Pouylebon, 05.06.2010 (21 km)

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“

Gestern Abend habe ich mir noch einen Himbeerlikör gegönnt den andere Pilger hier gelassen haben und anschliessend habe ich mich früh mit einem Vortrag von Eckhart Tolle ins Bett gelegt. Ich bin dann mit den Worten „Jede Zelle deines Körpers ist voller Leben“ eingeschlafen und habe in Gedanken noch ergänzt „und voller Schmerzen..:-(„.
Heute war ein wunderschöner Tag und ich bin trotz längerer Etappe wie Gestern nicht so müde. Wahrscheinlich liegt es daran, dass der Weg viel durch den Wald ging, über Wiesen, entlang Feldern und kaum auf der Strasse.
Ich bin um 6.30 los, es hat mich ehrlich gesagt nicht viel gehalten hier in Barran. Zum Frühstück gab es eine Scheibe Pumpernickel mit Himbeerkonfitüre welche meine Vorgänger netterweise zurückgelassen haben. Die zwei weiblichen Pilger scheinen eine Vorliebe für Himbeeren zu haben..;-). Ja es hat schon andere Pilger auf diesem Weg nur sind sie vor oder hinter mir und ich treffe sie leider nicht.
Ich hatte ein wenig Startschwierigkeiten auch weil mir der Kaffee gefehlt hat. Muss mir wieder diese kleinen Nescafetüten kaufen, denn heisses Wasser machen kann man eigentlich in jedem Gîte.
Um 8.30 war ich bereits in l’Isle de Noé und freute mich schon auf einen Kaffee und ein Croissant, nur leider hatte das Restaurant zu. Da ist mir ein Schild aufgefallen wo Bed & Breakfast darauf stand und zudem stand auf dem Schild OPEN! Ich habe dann kurz angeklopft und habe die englische Lady gefragt ob es möglich sei bei ihr zu frühstücken. Sie sagte dann nur freundlich „just sit down“ und dann bekam ich ein deftiges englisches Frühstück mit Spiegelei, Tomaten, Toast, Butter und Marmelade. Ich war im 7. Himmel und sagte zur Lady: „You just saved my day“! Dann hat sie mir noch eine Orange und eine Banane mitgegeben und mich mit einem „take care dear“ auf den Weg geschickt. Die Banane musste ich dann leider irgendwann den Ameisen opfern da sie in meinem Proviantbeutel langsam zu Brei wurde…
Im wunderschönen und pittoresken Montesquiou habe ich mich mit alten Franzosen in einer Bar unterhalten. Es ging um die EU und sie meinten wir Schweizer hätten es besser gemacht und uns aus dem Ganzen rausgehalten. Ja manchmal ist eine abwartende Haltung gar nicht so schlecht wobei ich eigentlich immer noch finde, dass die EU eine gute Sache ist auch wenn sie noch an Kinderkrankheiten leidet und irgendwann wird wohl auch die Schweiz beitreten. Ich nehme an wenn die Kinderkrankheiten ausgemerzt sind…;-).
Von hier aus habe ich zum ersten Mal die Pyrenäen gesehen. Sie sind noch ziemlich weit weg aber es geht ja auch noch eine Woche bis ich dort bin.
Heute bin ich wieder einmal in einem Wohnwagen auf dem Campingplatz untergekommen. Es ist sehr friedlich hier, wunderschön und hat sogar einen Swimmingpool. Der Campingplatz ist fest in holländischer Hand, eine andere Nationalität ist mir nicht begegnet ausser mir natürlich…;-).

Übernachtung: Camping von Pouylebon. Sehr zu empfehlen. Es gibt einen Gîte und kleine Wohnwagen zum mieten für 10 €. Die Anlage ist sehr schön und hat einen Swimmingpool.




Barran, 04.06.2010 (17 km)

„Was ich suche, trage ich in mir und jeder Schritt, ist ein weiterer Schritt in die Tiefe meines eigenen Ich“. Diese Karte habe ich fuer Heute aus meiner spirituellen Pilgerapotheke gezogen. Wie immer finde ich den Spruch sehr passend.

