2.7. – 4.8.2008 von St. Jean Pied-de-Port nach Santiago de Compostela

Roncesvalles, 2.7.2008 (27 km)

Ich habe die Pyrenäen überquert! Wir sind am Morgen früh, es war noch dunkel, bei Nebel und Nieselregen gestartet. Wir waren zügig unterwegs, bei diesem Wetter kam es einem ja auch nicht in den Sinn zu schlendern, und nach ca. 1.5 Std. waren wir schon in Orisson wo wir uns eine Kaffeepause gegönnt haben. Die ersten 7 – 8 km bis Orisson sollen ja die steilsten sein auf dem ganzen Weg aber wir sind da leicht und locker hoch gelaufen. In Orisson hat sich Ashley noch angeschlossen eine Bekannte von Bridget und so waren wir dann zu viert unterwegs. Gesehen haben wir nicht viel, da es total neblig war. Als wir schon fast oben auf dem Pass waren ist der Himmel plötzlich aufgerissen und wir durften das wunderschöne Panorama bewundern. Plötzlich haben wir Geier gesehen, Schafe und wilde Pferde. Es war einfach toll und wir waren in euphorischer Stimmung. Roger hat sich dann mal ins Gras gelegt und wollte die Geier testen indem er sich tot gestellt hat aber sie haben ganz in Ruhe weiter ihre Kreise gezogen und darauf gewartet dass einer von uns das zeitliche segnet. Was Gott sei Dank nicht passiert ist. Dann hat man schon wieder gesehen wie der Nebel hoch kommt und es ging nicht lange da war es schon wieder vorbei mit der Sicht. Bei der Rolandsquelle haben wir Pause gemacht und von dem berühmten Nass getrunken. Ein Spanier war auch da und den haben wir gleich mal mit einem „Hola, que tal“ begrüsst. Er hat uns nur angegrinst und ist dann weitergelaufen. Das erste was uns in Spanien aufgefallen ist, waren die riesigen blau/gelben Pfeile für den Camino. Wir haben uns gekrümelt vor Lachen, die sieht sogar ein Blinder und bei dickstem Nebel. Da kann ja nichts mehr schief gehen…;-).

Wir kamen durch einen Wald um im Nebel war der richtig mystisch. Trotz dem schlechten Wetter hat der Nebel auch seine schönen Seiten. Gegen Ende wurde die Etappe dann noch richtig lange und die Euphorie kippte langsam in totale Erschöpfung. Wir wollten nur noch ankommen und uns ausruhen. Als erstes sind wir gleich mal in die Kirche von Roncesvalles und da ist mir vor allem der Pomp, Gold und Kitsch aufgefallen den spanische Kirchen haben. Dagegen sind französische Kirchen direkt schlicht aber es war trotzdem ergreifend da zu sein. Als das Pilgerbüro aufmachte mussten wir dann zum ersten Mal anstehen und warten bis wir endlich den ersten spanischen Stempel in unseren Pass bekamen. Jetzt liege ich auf dem Kajütenbett dieses riesigen Schlafsaals und versuche zu begreifen, dass ich in Spanien angekommen bin.
Irgendwie kommt es einem hier vor wie in einem Flüchtlingslager und für die Männer und Frauen gibt es je 2 Duschen! Vor Bridget und mir standen eine Gruppe Japanerinnen und jede hat sich in der Dusche aus- und angezogen und dazu noch die schönen langen Haare gewaschen. Ist ja alles Ok aber nicht wenn 50 andere Frauen darauf warten zu duschen. Jede dieser Japanerinnen hat ca. 15 Min. gebraucht bis sie wieder angezogen vor der Tür stand. Bridget und ich hatten beschlossen, dass es so nicht weitergehen kann und dann haben wir den Vorschlag gemacht, dass man sich vorher schon auszieht und auch draussen abtrocknet und wieder anzieht. Wir sind ja alles Frauen und sehen mehr oder weniger alle gleich aus oder? Bridget und ich haben je ca. 2 Minuten gebraucht um zu duschen und von da an ging es richtig schnell.
Der grösste Unterschied zu Frankreich sind die Massen von Pilgern und die riesigen Schlafsäle. Werde wohl einige Tage brauchen um mich daran zu gewöhnen. Trotz der vielen Pilger ist die Herberge gut geführt von Holländern und man kann sogar seine Kleider waschen und trocknen lassen da es nicht viel Platz gibt um sie aufzuhängen. Überhaupt hört man viel negatives über diese Herberge was ich nicht bestätigen kann (vor allem wenn man das Buch von Hape gelesen hat). Draussen regnet es in Strömen und da ich meine Regenjacke und Turnschuhe zurückgeschickt habe, habe ich jetzt nur noch die Pellerine und die Sandalen. Ich bin in der Frühschicht zum Essen dran und bin froh, dass ich nicht mehr all zu lange warten muss. Um 10.00 Uhr ist dann Lichterlöschen, im Wahrsten Sinne des Wortes gehen dann die Lichter aus. Um 6.00 Uhr gehen sie dann wieder an und wir werden mal wieder ohne Frühstück (ich nehme an in Spanien wird das jetzt immer so sein) bis Burguete laufen und da gibt es dann das erste spanische Frühstück. Bocadillo con jamon, übe schon mal ein bisschen für Morgen…;-).

Larrasoana, 3.7.2008 (27 km)
Heute Morgen punkt 6.00 Uhr ist im Schlafsaal von Roncesvalles das Licht angegangen und alle sind aus dem Bett gehüpft um schnell im Bad zu sein so lange es noch Platz hat. Habe mal wieder sehr schlecht geschlafen und bin mit Kopfschmerzen aufgewacht. Habe mich gefragt in welchem schlechten Film ich wohl gelandet bin? Bridget mussten wir leider zurücklassen, sie war total traurig und hatte Tränen in den Augen und ich war auch nahe daran loszuheulen. Hätte sie so gerne mitgenommen aber sie wird den Camino nächstes Jahr fortsetzen.
Ich habe euch ja noch gar nicht von unseren Hardcore Pilgern erzählt. Vater und Sohn, ich glaube sie heissen beide Daniel, er war früher bei der Fremdenlegion und die zwei hatten über die Pyrenäen ihre erste Etappe. Schon im Esprit du Chemin sassen wir zusammen am Tisch und haben über die Pyrenäenetappe geredet und mir war schnell klar, dass sie zuviel Gepäck dabei haben. Habe gemeint, dass sie nochmals ihre Rucksäcke durchgehen sollten und wirklich nur mitnehmen was wirklich nötig ist, was sie nicht brauchen könnten sie ja zurücksenden. Die hatten noch eine ganze Campingausrüstung dabei und beide bestimmt 20 kg auf dem Buckel. Bei der Ueberquerung haben sie auf jeden Fall ziemlich gelitten und Vater Daniel hatte abends schon richtig Knieprobleme. Am Morgen als wir dann von Roncesvalles aufbrechen wollten kam Daniel zu mir und hat gesagt er hätte praktisch die Hälfte seines Rucksackinhaltes in den Container geschmissen! Wir konnten es nicht glauben und haben nachgeschaut. Tatsächlich lag da die Campingausrüstung und andere Sachen. Zusammen mit Roger haben wir alles wieder aus dem Container geholt und in der Herberge auf das Regal gestellt wo Pilger Sachen zurücklassen welche sie nicht mehr brauchen. Ich habe gemeint ich spinne! Man kann doch die ganzen Sachen nicht einfach wegschmeissen, vielleicht kann es ja jemand anders gebrauchen. Auf jeden Fall waren sie froh nicht mehr soviel Gewicht auf dem Rücken zu haben. Was haben wir gelacht.
Dann ist die Pilgerkarawane ohne Frühstück Richtung Burguete marschiert, kam mir vor wie auf einer Massenwanderung und immer noch wie in einem schlechten Film. Hatte das Gefühl die rennen ja alle, wo rennen sie nur hin? Fühlte sich alles ziemlich stressig an. In Burguete gabs dann Frühstück und mein erstes Bocadillo con jamon, hat sehr gut geschmeckt.
Die Strecke heute war sehr schön und wir mussten kaum auf der Strasse laufen. Wir hatten jetzt die Pyrenäen im Rücken aber es war immer noch bergig mit wunderschöner Aussicht. Ich muss mich daran gewöhnen nicht mehr auf französisch zu bestellen sondern auf spanisch.
Die Herberge hier in Larrasoana ist eine Katastrophe (viel schlimmer als Roncesvalles!!!), da ist zum einen wieder der riesige Schlafsaal mit 50 Betten oder mehr aber was viel schlimmer ist sind die katastrophalen sanitären Anlagen. Das Bad ist so ein Container der draussen im Hof steht und während die einen im Trog die Wäsche waschen spucken die anderen die Zahnpasta hinein. Einfach ätzend! Hoffe, dass es in Spanien auch noch andere Herbergen geben wird, im Moment sehne ich mich zurück nach Frankreich…:-(. Überhaupt scheinen hier alle ein Rennen zu absolvieren, es ist alles viel stressiger als in Frankreich. Es scheint, dass ich noch nicht hier in Spanien angekommen bin und ich muss mich auf die neue Situation erst einstellen aber im Moment habe ich noch Mühe damit.

