26.5. – 15.6.08 von Le Puy bis Moissac

Moissac, 14.6.2008 (24.5 km)

Lauzerte, 13.6.2008 (23 km)
Heute ist wahrlich Freitag der 13. Habe festgestellt, dass mein Wanderschuh auf beiden Seiten Löcher hat und ich mit diesen Schuhen nicht bis Santiago werde laufen können. Habe mich ein paar Mal gewundert, dass mein rechter Fuss sich bei Regen feucht anfühlt aber es ist mir nicht in den Sinn gekommen, dass mein Schuh Löcher haben könnte.
Vielleicht finde ich ja in Moissac ein paar neue Schuhe ansonsten werde ich Willi oder Cécile fragen ob sie mir das gleiche Modell welches ich habe kaufen und sie mir nach St. Jean Pied-de-Port schicken lassen.
Gester Abend habe ich mich in Lascabanes auf dem Friedhof auf einen Baum gesetzt und als ich aufgestanden bin gab es ein komisches Geräusch und mein Hintern war voll dunkelbraunem Harz. Es sieht aus als hätte ich in die Hosen gemacht. Werde mir in Moissac auch eine neue Hose kaufen müssen. Habe mein Konto überprüft und festgestellt, dass nicht mehr soviel Geld darauf ist. Habe das Gefühl, dass mir das Geld wie Sand durch die Finger rinnt und jetzt muss ich auch noch neue Schuhe und Hosen kaufen.
Ja und wie wenn das nicht schon genug wäre kommt auch noch Jean-Claude daher und teilt mir theatralisch mit, dass wir uns ab Morgen nicht mehr sehen würden. Habe ihn gefragt ob er den Bus nehmen oder in aller Hergottsfrühe loslaufen wolle? Er scheint die Schnauze voll von mir zu haben, was ich auch verstehen kann. Es ist kein schönes Gefühl zurückgewiesen zu werden und ich kann recht eklig sein wenn ich mir jemandem vom Leib halten will. Ich sollte mich wohl bei ihm entschuldigen. Wahrscheinlich ist es besser wenn unsere Wege sich komplett trennen. Wenn er mich sieht wird er immer daran erinnert, dass ich ihn zurückgewiesen habe und wenn ich ihn sehe denke ich immer: Mein Gott ich werde ihn einfach nicht los!

Lascabanes, 12.6.2008 (22 km)
Bin im wunderschönen Gîte communal von Lascabanes und freue mich schon auf das Essen. Dies sollte man hier auf keinen Fall auslassen denn es ist einfach hervorragend!
Heute war ein wunderschöner, sonniger und etwas windiger Tag. Was für ein Unterschied wenn man diese Etappe bei schönem Wetter läuft. Keine Stollen unter den Schuhen welche einem das Laufen schwer machen und dazu ist die Strecke relativ flach.
War den ganzen Tag alleine unterwegs und habe mich mal wieder so richtig wohl gefühlt in meiner Haut. Ich glaube Jean-Claude hat es endlich kapiert, dass ich alleine laufen möchte.
Bei Les Mathieux stand 1130 km bis Santiago somit wäre ich Morgen bei der Hälfte meines Weges angekommen. Ich bin echt stolz auf mich und das alles ohne grössere Probleme. Keine Unfälle, keine Krankheit, keine Sehnenscheidenentzündungen, nur Abends schmerzende Füsse welche sich aber jeweils über Nacht wieder erholen. Hoffe es bleibt auch weiterhin so.
Bin schon um 15.00 Uhr angekommen und warte darauf, dass die Gerantin kommt und ich mein wohlverdientes Bier trinken kann. Hier gibt es auch einen kleinen Lebensmittelshop wo man sich selber bedienen kann und dann wirft man das Geld in die Kasse. Die sind ja hier echt vertrauensvoll.
Sonst gibt es eigentlich heute nicht viel zu berichten, werde immer leerer und mein Verstand quält mich auch nicht mehr oft. Versuche einfach im Moment zu sein und das Leben zu geniessen.
Ich vermisse Agnes welche aber zu weit voraus ist als dass ich sie einholen könnte. Wir schicken uns aber immer wieder mal ein sms um in Kontakt zu bleiben.

