5.8. – 10.8.2008 von Santiago nach Finisterre

5.8.2008 Negreira (24 km)
Heute war eigentlich ein kurze Etappe aber der Einstieg nach der mehrtägigen Pause fiel ganz schön schwer. Agnes und ich sind flott gestartet heute Morgen und nach der langen Pause haben auch meine Füsse nicht mehr geschmerzt. Als wir zur Stadt raus gelaufen sind, haben wir uns schon bald gefragt wo es lang geht aber Gott sei Dank waren da drei zielstrebig laufende Italiener wo wir uns gleich mal angehängt haben.
Bei Ponte Maceira haben wir im Rio Tambre gebadet. Dies war das erste Mal seit ich von der Schweiz aufgebrochen bin, dass ich in einem Fluss gebadet habe! Endlich kam mal mein Bikini zum Zug! Man konnte mit einem Seil ins Wasser springen und das haben wir dann auch getan. Agnes hat sich leider bei dieser Aktion den Finger verstaucht. Im Fluss gab es eine kleine Felseninsel, da sind wir hingeschwommen und haben uns ein wenig in die Sonne gelegt. Anschliessend hätten wir wohl besser eine Siesta abhalten und nicht gleich weiter marschieren sollen. Ich fühlte mich wie Blei und die 3 letzten Kilometer bis Negreira waren die reinste Qual. Die Herberge war schon ziemlich „Completo“ und nur weil Agnes im richtigen Moment reagiert hat haben wir in den Zelten noch die 2 letzten Matratzenn bekommen. Sonst hätten wir noch ein paar Kilometer weiterlaufen müssen.
Abends haben wir mit den 3 Italienern welche mit uns aus Santiago rausgelaufen sind Abendessen gekocht. Es gab natürlich Pasta, Salat und 4 Flaschen Wein!!! Dieses Festmahl hat jeden von uns 2.50 gekostet. Ich glaube dies ist das günstigste Essen meines ganzen Caminos! Wir waren völlig gelöst und haben viel und laut gelacht. Zum Leidwesen von zwei älteren deutschen Pilgerinnen, die das gar nicht lustig fanden aber Hand aufs Herz mit Italienern kann man sich einfach nicht leise unterhalten…;-). Und schon gar nicht wenn man 4 Flaschen Rotwein trinkt. Wir hatten auf jeden Fall kein schlechtes Gewissen, manchmal muss man auch auf dem Camino über die Stränge schlagen.

6.8.2008 Olveiroa (33 km)
Heute war eine lange und anstrengende Etappe. Wir hatten total Mühe und uns fehlte die nötige Motivation, irgendwie ist uns die in Santiago abhanden gekommen. Vielleicht liegt es aber auch am gestrigen Weingelage…;-). Ich fühlte mich wie Blei, die Füsse schmerzten mal wieder und es schien keine Energie mehr übrig zu sein. Irgendwie hat die Energie mich bis Santiago gezogen und getragen, jetzt ist das Ziel erreicht und man muss sich selber motivieren und vorwärts schieben. Na ja ist eh alles nur im Kopf. Kurz vor Olveiroa, als es besonders schwer war, habe ich einfach die Stöcke in den Boden gerammt und mich so vorwärts gestossen. Das hat gut getan und die Energie kam soweit zurück, dass ich es bis Olveiroa geschafft habe.
Jetzt fühle ich mich total leer und versuche es einfach so zu lassen. Es gibt sowieso nichts womit ich diese Leere auffüllen könnte.
Vielleicht muss ich auch einfach wieder alleine laufen und Agnes auch. Ich werde Morgen nach Muxia laufen und Agnes geht direkt nach Finisterre. Ich glaube, dass uns das gut tun wird. Ich mag Agnes sehr und dennoch bin ich froh Morgen wieder mal alleine unterwegs zu sein.
Ich möchte unbedingt nach Muxia, weiss auch nicht wieso. Habe das Gefühl, dass dies ein ganz spezieller Ort sein muss.
Die letzten zwei Etappen stehen an, schon ein komisches Gefühl. Ich glaube es ist wichtig, dass ich diese Etappen alleine laufe, ich muss für mich etwas abschliessen.
Heute ist uns noch Contin begegnet. Er war auf dem Rückweg von Finisterre nach Santiago. Das letzte Mal als ich ihn gesehen habe war in Le Puy. Er wirkte total glücklich und schwebte wie 5 cm über dem Boden. Bei uns war es genau das Gegenteil wir fühlten uns wie 100 kg und haben uns mühsam vorwärts geschoben…;-).

