141. Tag, Skykomish, Meile 2461.7, Höhe 299m

Heute Nacht hat es noch zweimal gedonnert, einen Blitz habe ich nicht gesehen. Der erste Donnerschlag war ziemlich in der Nähe und ich habe nur gedacht, na hoffentlich entsteht kein neues Feuer. Die meisten Feuer hier entstehen immer noch durch Gewitter. Außer in Cascade Locks, das evakuiert werde musste, dieses Feuer entstand durch einen Feuerwerkskörper. Die Bridge of the Gods über den Columbia River musste auch gesperrt werden. Da war ich noch vor zwei Wochen…

Es war bereits Morgen und ich lag noch im Zelt als ein kleiner Steinschlag in der Nähe runter ging. Ich dachte nur aufstehen und weg hier! Es war bitter kalt und das Zelt Zusammenpacken war wie erwartet keine Freude. Alles war klitschnass! Ich habe die Rain Fly mit meinem Mikrofasertuch etwas abgerieben und dann gut ausgeschüttelt. Dann kam alles nass wie es war in das Aussennetz meines Rucksacks. Der Himmel war ziemlich verhangen aber ich erahnte, dass es im Verlaufe des Tages auftun würde. 

Zuerst ging es flott den Berg hinunter. Ich lief auch ziemlich schnell, weil es kalt war. Ich hätte meine Handschuhe anziehen sollen… Dann ging es aber auf den nächsten Pass und mir wurde wärmer. Auf dem Pass musste ich erst einmal einen Energieriegel verdrücken. Ein Hiker aus Hongkong war gerade dabei das Zelt zusammen zu packen. Ich habe ja selber sehr viel an Gewicht verloren, schätzungsweise 14kg aber dieser junge Mann hier bestand nur noch aus Haut und Knochen. Man sah nicht mal mehr Muskeln an den Beinen… Es ist unglaublich wieviele Kalorien wir auf dem Trail verbrennen! Es ist Zeit, dass wir in Kanada ankommen auch wenn ich nicht alles laufen konnte, sonst ist nicht mehr viel von mir übrig. 

Es ging noch auf drei Berge hoch und wieder runter bis ich endlich den Abstieg zum Stevenspass in Angriff nehmen konnte. Ich hatte von zwei Hikerinnen gehört, dass es unten auf dem Pass Trail Magic geben würde. Ich habe mich extra beeilt aber als ich unten war waren sie bereits weg. Macht nichts, hier gab es ein Restaurant. Ich holte mir einen Salat als Vorspeise, richtig essen würde ich dann in Skykomish. 

Ich traf wohl zum letzten Mal Frosty und Sunbeam, die angehenden Mediziner aus Deutschland. Sie sind am späten Nachmittag noch weiter gelaufen. Ich werde wohl einen freien Tag in Skykomish einlegen, da ich sowieso warten muss bis das Post Office am Montag um 11.30 (!) aufmacht. 

Ich habe mich dann mit meiner riesigen Cola an den Highway 2 gestellt und den Daumen raus gehalten. Die Autos sind an mir vorbei gebraust aber keiner hielt an. Ich weiß nicht, ob in der Schweiz ein Autofahrer einen Autostopper auf der Autobahn mitnehmen würde. Wobei der Highway nicht die Autobahn ist, dass ist wohl eher die Intetstate. 

Es ging aber trotzdem keine 10 Minuten bis ich im Auto nach Skykomish saß. Ein Pärchen, welches aus dem Parkplatz raus fuhr nahm mich mit. Die Leute sind immer sehr interessiert und die 16 Meilen waren sehr kurzweilig. Nett finde ich auch immer, dass sie einem direkt vor dem Hotel absetzen. 

Im Cascadia Inn hatte es noch ein Zimmer frei und so bleibe ich hier jetzt zwei Nächte. Kimbi, die Französin aus der Bretagne ist auch hier. Werde morgen mit ihr frühstücken. Skykomish ist ein kleines Nest aber dafür ist alles nah zusammen. Ich fühle mich sehr wohl hier. 

