich die ja noch nie.

Ich weiss nicht einmal wie ich es geschafft habe mir einen Hexenschuss zu zulegen. Ich war gestern auf einem ausgedehnten Spaziergang, im meinem Rucksack befand sich nur ein wenig Proviant, ich wollte es ja langsam angehen und meine Kondition langsam wieder aufbauen. Es war ein wunderschöner Frühlingstag und die ganze Natur war voller Leben. Ich habe mich auch immer wieder hingesetzt, habe den Vögeln gelauscht, ein Eichhörnchen beobachtet und die Sonne genossen. Ich habe bemerkt, dass mein Kreuz etwas steif ist aber das habe ich öfters wenn ich spaziere und dann mache ich halt meine Dehnübungen. Komischerweise habe ich das nur wenn ich spaziere, wenn ich mit Gepäck laufe kenne ich keine Kreuzschmerzen. Kurz vor Ladenschluss habe ich dann noch eingekauft und da muss es wohl passiert sein, kann mich zwar beim besten Willen nicht bewusst erinnern wie und wann. Ich war dann abends bei meiner Familie zum Essen und irgendwann habe ich die Schmerzen im Sitzen nicht mehr ausgehalten und bin nach Hause. Ja und seitdem bin ich nur noch am Liegen… :-(.

Morgen fange ich theoretisch wieder an zu arbeiten aber wenn es nicht besser wird werde ich mich wohl krank melden müssen. Soviel ich weiss dauert ein Hexenschuss ca. 3 Tage und heilt von selber wieder. Zufälligerweise habe ich morgen einen Termin beim Chiropraktiker wegen meinem Nacken vielleicht kann er sich ja auch noch um mein Kreuz kümmern.

Im Moment bleibt mir nichts anderes übrig als die Situation so zu akzeptieren wie sie ist und vor allem darf ich nicht auf meinen Verstand hören der mir sagen will, dass ich im April nicht loslaufen kann. Es dauert ja immerhin noch 5 Wochen bis es soweit ist.

Basel, 6. März 2008

Habe seit bald einer Woche Ferien und liege krank im Bett! Richtig schöne Erkältung mit Schnupfen, Husten und Gliederschmerzen. Gehe morgen zum Arzt und lasse mir ein Zeugnis ausstellen, sonst muss ich nämlich im April noch Ferientage abarbeiten und das finde ich nun wirklich unsinnig wenn ich die Hälfte meiner Ferien im Bett verbringe.
Wollte eigentlich die Zeit Nutzen meine Wanderschuhe mit den neuen Einlagesohlen einzulaufen und meinen Körper an die Anstrengungen zu gewöhnen aber es soll halt nicht sein. Hoffentlich ist nächste Woche auch so wunderschönes Winterwetter.

Mein Rucksack sollte noch leichter werden, ich möchte inkl. Proviant nicht mehr als 10 kg auf die Waage bringen. Schwieriges Unterfangen aber ich habe bestimmt noch ein paar Sachen die ich nicht wirklich brauche z.B. mein kleines Luxusreisekissen (wobei es mir schwer fallen würde darauf zu verzichten..;-)). Die Luftmatratze und meinen Trekkingschirm könnte ich mir nach Spanien nachsenden lassen, denn in Frankreich und der Schweiz werde ich diese Sachen wohl kaum brauchen. Kann auch von unterwegs noch Sachen nach Hause schicken.

Muss jetzt auch langsam meinen Umzug organisieren, am 19. April ist Zügeltag. Brauche ein Auto und ein paar starke Männer…;-). Habe Gott sei Dank immer noch nicht sehr viele Möbel und Sachen angesammelt aber es wird schon immer etwas mehr. Na ja bin langsam ein Zügelprofi soviel wie ich immer umziehe. Als erstes werde ich mal Ueli anrufen und fragen ob er den Durisotti immer noch vermietet oder schon verkauft hat.