Cahors, 11.6.2008 (17 km)
Habe mir endlich hier in Cahors ein neues Heft besorgen können. Wollte eigentlich noch bis Les Mathieux weiterlaufen, da von dieser Gîte immer in den höchsten Tönen geschwärmt wird. Es hat einen Swimmingpool mit wunderschöner Aussicht, unter den Gîtes bekommt sie 5 Sterne…;-). Als ich dann aber die drohenden Gewitterwolken sah welche sich vor mir auftürmten habe ich beschlossen doch in Cahors zu bleiben. Dies war ein gute Entscheidung denn wenig später ist ein gigantisches Gewitter über uns hergezogen.
Gestern in Carbrerets, habe ich Jean-Claude am Morgen mitgeteilt, dass ich wieder alleine laufen möchte. Es wurde mir mal wieder zu eng, seine Reserviererei geht mir auf die Nerven und es ist einfach nicht so wie ich meinen Camino laufen möchte. Ich kann ein ziemliches Ekelpaket sein wenn ich mich eingeengt fühle und dies hat er auch schon zu spüren bekommen; deshalb habe ich beschlossen alleine weiter zu gehen. Ich muss lernen mich abzugrenzen ohne gleich alle Schotten dicht zu machen und mein Herz zu verschliessen.
Wenn ich in Moissac bin habe ich die Hälfte des Weges geschafft nämlich 1100 km. Dann ist dann ein Gläschen Champagner fällig. Schon verrückt wenn ich darüber nachdenke.

Pasturat, 10.6.2008 (18 km)

Carbrerets, 9.6.2008 (17.5 km)

Marcilhac-sur-Célé, 8.6.2008 (13.5 km)

Moulin Vieux, 7.6.2008 (26.5 km)

Habe beschlossen die Variante durch das Célé-Tal zu nehmen anstatt auf dem GR65 zu bleiben. Die andere Strecke bin ich ja schon letztes Jahr gelaufen und so freue ich mich Neuland zu entdecken. Jean-Claude hat sich mir angeschlossen mal schauen wie lange das gut geht. Bin ja nicht gerade dafür bekannt sehr gut paarweise laufen zu können…;-). Eigentlich wollten wir heute in Espagnac übernachten aber die Gîte war wieder einmal durch eine Reisegruppe belegt. Jean-Claude reserviert seine Übernachtungen immer 4 Tage im voraus und ich möchte am liebsten gar nicht reservieren. Möchte ja lernen zu vertrauen und die Kontrolle loszulassen. Er ist jetzt natürlich wieder davon überzeugt, dass es besser ist zu reservieren. Kommen da wohl schon die ersten kleinen Unstimmigkeiten? Dies ist der Preis wenn man zu zweit läuft man muss immer Kompromisse schliessen.
Die Madame wollte uns dann in der Küche auf Klappbetten einquartieren aber im Hinblick darauf, dass die Reisegruppe evt. kochen könnte, haben wir beschlossen bis zum Campingplatz von Moulin Vieux weiterzulaufen. Hier sind wir nun in einem Wohnwagen und sind froh nicht in der Küche übernachten zu müssen.
Die Strecke heute war sehr schön und es ging meist dem Fluss Célé entlang. Ja und das Wetter hat sich auch von seiner schönen Seite gezeigt und nur gegen Abend sind wieder Gewitterwolken aufgezogen.
So jetzt muss ich aufhören, denn mein erstes Heft ist zu Ende und ich muss mir zuerst ein neues besorgen bevor ich weiter schreiben kann.

 
Figeac, 6.6.2008 (24 km)

Heute bin ich früh los da ich es wenn möglich bis La Cassagnole schaffen wollte. Leider hat es nicht geklappt da wegen Bauarbeiten die Strecke länger war als vorgesehen und 30 km waren mir in diesem Moment einfach zuviel.Ich hatte Livinhac kaum hinter mir gelassen als schon wieder die ersten Tropfen vom Himmel fielen und ich meine „geliebte“ Regenpellerine überziehen musste aber es hat nicht lange angehalten. Als ich schon eine Weile unterwegs war ist mir plötzlich eingefallen, dass ich einen Teil meines Proviantes im Kühlschrank zurückgelassen hatte. Habe die beiden Jean-Claudes angerufen aber leider kam bei beiden nur die Mailbox. Ok, dann musste ich halt auf meinen Käse und den Schinken verzichten, ist ja nicht so dass ich gar nichts mehr dabei hatte.Bei der Chapelle de Guirande habe ich eine Abkürzung genommen und bin 2 km auf der D2 geblieben anstatt einen grossen Umweg über das Hinterland zu nehmen. Den guten Tipp habe ich von 4 Franzosen bekommen welche vor mir liefen…;-) und da ich einen weiten Weg vor mir hatte kam mir das gerade recht.In Saint-Felix habe ich dann ausgiebig Rast gemacht und meine Franzosen haben mir sogar noch eine Dose Sardellen und Käse geschenkt als sie mitgekriegt haben, dass ich einen Teil meines Proviantes zurückgelassen habe. Das fand ich echt nett und ich nahm die Gaben dankend entgegen.Auf dem Weg runter nach Figeac bin ich dann wieder den beiden Jean-Claudes und Nordie begegnet und wir sind gleich zusammen ein Bier trinken gegangen.Wir hatten dann mal wieder ein Abschiedsessen da Nordie und Jean-Claude2 hier aufgehört haben. Marco ist auch noch zu uns gestossen und wir sind alle zusammen Essen gegangen. Im Fernsehen lief gerade der Final von Roland Garros zwischen Roger Federer und Rafael Nadal. Es war total spannend und ich bin kaum zum Essen gekommen. Jean-Claude2 hat gemeint wenn wir in Finisterre wären sollen wir ihm eine sms schicken und dann kommt er uns mit dem Segelboot abholen und wir fahren alle zusammen irgendwohin. Schöner Gedanke…;-).