Cizur Minor, 4.7.2008 (20 km)
Am Morgen war es eisig kalt aber wunderschön. Ich liebe diese Stimmung am frühen Morgen bevor die Sonne aufgeht. Im ersten Dorf nach Larrasoana haben wir auch schon unseren ersten Kaffee erhalten und ein Bocadillo gegessen. Ca. um 11.00 Uhr waren wir schon im Pamplona, da liefen gerade die Vorbereitungen für San Fermin auf Hochtouren. Am Sonntag (oder Montag?) jagen sie dann wie jedes Jahr die Stiere durch die Strassen und die Mutigen unter den Zuschauern rennen vor ihnen her. Nichts für meine schwachen Nerven…;-).
Langsam aber sicher komme ich hier in Spanien an und ich habe mich vom Kulturschock langsam erholt. Man ist anfangs schon etwas erschlagen von den Pilgermassen, riesigen Schlafsälen, den wenigen Duschen und teilweise schlechten sanitären Anlagen. Plötzlich wimmelt es nur so von Pilgern und man hat das Gefühl in einer Karawane zu laufen. Da kommt mir immer Loriot in den Sinn mit seinem „Wo laufen sie denn, wo laufen sie denn hin?“.
Es bleibt mir mal wieder nichts anderes übrig als loszulassen. The final let go!
Heute bin ich dafür in einem kleinen Paradies gelandet, was das Ankommen hier in Spanien unheimlich erleichtert und nach den zwei letzten Nächten einfach eine Wohltat ist. Konnte auch wieder einmal die Dusche richtig geniessen, meine Vorgängerin hatte zwar gemeint das Wasser wäre kalt aber von dem habe ich nichts mitbekommen. Vielleicht hat sie am falschen Hahn gedreht…;-). Die Hospitalera hier in der Albergue ist eine richtig gute Seele, sie verpflegt sogar die geschundenen Füsse der Pilger. Mir hat sie meine Blase, welche ich mir während der Pyrenäenüberquerung in den neuen Wanderschuhen zugezogen habe, aufgestochen und die Flüssigkeit mit einer Spritze abgesaugt. Dann hat sie mir die kleine Spritze und Kanüle mitgegeben damit ich evt. weitere Blasen auch so behandeln kann. Die neuen Schuhe gehen nicht ganz spurlos an mir vorbei aber im Grossen und Ganzen habe ich wenig Probleme damit.
Werde mir heute wieder einmal selber etwas kochen, die anderen werden sich wieder das Menu Peregrino reinziehen. Möchte die Albergue hier ein bisschen geniessen und im Garten Essen. Morgen werden wir einen kleinen Umweg nach St. Maria de Eunate machen, darauf freue ich mich schon lange.

Cirauqui, 5.7.2008 (30 km)
Als wir heute Morgen Cizur Minor verlassen haben war es noch dunkel aber es fing bereits an etwas heller zu werden. Es war wieder einmal eine wunderschöne Stimmung und der Weg führte anfangs relativ flach und geradeaus durch Felder.
In Zariquiegui gab es den ersten unerwarteten Kaffee vor einem privaten Haus. Es sah so aus als würden sich zwei Geschwister, eine Junge und ein Mädchen in den Ferien etwas Sackgeld dazu verdienen. Sie haben einfach vor der Haustür einen Tisch aufgestellt und Kaffee und Kleinigkeiten zum Essen angeboten. Uns Pilger hat es auf jeden Fall sehr gefreut und wir sind gestärkt und guter Laune weiter gewandert.
Dann kam der Aufstieg auf den Alto del Perdon wo man schon von weitem die riesigen Windräder sehen kann. Oben auf dem Alto hat es stark gewindet und war kalt. Wir haben trotzdem eine kurze Pause eingelegt, natürlich viele Fotos geschossen und die schöne Aussicht genossen. Der Abstieg vom Alto del Perdon war ganz schön steil und ich war mal wieder richtig froh meine Stöcke dabeizuhaben, das geht nämlich ganz schön in die Knie.
Der Höhepunkt des heutigen Tages war ohne Zweifel der Umweg zur kleinen Kirche von Santa Maria de Eunate. Ich habe mich schon lange darauf gefreut und ich wurde auch nicht enttäuscht. Die Kirche ist wirklich sehr schön, so schlicht und so still. Dieser Ort ist für mich ganz etwas spezielles und hat eine sehr schöne Energie. Habe mir Zeit genommen ein wenig in der Kirche zu meditieren und die Stille auch mich wirken zu lassen. Schade gibt es hier keine Herberge, wäre gerne noch etwas länger geblieben.
In Puente la Reina haben wir uns zuerst mal eine Cerveza con limon gegönnt und dann mussten wir entscheiden ob wir noch weiter bis Cirauqui laufen wollen. Es war doch schon 14.00 Uhr, sehr heiss und bis zu unserem Zielort noch 2 Stunden. Auch stand im Reiseführer, dass es auf dieser Strecke nicht viel Schatten gibt. Dazu kam noch die drohenden Gewitterwolken welche langsam auf uns zu kamen. Ja und trotz allem hatten wir noch keine Lust anzuhalten und sind weiter Richtung Cirauqui. Der Weg geht hier teilweise der Autobahn entlang und es war wirklich sehr, sehr heiss. Bei jedem kleinsten Schatten musste ich anhalten um etwas abzukühlen. In Maneru gab es einen Brunnen wo ich mir erst einmal Wasser über den Kopf und die Arme geleert habe um die Hitze zu kühlen. Am Brunnen war ein Päarchen aus der Schweiz. Er ist den Weg schon gelaufen und wollte seine Freundin bis Leon begleiten. Er war sehr beeindruckt, dass ich den ganzen Weg von Basel bis hierher gelaufen bin und hat gemeint ich solle jeden Moment geniessen, es gehe so schnell vorbei. Genau das habe ich vor zu tun.
Der Weg nach Cirauqui ist wunderschön und man sieht schon von weitem die kleine Stadt auf dem Hügel thronen. Dieser Ort gefällt mir wirklich sehr gut.
Reindert ist auch hier und wir gehen alle zusammen einkaufen und ein Bierchen trinken. Was gibt es schöneres nach einem langen, heissen Wandertag…;-).

Villa major de montjardin, 6.7.2008 (24 km)
Heute sind wir um 6.15 aufgebrochen. Es war nicht sehr heiss heute und bewölkt. Momentan habe ich Mühe mein Tagebuch fortzuführen weil mir einfach nichts einfällt, dass ich schreiben könnte. Fühle mich irgendwie leer. War heute Abend in der Kirche und habe eine Kerze angezündet. Habe darum gebetet noch mehr loslassen zu können. Möchte meine Kontrolle völlig abgeben und darauf vertrauen, dass Gott mich an der Hand nimmt. Es ist unheimlich befreiend nicht mehr für den Abend ein Bett reservieren zu müssen und mich einfach treiben zu lassen. Bis jetzt hat es auch immer geklappt mit den Übernachtungen. Ich möchte meine alten Verhaltensmuster und Projektionen loslassen, toleranter werden und mich und die anderen so akzeptieren wie sie sind. Ich habe auch den tiefen Wunsch mich wieder zu verlieben und eine erwachsene und reife Beziehung mit einem Mann einzugehen. Mich fallen lassen können, so sein wie ich bin. Vertrauen ist das Zauberwort für mich, auch darauf vertrauen, dass von allem genug vorhanden ist. Genug Liebe, genug Freundschaft, genug Geld, alles ist im Überfluss vorhanden. Ich muss mich nur darauf einlassen. In diesem Sinne Buen camino.

Viana, 7.7.2008 (31 km)
Heute war ein sehr langer und heisser Tag. Wunderschöne Strecke nur am Ende etwas lang. Sorry guys, ich habe heute einfach keine Lust Tagebuch zu führen.

Navarette, 8.7.2008 (22 km)
Heute haben wir nur eine kurze Etappe gemacht. Ich war immer noch sehr müde von der gestrigen Etappe und hatte überhaupt keine Energie mehr. Gestern sind wir 31 km von Villamajor bis Viana gelaufen. Es ging alles sehr gut und abends haben meine Füsse nicht mal so fest geschmerzt. Es ging auch fast alles geradeaus, ausser das letzte Stück und wenig auf der Strasse. War stolz so eine lange Etappe so gut überstanden zu haben.
Dafür bin ich heute kaum in die Gänge gekommen. Es hat ein paar Tage gebraucht um hier in Spanien anzukommen aber jetzt bin ich 100% gelandet. Bis jetzt haben wir überhaupt keine Probleme eine Unterkunft zu finden. Wir sind meistens aber auch sehr früh dran und kommen dementsprechend früh an. Meine Ängste haben sich komplett verabschiedet und ich werde immer gelassener.

Azofra, 9.7.2008 (23 km)
Heute bin ich mal wieder ein Stück alleine gelaufen und das hat mir sehr gut getan. Merke, dass ich wieder alleine unterwegs sein möchte und muss darüber mit Roger sprechen. Roger ist nun wieder auf dem Weg und braucht mich nicht mehr. Mein Job war einfach, dass er nicht aufgibt und das hat er ja auch nicht.
Hier in Azofra sind wir wieder einmal im Pilgerparadies gelandet. Es gibt hier eine neue Herberge mit 30 Zimmern und je 2 Betten. Im Hof plätschert ein Brunnen und es hat einen kleinen Pool wo man die heissen Füsse abkühlen kann. Wir sitzen auch alle drumherum und lassen es uns gut gehen. Nur das Wasser kann man hier nicht trinken und wir müssen für Morgen noch Mineralwasser einkaufen.
Reindert haben wir auch wieder getroffen, er hat letzte Nacht woanders übernachtet und heute wollte er nicht so weit laufen wegen der Hitze. Es hat über 30 Grad und nach 14.00 Uhr geht nichts mehr. Morgen werde ich wieder früh aufbrechen um Zeit zu haben für Santo Domingo della Calzada. Das ist der Ort wo die Hühnerlegende her kommt und in der Kirche werden immer noch lebende Hühner in einem Stall gehalten.