Bin im Acceuil Jacquaire von Barran angekommen nachdem mich Madame Cocco, die Herbergsmutter fast in Grund und Boden geredet hat und ich mich irgendwann mit der Entschuldigung dringend duschen zu müssen davon gestohlen habe. Der Gîte ist wirklich sehr einfach und hätte mal eine Generalrenovation nötig um es gelinde auszudrücken. Auf französisch würde man jetzt ironischerweise sagen „c’est vraiment très chouette“! Vielleicht sollte ich eine kleine Spende hinterlassen…
Bin ca. um 9.30 in Auch gestartet und es war ganz schön heiss. Als ich zur Kirche hoch gelaufen bin hat sich schon mein Knie bemerkbar gemacht und ich habe mich gefragt wie weit ich wohl kommen werde auf diesem Weg.
Wusste gar nicht mehr wie einsam Frankreich sein kann, es hat keine Pilger weit und breit. Was mich in Frankreich beeindruckt ist die Weite des Landes und dass man unterwegs selten jemandem begegnet. Sogar die Dörfer wirken teilweise wie ausgestorben und eine Bar sucht man meist vergebens. Es erinnert mich ein wenig an den Weg von Cluny nach Le Puy.
Hier in Barran ist absolut tote Hose, man kann nicht einmal irgendwo ein Bier trinken gehen. Das einzige Restaurant im Ort ist leider geschlossen. Glücklicherweise hat es aber eine Epicerie und so konnte ich mir etwas für die Mikrowelle kaufen und es gab sogar gekühltes Bier.
So sitze ich nun in meiner etwas schäbigen Unterkunft am Tisch, esse mein Essen aus der Mikrowelle und trinke allein mein Bier. Anstatt meine Ferien wie alle anderen am Strand zu verbringen laufe ich mir hier die Fuesse platt und verbringe den Abend alleine in dieser renovierungsbedurftigen Herberge. Mir kommen schon die ersten Zweifel und ich frage mich mal wieder warum ich mir das eigentlich antue? Irgendwie ist mir die Antwort momentan abhanden gekommen aber ich weiss es hat einen tieferen Grund…Na ja wird mir schon wieder einfallen…;-).
Die Strecke heute war relativ kurz aber anstrengend für meine Füsse da ich den grössten Teil auf Asphalt gelaufen bin. Gemäss Miam Miam Do Do sieht es aber für Morgen besser aus…;-).
Die Leute hier sind sehr offen gegenüber Pilgern, ich wurde mehrmals angesprochen und auch schon zum Kaffee eingeladen. Die Herbergen sind auf diesem Weg nicht ganz so zahlreich und ich plane für Morgen auf dem Campingplatz zu übernachten.
Ich kann mittlerweile gut alleine sein und doch wünsche ich mir andere Pilger zu treffen mit denen ich mich austauschen könnte. Ich möchte auch Spass haben auf diesem Weg und nicht immer alleine sein.
Der Fokus meines Gebetes ist all meine Negativität loszulassen und meinen Verstand zu kontrollieren. Das heisst wenn negative Gedanken auftreten sie nicht zuzulassen oder sie sofort beiseite zu schieben.
Bin heute körperlich schon ziemlich an meine Grenzen gestossen, da ich natürlich wieder einmal völlig unvorbereitet und untrainiert losgegangen bin. Mein linkes Knie habe ich heute vor allem beim runterlaufen gespürt und die Sehne hat sich auch schon gemeldet. Ich werde Morgen auch noch meine Kniegelenkstütze anziehen und versuchen ob das was hilft.
Leider habe ich für meinen i-Pod das falsche Kabel mitgenommen und jetzt kann ich es nicht mehr aufladen. Hoffe darauf andere Pilger zu treffen und vielleicht hat ja jemand das Kabel dabei.
Morgen soll es noch heisser werden wie heute, muss mehr Wasser mitnehmen, heute hat es nur knapp gereicht und soviele Möglichkeiten zum Auffüllen gab es auch nicht.

Übernachtung: Acceuil pélerins, sehr einfacher Gîte auf Spendenbasis. Ich fand es deprimierend hier, das lag aber vielleicht eher daran, dass es mein erster Abend und ich alleine hier war. Zu zweit ist es hier sicher zum aushalten…;-).




03.06.10_Es geht los……

Heute ist es endlich soweit, bin schon total aufgeregt und mein Kopf dreht wenn ich daran denke was ich noch alles erledigen sollte. Aber eigentlich ist es nur mein Verstand der so eine Hektik verbreitet denn ich bin eigentlich ganz gut vorbereitet.
Werde mal wieder den Zug nach Paris nehmen und dann den Nachtzug nach Toulouse. Morgen werde ich eine kurze Etappe von 16 km machen zum Einlaufen. Man soll sich ja nicht gleich überanstrengen…;-). Es wird mir sowieso wieder alles weh tun und ich werde mich nach dem ersten Tag fragen warum ich mir das eigentlich antue. Aber wie wir alle wissen, das geht vorbei, mehr oder weniger zumindest… Zähne zusammenbeissen und weiterlaufen. Hoffe das mein Knie mir keine all zu grossen Probleme machen wird aber auch das sehe ich locker. Wenn es nicht geht nehme ich halt den Bus und mache irgendwo Badeferien oder ich setze mich in den Orten entlang des Caminos in ein Café und schaue den Pilgern zu wie sie sich abmühen…;-). Ich muss mir ja nichts mehr beweisen und vor allem habe ich Ferien!
Werde versuchen von unterwegs zu schreiben, mittlerweile kenne ich ja die Schwierigkeiten mit der französischen Tastatur und werde mich nicht wieder erwischen lassen. Als ich 2008 unterwegs war hat mich eben diese Tastatur ja fast in den Wahnsinn getrieben und ich habe es aufgegeben und erst in Santiago gemerkt was das Problem war. Na ja lieber spät als gar nicht.