65. Tag, Tentsite, Meile 1610,9, Höhe 1931

Ich habe schlecht geschlafen und geträumt. Im Traum bin ich gefallen und dann aufgeschreckt. Habe mir überlegt wieder nach Seiad Valley zurückzukehren weil mir der Schnee zuviel Angst macht. Weiss nicht welches Szenario ich schlimmer fand, alleine nach Seiad Vally zurück zu laufen oder weiterzulaufen.

Trotz allen meinen Bedenken und Aengsten war ich um 5.30 startklar und wurde gleich mit einem Wahnsinns Sonnenaufgang belohnt. Was für eine coole Tentsite! Big Sky ist unser Navigator und er macht einen super Job. Er findet den Trail immer wieder, auch wenn er unter dem Schnee begraben ist. Es ging soweit alles gut und meine Aengste wurden weniger. Aus der Ferne sah ich immer wieder einen verschneiten Berg und dachte nur: „Hoffentlich müssen wir da nicht hoch“. Wir steuerten genau darauf zu und hofften, dass der Weg noch vorher runter gehen würde. Plötzlich realisierten wir, dass der Weg gar nicht zu diesem Berg ging sondern über einen Grat auf die andere Seite. Grosse Erleichterung,  bis wir sahen was uns auf der anderen Seite erwartete 😱. Eine riesige Schneewand baute sich vor uns auf und als ich hochkletterte sah ich einen endlos langen Hang den es zu durchqueren galt. Mir rutschte das Herz in die Hose. Vor der Ueberquerung des Schneefeldes assen wir noch zu Mittag. Meine „Henkersmahlzeit“ bestand wieder einmal aus Ramen. Ich habe D-Hiker gefragt ob ich hinter ihr laufen könne und Big Sky kam hinter mir. D-Hiker hat mich Schritt für Schritt über das Schneefeld geführt und mir immer gesagt was ich tun soll. Wie ich meinen Fuss setzen soll, in welche Richtung usw. Sie hat mich immer wieder daran erinnert das Dreipunkesystem anzuwenden. Erst wenn man mit beiden Füssen sicher steht und beide Trekkingpoles guten Halt haben darf man den nächsten Schritt machen. Ich habe mich immer nur auf den nächsten Schritt konzentriert und darauf geachtet, dass ich guten Halt habe. Ich habe einfach nicht den Hang runter geschaut sondern nur auf dem Boden vor mir und manchmal geradeaus um zu sehen wie lange es noch geht. Und siehe da, mit der richtigen Anleitung und Technik war es gar nicht so schwer und vor allem war ich nicht gelähmt durch die Angst. Auf der anderen Seite angekommen war ich richtig stolz, dass ich das gepackt habe und meine Angst überwinden konnte. 

Wir kamen dann zu Felsen und plötzlich sahen wir keine Fussspuren mehr. Es musste also einen anderen besseren Weg geben als den PCT. Wir haben lange gesucht und dann sind wir einfach auf den Felsen weiter runter gelaufen und plötzlich sahen wir die Fussspuren wieder. Wir haben uns damit sicher 2-3 Meilen Schneetraverse erspart.

Es war immer noch heiss und der Schnee schmolz in Rekordzeit. Der PCT hatte sich in einen richtigen Bach verwandelt. Wir hatten bereits nasse Füsse vom Laufen im Schnee aber jetzt waren sie durch und durch nass! Das gute war, jetzt mussten wir nicht mehr aufpassen, wir konnten einfach durch die Bäche durchwaten.

Wir machten gerade eine kleine Pause, da kamen uns 2 Dayhiker aus der anderen Richtung entgegen. Sie hatten nicht einmal Mikrospikes dabei! Ich würde ohne auf dem Schnee keinen einzigen Schritt tun! Wie habe sie über alles informiert was auf sie zukommt und dass es keine gute Idee sei ohne Mikrospikes über die riesigen Schneefelder zu gehen. Sie wollten aber selber sehen wie weit sie kommen. Wir haben getan was wir konnten die Emtscheidung mussten sie selber treffen.