 


Livinhac-le-Haut, 5.6.2008 (24 km)

HeuteMorgen habe ich mich um 8.00 mit den beiden Jean-Claudes vor der Kathedrale verabredet. Als sie um 8.15 immer noch nicht da waren wollte ich schon alleine loslaufen. Da kamen sie herbeigeeilt und haben schuldbewusst gemeint, dass sie schon losgelaufen sind und mich vergessen haben! Hmmm, also ein bisschen beleidigt war ich schon.Der Anstieg zur Chapelle Sainte Foy ist ganz schön steil und wir sind ziemlich ins Schwitzen gekommen. Dafür lohnt sich der Ausblick zurück auf Conques. Leider kam die Sonne genau von vorne, dass ich keine schönen Bilder machen konnte.Wir haben dann beschlossen, die Variante über Noailhac zu nehmen, vor allem weil es auf dieser Strecke noch eine Verpflegungsmöglichkeit gab. Wir sind auch nicht runter nach Decazeville, da wir die hässliche Stadt meiden wollten, sondern oben auf dem chemin des crêtes geblieben. Die ganze Strecke verläuft meistens auf der Strasse und ist für die Füsse dementsprechend anstrengend. Habe gehört, dass es bis Figeac so weitergehen soll.Es war den ganzen Tag ziemlich sonnig nur gegen Abend haben sich Gewitterwolken angemeldet aber als die ersten Tropfen fielen waren wir schon angekommen.Wollte eigentlich in den Gîte communal gehen aber die beiden Jean-Claudes haben mich dann in die Herberge (la Magnanerie, sehr zu empfehlen!) mitgenommen wo sie schon reserviert hatten. Es hatte dann für mich auch noch ein Plätzchen frei und wir haben uns Abends ein leckeres Essen zubereitet mit einem richtig guten Stück Fleisch, Gemüse, Salat und natürlich viel Rotwein. So gut gegessen habe ich schon lange nicht mehr und das für sage und schreibe 5 Euro pro Person.Die beiden Jean-Claudes haben sich früh in ihrem Turmzimmer schlafen gelegt und ich habe noch mit Marco ein Glässchen Wein getrunken wozu er mich eingeladen hatte. Marco ist auch zu Hause in Deutschland gestartet und macht hier gerade einen Ruhetag.




Conques, 4.6.2008 (12 km)

Heute bin ich nur eine kurze Strecke gelaufen damit ich früh in Conques ankomme und viel Zeit habe. Ich war wieder alleine unterwegs da die beiden Jean-Claudes zu spät aufgestanden sind und ich keine Lust hatte zu warten.Es war wieder einmal nach langer, langer Zeit schönes Wetter und ich habe es total genossen bei Sonnenschein zu laufen und meine Regenpellerine kein einziges Mal auspacken zu müssen! In Sénergues habe ich mir erst mal in der Sonne sitzend einen Kaffee und ein Croissant gegönnt, das schöne Wetter muss schliesslich ausgenutzt werden…;-).Kurz nach Saint-Marcel bin ich wieder bei diesem lustigen Esel vorbeigekommen (man sieht ein Foto von ihm in meinem alten Bericht von Le Puy nach Conques). Habe mich ein paar Minuten mit ihm unterhalten und er hat wieder kräftig Iaaaah, Iaaaah gemacht und wäre wieder am liebsten mit mir mitgekommen. Leider konnte er den Zaun nicht überwinden und ich musste alleine weiter. Vielleicht schafft er es ja nächstes Mal…;-).Den Abstieg nach Conques fand ich nicht mehr so anstrengend wie beim ersten Mal aber wahrscheinlich bin ich jetzt einfach durchtrainiert da ich schon so lange unterwegs bin.Bin wieder in der Abbaye Sainte Foy untergekommen wie letztes Mal als ich in Conques war. Nur dieses Mal im Schlafsaal und nicht in einem Doppelzimmer.Im Restaurant St. Jacques haben wir uns zum Abschiedsapero von Betty und Martine getroffen.Betty wohnt in Reinach, dies ist ein Nachbardorf von Basel also ganz in meiner Nähe. Die beiden sind mir zum ersten Mal bei Regine in Les quatre chemins begegnet und von da an haben wir uns immer wieder getroffen. Betty würde am liebsten weiterlaufen aber sie hat irgendwelche Verpflichtungen denen sie nachkommen muss. Martine ist froh wieder nach Hause gehen zu können. Sie hat Betty nur begleitet weil sie ihre Schwester nicht alleine gehen lassen wollte. Marie-France welche ich zum letzten Mal in der Domaine du Sauvage gesehen habe beendet hier auch ihren Weg. Nordie wird noch bis Figeac laufen und dann ist auch für sie der Weg zu Ende. Es ist mal wieder loslassen angesagt.Am Abend sind wir noch ins Orgelkonzert in die wunderschöne Kathedrale von Conques gegangen. Es war sehr schön und ein Priester hat uns vorher auch noch auf lustige Art das Tympanon des Eingangportals der Kathedrale erklärt.
 