Basel, 23. Februar 2008
Heute ist ein richtiger Frühlingstag und die Zeit vergeht wie im Fluge…Ende diesen Monat werde ich wieder ein paar Verträge künden müssen. Wie mehr ich loslasse um so leichter fühle ich mich. Heute als ich unter der Dusche stand ist plötzlich eine grosse Freude über mich gekommen, dass ich bald schon mein Bündel packen und mein Abenteuer Richtung Santiago starten werde. Ob ich es bis Santiago schaffen werde, wer weiss? So Gott will kann ich da nur sagen. Falls ich abbrechen muss werde ich halt etwas anderes unternehmen und mir eine andere Auszeit gönnen. Ich möchte mich auch nicht auf das Ziel Santiago fixieren sondern einfach mal aufbrechen und Schritt für Schritt schauen wo mich der Weg hinbringt. Vielleicht hat Gott ja auch etwas anderes mit mir vor, wer weiss.

In einer Woche habe ich zwei Wochen Ferien und dann wird es sehr schnell gehen und mein Job welchen ich 10 Jahre meines Lebens ausgeübt habe wird Vergangenheit sein. Wie wenn man in einem Buch die letzte Seite umblättert und das Buch schliesst. Ja und dann werde ich ein neues Buch aufschlagen und bis jetzt habe ich keine Ahnung was da drin steht ausser das es mit einem ersten Schritt Richtung Santiago beginnt…

Basel, 26. Januar 2008
Gestern habe ich meine Wohnung gekündigt. Stand in der Post und wartete darauf, dass ich dran komme. Habe mich gefragt, ob ich das wirklich tun soll und fühlte mich plötzlich völlig unsicher. Es ist ja nicht so, dass ich frei wäre von Zweifeln und Ängsten. Dann habe ich mir aber einen inneren Stoss gegeben und den Brief abgeschickt. Habe mir ja auch überlegt, ob ich die Wohnung untervermieten soll aber es gibt zu vieles was in diesem Haus nicht stimmt und dann macht es auch keinen Sinn die Wohnung zu behalten.
Die grösste Angst welche ich habe ist, dass irgendetwas passiert und ich im April nicht gehen kann, dass ich alles für nichts und wieder nichts aufgegeben hätte. Dann muss ich mir aber immer wieder sagen, dass ich schon lange meinen Job wechseln möchte und dass die Wohnung auch viele Nachteile hat. Im schlimmsten Fall mache ich halt eine etwas andere Auszeit.
Meine Freundin Cécile wundert sich immer, dass ich diese Angst habe, kann sie nicht nachvollziehen. Sie könnte es eher verstehen wenn ich Angst davor hätte los zulaufen. Die habe ich vielleicht auch ein bisschen aber ich bin ja schon dreimal gestartet und weiss, dass der Anfang vielleicht schwierig wird aber, dass das vorbei geht und es mit jedem Tag einfacher wird.
Seit meiner letzten Wanderung im Herbst habe ich auch immer wieder leichte Schmerzen in den Füssen welche jetzt wo ich die Einlagen trage täglich besser werden. Ich habe nun mal einen Senk- und Spreizfuss und wenn mich etwas zum Aufgeben zwingen wird dann wohl meine Füsse. Bin unheimlich froh, dass ich mir diese Einlagen habe machen lassen. Sie waren zwar teuer sind aber Gold wert.
Das wichtigste für mich ist momentan im Hier und Jetzt zu sein und mich nicht von meinem Verstand sabotieren zu lassen. Ich lese und höre mir im Moment viel von Eckhart Tolle an welcher das Buch „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“ geschrieben hat. Das gibt mir viel Mut und Kraft an meinem Projekt festzuhalten. Habe ihn auch auf meinen i-Pod geladen und immer wenn mich auf dem Weg der Mut verlassen wird, werde ich mir die Kopfhörer über stülpen und ihm zuhören.

Basel, 10. Januar 2008
Heute habe ich meine Einlagen beim Orthopäden abgeholt es fühlt sich total gut an. Werde sie jetzt erstmal in meinen normalen Schuhen eintragen und dann werden sie in meine Wanderschuhe eingepasst. Ist schon ein Riesenunterschied zu den Einlagen welche es früher gab. Ich musste als Teenager schon mal Einlagen tragen, was ich aber nicht lange durchgehalten habe, irgendwann habe ich sie in hohem Bogen weggeworfen. Die Dinger waren teilweise aus Plexiglas, total hart und unbequem. Bin angenehm überrascht, dass das heute ganz anders ist. Sie sind extrem dünn, total flexibel und passen dadurch fast in jeden Schuh. Bin froh, dass ich mir diese etwas teuren Einlagen geleistet habe und hoffe natürlich, dass es etwas bringt.

