26.5. – 15.6.08 von Le Puy bis Moissac

Moissac, 14.6.2008 (24.5 km)

Lauzerte, 13.6.2008 (23 km)
Heute ist wahrlich Freitag der 13. Habe festgestellt, dass mein Wanderschuh auf beiden Seiten Löcher hat und ich mit diesen Schuhen nicht bis Santiago werde laufen können. Habe mich ein paar Mal gewundert, dass mein rechter Fuss sich bei Regen feucht anfühlt aber es ist mir nicht in den Sinn gekommen, dass mein Schuh Löcher haben könnte.
Vielleicht finde ich ja in Moissac ein paar neue Schuhe ansonsten werde ich Willi oder Cécile fragen ob sie mir das gleiche Modell welches ich habe kaufen und sie mir nach St. Jean Pied-de-Port schicken lassen.
Gester Abend habe ich mich in Lascabanes auf dem Friedhof auf einen Baum gesetzt und als ich aufgestanden bin gab es ein komisches Geräusch und mein Hintern war voll dunkelbraunem Harz. Es sieht aus als hätte ich in die Hosen gemacht. Werde mir in Moissac auch eine neue Hose kaufen müssen. Habe mein Konto überprüft und festgestellt, dass nicht mehr soviel Geld darauf ist. Habe das Gefühl, dass mir das Geld wie Sand durch die Finger rinnt und jetzt muss ich auch noch neue Schuhe und Hosen kaufen.
Ja und wie wenn das nicht schon genug wäre kommt auch noch Jean-Claude daher und teilt mir theatralisch mit, dass wir uns ab Morgen nicht mehr sehen würden. Habe ihn gefragt ob er den Bus nehmen oder in aller Hergottsfrühe loslaufen wolle? Er scheint die Schnauze voll von mir zu haben, was ich auch verstehen kann. Es ist kein schönes Gefühl zurückgewiesen zu werden und ich kann recht eklig sein wenn ich mir jemandem vom Leib halten will. Ich sollte mich wohl bei ihm entschuldigen. Wahrscheinlich ist es besser wenn unsere Wege sich komplett trennen. Wenn er mich sieht wird er immer daran erinnert, dass ich ihn zurückgewiesen habe und wenn ich ihn sehe denke ich immer: Mein Gott ich werde ihn einfach nicht los!

Lascabanes, 12.6.2008 (22 km)
Bin im wunderschönen Gîte communal von Lascabanes und freue mich schon auf das Essen. Dies sollte man hier auf keinen Fall auslassen denn es ist einfach hervorragend!
Heute war ein wunderschöner, sonniger und etwas windiger Tag. Was für ein Unterschied wenn man diese Etappe bei schönem Wetter läuft. Keine Stollen unter den Schuhen welche einem das Laufen schwer machen und dazu ist die Strecke relativ flach.
War den ganzen Tag alleine unterwegs und habe mich mal wieder so richtig wohl gefühlt in meiner Haut. Ich glaube Jean-Claude hat es endlich kapiert, dass ich alleine laufen möchte.
Bei Les Mathieux stand 1130 km bis Santiago somit wäre ich Morgen bei der Hälfte meines Weges angekommen. Ich bin echt stolz auf mich und das alles ohne grössere Probleme. Keine Unfälle, keine Krankheit, keine Sehnenscheidenentzündungen, nur Abends schmerzende Füsse welche sich aber jeweils über Nacht wieder erholen. Hoffe es bleibt auch weiterhin so.
Bin schon um 15.00 Uhr angekommen und warte darauf, dass die Gerantin kommt und ich mein wohlverdientes Bier trinken kann. Hier gibt es auch einen kleinen Lebensmittelshop wo man sich selber bedienen kann und dann wirft man das Geld in die Kasse. Die sind ja hier echt vertrauensvoll.
Sonst gibt es eigentlich heute nicht viel zu berichten, werde immer leerer und mein Verstand quält mich auch nicht mehr oft. Versuche einfach im Moment zu sein und das Leben zu geniessen.
Ich vermisse Agnes welche aber zu weit voraus ist als dass ich sie einholen könnte. Wir schicken uns aber immer wieder mal ein sms um in Kontakt zu bleiben.