 

Espeyrac, 3.6.2008 (24 km)

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Heute bin ich den ganzen Tag mit den beiden Jean-Claudes gelaufen. Es hat wieder viel geregnet aber die Stimmung war gut und wir haben viel gesungen und gelacht. Jetzt fehlt mir nur noch Agnes zu meinem Glück! Ich weiss aber, dass ich sie früher oder später wieder treffen werde.
Es ging heute viel durch den Wald und in Golinhac haben wir uns im Hameau de Saint-Jacques eine ausgiebige Pause gegönnt und unsere klitschnassen Pellerinen zum trocknen aufgehängt. Die Madame hat uns sogar angeboten, dass wenn wir in Espeyrac nichts zum übernachten finden würden, wir sie anrufen sollen und sie uns dann mit dem Auto abholen würde. Wenn das nicht ein super Service ist! Da kann man ja ganz beruhigt weiterlaufen.
Die Gîte communal in Espeyrac ist sehr schön und verglichen mit der in Estaing direkt luxuriös. Jean-Claude kocht gerade Pasta mit sehr viel Zwiebeln, Tomaten, Speck und Pilzen. Es riecht total lecker und ich habe wieder einmal tierisch Hunger.
 
Estaing, 2.6.2008 (11 km)
 
Heute bin ich nicht soweit gekommen wie ich eigentlich vor hatte. Für die 11 km nach Estaing habe ich sage und schreibe 4 Stunden gebraucht. Ich bin fix und fertig. Habe dummerweise die Karte nicht angeschaut sonst wäre ich vielleicht auf der Strasse geblieben.Der Weg bis Bessuéjouls zur Eglise Saint-Pierre war Ok und ging meistens der Strasse entlang. Danach kam ein Schlammpfad welcher den Berg hinaufführte. Ich habe mich hinaufgekämpft und musste die ganze Zeit aufpassen nicht auszurutschen. Die ganze Zeit habe ich mit mir und Gott gehadert und mich zusätzlich noch damit fertiggemacht, dass ich nicht intelligent genug war auf der Strasse zu bleiben.
Hatte mal wieder so richtige Wiederstände und damit läuft es sich bekanntermassen besonders gut. Oben angekommen ging es Gott sei Dank ein Stück der Strasse entlang und ich habe es geschafft meine Wiederstände loszulassen. Ich bin dann singend weitergelaufen. Vor Trédon ging es dann noch ein Bachbett hinunter, meine Schuhe waren völlig durchnässt. Die Kirche von Trédon war leide r geschlossen und ich habe mich draussen auf die Mauer gesetzt. Neben der Eingangstüre stand dieses wunderschöne Gedicht:AM ENDE SEINES LEBENS SCHAUTE EIN MANN AUF SEINEN LEBENSWEG ZURÜCK UND SAH, DASS ES ENTLANG DES GANZEN WEGES VIER FUSSABDRÜCKE IM SAND HATTE, DIE SEINEN UND DIE VON GOTT ABER IN DEN SCHWIERIGEN MOMENTEN HATTE ES NUR ZWEI!SEHR ÜBERRASCHT UND AUCH VERLETZT SAGTE ER ZU GOTT: ICH SEHE, DASS ES GERADE IN DEN SCHWIERIGEN MOMENTEN WAR WO DU MICH ALLEINE GELASSEN HAST….ABER NEIN! HAT IHM GOTT GEANTWORTET, IN DEN SCHWIERIGEN MOMENTEN HATTE ES NUR MEINE SPUREN IM SAND WEIL ICH DICH IN MEINEN ARMEN GETRAGEN HABE.Dies war genau den Balsam welche meine Seele in diesem Moment brauchte. Es hat mich so berührt, dass ich angefangen habe zu heulen und von da an fühlte ich mich nicht mehr alleine und wirklich getragen von Gott.Um 12.00 mittags war ich in Estaing und überlegte mir noch weiterzulaufen aber irgendwie hatte ich keine Energie mehr. Habe ein Sandwich gegessen und Kaffee getrunken. Da sah ich plötzlich Jean-Claude auf mich zukommen und wir haben uns total gefreut uns wiederzusehen. Seit der Domaine du Sauvage hatten wir uns aus den Augen verloren. Er war mit einem anderen Pilger unterwegs der auch Jean-Claude heisst…;-). Sie haben mich dann überzeugen können mit ihnen in Estaing zu bleiben; ehrlich gesagt hat es nicht viel Überzeugungsarbeit gebraucht da meine Motivation durch den vielen Regen und Schlamm im Keller war.