Redecilla del Camino, 10.7.2008 (27.5 km)
So ich laufe wieder alleine. Habe es Roger gestern mitgeteilt und heute habe ich ihn den ganzen Tag nicht gesehen. Vielleicht ist er beleidigt oder einfach froh wieder seine eigenen Etappen laufen zu können. Er ist auf jeden Fall weiter gelaufen als ich heute. Heute war es wieder sehr heiss und eine echte Herausforderung. Morgen soll es kühler werden, nur 24 Grad, was für ein Segen. Überlege mir ob ich Morgen nur eine kurze Etappe bis Belorado mache, da gibt es eine Albergue mit Swimmingpool und Massagen. Vielleicht mache ich sogar einen Ruhetag, meine Füsse würden es mir danken, denn sie schmerzen mal wieder stark. Werde in Belorado entscheiden.
In Santodomingo della Calzada war ich in der Kirche und habe die Hühner bewundert. Anschliessend ging es bei grosser Hitze weiter bis Granon wo ich mir schon mal überlegt habe zu bleiben, bin dann aber doch noch bis Redecilla weiter gelaufen. Jetzt bin ich in der Provinz von Kastillien und Leon, La Rioja liegt auch schon wieder hinter mir.

Villafranca Montes de Oca, 11.7.2008 (24 km)
Heute war ganz ein mühsamer Tag. Anfangs ging es ganz gut aber ab Villamayor del Rio hat es angefangen zu winden und das war richtig unangenehm. Überhaupt fand ich die Dörfer heute alle deprimierend und ich hatte nirgends Lust länger zu verweilen. Belorado fand ich sowas von hässlich, dass ich gleich weiter bin. Ich weiss nicht ob es an meiner Stimmung lag oder an der Umgebung aber es war alles mühsam. Habe versucht alles so zu lassen wie es ist und bin einfach weiter gelaufen.
Meine Füsse schmerzen sehr und ich bin stolz trotzdem 24 km geschafft zu haben. Habe heute auch fast niemanden getroffen ausser in der Albergue bin ich ganz unerwartet über Reindert gestolpert. Er lag auf dem Bett und hat geschnarcht..;-). Habe mich total gefreut und wir haben zusammen gekocht, Wein getrunken und gegessen. Roger ist wahrscheinlich schon in San Juan de Ortega. Da darf er sich wahrscheinlich über eine kalte Dusche freuen…;-).
Morgen mache ich nur eine kurze Etappe bis Atapuerca und übermorgen bin ich schon in Burgos. In 3 Wochen werde ich schon in Santiago sein, im Moment geht mir alles viel zu schnell. Bis jetzt sind die Albergues überhaupt nicht überlaufen und man trifft immer etwa die gleichen Pilger.

Atapuerca, 12.7.2008 (19 km)
Heute habe ich mal wieder etwas länger geschlafen und bin später los da ich wusste, dass es heute kühler ist. Kühl ist aber nur das Vorwort es war nämlich saukalt. Ich hätte Handschuhe anziehen können sofern ich welche dabei gehabt hätte. Der Weg ging anfangs sehr schön durch den Wald und dann aber durch eine riesige, hässliche Schneise welche man ganz brutal in die Landschaft gerissen hat. Es war ziemlich eintönig und die 12 km bis San Juan de Ortega gab es absolut nichts ausser Kälte, Kälte und nochmals Kälte. Dafür war die Kirche von San Juan de Ortega ein absoluter Lichtblick. Wenn ich wieder zu Hause bin werde ich mir einen schönen Bildband von Spanien kaufen, denn mit meinen eigenen Fotos finde ich es immer sehr unbefriedigend.
Ich lerne immer wie mehr anzunehmen und zu akzeptieren was gerade ist und mich nicht darin zu verlieren wie ich es gerne hätte.
Morgen bin ich in Burgos und leider ist Sonntag da ich mir gerne ein neues T-Shirt gekauft hätte aber vielleicht gibt es ja Touristenläden welche offen haben oder sonst halt in Leon.
Heute ist schon der zweite Tag wo ich wieder alleine unterwegs bin und es geht schon wieder viel einfacher. Da ist einerseits das Bedürfnis wieder alleine zu sein und andererseits zahlt man halt auch einen Preis dafür nämlich Einsamkeit. Zuerst bin ich wie in ein Loch gefallen aber jetzt fange ich das alleine unterwegs sein wieder an zu schätzen.

Burgos, 13.7.2008 (21 km)
Die heutige Etappe nach Burgos war kurz aber dennoch anstrengend da man die meiste Zeit auf Asphalt läuft und die ganze Industriezone zu Fuss durchqueren muss. Es gibt ja Pilger welche für dieses Stück den Bus nehmen was ich durchaus verstehen kann. Man verpasst gar nichts.
Die Kathedrale von Burgos ist so riesig und überwältigend, dass es einen beinahe den Atem verschlägt wenn man sie zum ersten Mal sieht aber dennoch ist sie sehr schön. Auch Burgos selber ist im Zentrum eine sehr schöne und lebendige Stadt. Trotzdem bin ich immer wieder froh, aus Grossstädten so schnell wie möglich herauszukommen, in den kleinen Dörfern gefällt es mir meistens besser. Es würde mir nie in den Sinn kommen hier einen Ruhetag einzulegen. Die Herberge hier im Park ist mal wieder eine ziemliche Katastrophe, vor allem die sanitären Anlagen sind unter aller Sau! Wenn man duscht macht man am besten die Augen zu. Als ich schon geduscht hatte, hat mir eine Pilgerin gesagt, dass es in einem separaten Gebäude noch andere Duschen geben soll die besser sind aber da war es leider zu spät. Auf jeden Fall weiss ich jetzt warum sie in Burgos eine neue Herberge neben der Kathedrale aufmachen werden.
Die Herberge liegt auch gut 20 Minuten ausserhalb von Burgos, wir haben uns nach dem Duschen gleich in die Stadt begeben und sind bis nach dem Abendessen da geblieben. Wir hatten keine Lust den langen Weg mehrmals zu machen.

Hontanas, 14.7.008 (30 km)
Letzte Nacht ist ein Pilger welcher neben mir geschlafen hat mitten in der Nacht um 3.00 Uhr morgens aufgestanden um loszulaufen. Ob der wohl Angst vor der grossen Hitze der Meseta hat, na auf jeden Fall hat er einen Knall. Heute war mein erster Tag in der Meseta und ich fand es wunderschön, nur das letzte Stück bis Hontanas war sehr heiss. Ich habe Burgos früh morgens verlassen und in Tardajos gab es nach 2 Std. endlich den ersten Kaffee. Kurz vorher habe ich noch Reindert getroffen welcher auf einer Bank sass und mit ihm zusammen gefrühstückt. Hatte plötzlich total Hunger.
Hontanas ist ein symphatisches kleines Dorf und die Albergue ist im Gegensatz zu gestern ein Traum.
Morgen, heisst es, fängt die Meseta erst richtig an und ich freue mich riesig darauf. Wenn ich früh loslaufe sollte es auch kein Problem mit der Hitze sein.
Heute werde ich die ganze Zeit beschenkt. Zuerst hat mir ein alter Mann in Rabé de las Calzadas ein Medaillon mit einem Schutzheiligen geschenkt damit ich gut durch die Meseta komme und in Hornillos del Camino bekam ich dann auch noch eine Fusscrème.

Boadillo del Camino, 15.7.2008 (28 km)
Heute war ein schwerer Tag für mich und doch bin ich abends im Paradies gelandet. Habe letzte Nacht sehr schlecht geschlafen, da die ganze Nacht das Licht vom Notausgang geleuchtet hat. Wer jetzt meint dies sei eine orange oder grüne Leuchte gewesen hat weit gefehlt, es war ein weisses Neonlicht! Habe mir gegen Morgen ein Handtuch über die Augen gelegt damit es einigermassen dunkel war. Morgens bin ich dann mit Kopfschmerzen aufgewacht und mir war total übel, es hat sich angefühlt wie wenn ich eine Migräne bekomme. Habe dann ein Panadol geschluckt und einen Kaffee getrunken und bin um 6.00 Uhr mit Cécile aus Dijon abmarschiert. Bis Castrojeriz war es die reinste Qual aber ich habe mich nicht gewehrt sondern habe es so hingenommen wie es ist. In Castrojeriz habe ich mir dann 2 Café con leche gegönnt und ein riesiges Bocadillo verdrückt. Habe nur die Hälfte geschafft und den Rest hat mir der sehr symphatische Barbesitzer eingepackt zum mitnehmen. Von da an ging es mir um einiges besser. Mein linker Fuss hat mich den ganzen Tag gequält, ich glaube es war von der Lasche vom Wanderschuh. Musste immer wieder anhalten und den Fuss strecken. Es ist dann aber doch noch recht gut gegangen bis 4 km vor Boadillo. Mittlerweile war es so heiss und ich konnte fast nicht mehr, habe es nur mit Mühe und Not in die Albergue geschafft. Hier ist es dafür wunderschön, die reinste Idylle und es hat sogar einen Swimmingpool. Hier wäre ein guter Ort um einen Ruhetag einzulegen.
Bis Carrion de los Condes sind es nur 25 km, ich werde aber trotzdem früh aufstehen damit ich ein Bett unten ergattern kann. Ich mag diese Kajütenbetten nicht vor allem nicht wenn ich dann noch hoch- und runterklettern muss. Morgen habe ich die Hälfte des spanischen Weges geschafft und es bleiben nur noch ca. 400 km bis Santiago. Wahnsinn!!!