Cahors, 11.6.2008 (17 km)
Habe mir endlich hier in Cahors ein neues Heft besorgen können. Wollte eigentlich noch bis Les Mathieux weiterlaufen, da von dieser Gîte immer in den höchsten Tönen geschwärmt wird. Es hat einen Swimmingpool mit wunderschöner Aussicht, unter den Gîtes bekommt sie 5 Sterne…;-). Als ich dann aber die drohenden Gewitterwolken sah welche sich vor mir auftürmten habe ich beschlossen doch in Cahors zu bleiben. Dies war ein gute Entscheidung denn wenig später ist ein gigantisches Gewitter über uns hergezogen.
Gestern in Carbrerets, habe ich Jean-Claude am Morgen mitgeteilt, dass ich wieder alleine laufen möchte. Es wurde mir mal wieder zu eng, seine Reserviererei geht mir auf die Nerven und es ist einfach nicht so wie ich meinen Camino laufen möchte. Ich kann ein ziemliches Ekelpaket sein wenn ich mich eingeengt fühle und dies hat er auch schon zu spüren bekommen; deshalb habe ich beschlossen alleine weiter zu gehen. Ich muss lernen mich abzugrenzen ohne gleich alle Schotten dicht zu machen und mein Herz zu verschliessen.
Wenn ich in Moissac bin habe ich die Hälfte des Weges geschafft nämlich 1100 km. Dann ist dann ein Gläschen Champagner fällig. Schon verrückt wenn ich darüber nachdenke.

Pasturat, 10.6.2008 (18 km)

Carbrerets, 9.6.2008 (17.5 km)

Marcilhac-sur-Célé, 8.6.2008 (13.5 km)

Moulin Vieux, 7.6.2008 (26.5 km)

Habe beschlossen die Variante durch das Célé-Tal zu nehmen anstatt auf dem GR65 zu bleiben. Die andere Strecke bin ich ja schon letztes Jahr gelaufen und so freue ich mich Neuland zu entdecken. Jean-Claude hat sich mir angeschlossen mal schauen wie lange das gut geht. Bin ja nicht gerade dafür bekannt sehr gut paarweise laufen zu können…;-). Eigentlich wollten wir heute in Espagnac übernachten aber die Gîte war wieder einmal durch eine Reisegruppe belegt. Jean-Claude reserviert seine Übernachtungen immer 4 Tage im voraus und ich möchte am liebsten gar nicht reservieren. Möchte ja lernen zu vertrauen und die Kontrolle loszulassen. Er ist jetzt natürlich wieder davon überzeugt, dass es besser ist zu reservieren. Kommen da wohl schon die ersten kleinen Unstimmigkeiten? Dies ist der Preis wenn man zu zweit läuft man muss immer Kompromisse schliessen.
Die Madame wollte uns dann in der Küche auf Klappbetten einquartieren aber im Hinblick darauf, dass die Reisegruppe evt. kochen könnte, haben wir beschlossen bis zum Campingplatz von Moulin Vieux weiterzulaufen. Hier sind wir nun in einem Wohnwagen und sind froh nicht in der Küche übernachten zu müssen.
Die Strecke heute war sehr schön und es ging meist dem Fluss Célé entlang. Ja und das Wetter hat sich auch von seiner schönen Seite gezeigt und nur gegen Abend sind wieder Gewitterwolken aufgezogen.
So jetzt muss ich aufhören, denn mein erstes Heft ist zu Ende und ich muss mir zuerst ein neues besorgen bevor ich weiter schreiben kann.