Espalion, 1.6.2008 (22 km)
Ich bin in Espalion und es regnet in Strömen. Seit ich in Le Puy meine Turnschuhe zurückgeschickt habe und ich nur noch meine Trekkingsandalen habe ist das Wetter schlecht. Vielleicht sollte ich die Sandalen wieder nach Hause schicken…;-)? Bin gerade kurz raus zum telefonieren und irgendwie komme ich mir dämlich vor in meinen Sandalen aber was solls das Wetter kann ja nur noch besser werden.
Heute hat es fast den ganzen Tag geregnet und ich habe die Variante der Strasse entlang genommen, nachdem mir ein Barbesitzer in Saint-Côme-d’Olt geraten hat nicht dem GR65 zu folgen, da der Weg völlig verschlammt sei.
Ich habe dann noch den kurzen Abstecher zur Eglise du Perse gemacht und war völlig begeistert von diesem ruhigen und schönen Ort. Im goldenen Buch habe ich dann auch noch einen Eintrag von Agnes gelesen und festgestellt, dass sie mir 2 Tage voraus ist. Habe mich total gefreut indirekt von ihr zu hören. Werde ihr ein sms schicken und sie fragen wie es ihr geht. Vermisse sie nämlich.
Meine Moral ist immer noch recht gut trotz des vielen Regens. Ich probiere einfach alles so zu nehmen wie es ist. Es hilft ja sowieso nichts wenn ich mich über das Wetter aufrege.
Nordie hat sich angeboten eine Pizza für uns beide zu holen und ich bin froh muss ich nicht nochmals mit meinen Trekkingsandalen im Regen spazieren gehen.
Ein italienischer Pilger hier hat die Nase gerümpft als er gehört hat, dass wir die Variante der Strasse entlang genommen hätten. Er meinte dies sei nicht der Originalpilgerweg und deshalb hat sich auf dem Schlammpfad abgemüht. Ideen haben die Leute manchmal da kann ich mich nur wundern. Ich habe ihn dann gefragt, ob er meint, dass die Pilger früher auf dem GR65 gelaufen seien…;-).
Agnes hat mir zurückgeschrieben, sie ist bereits in Conques und bleibt da einen Tag. Sie will den Umweg nach Rocamadour machen und vielleicht kann ich sie dann ja einholen. Wer weiss?



St. Chely d’Aubrac, 31.5.2008 (17 km)
Ich bin hundemüde dabei bin ich Heute nur eine kurze Etappe gelaufen oder besser gesagt geschlichen. Vielleicht bin ich immer noch müde von Gestern. Habe auch sehr schlecht geschlafen und am Morgen hatte ich keinerlei Motivation loszulaufen. Es war grau und kalt und überhaupt. Ja und dann geht man halt trotzdem weiter, irgendeine Kraft treibt mich voran. In meiner Pilgerapotheke hat es eine Karte die heisst; ES GEHT WENN MAN GEHT und genau so ist es. Man setzt einen Schritt vor den anderen und bewegt sich immer weiter. Stimmungen kommen und gehen wieder.
Heute ging es nochmals durch den Aubrac, dieses Mal über offene Weiden bis auf 1300 m. Irgendwann stand plötzlich ein Stier mitten auf dem Weg und hat fürchterlich gebrüllt. Er wollte sich mit dem anderen Stier hinter der Mauer messen. Ich hatte ziemlich Angst und habe mich nicht weiter getraut. Bin dann ganz langsam rückwärts gelaufen und habe auf die 4 Franzosen gewartet welche hinter mir waren. Brauchte ein wenig Unterstützung. Wir haben dann zusammen einen grossen Umweg über die Weide genommen und gehofft, dass der Stier kein Interesse an uns hat. War froh, als wir endlich an ihm vorbei waren und das Gatter hinter uns geschlossen haben.
Ich mochte diese Strecke schon beim letzten Mal nicht, da sie teilweise schlecht markiert ist und man durch die Kühe hindurch laufen muss. Ich war froh, als ich oben bei der Schutzhütte war am höchsten Punkt und die Kühe hinter mir gelassen habe.
In Aubrac gab es dann endlich den ersten Kaffee und Kuchen gibt es hier einfach köstlich! Nachher bin ich wie betrunken weitergelaufen, weiss auch nicht wieso denn Alkohol hatte ich ja keinen. Bis St. Chely waren es nur 8 km und es ging nur noch hinunter. Das letzte Stück war dann noch ganz schön nahrhaft, wie wenn man ein ausgetrocknetes Bachbett runterläuft.
In der Gîte haben wir alle zusammen gekocht, natürlich Pasta, dies scheint das absolute Pilgeressen zu sein…;-). Jetzt liege ich völlig erschlagen auf dem Bett und hoffe, dass ich heute Nacht schlafen kann.
 