Carrion de los Condes, 16.7.2008 (25 km)
Bin in Carrion de los Condes, ein schönes Städtchen, es gefällt mir hier sehr. Bin bei den Schwestern von St. Maria untergekommen. Sehr gute Herberge mit guter Betreuung der Schwestern. Wir haben mit den Schwestern gesungen und zusammen gekocht. Im Schlafsaal hatte sich eine Schwalbe verirrt und ist immer gegen die Mauer geflogen. Dann landete sie plötzlich auf meinem Bett und ich habe sie in die Hände genommen und zum Fenster getragen wo sie sogleich davongeflogen ist.
Die ersten 6 km bis Fromista waren sehr schön. Es ging alles einem Kanal entlang. Als ich loslief war es noch dunkel und total friedlich, ich hatte den ganzen Camino für mich alleine. Dann hat sich der Himmel langsam verfärbt und den Tag angekündigt und es folgte ein wunderschöner Sonnenaufgang. In Fromista habe ich gefrühstückt und dann wollte ich noch die schöne Kirche besichtigen aber rundherum war ein Gitter aufgespannt da sie gerade renoviert wurde. Schade. Dann ging es alles der Strasse entlang, nicht sehr schön aber ich übe mich ja im loslassen. Wenn ich nicht mehr konnte habe ich einfach Musik gehört und gesungen.

Terradillios de los Templarios, 17.7.2008 (26 km)
Die letzte Nacht war wieder einmal eine Katastrophe. Neben mir lag ein Spanier der sich die ganze Nacht unter riesigem Getöse gekehrt und geschnarcht hat. Jedes Mal hat das Bett gezittert wie bei einem Erdbeben. Gegen das Schnarchen kann man ja Ohropax benutzen aber gegen die Erschütterungen ist man machtlos. Heute Morgen war ich dann dementsprechend müde und kurz vor 6.00 Uhr standen wir alle vor verschlossenen Türen. Die Schwestern schliessen erst um 6.00 Uhr auf da sie verhindern wollen, dass sich Pilger schon morgens um 3.00 Uhr auf den Weg machen (wie in Burgos!) und die Nachtruhe der anderen stören. Bin heute auch wieder mit Cécile gestartet und wir sind zusammen aus Carrion de los Condes hinausgelaufen. Bald nach der Stadt fängt die Via Aquitana an die alte Transportstrasse der Römer. Bis Calzadilla de la Cueza sind es 18 km und entlang des Weges hat es kein anderes Dorf und Wasser gibt es auch nicht. Gross war deshalb die Überraschung, als mitten in der Pampa plötzlich eine improvisierte Bar am Wegesrand erschien. Was haben wir uns gefreut und einen unverschämt teuren Café con leche getrunken. Maxime und Thomas haben auch noch was gegessen und viel Geld liegen gelassen. Der Senor der die Bar betreibt weiss die Situation, dass es an diesem langen Wegstück keine Verpflegungsmöglichkeiten gibt, sehr wohl auszunutzen. Was solls es war trotzdem eine schöne Überraschung so unverhofft zu einem Kaffee zu kommen. Reindert ist dann auch noch gekommen, er hat vorher mitten in der Meseta auf einem viereckigen Heuballen sein Frühstück eingenommen, ein Bild für Götter und ich habe leider kein Foto geschossen. Vielleicht kriege ich ja eines von meinen Mitpilgern. Auf dieser Strecke hat man das Gefühl, dass es endlos ist und dass man niemals ankommen wird. Stundenlang geht es einfach geradeaus, mal sanft hinunter, mal sanft hinauf aber vor allem geradeaus. Endlose Kornfelder, manchmal einen Feld voller Sonnenblumen und einzelne Bäume alle in einer Reihe. Eines vom schwierigsten ist es einen Moment abzupassen wo man mal die Hosen runter lassen kann. Es hat wenig Gebüsch und das Gelände ist von weither einsehbar. Na ja aber auch da findet man seinen Weg..;-). Die Meseta hat auch etwas mystisches, man hat das Gefühl komplett leer zu werden, wahrscheinlich bedingt durch die Monotonie des Weges. Der Verstand kriegt einfach nicht genug Futter und schaltet sich aus. Keine Gedanken, nur noch Leere. Gar nicht unangenehm im Gegenteil, endlich Ruhe!

Berciano del Real Camino, 18.7.2008 (24 km)
Heute Morgen bin ich wieder um 6.00 Uhr los. Es war stockfinster und der Vollmond war direkt vor uns und hat den Weg beleuchtet. Ich liebe diese Stunde zw. 6.00 und 7.00 Uhr bevor die Sonne aufgeht. Nach 6 km gab es bereits Frühstück in San Nicolas.
In Sahagun habe ich mir einen neuen Pilgerpass geholt, da mein alter schon wieder voll ist. Jetzt kann ich mir wieder überall einen Stempel holen bis Santiago.
Es wieder einmal einfach und mühelos heute. Die Hitze ist auch gut auszuhalten, da wenn es richtig heiss wird ab 14.00 Uhr, wir schon angekommen sind. Ich glaube, dass wir ziemliches Glück haben mit dem Wetter. In der Meseta ist es normalerweise noch viel, viel heisser.
Habe heute viel an Carl gedacht und mir gewünscht ihn wiederzusehen. Gestern hat ein Pilgerpäarchen mir Grüsse von ihm ausgerichtet. Er ist ca. 2 Tage hinter mir. Habe das Gefühl, dass Gott mir fast jeden Wunsch erfüllt nur den von einer Beziehung und einem Gefährten nicht. Habe es satt alleine zu sein und trotzdem das Gefühl, dass es nicht in meiner Hand liegt und ich vertrauen muss. Vielleicht bin ich auch einfach zu blöd was Beziehungen betrifft.

Mansilla de las Mullas, 19.7.2008 (26 km)
Heute war ein richtiger Härtetest und ich habe ihn ganz gut überstanden. Die ersten 7.5 km bis El Burgo Ranero gingen ganz einfach. Reindert und ich mussten die Bar welche im Führer erwähnt war lange suchen aber wir wussten, dass die nächste Einkehrmöglichkeit erst wieder nach 12.5 km kommt, also haben wir nicht aufgegeben bis wir vor unserem Cafe con leche sassen.
Gott sei Dank haben wir uns noch gestärkt, denn dass was dann kam war der Härtetest! Es ging 12,5 km alles der Strasse entlang und es war extrem heiss. Die Luft hat richtig geflimmert vor Hitze, ohne Stärkung davor hätte ich das wahrscheinlich nicht überlebt. Sie haben zwar entlang der Strassen kleine Wege angelegt und hunderte von Bäumen gepflanzt aber die Bäume sind noch recht klein und geben noch nicht viel Schatten. Was müssen die Pilger früher auf diesem Abschnitt gelitten haben, direkt auf der Strasse und ohne den kleinsten Schatten. In ein paar Jahren wenn die Bäume gewachsen sind wird es auf diesem Abschnitt wohl einfacher werden.
In Reliegos gab es dann endlich eine Erfrischung. Reindert und ich haben genüsslich die Schuhe ausgezogen und uns mit eiskalten Gertränken erfrischt. Es ging nicht lange bis auch Maxime und Thomas angeschlichen kamen und sich völlig erschöpft hingesetzt haben. Wir haben eine richtig lange Pause gemacht und mussten uns richtig überwinden den Weg bis Masilla de las Mullas in der Hitze fortzusetzten.
Die Durchquerung der Meseta dauert noch 3 Tage bis Astorga und dann geht es dann mal wieder in die Berge. Freue mich schon richtig darauf endlich mal wieder was anderes zu sehen als Kornfelder. Im Moment wird es von Tag zu Tag heisser. Morgen mache ich nur eine kurze Etappe bis Leon und nehme mir den Nachmittag Zeit die Stadt zu besichtigen.