 
Figeac, 6.6.2008 (24 km)

Heute bin ich früh los da ich es wenn möglich bis La Cassagnole schaffen wollte. Leider hat es nicht geklappt da wegen Bauarbeiten die Strecke länger war als vorgesehen und 30 km waren mir in diesem Moment einfach zuviel.Ich hatte Livinhac kaum hinter mir gelassen als schon wieder die ersten Tropfen vom Himmel fielen und ich meine „geliebte“ Regenpellerine überziehen musste aber es hat nicht lange angehalten. Als ich schon eine Weile unterwegs war ist mir plötzlich eingefallen, dass ich einen Teil meines Proviantes im Kühlschrank zurückgelassen hatte. Habe die beiden Jean-Claudes angerufen aber leider kam bei beiden nur die Mailbox. Ok, dann musste ich halt auf meinen Käse und den Schinken verzichten, ist ja nicht so dass ich gar nichts mehr dabei hatte.Bei der Chapelle de Guirande habe ich eine Abkürzung genommen und bin 2 km auf der D2 geblieben anstatt einen grossen Umweg über das Hinterland zu nehmen. Den guten Tipp habe ich von 4 Franzosen bekommen welche vor mir liefen…;-) und da ich einen weiten Weg vor mir hatte kam mir das gerade recht.In Saint-Felix habe ich dann ausgiebig Rast gemacht und meine Franzosen haben mir sogar noch eine Dose Sardellen und Käse geschenkt als sie mitgekriegt haben, dass ich einen Teil meines Proviantes zurückgelassen habe. Das fand ich echt nett und ich nahm die Gaben dankend entgegen.Auf dem Weg runter nach Figeac bin ich dann wieder den beiden Jean-Claudes und Nordie begegnet und wir sind gleich zusammen ein Bier trinken gegangen.Wir hatten dann mal wieder ein Abschiedsessen da Nordie und Jean-Claude2 hier aufgehört haben. Marco ist auch noch zu uns gestossen und wir sind alle zusammen Essen gegangen. Im Fernsehen lief gerade der Final von Roland Garros zwischen Roger Federer und Rafael Nadal. Es war total spannend und ich bin kaum zum Essen gekommen. Jean-Claude2 hat gemeint wenn wir in Finisterre wären sollen wir ihm eine sms schicken und dann kommt er uns mit dem Segelboot abholen und wir fahren alle zusammen irgendwohin. Schöner Gedanke…;-).

 


Livinhac-le-Haut, 5.6.2008 (24 km)

HeuteMorgen habe ich mich um 8.00 mit den beiden Jean-Claudes vor der Kathedrale verabredet. Als sie um 8.15 immer noch nicht da waren wollte ich schon alleine loslaufen. Da kamen sie herbeigeeilt und haben schuldbewusst gemeint, dass sie schon losgelaufen sind und mich vergessen haben! Hmmm, also ein bisschen beleidigt war ich schon.Der Anstieg zur Chapelle Sainte Foy ist ganz schön steil und wir sind ziemlich ins Schwitzen gekommen. Dafür lohnt sich der Ausblick zurück auf Conques. Leider kam die Sonne genau von vorne, dass ich keine schönen Bilder machen konnte.Wir haben dann beschlossen, die Variante über Noailhac zu nehmen, vor allem weil es auf dieser Strecke noch eine Verpflegungsmöglichkeit gab. Wir sind auch nicht runter nach Decazeville, da wir die hässliche Stadt meiden wollten, sondern oben auf dem chemin des crêtes geblieben. Die ganze Strecke verläuft meistens auf der Strasse und ist für die Füsse dementsprechend anstrengend. Habe gehört, dass es bis Figeac so weitergehen soll.Es war den ganzen Tag ziemlich sonnig nur gegen Abend haben sich Gewitterwolken angemeldet aber als die ersten Tropfen fielen waren wir schon angekommen.Wollte eigentlich in den Gîte communal gehen aber die beiden Jean-Claudes haben mich dann in die Herberge (la Magnanerie, sehr zu empfehlen!) mitgenommen wo sie schon reserviert hatten. Es hatte dann für mich auch noch ein Plätzchen frei und wir haben uns Abends ein leckeres Essen zubereitet mit einem richtig guten Stück Fleisch, Gemüse, Salat und natürlich viel Rotwein. So gut gegessen habe ich schon lange nicht mehr und das für sage und schreibe 5 Euro pro Person.Die beiden Jean-Claudes haben sich früh in ihrem Turmzimmer schlafen gelegt und ich habe noch mit Marco ein Glässchen Wein getrunken wozu er mich eingeladen hatte. Marco ist auch zu Hause in Deutschland gestartet und macht hier gerade einen Ruhetag.