 

Nasbinals, 30.5.2008 (27 km)
Heute habe ich das geschafft, was ich vor 1.5 Jahren nicht für möglich gehalten hätte, nämlich von Aumont Aubrac nach Nasbinals zu laufen. Heute ist es immer noch eine lange Etappe aber machbar. Die Herberge von Nasbinals ist sehr schön und bis jetzt sind wir zu viert im Dortoire. Habe wieder Geschichten über Uwe gehört und bin froh dass er nicht hier ist. Er ist bisher der erste Pilger wo ich eine spontane Abneigung empfinde. Er hat etwas von einem Tier und ich mag ihn nicht mal anschauen. Bin froh wenn ich ihm so wenig wie möglich begegne. Irgendwie tut er mir auch leid, es ist schon schlimm wenn einem der schlechte Ruf so vorauseilt. Die Leute haben sich dann schon eine Meinung über dich gemacht bevor sie dich überhaupt kennen lernen. Er muss sehr einsam sein.
Die Etappe durch den Aubrac war wunderschön und ich hatte totales Glück mit dem Wetter. Ab Rieutort d’Aubrac ein paar Regentropfen aber sonst wurde ich verschont. Ich musste viele Stellen überwinden wo der Weg eher Ähnlichkeit mit einem See hatte. Teilweise musste ich über den Stacheldraht und einen Umweg im Weideland machen. Möchte diese Etappe nicht bei strömendem Regen laufen. Habe gehört, dass die Pilger vor 2 Tagen noch knietief im Wasser versanken. Wir haben zuerst bei Regine (les quatre chemins) nachgefragt ob der Weg passierbar sei und sie hat gemeint ja. Gott hat mal wieder sein schützendes Händchen über mich gehalten, hoffe dass dies auch weiterhin anhält…;-). Habe mich wieder am Anblick der schönsten Kühe der Welt erfreut; wo gibt es schon Kühe mit geschminkten Augen…;-).
Ich fühle mich immer unbeschwerter und habe das Gefühl, dass ich überhaupt nichts falsch machen kann. Nur meine Langzeitpilger, Jean-Claude und Agnes fehlen mir, habe langsam genug von diesen Reisegruppen. Ok, es ist mal wieder Toleranz gefragt schliesslich gehört der Weg ja bekanntlich allen; nur uns Pilgern ein kleines bisschen mehr…;-). Bin total müde aber auch sehr zufrieden mit mir und glücklich.