7.8.2008 Muxia (30 km)
Es war gut wieder alleine unterwegs zu sein, bin aber trotzdem nicht richtig vorwärts gekommen. Irgendwie habe ich den Schwung den ich vor Santiago hatte verloren. Es war mal wieder harte Arbeit und ein Gehen unter Schmerzen.
Kurz nach Hospital hat sich der Weg geteilt. Links ging es nach Finisterre und geradeaus nach Muxia. War mir zuerst nicht sicher, ob ich auf dem richtigen Weg bin und bin nochmals zurückgelaufen aber es gab keine andere Markierung. Ich sah keine gelben Pfeile und auch gab es keine anderen Pilger, die sind alle Richtung Finisterre weitergelaufen. Habe mich schon fast etwas einsam gefühlt…;-). Die letzten Tage vor allem vor Santiago war ich es mir gewohnt in der Karawane zu laufen und plötzlich ist man wieder mal alleine. Habe den ganzen Tag kaum jemanden gesehen und irgendwie hat es mich an die Zeit auf dem Jurahöhenweg erinnert, ganz am Anfang meines Caminos.
Ca. 8 km vor Muxia habe ich dann zum ersten Mal das Meer gesehen. Das hat mich fast umgehauen und tief berührt. Fast noch mehr als ich in Santiago angekommen bin. Die Vorstellung von mir zu Hause bis ans Meer gelaufen zu sein war einfach unbeschreiblich.
Muxia ist ein Fischerdorf und ich fühle mich hier sehr wohl wenn auch etwas einsam. War heute Abend seit langem wieder einmal alleine im Restaurant. Habe vorher im Internet erfahren, dass Carl am 5. August in Santiago angekommen ist, dass er jetzt in Finisterre ist und dass wenn ich Morgen ankomme er schon im Bus nach Hause sitzt. Habe somit keine Chance ihn wiederzusehen. Schade! Dann hat mir Agnes noch eine SMS geschickt und mir geschrieben, dass sie gerade daran sei ihre Kleider am Kap zu verbrennen und dann hat mich das heulende Elend überkommen und ich fühlte mich total traurig, dass sie nicht auf mich gewartet hat. Hatte das Gefühl, immer alles alleine machen zu müssen.
Da sass ich nun alleine im Restaurant, wartete auf das Essen und musste total heulen. Irgendwie kam alles zusammen: das Ende meines Caminos, alleine in Muxia zu sein, Carl nicht mehr zu sehen und Agnes die ihre Kleider ohne mich verbrennt.
Die Senora im Restaurant war total nett, hat mich getröstet und gemeint dies sei ganz normal, dass man weinen müsse wenn der Camino zu Ende gehe. Sie hat mir dann das Pilgerbuch und einen Schnaps gebracht und gemeint ich solle unbedingt etwas reinschreiben. Diese Frau war so herzlich und nett, da habe ich mich gleich wieder besser gefühlt.
Die Kirche am Meer ist übrigens wunderschön und ich bin noch lange am Meer auf den Felsen gesessen und habe den Wellen zugeschaut. Der einzige Wermutstropfen war, dass es so touristisch war. Hätte mir etwas mehr Beschaulichkeit und Ruhe gewünscht aber so ist es halt.