Conques, 4.6.2008 (12 km)

Heute bin ich nur eine kurze Strecke gelaufen damit ich früh in Conques ankomme und viel Zeit habe. Ich war wieder alleine unterwegs da die beiden Jean-Claudes zu spät aufgestanden sind und ich keine Lust hatte zu warten.Es war wieder einmal nach langer, langer Zeit schönes Wetter und ich habe es total genossen bei Sonnenschein zu laufen und meine Regenpellerine kein einziges Mal auspacken zu müssen! In Sénergues habe ich mir erst mal in der Sonne sitzend einen Kaffee und ein Croissant gegönnt, das schöne Wetter muss schliesslich ausgenutzt werden…;-).Kurz nach Saint-Marcel bin ich wieder bei diesem lustigen Esel vorbeigekommen (man sieht ein Foto von ihm in meinem alten Bericht von Le Puy nach Conques). Habe mich ein paar Minuten mit ihm unterhalten und er hat wieder kräftig Iaaaah, Iaaaah gemacht und wäre wieder am liebsten mit mir mitgekommen. Leider konnte er den Zaun nicht überwinden und ich musste alleine weiter. Vielleicht schafft er es ja nächstes Mal…;-).Den Abstieg nach Conques fand ich nicht mehr so anstrengend wie beim ersten Mal aber wahrscheinlich bin ich jetzt einfach durchtrainiert da ich schon so lange unterwegs bin.Bin wieder in der Abbaye Sainte Foy untergekommen wie letztes Mal als ich in Conques war. Nur dieses Mal im Schlafsaal und nicht in einem Doppelzimmer.Im Restaurant St. Jacques haben wir uns zum Abschiedsapero von Betty und Martine getroffen.Betty wohnt in Reinach, dies ist ein Nachbardorf von Basel also ganz in meiner Nähe. Die beiden sind mir zum ersten Mal bei Regine in Les quatre chemins begegnet und von da an haben wir uns immer wieder getroffen. Betty würde am liebsten weiterlaufen aber sie hat irgendwelche Verpflichtungen denen sie nachkommen muss. Martine ist froh wieder nach Hause gehen zu können. Sie hat Betty nur begleitet weil sie ihre Schwester nicht alleine gehen lassen wollte. Marie-France welche ich zum letzten Mal in der Domaine du Sauvage gesehen habe beendet hier auch ihren Weg. Nordie wird noch bis Figeac laufen und dann ist auch für sie der Weg zu Ende. Es ist mal wieder loslassen angesagt.Am Abend sind wir noch ins Orgelkonzert in die wunderschöne Kathedrale von Conques gegangen. Es war sehr schön und ein Priester hat uns vorher auch noch auf lustige Art das Tympanon des Eingangportals der Kathedrale erklärt.
 