Leon, 20.7.2008 (20 km)
Gegen 12.00 war ich heute schon in Leon. Der Weg war auch heute kein Lichtblick und nicht wert überhaupt darüber zu reden, dafür hat mir Leon um so mehr gefallen. Wunderschöne lebendige Stadt mit einer sehr schönen Kathedrale. Als ich in die Kathedrale rein bin standen die Türen offen und die Sonne hat durch die farbigen Fenster geschienen, es war einfach unbeschreiblich. Die Kirche hier gefällt mir besser als in Burgos, sie ist auf eine unaufdringlichere Weise schön. Habe es genossen in einer Bar zu sitzen, Bier zu trinken, Oliven zu Essen und den Menschen beim Flanieren durch die Altstadt zuzuschauen. Bald sind auch noch Thomas, Maxime und Reindert dazu gestossen. Wir verabreden uns eigentlich selten und doch sind wir die meiste Zeit zusammen, ist schon lustig auf diesem Pilgerweg. Reindert treffe ich schon seit St. Jean-Pied-de-Port immer wieder auf meinem Weg. Ich starte morgens oft mit ihm und wir laufen zusammen bis zur ersten Bar und dann trennen sich unsere Wege wieder, bis wir uns abends meistens in der Herberge wieder treffen. Er fragt mich immer: „Senora, can you show me the way out of this city?“ und dann laufen wir zusammen los. Er ist ein ganz sympathischer Mann, glücklich verheiratet und absolut unaufdringlich. Sehr angenehme Gesellschaft! Freue mich immer ihn zu sehen. Maxime habe ich in Cuzor Minor zum ersten Mal getroffen und Thomas in Atapuerca. Thomas ist 21 und will Arzt werden, er ist mein Pilgersohn und ich mag ihn sehr gerne. Ja und Maxime kommt aus Belgien und sieht aus wie ein richtiger Gentleman mit seinem Bolero.
Heute Abend werde ich mit ihnen allen mein erstes Döner Kebab essen gehen. Sie konnten nicht glauben, dass ich das noch nie gegessen habe und haben gemeint dies müssen wir sofort nachholen. Weiss aber noch nicht ob ich dieses eklige Fleisch werde Essen können.

San Martin del Camino, 21.7.2008 (25 km)
Heute hatte ich keinen guten Tag. Das Wetter war bis zum Mittag grau und verhangen wie meine Gedanken. Hatte keine Energie und der Weg war einfach schrecklich. Alles der Nationalstrasse entlang, in den Abgasen der Autos und landlandschaftlich völlig öde. Im Moment finde ich es nur noch schrecklich und habe einmal voller Wut meine Stöcke in den Asphaltboden gerammt, was natürlich nicht viel genutzt hat. Sass auf einem Mäuerchen und hatte keine Lust mehr. Thomas kam dann auch noch angeschlichen und hat mich soweit motiviert dass ich bis zur nächsten Bar weitergelaufen bin.

Astorga, 22.7.2008 (24.5 km)
Heute bin ich der Nationalstrasse entflohen! Es gab eine Alternativroute welche etwas länger dafür aber um so schöner war. Ich habe es genossen wieder einmal durch die Natur und durch kleine Dörfer zu laufen, was habe ich das vermisst. Ausser Sara und Marco sind alle der Strasse entlang gelaufen, diese dummen, dummen Pilger…;-). Der Weg war wunderschön und ich war überglücklich.
Am Morgen war ich plötzlich total traurig, keine Ahnung wieso und ich habe mich völlig einsam gefühlt. Hätte mir einen Freund oder eine Freundin gewünscht, jemand der mich einfach in die Arme nimmt und wo ich mich ausheulen kann. Leider war niemand da ausser mir und Gott. Habe meinen Tränen freien Lauf gelassen und bald fühlte ich mich besser. Habe mir Bajans von Deva Premal angehört und mitgesungen. Ja und der schöne Weg hat meine Stimmung auch erheblich gebessert.
Bin seit 14.00 Uhr in Astorga und in der wunderschönen Herberge von San Javier untergekommen. Die Herberge ist wirklich sehr empfehlenswert und gleich bei der Kathedrale. Habe mir Zeit genommen den Palast von Gaudi zu besichtigen und es hat sich wirklich gelohnt. Schon sagenhaft was dieser Gaudi so alles gebaut hat, ich war schon in Barcelona hin und weg von seinen architektonischen Baukünsten. Reindert und Thomas sind ins Hotel Gaudi Essen gegangen und haben sich ein exzellentes 3-Gang Menu reingezogen. Maxime und ich haben uns in der Herberge was aufgewärmt. Maxime muss auch sparen und mich hat mal wieder das Geld gereut. Mein Linseneintopf war absolut grässlich und ich hätte mich mal wieder ohrfeigen können, dass ich so knauserig bin. Man kann sich hier für 8 Euro eine Stunde massieren lassen, leider habe ich das zu spät gesehen und es ist schon alles ausgebucht. Aber es geht einem nur schon vom Zusehen besser…;-).
Habe den schönen Abend auf der Plaza mit einem Bier ausklingen lassen und Maxime gleich noch eingeladen, dem geht nämlich langsam auch das Geld aus.

Foncebadon, 23.7.2008 (26.5 km)
Ok, ich werde schreibfaul, habe irgendwie immer weniger zu berichten. Dies hat vielleicht damit zu tun, dass ich immer in Gesellschaft bin und das Tagebuch nicht mehr so wichtig ist. Komme auch nicht mehr so zum schreiben deshalb.
Heute haben wir endgültig die Meseta verlassen und mein Herz hat gelacht als wir endlich Richtung Berge gingen. Der Weg war sehr schön und es gab viele Cafes con leche da wir an vielen Dörfern vorbeigekommen sind. Ich habe auch wieder einmal eine Schafherde gesehen und dies hat mich total an die Pyrenäen erinnert.
Rabanal del Camino hat sich zu einem richten Vorzeigedorf gemausert und viele sind auch gleich da geblieben. Wir sind noch nach Foncebadon weitergezogen da wir unbedingt im Geisterdorf übernachten wollten.
Trotz der vielen Ruinen und nur wenigen richtigen Häusern gefällt es mir gut hier auf 1450 m (!!!). Maxime, Thomas und ich sind in der Albergue donativo untergekommen, dies ist gut für unseren Geldbeutel. Ich habe hier meine erste eiskalte Dusche genommen, es war schrecklich. Meine Füsse haben so geschmerzt von dem kalten Wasser und sie sind ganz steif geworden. Habe nur ganz schnell geduscht und mich dann schnell wieder an die Sonne gesetzt. Reindert hat sich etwas mehr Luxus gegönnt und ist in die private Albergue gegangen. Nach dem Duschen sind wir dann zu Reindert und haben uns ein Franziskaner (3 €) gegönnt, hier in Foncebadon, Wahnsinn!!! Sara und Marco sind auch hier, langsam sind wir eine richtige kleine Pilgergemeinschaft.
Morgen in Ponferrada werde ich die ganze Truppe zum Rotwein einladen, da ich die 2000 km Marke erreiche und dies muss wie ich finde gefeiert werden. Zudem bin ich heute vor 3 Monaten aufgebrochen. Die Zeit geht so schnell rum und in ca. 9 Tagen bin ich in Santiago.
Agnes hat mir mal wieder eine Nachricht in einer Kapelle am Weg hinterlassen. Ich werde sie spätestens in Finisterre wiedersehen vielleicht auch schon vorher. Sie ist meine Seelenverwandte hier auf dem Weg und die Freundin die ich mir während des Weges mehr an meiner Seite gewünscht hätte aber leider laufen wir nicht die gleich grossen Etappen. Fühle mich aber trotzdem mit ihr verbunden.

Ponferrada, 24.7.2008 (27.5 km)
Heute war mal wieder ein schwieriger Tag. Es hat schon damit begonnen, dass die Horde Spanier das ganze Frühstück weggefuttert hat und nichts mehr übrig blieb. Ich finde diese spanischen Gruppen überhaupt nicht lustig, sie sind laut und rücksichtslos!
Bin dann geflüchtet und wollte schnell los damit ich vor ihnen bei Cruz de Ferro bin und den wichtigen Ort am Weg in Ruhe geniessen kann. Draussen war es stockdunkel und neblig, richtig unheimlich. Es ist schon lange her, dass ich mich unterwegs gegruselt habe aber dies war wirklich unheimlich. Bin ein kurzes Stück gelaufen und bin dann umgekehrt weil ich Angst hatte. Glaubte einen riesigen Hund mitten auf dem Weg liegen zu sehen und bin zurück zur Albergue. Da kam dann auch Thomas raus und ich habe ihn gebeten mit mir zusammen zu laufen da ich Angst hätte. Ich glaube er war auch froh nicht alleine zu sein…;-).
Wir hatten schon Angst vor lauter Nebel am Cruz de Ferro vorbeizulaufen. Wir waren dann aber die ersten und irgendwie war ich ein wenig enttäuscht. Zudem war es eisig kalt und ich hatte Mühe meinen kleinen Stein welcher mir Willi mitgegeben hat im Holz so zu platzieren damit er hält, zumindest so lange bis ich ein Foto gemacht habe. Eigentlich hatte ich mir das Ganze als Ritual vorgestellt und dann war es aber so kalt und ungemütlich, dass mir die Lust dazu vergangen ist. Wollte nur noch eins, so schnell wie möglich hier weg und runter vom Berg damit es etwas wärmer wird.
Wir sind dann völlig unterkühlt weitergelaufen oder besser gerannt. In Manjarin konnten wir ganz unerwartet bei einem so genannten Tempelritter Kaffee trinken. Habe einen Eintrag von Agnes gesehen und erfreut festgestellt, dass sie nur einen Tag vor mir ist. Habe ihr dann eine SMS geschrieben und sie hat mir erzählt, dass sie 4 Tage in Rabanal im Kloster war um sich auf das Ende ihrer Pilgerreise vorzubereiten. Hätte ich auch tun sollen…
Der Abstieg nach El Acebo war ziemlich steil und steinig und meine Füsse haben mich so sehr geschmerzt, dass ich fast nicht mehr vorwärts gekommen bin. In El Acebo habe ich dann eine ausgiebige Pause eingelegt und mich erst einmal von den Strapazen erholt.
Danach ging es wieder ganz leicht und ich war frohen Mutes. In Molinasecca wäre ich geblieben wenn ich nicht mit den anderen in Ponferrada abgemacht hätte um meine 2000 km zu feiern. Ist ein wunderschönes Städtchen und gut wenn man vor Ponferrada Halt machen will.
In Ponferrada hat mich dann erst mal der Schlag getroffen als ich die lange Pilgerkolonne vor der Albergue gesehen habe. Zum ersten Mal ausser in Roncesvalles musste ich in einer Herberge anstehen. Habe es natürlich gleich bereut nicht in Molinasecca geblieben zu sein.
Anschliessend habe ich die Templerburg und Ponferrada besichtigt und bin dann völlig ausgehungert mit den anderen einkaufen gegangen für unser Festessen. Einen guten Rioja haben wir gekauft (also nicht nur eine Flasche…;-)).