8.8.2008 Finisterre (28 km)
Die letzte Etappe war auch noch einmal eine echte Herausforderung und vor allem meine letzte Lektion in Sachen Vertrauen. Die Markierungen bis Lires waren sehr, sehr schlecht. Manchmal hatte es zuviele Pfeile, dass man nicht mehr wusste in welche Richtung man jetzt gehen soll, dann wieder gar keine oder der Pfeil ging einfach in den Boden. Toll! Bei jeder Verzweigung stand ich vor dem gleichen Problem und musste ich mich entscheiden in welche Richtung ich jetzt gehen soll. Ich war immer unsicher ob ich auf dem richtigen Weg bin. War mal wieder völlig verzweifelt und mir blieb nichts anderes übrig als zu beten und Gott um Hilfe zu bitten. Bei jeder Verzweigung habe ich Ihn gebeten mir ein Zeichen zu geben ob ich mich richtig entschieden habe. Ich war innerlich so angespannt und fühlte mich völlig verloren. Einmal war es richtig schlimm und als ich dann endlich den Stein mit der Jakobsmuschel sah, bin ich in die Knie gesunken und in Tränen ausgebrochen vor Dankbarkeit. Da ist innerlich ein richtiger Damm gebrochen und von da an war ich voller Vertrauen und wusste einfach, dass Gott immer an meiner Seite läuft und mich nie im Stich lässt. Ich konnte Ihn sogar spüren wie ein Kitzeln in meinem Nacken. Da hat mich so ein Glücksgefühl durchströmt und eine Gewissheit dass Er da ist und immer sein wird. Ich hoffe nur, dass ich dieses Vertrauen wenn ich zurückkomme in den Alltag mitnehmen kann. Als ich den Fluss nach Lires barfuss überquert hatte, haben mich nicht einmal mehr die Füsse geschmerzt. Den Rest des Weges bis Finisterre war ich leicht und voller Vertrauen unterwegs. Immer ein Lied auf den Lippen: „Thy will be done, thy will be done, thy will be done“. Ich glaube ich habe mich noch nie im Leben mit Gott, mit mir und dem Leben so verbunden gefühlt.
Es war total wichtig für mich diese zwei Tage nochmal allein zu laufen, sonst hätte ich diese Erfahrung mit Gott wohl nicht gemacht.
In Finisterre habe ich es Gott überlassen wo er mich haben wollte. Bin gleich mal in die Albergue und da stand schon mal ein einladendes „Completo“ an der Türe. Bin dann aber trotzdem rein da ich die Fisterra abholen wollte. Habe dann noch beiläufig erwähnt, dass hier wohl „Completo“ sei und dann hat die Hospitalera gemeint, Nein es sei noch ein Bett frei, da ein Mann abgereist sei der eigentlich hier übernachten wollte. Dies war mir Zeichen genug und ich bin in der Albergue geblieben.
Um 20.00 Uhr kam dann endlich eine SMS von Agnes, hatte mich schon gefragt wo sie eigentlich steckt, die war energetisch wie weg. Sie hat gemeint ich solle was zum Essen mitnehmen und zum Kap hochkommen. Habe mir schnell ein PickNick und Wein eingepackt und bin die 3.5 km zum Kap flott hochgelaufen. Meine Klamotten habe ich auch mitgenommen damit ich endlich meine stinkenden Pilgerklamotten verbrennen kann. Ein netter Spanier wollte mich in seinem schicken Wagen mitnehmen aber ich habe dankend abgelehnt und mich auf meine gesunden Beine verlassen.
Habe mich total gefreut Agnes wieder zu sehen und sie hat mir erzählt, dass sie sich in Thorsten verliebt hat welchen Sie zum ersten Mal in Santiago beim Salsa tanzen getroffen hat. Ein süsses Paar kann man nur sagen, hoffe, dass alles so kommt wie sie sich das wünscht. Habe dann meine Kleider verbrannt und das Miam Miam Do Do auch noch gleich, Seite für Seite. Hat total Spass gemacht und ist ein schönes Riual um die Pilgerschaft zu beenden. Habe den Sonnenuntergang genossen und mit den anderen zuviel Rotwein getrunken.
Bin dann im Dunkeln alleine und leicht torkelnd zurückgelaufen, da mein verliebtes Päarchen einfach vergessen hatte, dass ich auch noch dar war. Habe ich lächelnd zur Kenntnis genommen, ich weiss ja wie es ist wenn man in diesem Zustand ist…;-). Es war stockdunkel und immer wenn ein Auto kam habe ich die Stirnlampe angemacht, da ich keine Lust hatte überfahren zu werden. Es hatte soviele Sterne am Himmel und war einfach wunderschön. Irgendwie ist meine Pilgerreise erst hier in Finisterre wirklich zu einem runden Abschluss gekommen. Ein Abschluss der sich so richtig gut anfühlt, in Santiago habe ich mich eher beschissen gefühlt bei meiner Ankunft.