 

Espeyrac, 3.6.2008 (24 km)

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Heute bin ich den ganzen Tag mit den beiden Jean-Claudes gelaufen. Es hat wieder viel geregnet aber die Stimmung war gut und wir haben viel gesungen und gelacht. Jetzt fehlt mir nur noch Agnes zu meinem Glück! Ich weiss aber, dass ich sie früher oder später wieder treffen werde.
Es ging heute viel durch den Wald und in Golinhac haben wir uns im Hameau de Saint-Jacques eine ausgiebige Pause gegönnt und unsere klitschnassen Pellerinen zum trocknen aufgehängt. Die Madame hat uns sogar angeboten, dass wenn wir in Espeyrac nichts zum übernachten finden würden, wir sie anrufen sollen und sie uns dann mit dem Auto abholen würde. Wenn das nicht ein super Service ist! Da kann man ja ganz beruhigt weiterlaufen.
Die Gîte communal in Espeyrac ist sehr schön und verglichen mit der in Estaing direkt luxuriös. Jean-Claude kocht gerade Pasta mit sehr viel Zwiebeln, Tomaten, Speck und Pilzen. Es riecht total lecker und ich habe wieder einmal tierisch Hunger.
 
Estaing, 2.6.2008 (11 km)
 
Heute bin ich nicht soweit gekommen wie ich eigentlich vor hatte. Für die 11 km nach Estaing habe ich sage und schreibe 4 Stunden gebraucht. Ich bin fix und fertig. Habe dummerweise die Karte nicht angeschaut sonst wäre ich vielleicht auf der Strasse geblieben.Der Weg bis Bessuéjouls zur Eglise Saint-Pierre war Ok und ging meistens der Strasse entlang. Danach kam ein Schlammpfad welcher den Berg hinaufführte. Ich habe mich hinaufgekämpft und musste die ganze Zeit aufpassen nicht auszurutschen. Die ganze Zeit habe ich mit mir und Gott gehadert und mich zusätzlich noch damit fertiggemacht, dass ich nicht intelligent genug war auf der Strasse zu bleiben.
Hatte mal wieder so richtige Wiederstände und damit läuft es sich bekanntermassen besonders gut. Oben angekommen ging es Gott sei Dank ein Stück der Strasse entlang und ich habe es geschafft meine Wiederstände loszulassen. Ich bin dann singend weitergelaufen. Vor Trédon ging es dann noch ein Bachbett hinunter, meine Schuhe waren völlig durchnässt. Die Kirche von Trédon war leide r geschlossen und ich habe mich draussen auf die Mauer gesetzt. Neben der Eingangstüre stand dieses wunderschöne Gedicht:AM ENDE SEINES LEBENS SCHAUTE EIN MANN AUF SEINEN LEBENSWEG ZURÜCK UND SAH, DASS ES ENTLANG DES GANZEN WEGES VIER FUSSABDRÜCKE IM SAND HATTE, DIE SEINEN UND DIE VON GOTT ABER IN DEN SCHWIERIGEN MOMENTEN HATTE ES NUR ZWEI!SEHR ÜBERRASCHT UND AUCH VERLETZT SAGTE ER ZU GOTT: ICH SEHE, DASS ES GERADE IN DEN SCHWIERIGEN MOMENTEN WAR WO DU MICH ALLEINE GELASSEN HAST….ABER NEIN! HAT IHM GOTT GEANTWORTET, IN DEN SCHWIERIGEN MOMENTEN HATTE ES NUR MEINE SPUREN IM SAND WEIL ICH DICH IN MEINEN ARMEN GETRAGEN HABE.Dies war genau den Balsam welche meine Seele in diesem Moment brauchte. Es hat mich so berührt, dass ich angefangen habe zu heulen und von da an fühlte ich mich nicht mehr alleine und wirklich getragen von Gott.Um 12.00 mittags war ich in Estaing und überlegte mir noch weiterzulaufen aber irgendwie hatte ich keine Energie mehr. Habe ein Sandwich gegessen und Kaffee getrunken. Da sah ich plötzlich Jean-Claude auf mich zukommen und wir haben uns total gefreut uns wiederzusehen. Seit der Domaine du Sauvage hatten wir uns aus den Augen verloren. Er war mit einem anderen Pilger unterwegs der auch Jean-Claude heisst…;-). Sie haben mich dann überzeugen können mit ihnen in Estaing zu bleiben; ehrlich gesagt hat es nicht viel Überzeugungsarbeit gebraucht da meine Motivation durch den vielen Regen und Schlamm im Keller war.