Pereje, 25.7.2008 (29.5 km)
Heute war eine ziemlich einfache Etappe trotz den fast 30 km. Es war meist eben und der Weg führte durch viele Weinreben. Villafranca del Birzo hat mir sehr gut gefallen nur habe ich leider dieses Portal del Perdon nicht gefunden, vielleicht habe ich es ja gesehen und einfach nicht bewusst wahrgenommen.
Reindert hat sich mal wieder abgesetzt, wahrscheinlich ist er bis Trabadelo weitergelaufen, er möchte mal wieder auf eine neue Pilgerwelle…;-). Keine Ahnung wo mein Pilgersohn Thomas steckt vielleicht hat er den Camino duro genommen und ist dann wahrscheinlich auch in Trabadelo geblieben. Maxime und ich sind die einzigen aus unserer Pilgergemeinschaft welche hier sind. Wollte eigentlich auch den Camino duro nehmen habe aber irgendwie die Abzweigung verpasst. Der Weg ging dann der Strasse entlang und mir ist immer Hape Kerkeling eingefallen als er in seinem Buch diese Strecke beschreibt wo er fast überfahren wurde. Heute ist nur noch das erste Stück bis zur Autobahn etwas gefährlich, da man hier immer noch auf der Strasse läuft. Ab der Autobahn hat man einen separaten Weg für die Pilger angelegt. Gegen Abend hat es immer wie mehr zugemacht und gerade als ich in Pereje angekommen bin sind die ersten Tropfen gefallen. Es kam ein richtiges Gewitter das aber auch schnell wieder vorbei war. Konnte dann doch noch meine Wäsche draussen trocknen.

O Cebrero, 26.7.2008 (23.5 km)
O Cebrero, nur der Name ist schon ein Gedicht. Es ist wunderschön hier wenn auch ziemlich touristisch. Ich geniesse die schöne Aussicht und es ist wunderbar in den Bergen zu sein. Der Aufstieg war nicht all zu schwer auch wenn es in den Reiseführern als schwierige Etappe geschildert wird.
Heute Morgen bin ich nicht so richtig in die Gänge gekommen und brauchte erst mal einige Cafes con leche…;-). Die erste Bar in Trabadelo war leider geschlossen und ich habe mich erst mal frustriert davor in den Stuhl gesetzt. Da kam Maxime vorbei, hat sich auch schnell hingesetzt und ist dann weiter gelaufen. Plötzlich habe ich Maxime meinen Namen rufen hören und da wusste ich, dass noch eine andere Bar offen hat. Bin ihm dann schnell hinterher und kam endlich zu meinem wohlverdienten Kaffee. Ja, ja die kleinen Freuden und Aufsteller am Weg…;-).
Hier hatte sich gerade eine Reisegruppe zum gemeinsamen Gebet versammelt und Maxime und ich beschlossen vor der Gruppe zu starten. Seit Ponferrada hat es sehr viele Gruppen und die Einzelpilger gehen fast unter. Auch sieht man immer wie mehr Pilger mit nur kleinem Rucksack welche sich das Gepäck transportieren lassen. Bisher hat mir aber noch keiner von denen ein Bett weggenommen…;-).
Die Autobahn verläuft hier teilweise auf hohen Brücken und scheinbar hatte es oben einen Unfall gegeben. Man konnte ein Auto sehen welches auf dem Dach lag. Gott sei Dank ist er nicht über den Brückenrand runter gefallen, weiss ja nicht ob die Insassen überlebt haben aber diesen Sturz hätten Sie bestimmt nicht überlebt. War richtig froh zu Fuss unterwegs zu sein.
Nach las Herrerias beginnt dann der eigentliche Aufstieg zum O Cebrero. Der Weg geht durch einen wunderschönen Wald stetig bergauf. Kurz nach La Faba hat man eine wunderschöne Aussicht und ich habe mich irgendwo auf eine Weide gesetzt, mein Picknick ausgepackt und die Aussicht genossen. Ja und wer kommt da den Weg hinauf und betritt meinen Picknickplatz? Thomas! Habe mich total gefreut ihn wiederzusehen. Der arme hatte sich gestern total verlaufen und heute eine Mammutetappe hingelegt um uns wieder einzuholen, da er ja wusste dass wir vorhaben in O Cebrero zu übernachten. Sind dann das letzte Stück bis O Cebrero zusammen gelaufen und haben die Grenze nach Galicien überschritten. War ein gutes Gefühl. Am Eingang der Herberge sind wir gleich auf Maxime und Tatjana gestossen, Sara und Marco sind auch hier nur unser lieber Reindert fehlt immer noch. Wo er wohl sein mag? Ich vermisse ihn!
Sara und Marco wollen heute Abend für uns kochen und zwar richtig italienische Küche: PASTA!!! Aber vorher werden wir unsere stinkenden Kleider wieder einmal in einer Waschmaschine waschen!

Samos, 27.7.2008 (30 km)
Heute Morgen bin ich zuerst einmal in die falsche Richtung gelaufen und zwar Dank einem netten Spanier der mir den falschen Weg gezeigt hat. Habe aber bald gemerkt, dass etwas nicht stimmen kann, da kein anderen Pilger unterwegs waren und bei den vielen Menschen im Moment ist das eher ungewöhnlich. Bin dann zur Albergue zurückgekehrt und habe den richtigen Weg gefunden. Ja und plötzlich waren wieder andere Pilger unterwegs…;-). Habe schon bald Maxime und Tatjana vor mir laufen sehen, die beiden Langschläfer waren auch schon unterwegs. Dann habe ich Thomas eingeholt und wir waren alle total übermütiger Stimmung. Es war mal wieder ein wunderschöner Morgen mit Nebelmeer und prächtigem Sonnenaufgang, wie werde ich diese Stimmung morgens vermissen wenn ich nicht mehr unterwegs bin. Es ist einfach unbeschreiblich schön.
In Hospital da Condesa haben wir dann endlich eine Bar gefunden die offen hatte. Show me the way to the next whiskey bar..;-). Mein netter Spanier war auch da und hat sich vielmals entschuldigt, dass er mich in die falsche Richtung geschickt hat. War nach einem Cafe con leche gnädig gestimmt und habe ihm verziehen…;-).
Dann ging es weiter über den Alto do Poio wo wir gleich wieder Pause gemacht und die Sonne genossen haben. Den nächsten Kaffee gab es bereits wieder im nächsten Dorf nämlich in Fonria. Soviel Kaffee und Bocadillos con jamon kann man gar nicht trinken respektive essen. Aber irgendwie haben wir gespürt, dass wir unserem Ziel Santiago immer näher kommen und plötzlich war da eine euphorische und ausgelassene Stimmung. Ich liebe Galicien, es ist wunderbar grün und bis jetzt sind wir auch von den berühmt berüchtigten Regengüssen verschont geblieben. Habe die Statistik nicht im Kopf aber es soll glaube ich mehr als 200 Tage im Jahr regnen!
In Triacastela ging die Festtagstimmung gleich weiter und wir haben uns eine Cerveza con limon gegönnt. Viele sind hier geblieben aber wir haben beschlossen bis Samos weiterzugehen. In Triacastela teilt sich der Weg, der eine führt über einen Umweg über Samos nach Sarria und der andere ist der direktere, kürzere Weg. Habe aber gehört, dass das Kloster in Samos sehr sehenswert sein soll und mich deshalb für den Umweg entschieden. Der Weg führ zuerst der Strasse entlang und dann entwickelt es sich zu einem der schönsten Wege die ich bisher gegangen bin. Durch Eichenwälder, es hat viele kleine Bäche, irgendwie verwunschen und einfach himmlisch. Habe mir ein lauschiges Plätzchen an einem Bach gesucht und ein bisschen was gegessen und vor allem die schöne Umgebung genossen. Es ging nicht lange und dann sind Maxime und Tatiana dazugestossen, Thomas ist schon weitergelaufen. Kurz vor Samos hat Thomas in einer Bar auf mich gewartet und hatte mir schon eine Cerveza con limon bestellt. Sie war dann leider schon etwas warm bis ich gekommen bin aber ich fand das total süss.
Der erste Blick von oben auf Samos ist einfach umwerfend! Das Kloster ist riesig gross und unbeschreiblich schön. Dafür ist die Herberge nicht gerade der Hit und die Betten seit langem wieder einmal total schmuddelig. Bin froh, dass ich meinen Schlafsack und mein eigenes kleines Luxuskissen dabei habe.
Wir haben dann noch das Kloster besichtigt aber leider war die Führung nur auf spanisch und wir haben somit nicht viel verstanden und uns aufs anschauen konzentriert. Als Thomas und ich zurück kamen sahen wir Maxime, Tatjana und wer noch in der Bar sitzen? Reindert! Die Freude war mal wieder gross und ich glaube er hatte uns sogar vermisst. Er sah auf jeden Fall ganz happy aus wieder mit uns vereint zu sein.
Wir sind dann nochmals in die Kirche und haben uns gregorianische Gesänge angehört. Um 20.00 Uhr sind Reindert und ich rausgeschlichen da wir keine Lust hatten an der anschliessenden Messe teilzunehmen zudem haben unsere Mägen so sehr geknurrt, dass sie uns sowieso wegen Ruhestörung rausgestellt hätten…;-). Thomas der Arme hat uns nach der Messe leider nicht gefunden und lag traurig und hungrig im Bett! Unser Küken, Herz erweichend kann er sein.