Aumont Aubrac, 29.5.2008 (21 km)
Die letzte Nacht im Schlafsaal war ziemlich laut aber Uwe war nicht der einzige der geschnarcht hat, da war ein Franzose der hat ihn in Sachen Lautstärke noch übertroffen. Da haben nicht mal meine Ohrstöpsel was genutzt, sie konnten den Lärm nur dämpfen. Zudem war die Luft im Raum stickig da fast alle Fenster zu waren. Gott sei Dank habe ich mir das Bett unter dem Fenster ausgesucht und hatte deshalb frische Luft.
Heute Morgen bin ich bei Regen gestartet und die ersten 7 km bis St. Alban hat es auch nicht aufgehört. Mir sind heute Pilger begegnet welche auf dem Rückweg waren von Santiago, wer weiss vielleicht mache ich das ja auch, sollte ich dann noch Geld haben…;-). Da kam auch ein seltsamer Pilger welcher sich peregrino bianco nannte, keine Ahnung was das bedeuten soll. Vielleicht ist das einer welcher auf dem Rückweg nach Hause und von allen Sünden reingewaschen ist…;-).
Habe mich heute sehr entspannt und gelassen gefühlt auch der Regen konnte mir nicht wirklich was anhaben. Das Gehen ging ganz leicht und mühelos. Habe darum gebetet noch mehr die Kontrolle loszulassen und mein Herz für andere zu öffnen.
Es ist schön wieder einmal in einem Hotelzimmer zu sein mit eigenem Bad und WC. Der pure Luxus! Dies muss manchmal auch sein und doppelt so gut wenn man es zudem noch so richtig geniessen kann. Heute gibt es nur Taboule zum Essen, dafür kann ich auf dem Bett sitzen und die Beine ausstrecken. Wenn man selber kocht kann man schon viel Geld sparen. Das Frühstück lasse ich auch meistens weg. Das kostet nur viel und bringt nichts. Lieber in der Bäckerei 2 Croissants kaufen und in der nächsten Bar einen Kaffee trinken. Man kann dann auch früh starten und muss nicht auf das Frühstück warten welches manchmal erst um 8.00 serviert wird.
Meine Moral ist sehr gut auch wenn das Wetter seit Le Puy schlecht ist. Das Wetter kümmert mich nicht, es ist halt wie es ist und das heisst momentan eher nass. Das einzige was mir manchmal Mühe macht ist wenn es dazu noch stark windet.
In St. Alban habe ich über eine Stunde Pause gemacht und dann hat es auch schon aufgehört zu regnen. Es sind sehr viele Leute unterwegs, vor allem Reisegruppen und das empfinde ich manchmal als störend. Möchte wieder mal Pilger treffen vor allem jene die zu Hause gestartet sind. Wo Agnes wohl ist? Jean-Claude ist wahrscheinlich in Les Estrets geblieben.
Bin eigentlich ganz froh, dass ich meinen Blog nicht mehr aktualisieren muss, irgendwie hat mich das immer gestresst ein Internet suchen zu müssen. Wenn ich zu Hause bin kann ich das dann in aller Ruhe machen.
 

Les Faux, 28.5.2008 (28 km)
Heute habe ich eine sehr lange Etappe gemacht, bin richtig stolz auf mich! Wir hatten heute richtig Glück mit dem Wetter, nur mal kurz ein paar Regentropfen. Die Regenpellerine hatte ich in meinem Rucksack verstaut und ich musste sie Gott sei Dank mal nicht auspacken. Jean-Claude und Marie-France sind in der Domaine du Sauvage geblieben und ich bin mit Vincent bis Les Faux weitergelaufen. Hatte ehrlich gesagt auch keine Lust in der Domaine zu bleiben, da die Gastgeber recht unfreundlich waren.
Wir haben uns vor dem Eingang zum Haus an den Tisch gesetzt und wollten noch einen Moment mit Jean-Claude und Marie-France verbringen bevor wir weiterziehen. Da kam die Madame aus dem Haus und hat gefragt ob wir alle hier übernachten würden und als wir gesagt haben Nein hat sie uns weggescheucht dies sei Privat hier. Wirklich nicht sehr einladend. Hier in Les Faux ist es dafür super sympathisch!
Der berühmt berüchtigte Uwe ist auch da, werde schon mal meine Ohrstöpsel bereit legen…;-). Er ist mir auf jeden Fall auf Anhieb unsympathisch, wenn man ihn unterwegs grüsst dann grunzt er nur aber vielleicht bin ich auch voreingenommen da ich schon soviel negatives über ihn gehört habe. Man muss ja auch nicht alle Menschen welchen man unterwegs begegnet mögen.
Seit Le Puy sind sehr viele Leute unterwegs vor allem solche welche sich den Rucksack transportieren lassen. Pilger trifft man leider nur wenige. Habe zusammen mit Nordie für Morgen in Aumont Aubrac ein Hotelzimmer reserviert, da mal wieder alles ausgebucht ist. Wir haben gerade noch das letzte Zimmer bekommen. Wäre schön wenn sie in den Gîtes 1 -2 Plätze für Pilger frei halten würden, oft ist die Herberge durch Gruppen welche reserviert haben schon ausgebucht.
So, werde mir jetzt leckere Pasta mit Tomaten, Thunfisch und Zwiebeln kochen. Das Gläschen Rotwein gibt es dann nachher im Restaurant.
 