Espalion, 1.6.2008 (22 km)
Ich bin in Espalion und es regnet in Strömen. Seit ich in Le Puy meine Turnschuhe zurückgeschickt habe und ich nur noch meine Trekkingsandalen habe ist das Wetter schlecht. Vielleicht sollte ich die Sandalen wieder nach Hause schicken…;-)? Bin gerade kurz raus zum telefonieren und irgendwie komme ich mir dämlich vor in meinen Sandalen aber was solls das Wetter kann ja nur noch besser werden.
Heute hat es fast den ganzen Tag geregnet und ich habe die Variante der Strasse entlang genommen, nachdem mir ein Barbesitzer in Saint-Côme-d’Olt geraten hat nicht dem GR65 zu folgen, da der Weg völlig verschlammt sei.
Ich habe dann noch den kurzen Abstecher zur Eglise du Perse gemacht und war völlig begeistert von diesem ruhigen und schönen Ort. Im goldenen Buch habe ich dann auch noch einen Eintrag von Agnes gelesen und festgestellt, dass sie mir 2 Tage voraus ist. Habe mich total gefreut indirekt von ihr zu hören. Werde ihr ein sms schicken und sie fragen wie es ihr geht. Vermisse sie nämlich.
Meine Moral ist immer noch recht gut trotz des vielen Regens. Ich probiere einfach alles so zu nehmen wie es ist. Es hilft ja sowieso nichts wenn ich mich über das Wetter aufrege.
Nordie hat sich angeboten eine Pizza für uns beide zu holen und ich bin froh muss ich nicht nochmals mit meinen Trekkingsandalen im Regen spazieren gehen.
Ein italienischer Pilger hier hat die Nase gerümpft als er gehört hat, dass wir die Variante der Strasse entlang genommen hätten. Er meinte dies sei nicht der Originalpilgerweg und deshalb hat sich auf dem Schlammpfad abgemüht. Ideen haben die Leute manchmal da kann ich mich nur wundern. Ich habe ihn dann gefragt, ob er meint, dass die Pilger früher auf dem GR65 gelaufen seien…;-).
Agnes hat mir zurückgeschrieben, sie ist bereits in Conques und bleibt da einen Tag. Sie will den Umweg nach Rocamadour machen und vielleicht kann ich sie dann ja einholen. Wer weiss?



St. Chely d’Aubrac, 31.5.2008 (17 km)
Ich bin hundemüde dabei bin ich Heute nur eine kurze Etappe gelaufen oder besser gesagt geschlichen. Vielleicht bin ich immer noch müde von Gestern. Habe auch sehr schlecht geschlafen und am Morgen hatte ich keinerlei Motivation loszulaufen. Es war grau und kalt und überhaupt. Ja und dann geht man halt trotzdem weiter, irgendeine Kraft treibt mich voran. In meiner Pilgerapotheke hat es eine Karte die heisst; ES GEHT WENN MAN GEHT und genau so ist es. Man setzt einen Schritt vor den anderen und bewegt sich immer weiter. Stimmungen kommen und gehen wieder.
Heute ging es nochmals durch den Aubrac, dieses Mal über offene Weiden bis auf 1300 m. Irgendwann stand plötzlich ein Stier mitten auf dem Weg und hat fürchterlich gebrüllt. Er wollte sich mit dem anderen Stier hinter der Mauer messen. Ich hatte ziemlich Angst und habe mich nicht weiter getraut. Bin dann ganz langsam rückwärts gelaufen und habe auf die 4 Franzosen gewartet welche hinter mir waren. Brauchte ein wenig Unterstützung. Wir haben dann zusammen einen grossen Umweg über die Weide genommen und gehofft, dass der Stier kein Interesse an uns hat. War froh, als wir endlich an ihm vorbei waren und das Gatter hinter uns geschlossen haben.
Ich mochte diese Strecke schon beim letzten Mal nicht, da sie teilweise schlecht markiert ist und man durch die Kühe hindurch laufen muss. Ich war froh, als ich oben bei der Schutzhütte war am höchsten Punkt und die Kühe hinter mir gelassen habe.
In Aubrac gab es dann endlich den ersten Kaffee und Kuchen gibt es hier einfach köstlich! Nachher bin ich wie betrunken weitergelaufen, weiss auch nicht wieso denn Alkohol hatte ich ja keinen. Bis St. Chely waren es nur 8 km und es ging nur noch hinunter. Das letzte Stück war dann noch ganz schön nahrhaft, wie wenn man ein ausgetrocknetes Bachbett runterläuft.
In der Gîte haben wir alle zusammen gekocht, natürlich Pasta, dies scheint das absolute Pilgeressen zu sein…;-). Jetzt liege ich völlig erschlagen auf dem Bett und hoffe, dass ich heute Nacht schlafen kann.
 