Kurz bevor wir an der Tentsite ankamen, bin ich noch saublöd gestürzt, da eine Schneebrücke eingestürzt ist. Es war nicht gefährlich aber sehr schmerzhaft weil ich auf einen Stein gefallen bin. Schon wieder eine Riesenbeule an meiner Hüfte😖. Soviel gestürzt wie seit Ashland bin ich in 2 Monaten nicht!

Wir haben unsere drei Zelte auf einem Platz aufgebaut, der nur für zwei gedacht war. Es war dementsprechend eng aber auch sehr gemütlich. Big Sky hatte Probleme beim Zeltaufbau da er einen Seiteneingang hat und sein Vorzelt nicht aufbauen konnte da er den mittleren Platz erwischt hat. Warum auch hat er nichts gesagt? Es ging aber trotzdem irgendwie.

Ich war total happy, dass wir alle den Tag gut überstanden hatten und sich niemand verletzt hatte. Zur Feier des Tages gab es nach dem Essen noch eine heisse Schokolade zur Belohnung😊.

Wir haben heute auch noch einen Helikopter gesehen und da fragt man sich immer gleich, ob ein Hiker gestürzt oder krank ist. Es könnte ja auch ein Arbeitseinsatz sein…

64. Tag, Tentsite, Meile 1623, Höhe 1995m

Wir sind in der Marble Mountain Wilderness, es ist 16.00 und wir sind bereits im Camp. Draussen zieht ein Hitzegewitter vorbei, mein erstes in den Bergen. Es scheint uns aber nur zu streifen. Bis jetzt sind nur ein paar Tropfen gefallen. Es rumpelt in der Ferne die ganze Zeit. 

Heute Nacht ist was schweres durch den Wald gelaufen, vielleicht ein Bär? Er ist auf jeden Fall nicht bei uns vorbeigekommen. Ich hatte gestern die Rain Fly nicht drauf und dann stellte ich mir vor wie ein Bär reinschauen würde. Würde ich schreien? Keine Ahnung. Vielleicht würde ich dem Bären einfach sagen: Get lost!

Wir sind wieder um 5.30 los und natürlich ging es immer noch den Berg hinauf für weitere 6 Meilen. Am Morgen geht das immer richtig gut. Es wurde schnell heiss und sehr schwül. Es kamen uns immer wieder mal Hiker entgegen und wir befragten sie wegen den Schneeverhältnissen. Es sollte noch viel Schnee auf uns zukommen nach  der Junction zu Paradise Valley. Sie meinten nur: Have fun! Ob das wohl ironisch gemeint war? 

Wir wollten noch 4.5 Meilen laufen bis zur nächsten Wasserquelle und dann Lunch essen. Doch dazu kam es nicht, denn dann kam der Schnee! Es kam ein Schneefeld nach dem anderen und es war auch wieder teilweise sehr steil. Wir mussten einen Hang überqueren wo wahrscheinlich eine Lawine runter ist, die Bäume standen fast alle in Schieflage. Habe mir sagen lassen, dass die sich teilweise wieder aufrichten können. Bei der letzten Traversierung war ich so geschwächt, weil wir ja nicht zum Mittagessen gekommen waren, und ich hatte auch ziemlich Angst. Ich war fast schon in Panik und sah mich die ganze Zeit den Hang hinunterrutschen und in die Bäume knallen. Big Sky und D-Hiker waren schon auf der anderen Seite und ich wusste nicht wie ich da rüber kommen soll. Big Sky kam mir dann entgegen und half mir abzusteigen damit ich auf die andere Seite gelangen konnte. DANKE BIG SKY!!! Ohne ihn hätte ich das nicht geschafft, ich war von der Angst wie gelähmt. Ich war fix und fertig und dem Heulen nahe. Wir haben dann Pause gemacht und zu Mittag gegessen. Da ich zu wenig Wasser hatte konnte ich mir nicht mal eine Ramensuppe kochen, dafür gab es Brot und Beef Jerky. Wir sassen mitten auf dem Weg, mehr Platz gab es nicht. Als wir so da sassen merkten wir, dass ein Gewitter im Anmarsch ist und wir so schnell wie möglich absteigen mussten. Zuerst ging es aber noch  ganz hinauf. Dazu mussten wir erst über einen umgestürzten Baum klettern der mitten im Weg lag und dann einen verschneiten Hang hoch klettern. Oben angekommen fanden wird den Trail und er war auf der Südseite und schneefrei👍. Es ging runter zu der lang ersehnten Quelle wo wir endlich Wasser auffüllen konnten. Es gibt nichts besseres als eisgekühltes Quellwasser😜. Das mit dem schnellen hinunter gehen war nicht ganz so einfach weil sich wieder Schneefeld an Schneefeld reihte aber Gottseidank nicht steil und mit den Mikrospikes gut zu bewältigen. Auf knapp 2000m fanden wir dann eine Tentsite wo wir schnell unsere Zelte aufbauten bevor das Gewitter losging. Die Stimmung am Himmel war richtig düster und wir konnten alles gut beobachten. Plötzlich klatschten dicke Tropfen auf mich runter und ich musste mich schnellstens ins Zelt begeben. Ich habe dann im Zelt gekocht und gegessen. Den Gaskocher mache ich immer im Vorzelt an damit es mir nicht das Zelt abfackelt. Es ist richtig gemütlich in meinem kleinen Zuhause. 