Moimentos, 28.7.2008 (29 km offiziell, 33 km inoffiziell)
Bin heute Morgen nach dem Frühstück mit Reindert los und habe ihn mal wieder aus der „Stadt“ rausgeführt, man soll alte Traditionen schliesslich beibehalten…;-). Es war noch dunkel und wir haben irgendwo eine Abzweigung verpasst und sind geradeaus weitergelaufen. Der Weg führte einen Bach entlang und wurde immer unwegsamer. Irgendwann war sogar uns klar, dass wir uns verlaufen haben. Wir entschlossen weiter bis zum Dorf zu laufen und dann nach dem Weg zu fragen. Plötzlich habe ich oben auf der Strasse Pilger gesehen und wir sind den Weg hochgelaufen. Waren total froh wieder auf dem Weg zu sein und dann haben wir gemerkt, dass wir im Kreis gelaufen sind und hier schon einmal vorbeigekommen sind. Dann sind wir halt den Weg nochmals gelaufen und haben dann auch gesehen wo wir den Weg verpasst hatten. Die ganze Zeit war ich völlig gelöst und es waren überhaupt keine Widerstände da, habe einfach alles so genommen wie es war und dabei die ganze Zeit gelacht und mich darüber amüsiert, dass wir im Kreis rumgelaufen sind. Nach 3 Stunden haben wir zum ersten Mal Pause gemacht und zu dem Zeitpunkt sind wir bestimmt schon 12 km gelaufen, nach Reiseführer und ohne Verlaufen leider nur 8 km. Mir taten schon seit dem Morgen die Füsse weh, dies ist immer so wenn ich am Tag zuvor eine grosse Etappe gelaufen bin. Habe dann ein riesiges Bocadillo verdrückt und Reindert ist schon wieder losgelaufen. Ich brauchte etwas länger Pause mit meinen schmerzenden Füssen.
In Sarria habe ich mir dann überlegt zu bleiben als ich die ganzen Schulklassen gesehen habe die von dort aus weitergelaufen sind. Habe dann mein altes Sicherheitsdenken einfach abgestreift und bin weitergelaufen im Vertrauen, dass Gott schon irgendwo ein Bett für mich bereit hält trotz der vielen Gruppen die unterwegs sind. Habe dann wegen meinen schmerzenden Füssen ein Panadol geschluckt und das hat wirklich geholfen.
In einer Bar am Weg habe ich dann Reindert und Thomas wieder getroffen, nachdem ich kurz vorher ein Stossgebet in den Himmel geschickt habe dass ich Unterstützung meiner Mitpilger brauche und wurde gleich zur Cerveza con limon eingeladen. Thomas brauchte auch noch Unterstützung in Sachen loslassen, er machte sich immer noch zuviele Sorgen, dass wir heute Abend kein Bett bekommen.
In Morgade hätten wir bereits ein teures Zimmer zu dritt haben können, wir haben geschwankt aber für mich und Reindert fühlte es sich noch nicht richtig an anzuhalten. Ich wollte nicht die Sicherheit wählen sondern einfach noch mehr loslassen und vertrauen. Thomas hat sich dann auch entschieden weiterzugehen. In Ferreiros war dann wirklich alles completo! Zum ersten Mal nach 3 Monaten stand ich vor einem completo und konnte nur lachen. Mein Horrorszenario und jetzt als es soweit war konnte ich nur lachen und es war überhaupt nicht tragisch. Wir sind dann ins Restaurant und haben Calamares gegessen und Bier getrunken. Dann haben wir beschlossen bis Portomarin weiterzulaufen. Ich war so im reinen mit mir, Gott und der Welt, nicht mal die Füsse haben mich mehr geschmerzt. Noch mal 2.5 Std. Ok, kein Problem, gehen wir einfach weiter. Ich war in so einer Hochstimmung, dass ich fast geflogen bin und Thomas habe ich einfach mitgezogen und mit meiner Euphorie angesteckt.
Nach 3.5 km kam eine wunderschöne Bar und ich habe nur schnell reingeschaut ob ich Thomas und Reindert sehe und wollte schon weiterlaufen. Da kam Reindert raus und hat nach mir gerufen. Dies sei eine neu eröffnete Herberge und wir könnten hier bleiben es habe noch Platz. Zur Begrüssung bekam ich vom Gastgeber gleich ein Begrüssungsgetränk und konnte mein Glück kaum fassen. Da sass ich, bei einem Glas Wein, mit meinen Freunden mitten in einem kleinen Paradies und wir konnten hier bleiben. Ich war völlig baff und sprachlos. Gott hatte dies mal wieder so gut hingekriegt, viel besser als wenn wir die Zügel selber in die Hand genommen hätten und in Morgade geblieben wären. Jetzt bin ich genau an dem Punkt angelangt wo ich hinkommen wollte. Völliges loslassen der Kontrolle und völliges Vertrauen in Gott dass er zu mir schaut. Es war ein langer Weg um diese Lektion zu lernen aber es hat sich gelohnt. Alles ist genauso wie es sein soll und ich habe das Gefühl angekommen zu sein bevor ich angekommen bin.
Später sind dann auch noch Maxime und Tatjana hier eingetroffen! Wir haben hier abends ein super leckeres Essen bekommen und einen sehr guten Wein, im Paradies kann es auch nicht anders sein. Nach dem Essen haben sie ein Hexenritual durchgeführt um die Hexen auf dem Weg zu vertreiben. Der Wald hier heisst auch Hexenwald (bosco de los bruchas). Hape erwähnt dies auch in seinem Buch, mir ist zwar nichts unheimliches begegnet aber vielleicht liegt es daran, dass sie hier dieses Ritual durchführen…;-).
Habe noch mit Agnes SMS ausgetauscht und wir werden uns Morgen in Palas de Rey wiedersehen!!! Sie macht eine kurze Etappe und ich mache nochmals eine längere. Ach ist das schön sie nach 2 Monaten wiederzusehen meine verwandte Seele. Vielleicht können wir ja die letzten 3 Tage zusammen laufen und gemeinsam in Santiago ankommen. Das wünsche ich mir.

Palas de Rey, 29.7.2008 (29 km)
Heute bin ich erst um 7.15 gestartet, alle anderen schliefen noch da wir alle spät ins Bett sind. Eigentlich wollte ich ja auch ausschlafen aber ich habe mal wieder sehr schlecht geschlafen und um 6.30 war ich schon wach.
Als ich losging war es neblig aber schon hell. Ich mag diese mystische Stimmung wenn es Nebel hat. Habe heute eine grosse Dankbarkeit gespürt diese Erfahrung des Caminos machen zu dürfen. Fühle mich sehr beschenkt und habe das Gefühl, dass alles so ist wie es sein soll. Mein grösster Wunsch war es Vertrauen zu finden und die Kontrolle loslassen zu können. Dies ist beides in Erfüllung gegangen aber ich weiss, der Prozess geht noch weiter und ist noch lange nicht zu Ende.
Als ich auf dem Weg die Musik von Gotan Project gehört habe, habe ich beschlossen mir noch einen Traum zu erfüllen und nach Buenos Aires zu fahren um Tango zu tanzen. Dies will ich schon so lange und irgendwann werde ich mir auch diesen Traum erfüllen.
Wenn alle Widerstände weg sind wird das Laufen wirklich einfach.
In der Herberge in Palas de Rey hat mir Agnes ein Bett reserviert und zwar unten damit ich nicht hoch klettern muss…;-). Es ist total schön sie wiederzusehen. Ihre Haare sind gewachsen, meine auch…;-). Wir haben uns total viel zu erzählen und trotzdem verstehen wir uns auch schweigend.
Morgen wollen wir in Melide Mittag essen, dies mache ich sonst nie aber die letzten Tage vor Santiago ist eh alles ein bisschen anders. In Melide gibt es eine sehr gute Pulperia und der Käsekuchen soll auch sehr gut sein. Habe heute mein letztes Geld abgehoben und gleich noch mein Konto überzogen. Es scheint wirklich alles ganz genau aufzugehen.

