Marciac, 06.06.2010 (15 km)

„Schritt für Schritt“

Gestern bin ich ja von Pouylebon gestartet, ich habe im Wohnwagen eine ziemlich schlaflose Nacht verbracht. Die Matratze war total hart und meine angespannten und schmerzenden Muskeln konnten sich einfach nicht entspannen. Gegen Morgen ist dann ein Gewitter gekommen und ich habe dem Regen zugehoert wie er auf das Dach prasselt. Habe nur gehofft, dass es aufhoert bis ich aufstehe. Warum habe ich dem Monsieur vom Campingplatz auch nur gesagt, dass ich um 7.00 fruehstuecken moechte. Waere nach meiner schlaflosen Nacht gerne laenger liegen geblieben. Meine Motivation war auf dem Nullpunkt und um 6.45 habe ich mich aechzend zu den sanitaeren Anlagen geschleppt und habe mir schnell das Gesicht gewaschen und die Zaehne geputzt. Dann habe ich schnell gefruehstueckt und den lauwarmen Kaffee, der geschmeckt hat als sei er von Gestern, lustlos herunter gespuelt.
Bin dann los und da hat es eigentlich nur noch genieselt. Habe dann meine negative Einstellung losgelassen und beschlossen, dass heute ein guter Tag ist um meine neue Regenausruestung zu testen.
Liebe Pilger, dies ist jetzt speziell fuer euch, die Regenpellerine von Ferrino ist einfach klasse! Man muss sie naemlich nicht ueber den Kopf stuelpen sondern kann sie wie einen Mantel einfach ueberziehen. Wenn es nur noch leicht nieselt oder man Luft braucht kann man vorne den Reissverschluss aufmachen. Zudem hat sie Luftschlitze unter den Armen und an der Vorderseite. Bin absolut begeistert!
Der Weg ging dann durch einen richtigen Maerchenwald und ich fuehlte mich ploetzlich total gluecklich. In meinem vorherigen Bericht habe ich doch von Eckhart Tolle berichtet und seinem Zitat „jede Zelle deines Koerpers ist voller Leben und Freude“ und genauso habe ich mich in diesem Moment gefühlt. Es hat mich am ganzen Koerper gekribbelt und ich habe die Arme ausgebreitet und bin lachend durch den Wald gelaufen. Dies sind die Momente warum ich mir diese ganzen Strapazen antue, es sind diese kurzen Momente wo ich mit mir total im Reinen bin und mich mit Gott verbunden fuehle. Nichts ist mehr im Weg was mich trennen wuerde.
In Saint-Christaud habe ich mich dann in die Kirche gesetzt um etwas auszuruhen, zu trocknen und ich habe dann auch noch gebetet. Fuer meinen Weg, dass Gott mich begleitet und dass er mir hilft meine Negativitaet loszulassen. Zudem habe ich ihn darum gebeten mir zu helfen die Sachen so zu nehmen wie sie sind und mich dem was auf mich zukommt nicht dagegenzustellen. Na Gott wollte mich auf jeden Fall gleich mal testen. Ich hoerte von weitem 2 lachende, plappernde Frauen kommen und habe beschlossen, dass es Zeit ist weiterzugehen. Ich wollte gerade raus und da kamen sie rein. Es waren Einheimische und voellig begeistert in ihrer Kirche eine Pilgerin anzutreffen. Sie haben mich dann gefragt, ob ich nicht zum Gottesdienst bleiben und gleichzeitig einen Teil der Messe vorlesen wolle. Innerlich habe ich nur gedacht, oh mein Gott raus hier! Habe dann den enttaeuschten Frauen mitgeteilt, dass ich lieber gleich weiterlaufen wolle. Sie haetten mich anschliessend auch mit dem Auto bis Marciac gefahren aber ich wollte nur weg. So tief ist meine Verbindung mit der Kirche nun auch wieder nicht. Ich halte mich zwar gerne in Kirchen auf und bete auch darin aber damit hat es sich auch schon wieder. Zu Gott kann ich nur sagen, tut mir leid habe klaeglich versagt aber gleich die Messe vorzulesen ist auch ein bisschen viel verlangt. Dass muss Gott doch einsehen oder? Auf jeden Fall hat er auf meinem weiteren Weg saemtliche Gebete fuer ein trockenes Plaetzchen wo ich mich einen Moment hinsetzen koennte ignoriert. Ich bin praktisch 11 km am Stueck durchgelaufen ohne wirklich anzuhalten. Die Franzosen wissen glaube ich nicht, was ein trockenes Plaetzchen fuer einen mueden Pilger bedeutet wenn es die ganze Zeit regnet.