Am 11. April habe ich meinen letzten Arbeitstag und am 19. April werde ich meine Wohnung auflösen. Ich kann meine Möbel bei Willi in der Garage einstellen, er stellt sie mir gratis zur Verfügung. Ja und dann kann es losgehen…;-).

Muss meinen inneren Schweinehund überwinden und anfangen zu trainieren, dass ich konditionsmässig nicht völlig unten bin wenn ich dann starte. Könnte ja wieder mit Nordic walking anfangen und zusätzlich 1-2 mal die Woche Krafttraining machen. Der gute Vorsatz ist da nur hapert es noch mit der Umsetzung…;-).

Basel, 25. Dezember 2007
Es ist Weihnachten, wünderschönes Wetter und ich fühle mich rundum wohl. Gestern war es ziemlich stressig da ich morgens noch arbeiten musste und dann direkt in die Stadt um die letzten Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Wie jedes Jahr mache ich alles im letzten Moment…;-). Um 18.00 Uhr waren alle Weihnachtsgeschenke eingepackt, ich frisch geduscht und bereit von meinem Bruder Pierre abgeholt zu werden. War froh, dass ich bei dieser Kälte nicht mit der Vespa fahren musste. Sowieso ist der Benzinhahn eingefroren…;-).

Gestern hat mein Chef die Kündigung noch schriftlich erhalten als Weihnachtsgeschenk sozusagen. Der definitive Schritt in Richtung Verwirklichung meines Traumes im nächsten Frühling ist getan. Ich kriege viel positives Feedback von meinen Patienten und das tut mir richtig gut. Mein Bruder war völlig entsetzt, dass ich meinen Job gekündigt habe und auch meine Wohnung aufgeben will, für ihn ist es unvorstellbar alles los zulassen und nochmal von vorne anzufangen. Für mich ist das natürlich auch einfacher, da ich alleine bin und keine Kinder habe um welche ich mich kümmern muss. Ich bin nur für mich selber verantwortlich und das macht das los lassen um einiges einfacher. Auch habe ich schon mehr Erfahrung damit, da ich schon mehrmals in meinem Leben wieder bei Null angefangen habe; und eines ist sicher: es geht immer weiter auch wenn man manchmal nicht weiss wie!
Habe mir auch überlegt meine langen Haare ganz kurz abzuschneiden bevor ich los laufe aber vielleicht ist das auch zu extrem. Wobei das Haarewaschen unterwegs um vieles einfacher würde…;-). Für mich hat es auch symbolische Kraft sich die Haare vor so einem Unternehmen kurz zu schneiden. Ich möchte einfach alles zurücklassen sogar meine Identifikation mit meinen langen Haaren. Ich gehe auch nicht als Frau auf diesen Weg sondern als Pilger. Ich mache diesen Weg vor allem aus spirituellen Gründen. Ich möchte mehr und mehr lernen im jetzigen Moment zu sein, meine persönliche Geschichte los lassen und meine Verbindung mit Gott spüren. Diese Verbindung zu spüren mit allem was ist, ist in der Ruhe der Natur um vieles einfacher als im so genannt normalen Leben.

Basel, 9. Dezember 2007
Heute ist der zweite Advent und das Wetter ist so gar nicht winterlich. Im Gegenteil es bläst der Föhn und es ist stürmisch. Habe gar keine Lust raus zugehen obwohl mir das wohl gut tun würde.

Jetzt ist es definitiv, ich werde meinen Job per Ende März kündigen. Am Dienstag hatten wir das Gespräch und am Freitag war meine Stelle schon ausgeschrieben. So schnell geht das. Keine Auszeit, dafür bin ich jetzt völlig frei und kann mir richtig Zeit lassen. Eigentlich war mir immer klar, dass ich die Auszeit nicht bekommen würde und es Zeit ist für mich zu gehen. Den Kontakt mit den Patienten werde ich sehr vermissen, dies ist es auch, was mich so lange an dieser Arbeitsstelle gehalten hat.