Das Gewitter ist inzwischen vorbeigezogen. Die Temperatur ist von 32 auf 17 Grad gesunken. Es hat gehagelt und stark geregnet. Mein Zelt ist mit Dreck überzogen aber drinnen ist es trocken und warm. 

GUTE NACHT!💤💤💤

63. Tag, Tentsite, Meile 1636.3, Höhe 1468m

Wir verliessen das heisse Seiad Valley am frühen Morgen. Zuerst mussten wir mehrere Meilen auf geteerten und ungeteerten Strassen hinter uns bringen. Das war ziemlich öde und ich habe dazu Musik gehört. Dabei musste ich viel an meine Mama denken und das hat mich wieder zum heulen gebracht. Ich vermisse sie sehr auch wenn wir eine schwierige Beziehung hatten. 

Wir trafen die zwei Franzosen, die gestern auch auf dem Campingplatz waren, Bullfrog und ? Sie hatten kurz bevor sie uns trafen einen Bären gesehen! Ich möchte auch einmal einen sehen…

Ab dem Picknickplatz ging es durch den Wald einem Fluss entlang. Es war heiss und schwül. Der Schweiss ist mir nur so runtergelaufen. Am liebsten hätte ich mich in den Fluss gestürzt. Wir mussten wieder jene Baumstämme über- oder unterqueren zudem ging es wieder einmal durch einen abgebrannten Wald. Ich mag das langsam nicht mehr sehen. Da es so heiss war machten wir 4 Std. Mittagspause und gingen erst um 16.00 weiter. Es war wunderbar ein Mittagsschläfchen unter den schattigen Bäumen zu machen. 

Wir mussten noch ca. 4 Meilen bis zur Tentsite laufen. Wasser gab es genug deshalb wurde das Wasser auffüllen immer wieder verschoben. Bei der letzten Quelle kam dann nur noch ein Rinnsal aber jetzt mussten wir auffüllen! D-Hiker kletterte etwas den Hang hoch und da floss es ganz ordentlich. Ich stand in der Mitte und reichte die leeren Flaschen hoch und sie füllte sie auf. Big Sky nahm sie unten in Empfang. Wir werden langsam ein gutes Team😉. 

Gegen Schluss wurde es echt mühsam mit dem zugewachsenen Trail und dem ewigen klettern über Baumstämme. NORTHERN CALIFORNIA SUCKS!!! Big Sky und ich schleppten  uns die letzten Meilen bis zum Camp wo ich mich gleich auf dem Boden warf, noch bevor ich das Zelt aufbaute. Ich war  echt bedient mit dem heutigen Tag. Zu heiss, zu viel klettern über Bäume und zuviel zugewachsener Trail. No fun! Als ich dann endlich das Zelt aufbaute wurde ich von den Moskitos gefressen😖. Wir assen trotzdem draussen mussten uns aber mit DEET einstreichen. Pures Gift! Wir sind ziemlich schnell im Zelt verschwunden. Es gibt halt immer einen Makel im Paradies😉.