Auf dem Foto sind Frosty und Sunbeam. 

140. Tag, Glacier Lake Tentsite, Meile 2447.8, Höhe 1478m

Liege im Zelt und es regnet. Zum ersten Mal überhaupt! Ich hoffe mein Zelt hält dicht. Auf der einen Seite kommt das Moskitonetz an die Rain Fly, da ist es bereits nass. Kann natürlich auch Kondenswasser sein da ich im Zelt gekocht habe. Jetzt ist mir gerade ein Tropfen auf den Kopf getropft, das kann ja heiter werden😖. Eigentlich habe ich ja erwartet, dass vom Moment an, wo ich meinen Fuss in Washington absetze, es anfängt zu regnen aber es hat doch zwei Wochen gedauert. Freue mich schon auf das zusammen packen morgen früh wenn alles nass ist. Ich schlafe morgen aus! Bis Skykomish sind es noch ca. 14 Meilen, da muss ich mich nicht beeilen. 

Heute Morgen war es von Anfang an bewölkt. Lieber bewölkt als rauchig habe ich mir gedacht. Es hatte mal wieder viele Blaubeeren und ich konnte nicht wiederstehen mir eine Handvoll zu pflücken. Als ich gerade im Feld stand kamen Frosty und Sunbeam vorbei. Ich glaube wir hatten uns vor Trout Lake zuletzt gesehen. Ich habe sie auch nur wieder getroffen weil ich die 52 Meilen nach Governement Meadows  gefahren bin. Sonst hätte ich keine Chance gehabt, die laufen regelmässig 25 Meilen (40km!). Wir haben am Cascade Creek zusammen Mittag gegessen und ich bekam noch Salami spendiert und einen Starbucks Kaffee. Das habe ich mir gerne gefallen lassen😊. 

Nach dem Mittagessen fing es bald mal an zu nieseln und hörte auch bis abends nicht mehr auf wo es dann in Regen überging. Es war aber nicht kalt und eigentlich war es ganz angenehm zum laufen. Ich musste noch den Piper Pass bewältigen nachdem ich morgens bereits über einen anderen Pass bin. Danach ging es noch 2.4 Meilen den Berg hinunter und dann wollte ich endlich ins Trockene. Gar nicht so einfach, bei Regen das Zelt aufzubauen. Vor allem soll es ja schnell gehen. Ja und dann fragt man sich wohin mit den nassen Regensachen. Ich habe sie ins Vorzelt gehängt. Den feuchten Rucksack habe ich mit rein genommen, da ich ihn ja noch auspacken musste. Als ich endlich ich Zelt war habe ich ganz schnell meine lange warme Unterwäsche angezogen plus meine Schlafsocken. Ja und die Daunenjacke durfte natürlich auch nicht fehlen😊. So angezogen wurde mir ganz schnell warm. Ich wickelte mich noch in meinen Schlafsack und dann gab es Abendessen. Eigentlich soll man ja im Zelt nicht kochen weil es zu gefährlich ist aber bei diesem Sauwetter hat es wohl jeder Hiker so gemacht. 

So es ist weit nach Hiker Midnight, bereits 21.20 und Zeit zum schlafen. Ich hoffe einfach morgen nicht in einem See aufzuwachen…

139. Tag, Waptus River Tentsite, Meile 2425.4, Höhe 929m

Endlich! Heute Morgen habe ich beim Zusammenpacken des Zeltes einen Schwarzbären gesehen! Er war am Heidel- und Blaubeeren fressen. Der Wind kam aus seiner Richtung so konnte er mich wohl nicht riechen oder hören.  Da wo er jetzt frass musste ich nachher durchlaufen… Bis ich aber meinen Rucksack geschultert hatte war er längstens weg. 