Rabadiso, 30.7.2008 (27.5 km)
Übermorgen sind wir in Santiago, kaum zu glauben aber wahr. Mein Abenteuer geht langsam aber sicher seinem Ende entgegen und so langsam kommt auch eine gewisse Wehmut auf. Auch ein wenig Angst, was kommt danach? Was wenn ich kein Ziel mehr vor Augen habe, wenn ich angekommen bin. Bin froh, dass Agnes bei mir ist weil sie hat ähnliche Gedanken.
War heute den ganzen Tag mit Agnes unterwegs und wir haben unseren Schritt ganz locker aneinander angepasst. Wie wenn wir schon Wochen zusammen unterwegs wären.
Kurz vor Melide kommt man in Furelos vorbei wo diese Kapelle mit der sehr speziellen Darstellung von Jesus am Kreuz steht. Viel wurde schon darüber gerätselt was diese besondere Christusdarstellung wohl bedeuten mag. Für mich ist es einfach eine Einladung, er reicht mir die Hand und kommt mir somit die Hälfte des Weges entgegen, den Rest muss ich aus eigener Anstrengung schaffen.
Reindert, Thomas, Maxim und Tatjana habe ich komischerweise den ganzen Tag nicht gesehen aber wir sind heute Morgen auch sehr spät los erst so um 8.15. Reindert ist auch hier in Rabadiso aber wo die anderen sind weiss ich nicht. Werde sie aber bestimmt spätestens in Santiago wiedersehen.
Fühle mich so durchsichtig und habe das Gefühl, dass ich mich auflöse. Habe Lust mich zu betrinken weiss auch nicht wieso.

Arco del Pino, 31.7.2008 (22.5 km)
Heute haben wir Galicien endlich so kennengelernt wie es ja meistens sein soll; nämlich nass, nässer am nässesten. Es hat den ganzen Tag geregnet und war ganz schön hart. Ich bin in meinen Schuhen geschwommen, war natürlich auch selber schuld weil ich zu faul war die Gamaschen zu montieren. Hatte schon richtige Schwimmhäute und natürlich eine Blase eingefangen. Kein Wunder wenn die Füsse so aufgeweicht sind. Agnes ist einmal absichtlich mitten in eine Pfütze gesprungen, dies wollte sie scheinbar seit ihrer Kindheit wieder einmal tun…;-). Es spielte auch wirklich keine Rolle mehr wir waren ja sowieso schon nass.
Die Strecke war schön und es ging viel durch Eukalyptuswälder. Es roch die ganze Zeit wie in der Sauna. Ich mag diese Bäume nicht denn sie nehmen dem Boden das ganze Wasser weg und verdrängen alle anderen Arten.
Hatte gegen Ende wieder heftige Fussschmerzen und musste ein Panadol nehmen.
Arco del Pino ist ein grässliches, hässliches Nest und die Herberge ist einfach grauenhaft. Muss das denn noch sein an unserem letzten Abend vor Santiago? Agnes und ich haben nur noch gemotzt. Uns ist so richtig eingefahren, dass wir bald ankommen und dann keine Pilger mehr sind. Wir sind dann wieder ganz normale Touristen. Es fällt schwer das Pilgerdasein loszulassen.
Heute an unserem letzten Abend sind wir alle wieder versammelt. Agnes, Reindert, Maxime, Thomas, Tatjana, Sara, Marco und noch ein paar andere. Beim Abendessen haben wir gesungen und gelacht, die anderen Leute haben uns immer schräg angeschaut weil wir so laut waren. Es war wohl die Aufregung vor dem Ankommen.

Santiago, 1.8.2008 (20 km)
Heute sind wir noch einmal früh aufgestanden, denn wir wollten die Messe in Santiago um 12.00 Uhr nicht verpassen. Es war heute noch mal so richtig schwer. Meine Füsse und Beine fühlten sich an wie Blei und mein Rucksack als hätte es Steine drin. Agnes ging es ähnlich und wir haben uns nur mühsam voran geschleppt. Eigentlich hatte ich gedacht, dass wir an unserem letzten Tag nach Santiago fliegen würden aber dem war nicht so.
Der Monte de Gozo war auch nicht sehr berauschend, das Denkmal für den Papst ist einfach nur hässlich. Die Kathedrale haben wir auch nicht gesehen aber vielleicht war einfach die Sicht schlecht. Den Einmarsch in die Stadt fand ich dafür gar nicht so schlimm, Burgos war schlimmer!
Habe versucht keine Erwartungen zu haben und mich daran erinnert, dass der Weg das Ziel ist und nicht Santiago und trotzdem bin ich abgestürzt als ich angekommen bin.
Als wir in die Stadt reingekommen sind habe ich meinen Rucksack in der ersten Herberge gelassen und ich bin dann ohne Rucksack weiter. Agnes hat mich noch gefragt, ob ich sicher sei, dass ich hier bleiben wolle. Ich habe gesagt Nein ich bin nicht sicher habe meinen Rucksack aber trotzdem dort gelassen. Dies war der Anfang meiner schwierigen Ankunft in Santiago. Bei der Kathedrale sind wir zuerst ins Parador und Agnes hat sich ein Zimmer geleistet. Sie wollte sich einfach etwas gutes tun. Anschliessend sind wir in die Kathedrale gerannt da die Messe gleich anfing. Die Messe war sehr berührend auch weil viel und schön gesungen wurde. Den berühmtem Botafumero durften wir auch bewundern. Anschliessend habe ich im Pilgerbüro meine Compostela abgeholt und bin mit den anderen etwas trinken gegangen. Der Nachmittag ist so vor sich hin geplätschert und um 18.00 wollte ich dann zurück in die Albergue um zu duschen. Bin durch die Stadt geirrt und habe einfach den Weg zurück nicht mehr gefunden. Ich hätte die ganze Zeit einfach nur losheulen können, ich fühlte mich total beschissen. Musste mehrmals fragen bis zwei nette Polizisten mir an Hand einer Karte den Weg erklärt haben. Um 19.15 war ich dann endlich in der Herberge, habe schnell geduscht und bin gleich wieder zurück gehetzt dar wir um 20.00 Uhr auf der Plaza vor der Kathedrale abgemacht hatten. Als ich dort ankam war ich fix und fertig und bin zuerst einmal heulend zusammengebrochen. Habe meinen Kopf in Agnes Schoss gelegt und geweint wie ein Schlosshund. Irgendwie war alles zuviel und ich hatte mir mit dem ganzen herumrennen nicht genug Zeit genommen um wirklich hier anzukommen. Die anderen waren alle total süss und haben versucht mich aufzuheitern aber ich musste jetzt einfach mal weinen. Wir sassen alle auf dem Platz vor der Kathedrale und bald ging es mir wieder besser. Agnes hatte vorher in der Stadt eine Tarotspiel gekauft und ich habe eine Karte gezogen. Da stand Stirb und Werde, genauso habe ich mich gefühlt.

Santiago, 2.8.2008
Habe heute Morgen früh meinen Rucksack gepackt und bin zum Pilgerbüro wo ich Maria getroffen habe welche Zimmer in Santiago vermietet. Habe ein wunderschönes Zimmer mit zwei Betten für mich und Agnes gemietet. Fast bei der Kathedrale! Es fühlt sich gut an mitten drin zu sein. Thomas ist gleich im Zimmer neben an, er teilt es mit Tatjana. Reindert ist mit dem Bus nach Finisterre gefahren und Maxim ist schon nach Hause gefahren. Sara und Marco sind auch schon weg. Unsere Pilgergemeinschaft löst sich auf. Schade.

Santiago, 3.8.2008
Heute ist mein dritter Tag in Santiago. Habe wieder eine Karte gezogen und da stand: Wenn du immer das gleiche tust, wirst du auch immer das gleiche kriegen. War wieder einmal ein Wink mit dem Holzhammer. Etwas was ich wirklich loslassen möchte sind meine Gefühle von Minderwertigkeit. Morgen werde ich etwas ändern zuerst einmal an meinem Auesseren. Ich werde mir endlich mal wieder die Beine enthaaren und mir etwas schönes zum anziehen kaufen. Möchte etwas figurbetontes damit ich mich mal wieder so richtig schön und weiblich fühle. Das Gefühl mag in den Wanderklamotten nicht so richtig aufkommen.
Es ist viel für mich passiert auf diesem Weg und die Reise, vor allem die Innere, wird immer weiter gehen. Habe mir von Willi 1’000. Fr. geborgt damit ich die restliche Zeit noch etwas geniessen kann.
Ich bin total glücklich zusammen mit Agnes hier zu sein. Es ist völlig easy mit ihr auszuhängen und wir müssen auch nicht immer zusammen kleben.
Frage mich ob ich Carl noch sehen werde und muss schauen keine grossen Erwartungen zu haben. Eine andere Karte die ich gezogen habe hiess: Träume nicht dein Leben sondern lebe es! Wie wahr, wie wahr.
Ich muss die Leistung anerkennen die ich hier vollbracht habe. Es gibt kein Versagen auf diesem Weg und er hört auch nicht in Santiago auf. Ich möchte immer bewusster werden und einfach sein.

Santiago, 4.8.2008
Heute habe ich mir ein neues Outfit gekauft und es fühlt sich total gut an. Zuerst musste ich durch meine alt bekannten Muster durchbrechen nichts zu finden was mir steht und nicht schön genug zu sein. Wollte schon wieder aufgeben und aus dem Laden flüchten. Für jene die mich nicht so kennen; Kleider kaufen ist mir ein Gräuel oder war es bis anhin. Habe Gott gebeten mir zu helfen und plötzlich war alles ganz einfach. Habe das Gefühl wieder etwas altes hinter mir gelassen zu haben und das erste was ich machen werde wenn ich zurück bin ist mir eine völlig neue Garderobe zuzulegen. Weil ich es mir wert bin…;-).
Morgen geht es weiter nach Finisterre. Bin bereit und freue mich darauf nochmals mein Bündel zu packen und loszumarschieren. Es sind drei Etappen bis Finisterre wobei zwei über 30 km lang sind. Ja und ich werde wahrscheinlich sogar vier Etappen machen da ich noch nach Muxia möchte.

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