Habe dann beschlossen in Marciac anzuhalten da ich mich zu diesem Zeitpunkt kaum noch auf den Beinen halten konnte. Dann ist mir auch noch in den Sinn gekommen, dass ja heute Sonntag ist und an diesem Tag der Final von Roland Garros stattfindet. Habe dann beschlossen mir zur Feier des Tages ein Hotel mit Fernseher im Zimmer zu leisten und mir liegend im Bett den Final zw. Nadal und Soederling reinzuziehen. Diese Idee hat mich dann so begeistert, dass meine ganze Muedigkeit verflogen war und ich gut aufgelegt in Marciac ankam.
Habe mich dann gleich in eine Bar gesetzt und eine Quiche gegessen. Mann, habe ich es genossen endlich, endlich gemuetlich sitzen zu koennen. Und dann kam auch schon das naechste Highlight des heutigen Tages. Von weitem sah ich ein Pilger! Wow! ! ! Am dritten Tag meiner Wanderschaft sollte es endlich soweit sein. Er ist dann vorbeigelaufen und ich habe ihn freundlich gegruesst und er ist einfach weitergelaufen! Ich habe bei mir gedacht das kann doch nicht sein und in dem Moment ist er umgekehrt und zu mir an den Tisch gekommen und hat mich gefragt ob ich hier einen Gite wuesste. Habe ihm dann gleich meinen Miam Miam Do Do zur Verfuegung gestellt und schon waren wir mitten in einem interessanten Gespraech. Er ist in Hendaye gestartet, dann entlang den Pyrenaen bis Lourdes und dann auf die Via Tolosana. Er laeuft den Weg praktisch in Gegenrichtung. Ich fand ihn auf Anhieb symphatisch und war so happy endlich einem Pilger zu begegnen.
Anschliessend bin ich dann ins Hotel, habe heiss geduscht und mich ins Bett gekuschelt und mir den Final reingezogen. Ach war das gut. Nadal hat natuerlich gewonnen, wen wunderts. Dann habe ich bemerkt, dass ich meine Stoecke in der Bar liegengelassen habe und beschlossen zurueck zu gehen und gleich noch ein Bier zu trinken. Ich sass kaum da kam auch schon wieder mein Pilger und hat sich mit Stephen vorgestellt. Wir hatten ziemlich schnell einen guten Draht miteinander und gemerkt, dass wir ueber vieles aehnlich denken. Es war total lustig und auch spannend. Dann ist er auch noch Hugenotte wie ich. Habe ihm gesagt, dass er deshalb wohl ein Rebell sei und den Weg in Gegenrichtung laufen wuerde. Wir sind dann noch zusammen Essen gegangen und der Abend war viel zu schnell vorbei. Stephen hat mich dann noch zum Hotel begleitet und da haben wir uns noch herzlich umarmt, einander einen guten Weg gewuenscht und das wars. Schade, er fuehlte sich wirklich an wie ein verwandte Seele und ich haette gerne mehr Zeit mit ihm verbracht. Aber so ist das halt auf dem Pilgerweg man muss immer wieder loslassen. Nichts ist einem so bewusst wie die Vergaenglichkeit. Ich weiss aber auch, dass man lieb gewonnene Menschen unterwegs immer wieder loslassen muss und dann hat man wieder neue Begegnungen aber schade ist es trotzdem. Wuerde manchmal gerne etwas laenger festhalten.

Übernachtung: Ich habe mir hier ein Hotel geleistet aber Stephen war im Gîte – Refuge Le Grenier Saint Jean und hat gemeint er wäre gut.





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