 
Sauges, 27.5.2008 (19 km)
Habe nur eine kurze Etappe gemacht heute und dazu mit vielen Pausen. Es sind viele Pilger und Wanderer unterwegs und irgendwie wird es immer lustiger. Es gibt jetzt auch viel mehr Möglichkeiten um mal anzuhalten und einen Kaffee zu trinken. Jean-Claude habe ich in Le Puy auch wieder getroffen und ich muss immer sehr über seine Geschichten lachen. Heute hat es auch wieder geregnet und am Nachmittag dazu wieder heftig gewindet. Ich werde immer gelassener, nehme das Wetter so wie es ist und reservieren tue ich seit Le Puy auch nicht mehr. Ich entscheide am gleichen Tag bis wo ich laufen will.
Bis jetzt hatte es auch immer genug Platz. Nimmt mich Wunder wo Anges ist, wahrscheinlich ist sie schon in der Domaine du Sauvage. Das würde heissen sie ist mir eine Etappe voraus. Ich wünsche ihr, dass sie neue Freunde findet wie ich auch und viele gute Erfahrungen macht. Freue mich schon wieder auf unser Wiedersehen.
Hier in Sauges ist es ziemlich kalt und ich liege in meinem Schlafsack um mich aufzuwärmen. Überhaupt ist das Wetter seit Le Puy ziemlich beschissen! Es windet, regnet und ist kalt!
 


St. Privat d’Allier, 26.5.2008 (23.5 km)
 
Bin zusammen mit Agnes in Le Puy gestartet. Michael und Konstantin mussten wir leider zurücklassen, es war schon lustig mit diesen beiden. Ich glaube Agnes ist es ziemlich schwer gefallen die beiden zu verlassen…;-).
Ich hatte ein richtiges Deja vue heute. Es war regnerisch und sehr windig wie vor 2 Jahren. Total anstrengend, nur war meine Moral um einiges besser als damals aber es war ja auch nicht mein erster Tag heute. Irgendwann habe ich mir gesagt, dass wenn ich diese Erfahrung wirklich ein zweites Mal machen muss, dann ist es halt so.
In St. Christoph hat es, wie vor 2 Jahren auch, angefangen zu regnen. Agnes und ich haben schnell Pause gemacht um etwas zu essen. Dann auf der Hochebene habe ich Agnes verloren weil sie einfach schneller lief wie ich und ich musste ein paar Mal mit der Pellerine kämpfen. Jeder Pilger der schon einmal versucht hat bei starkem Wind und Regen eine Pellerine anzuziehen weiss was ich meine…;-).
Ich habe am Gurt des Rucksacks einen kleinen Beutel befestigt wo ich immer kleine Sachen zum Essen wie z.B. Müsliriegel, Schokoloade und trockene Aprikosen drin habe. Auf der rechten Seite habe ich immer Zugriff auf meine Wasserflasche. Dies ist total praktisch wenn es regnet und man seinen Rucksack nirgends absetzen kann. Ich kann mich dann entweder im Gehen mit Nahrung versorgen oder mich samt Rucksack und Pellerine hinsetzen. Auf dieser Etappe war dies mal wieder sehr praktisch.
In der Kapelle kurz vor Montbonnet habe ich kurz angehalten und mich hingesetzt. Habe mich daran zurückerinnert wie aufgelöst ich damals war als ich hier angekommen bin. Hatte fast nichts mehr zum Essen, nur Wasser und Brot. Ein ganz harter erster Wandertag, ein richtiger Härtetest. Heute ist alles anders. Das Wetter ist das Gleiche aber ich fühle mich gut.
In Montbonnet habe ich dann eine längere Pause gemacht und mir einen Croque Monsieur und eine Cola gegönnt. Im Fernsehen lief gerade ein Tennismatch mit Roger Federer und das musste ich mir einfach anschauen. Anschliessend gab es auch noch einen Kaffee um wieder in die Gänge zu kommen. Der war auch bitter nötig nach der langen Pause…;-).
Hatte gehofft Agnes in der Gîte von St. Privat d’Allier wieder zu treffen aber sie war leider nicht da, wahrscheinlich ist sie noch 7 km weiter bis Monistrol d’Allier gelaufen. Jetzt ist mal wieder loslassen angesagt aber ich bin mir fast sicher, dass ich sie wiedersehen werde.
Draussen zieht gerade ein Gewitter vorbei und ich bin froh im Trockenen zu sitzen. Ich hoffe Agnes hat nicht beschlossen draussen zu schlafen… Jetzt hagelt es auch noch, der Alptraum jedes Pilgers aber nur wenn man draussen ist…;-).
Teile das Zimmer mit Nordie und Marie-France. Wir haben spontan beschlossen heute Abend zusammen zu kochen. Es gibt Pasta mit Speck, Rahm und Parmesan. Hmmmmmm. So ist es auf dem Pilgerweg; man verliert die einen und lernt dafür wieder andere Leute kennen.
 

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