Ich weiss, dass es der richtige Schritt ist auch wenn mich viele vielleicht für verrückt halten einen „sicheren“ Job aufzugeben. Ich kann auch nicht sagen, dass ich frei von Zweifeln oder Aengsten bin und doch vertraue ich auf diese innere Stimme welche mir sagt mich auf den Weg zu begeben. Ich habe das starke Bedürfnis alles hinter mir zu lassen und nochmals ganz von vorne anzufangen. Was immer das auch heissen mag. Mal schauen wo mich dieser Weg hinführt. Es gibt sowieso keine Sicherheit im Leben und wenn wir noch so viele Versicherungen abschliessen. Das einzige was sicher ist, ist der stetige Wandel.

Basel, 25. November 2007
Habe mir eine Küchenwaage gekauft und jetzt wird jedes einzelne Teil welches in meinen Rücksack kommt abgewogen. Habe eine Excel-Liste gemacht wo das Gesamtgewicht automatisch zusammengerechnet wird wenn ich etwas hinzufüge oder wegnehme. Der Perfektionist in mir liebt es einfach Tabellen und Listen zu produzieren…;-). Bin momentan bei 8.5 kg ohne Proviant was schon mal nicht schlecht ist.

Habe nach längerem Recherchieren im Pilgerforum beschlossen, dass ich die Isomatte weglassen werde. Da spare ich schon wieder 400 g und in Frankreich z.B. habe ich sie auch nie benötigt. Dafür habe ich beschlossen einen kleinen Schirm mitzunehmen welcher als Regen- und Sonnenschutz gute Dienste leisten wird. Vor allem in der Meseta werde ich das Ding wohl gut gebrauchen können.

Habe Mitte Dezember einen Termin um mir orthopädische Einlagen für meine Wanderschuhe machen zu lassen. Ich möchte alles versuchen um Probleme mit schmerzenden Füssen und Sehnenscheidenentzündungen vorzubeugen. Meine Füsse werden es mir hoffentlich danken.

Basel, 11. November 2007
Wow! Wenn alles gut geht werde ich mich in 5 Monaten von meiner Haustür aus nach Santiago di Compostela aufmachen. Der Countdown läuft und jetzt wird es langsam richtig ernst. Vorletzten Herbst, als ich die Entscheidung traf im April 2008 den Camino zu laufen, dachte ich noch, dass es noch so lange dauert bis ich endlich los kann. Jetzt geht es mir fast schon zu schnell…;-). Ein bisschen mulmig ist mir schon und andererseits kann ich es kaum erwarten.

Ende Oktober hatte ich das Gespräch mit meinem Chef und wie erwartet ist er nicht begeistert. Er hat natürlich Angst um seine Praxis und will mich nicht gehen lassen, was ich teilweise auch verstehen kann, vor allem weil ich die einzige bin welche 100% arbeitet. Habe ihm mitgeteilt, dass ich so oder so gehen werde und er auf jeden Fall eine neue Arbeitskraft suchen muss; entweder für ein paar Monate oder für immer. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen und wir werden im Dezember nochmal zusammenkommen.

Innerlich habe ich das Gefühl, dass ich meinen Job künden und nach meinem Camino einen Neuanfang machen sollte. 10 Jahre sind eine lange Zeit und vielleicht ist es auch einfach der richtige Moment weiter zu gehen, vor allem auch weil ich mir schon lange eine Änderung wünsche. Ich war jetzt 10 Jahre sesshaft und für eine Zigeunerin wie mich ist das eine reife Leistung, vor allem wenn man bedenkt, dass ich davor für 10 Jahre herumgereist bin! Klar ist dies auch mit Ängsten verbunden aber der Drang wieder einmal frei und ungebunden zu sein ist sehr gross. Ich würde gerne nochmal ganz von vorne anfangen auch wenn ich schon 46 Jahre alt bin. Natürlich ist es mit einem Risiko verbunden, man weiss nie was danach kommt aber das ist es mir wert. Ich möchte mich auch nicht von meinen Überlebensängsten leiten lassen sondern lieber meine Träume verwirklichen. Ich möchte in meinem Leben nochmal ganz was anderes machen. Ich weiss zwar noch nicht was aber eine Wanderung auf dem Jakobsweg bis Santiago die Compostela schafft vor allem eines; viel Raum für Neues!