Ich war total euphorisch denn ich konnte den Himmel sehen! Der Nordwestwind hatte den ganzen Rauch weggeblasen! Ich konnte wieder tief durchatmen👍. Man konnte wieder in die Ferne blicken und man hatte eine Aussicht. Das Feuer ist im Osten und die letzten Tage blies dieser warme Ostwind, der den Rauch und das Feuer direkt auf uns zuwehte. Endlich konnte ich betreffend des Feuers etwas entspannen. Ich hoffe jetzt einfach, dass es auch die nächsten Tage so bleibt. Es ist jetzt herbstlich und die Temperaturen sind sehr angenehm zum wandern. 

Ich bin dann fröhlich und beschwingt zuerst den Berg hinauf und dann wieder hinunter. Vor dem Absteigen hätte ich meine Frühstückspause machen sollen aber die Campsite war besetzt. Der Weg war voller feinem braunem Staub und plötzlich stürzte ich und schlug mit dem Gesicht frontal auf. Das hatte weh getan und ich hätte fast losgeheult. Ich musste zuerst meinen Rucksack abschnallen damit ich überhaupt aufstehen konnte. Ich war mit der Stirn, der Nase und dem Mund aufgeschlagen. An der Stirn habe ich eine Beule und eine Schürfwunde, meine Nase tut weh ist aber Gottseidank nicht gebrochen und an den Lippen habe ich innen und außen kleinere Verletzungen. Ja und den linken Ellbogen habe ich mir auch noch aufgeschürft. Ich habe dann mit Wet Wipes, die antibakteriell sind, die entsprechenden Stellen grob gereinigt. Ich war von Kopf bis Fuß mit diesem feinen braunen Staub bedeckt. Es kam ein Paar aus der anderen Richtung und die Frau fragte mich ob ich ok sei. War ich nicht unz dazu war mir zum heulen. Sie fragte mich dann ob ich einen Hug brauche und ich sagte nein, hätte aber ja sagen sollen. Ich war im Schock… Ich glaube das letzte Mal wo ich so aufs Gesicht gefallen bin war im Kindergarten… Irgendwann hatte ich mich dann soweit gefangen, dass ich weiterlaufen konnte. 

Die schöne Aussicht und das Berg hochsteigen haben mich dann schnell abgelenkt. Mit dem Wasser muss man hier wieder mehr aufpassen, denn viele Bäche sind ausgetrocknet. Das heißt wieder mehr Wasser schleppen. 

Ich bin an einer schönen Campsite am Fluss. Ich bin gerne in meinem Zelt, in meinem warmen Schlafsack und höre den Fluss und den Wind rauschen. Wie werde ich das vermissen…

138. Tag, Tentsite at the Pond, Meile 2405.4, Höhe 1487m

Renee und ich haben beschlossen, heute Morgen raus zu hiken. Das Wetter hat wirklich geändert und der Wind kam jetzt von Nordwesten. Es war deutlich kühler… 

Wir haben uns im Hotel noch ein gutes Frühstück gegönnt und uns dann so langsam fertig gemacht. Wir sind nochmal zur Tankstelle und haben uns eine Karte des nächsten Abschnittes gekauft. Wenn es brennt oder zu rauchig ist, möchte ich wissen wo ich den Trail verlassen kann. 

Renee und ich sind dann um 9.00 los. Anfangs sind wir noch zusammen gelaufen aber dann ist Renee vorausgelaufen. Sie läuft nun mal schneller als ich, vor allem möchte sie ja bis zum 15. September an der kanadischen Grenze sein. 

Sie hat dann am Ridge Lake angehalten um Lunch zu essen aber auch um sich von mir zu verabschieden. Schade, Renee ist echt nett und es war schön mit ihr. Bin aber noch nicht sicher, dass dies das letzte Mal gewesen ist, dass wir uns gesehen haben…

Der Weg heute war echt anstrengend. Es ging viel bergauf, bergab und dann wieder von vorne. Zudem viele, viele Steine und Geröllhalden. Das war echt anstrengend. Ich habe gerade mal knapp 15 Meilen geschafft aber das ist ok, bin ja auch erst um 9.00 los. 