9.8.2008 Finisterre
Jetzt ratet mal wer mir da über den Weg läuft läuft als ich Morgens in das Städtchen laufe um zu frühstücken. Na zuerst ist mir mal die total verliebte Agnes begegnet, die gerade mit ihrer Mama telefonierte. Aber weiter hinten habe ich jemanden gesehen, den ich seit St. Jean-Pied-de-Port nicht mehr gesehen hatte. Männlich, etwas verrückt und sehr liebenswert: Carl!!! Ich habe meinen Augen nicht getraut und mich natürlich total gefreut. Der Bus am 8. August war voll und somit konnte er nicht abreisen. Zudem hatte er in seinem Blog meine Nachricht gelesen und gewusst, dass ich in Finisterre bin. Gott hat wohl beschlossen, dass wir uns doch noch sehen müssen bevor jeder von uns nach Hause geht.
Wir sind dann abends zusammen zum Kap hoch gelaufen und ich habe micht gefragt, was mir an dem Freak, der an meiner Seite läuft bloss gefallen hat? Am Kap als wir dann so still beisammen sassen war die Verbindung dann plötzlich wieder da. Es ist einerseits seine tiefe Stimme und seine Verrücktheit die mich anzieht. Andererseits berührt er etwas in mir, dass ich ihn einfach nur in die Arme nehmen und halten möchte.
Thomas, mein Pilgersohn ist heute auch endlich angekommen, er musste ja krankheitshalber noch einen Tag länger in Santiago bleiben. Beim Kleiderverbrennen hat er einfach gekniffen und sich von keinem seiner miefenden Stücke trennen können. Na ja, soll er sie halt wieder mit nach Hause nehmen. Thomas ist auch so einer der etwas in mir berührt aber eher meine Muttergefühle…;-).
Bin dann zusammen, Arm in Arm, mit Carl zurückgelaufen und wir sind noch in eine Bar und haben zusammmen ein Glas Wein getrunken. Wir mochten uns einfach nicht trennen und haben noch die ganze restliche Nacht miteinander verbracht. Mehr will ich eigentlich gar nicht erzählen, nur dass unsere Begegnung eher mit dem Herzen und Heilung zu tun hatte als mit dem was ihr jetzt wieder denkt…;-).

10.8.2008 Finisterre
Heute Morgen habe ich mich mit Agnes zum Frühstück getroffen und anschliessend habe ich Agnes, Thorsten und Carl zum Bus zurück nach Santiago gebracht. Agnes werde ich in Santiago wiedersehen und mir ihr dann zusammen die Heimreise antreten. Ich bleibe noch einen Tag länger und werde dann Morgen zurück fahren. Thomas und ich sind jetzt sozusagen die letzten von unserem Grüppchen die noch in Finisterre sind. Wir werden uns heute Abend noch ein leckeres Abendessen mit Meeresfrüchten in einem teuren Restaurant gönnen. Das muss jetzt einfach sein. Marco ist auch hier, den habe ich zuletzt auch in St. Jean-Pied-de-Port getroffen. Er ist dann aber den Camino del Norte gelaufen und jetzt am Schluss kommen unsere Wege wieder zusammen.
Mein Camino-Abenteuer geht zu Ende und ein neues Abenteuer beginnt. Es ist OK nach Hause zu fahren auch wenn ich davor etwas Angst habe. Ich weiss jetzt aber, dass Gott immer an meiner Seite ist und dass das einzige was mich vor Ihm trennt alles ist was ich glaube zu sein aber nicht bin nämlich mein Ego.
Mit diesem neu gefundenen Vertrauen möchte ich das nächste Kapitel meines Lebens beginnen und bin neugierig wo der Weg mich hinführt.

YOU NEVER WALK ALONE!!! In diesem Sinne wünsche ich allen die mich begleitet haben (auf und neben dem Weg) alles Gute.

In Liebe Françoise

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