Ich bin froh, dass ich diese drei 2-wöchigen Wanderungen auf dem Jakobsweg in Frankreich gemacht habe. Erstens weiss ich jetzt, dass es möglich ist und zweitens hat es mir sehr viele meiner Ängste genommen. Von meiner Haustüre aus zu laufen ist jetzt einfach der nächste Schritt. Ich weiss nicht, ob ich mir das zutrauen würde wenn ich nicht schon Erfahrungen auf dem Weg gemacht hätte.

Das erste Stück des Weges wird kein Jakobsweg sein und wenn es die Wetterverhältnisse zulassen, werde ich die Strecke von Basel nach Genf auf dem Jurahöhenweg machen. Der Weg verläuft meistens auf ca. 800 – 1200 Meter, manchmal sogar 1600 Meter. Falls Mitte April noch zuviel Schnee liegt werde ich wahrscheinlich einen anderen Weg wählen. Für jene welche sich für diese Strecke auf dem Jurahöhenweg von Basel nach Genf interessieren habe ich noch ein eigenes Posting gemacht.

Die andere Variante würde direkt über Frankreich gehen, zuerst dem Doubs entlang und dann Richtung Cluny und Le Puy. Ich werde wahrscheinlich sehr kurzfristig entscheiden welchen Weg ich nehmen werde wobei ich den Jurahöhenweg bevorzuge.

Planung Jurahöhenweg Basel – Genf

Basel (Neuweilerplatz) – Mariastein 16 km
Übernachten: Benediktinerkloster Mariastein, Tel. 061 735 11 11, B&B, K.&W. Frei, Steinrain 6, Mariastein, Tel. 061 733 89 55, Jugendherberge Mariastein-Rotberg, Tel. 061 731 10 49

Mariastein – Kleinlützel 13 km
Übernachten: Madeleine Fornerod, Hof Berg (Touristenlager), Kleinlützel, Tel. 061 771 02 44,

Kleinlützel – Les Rangiers 19 km
Übernachten: Hotel Les Rangiers, 2883 Montmelon, Tel. 032 426 66 51 (Di geschl.), Hôtel La Caquerelle, 2883 Montmelon, Tel. 032 426 66 56 (Mi geschl.), in der Nähe von Pleigne: B & B Brigitte MÖSCHLI, Pré Poussin, 2803 Bourrignon, Tel. 032 431 18 30, Mobile 079 692 81 49

Les Rangiers – Le Bémont 24 km
Übernachten: Jugendherberge, Tel. 032 951 17 07

Le Bémont – La Cibourg 21.5 km
Übernachten: Restaurant et centre de vacances (Touristenlager), Fam. V. Stengel, Clermont 157, Tel. 032 968 39 37

La Cibourg – La Tourne 20.5 km
Übernachten: Hotel-Restaurant de la Tourne, 2019 Rochefort, Tel. 032 855 11 50 (Di, Mi geschl.)

La Tourne – Les Rochats 20.5 km
Übernachten: Café-Restaurant Les Rochats (Touristenlager), Tel. 024 434 11 61 (So, Mo geschl.)

Les Rochats – Grange-Neuve 26 km
Übernachten: Chalet-Restaurant de Grange-Neuve (Touristenlager), Tel. 024 459 11 81

Grange-Neuve – Le Pont 20.5 km
Übernachten: Hotel de la Truite, Tel. 021 841 17 71, Cafe-Restaurant du Lac, Tel. 021 841 12 96 (Di, Mi geschl.)

Le Pont – Col du Marchairuz 19 km
Übernachten: Hotel-Restaurant du Marchairuz (Touristenlager), Tel. 021 845 25 30

Col du Marchairuz – Col de Porte 22 km
Übernachten: Cabane du Ski-Club de Nyon (Touristenlager), Reservation J. Courvoisier, Tel. 022 362 52 56

Col de Porte – Divonne-les-Bains (F) 20 km
Übernachten: Hotel-Restaurant Beau Séjour, Place Perdtemps, Tel. +33 4 50 20 21 82, weitere Hotels Tel. +33 4 50 20 01 22

Divonne-les Bains – Genève 20 km
Übernachten: Jugendherberge, Tel. 022 732 62 60, City Hostel Tel. 022 901 15 00

Reiseführer: Schweizerischer Juraverein, Wanderbuch Jurahöhenwege, Verlag Dietschi AG, ISBN 3-905404-24-9