Ich habe mein Zelt in der Nähe eines Weihers aufgeschlagen, schön geschützt unter Bäumen. Es ist nämlich recht windig und auch frisch. Liege gemütlich in meinem Schlafsack. Die Rainfly ist auch drauf, da ich nicht so recht weiß was das Wetter macht. 

137. Tag, Snoqualmie, Meile 2390.6, Höhe 932m

Letzten Abend sind noch Nachos und Kevin dazu gestoßen auf der Tentsite, das war lustig. Kevin hat Nachos gefragt, ob man ihn auch immer frage ob er ein Section- oder Dayhiker sei? Nachos hat einen langen Bart und er lachte und meinte nein nie. Kevin sieht einfach zu gepflegt aus für einen Thruhiker…😂. 

Es war rauchig am Morgen und ich fühlte mich etwas schwach und mein Blutdruck wollte auch nicht recht. Es gab aber nichts zu rütteln ich musste einfach weiter und möglichst schnell raus aus dem Rauch. Ich habe mir Gesellschaft gewünscht und siehe da am ersten Bach wo ich mein Wasser auffüllen konnte, kam Renee dazu. Ich habe 52 Meilen übersprungen und sie etwa halb so viele und trotzdem holte sie mich ein. Sie ist natürlich auch noch am Abend vorher rausgehikt…

Wir sind dann praktisch den ganzen Tag zusammen gelaufen bis Snoqualmie, dass war richtig schön und genau was ich gebraucht habe. Wir haben unterwegs immer wieder angehalten und Heidelbeeren und Blaubeeren gegessen. Der Weg in Washington ist sehr oft gesäumt mit diesen Beeren und man kommt teilweise fast nicht zum laufen. Wir hatten blaue Hände von den vielen Beeren…

Als wir unten an der Interstate waren sahen wir einen Flyer wo stand, dass der Trail jetzt wegen dem Feuer vom Snoqualmie Pass bis zum Chinook Pass geschlossen sei. Wir sind also gerade noch durchgekommen…

Wir sind mit gemischten Gefühlen nach Snoqualmie rein, es war alles voller Rauch auf beiden Seiten des Tales. Ich habe schon lange nicht mehr so viele PCT Hiker auf einem Haufen gesehen! Alle am überlegen wie es weitergehen soll oder kann. Der Trail hinter Snoqualmie ist noch offen, fragt sich nur wie lange. Das Wetter soll morgen aber ändern und vor allem soll der Wind drehen und das wäre gut für uns. Wir haben uns dann ein Zimmer im Summit Inn genommen und beschlossen abzuwarten. 

Ich habe ganz viele Hiker hier getroffen, die ich schon länger nicht mehr gesehen hatte. Romana z. B., das letzte Mal in der Nähe des Halfway Punktes oder Jan, einer der Swiss Boys, habe ich zuletzt in Sierra City gesehen. Pascal war hier, der Deutsche mit dem ich in der Bar in Sierra City Bier getrunken habe. Ihm ist es am nächsten Morgen ja eher schlecht gegangen. D-Hiker hatte ihn auf dem Trail angetroffen und er hatte einen ziemlichen Hang over. Kimby war hier, die Französin, welche in der Nähe von Seiad Valley den Schneehang runter gerutscht ist und ausgeflogen werden musste. Es war eine richtige Wiedersehensparty. Ich weiß nur nicht wo D-Hiker ist, von ihr habe ich seit Portland nichts gehört. Sie hat keine amerikanische Telefonnummer und kann nur ins Netz wenn sie WiFi hat. Jemand hat sie aber am White Pass gesehen. 

Abends sind wir dann in die Dru Bru Brewerie, da gab es Bier aber leider nichts zu essen außer so Kabberzeug. Die brauen hier ihr eigenes Bier und sie haben ganz viele Sorten. 

Ich freue mich darauf in einem richtigen Bett zu schlafen😊.