 

Nasbinals, 30.5.2008 (27 km)
Heute habe ich das geschafft, was ich vor 1.5 Jahren nicht für möglich gehalten hätte, nämlich von Aumont Aubrac nach Nasbinals zu laufen. Heute ist es immer noch eine lange Etappe aber machbar. Die Herberge von Nasbinals ist sehr schön und bis jetzt sind wir zu viert im Dortoire. Habe wieder Geschichten über Uwe gehört und bin froh dass er nicht hier ist. Er ist bisher der erste Pilger wo ich eine spontane Abneigung empfinde. Er hat etwas von einem Tier und ich mag ihn nicht mal anschauen. Bin froh wenn ich ihm so wenig wie möglich begegne. Irgendwie tut er mir auch leid, es ist schon schlimm wenn einem der schlechte Ruf so vorauseilt. Die Leute haben sich dann schon eine Meinung über dich gemacht bevor sie dich überhaupt kennen lernen. Er muss sehr einsam sein.
Die Etappe durch den Aubrac war wunderschön und ich hatte totales Glück mit dem Wetter. Ab Rieutort d’Aubrac ein paar Regentropfen aber sonst wurde ich verschont. Ich musste viele Stellen überwinden wo der Weg eher Ähnlichkeit mit einem See hatte. Teilweise musste ich über den Stacheldraht und einen Umweg im Weideland machen. Möchte diese Etappe nicht bei strömendem Regen laufen. Habe gehört, dass die Pilger vor 2 Tagen noch knietief im Wasser versanken. Wir haben zuerst bei Regine (les quatre chemins) nachgefragt ob der Weg passierbar sei und sie hat gemeint ja. Gott hat mal wieder sein schützendes Händchen über mich gehalten, hoffe dass dies auch weiterhin anhält…;-). Habe mich wieder am Anblick der schönsten Kühe der Welt erfreut; wo gibt es schon Kühe mit geschminkten Augen…;-).
Ich fühle mich immer unbeschwerter und habe das Gefühl, dass ich überhaupt nichts falsch machen kann. Nur meine Langzeitpilger, Jean-Claude und Agnes fehlen mir, habe langsam genug von diesen Reisegruppen. Ok, es ist mal wieder Toleranz gefragt schliesslich gehört der Weg ja bekanntlich allen; nur uns Pilgern ein kleines bisschen mehr…;-). Bin total müde aber auch sehr zufrieden mit mir und glücklich.


Aumont Aubrac, 29.5.2008 (21 km)
Die letzte Nacht im Schlafsaal war ziemlich laut aber Uwe war nicht der einzige der geschnarcht hat, da war ein Franzose der hat ihn in Sachen Lautstärke noch übertroffen. Da haben nicht mal meine Ohrstöpsel was genutzt, sie konnten den Lärm nur dämpfen. Zudem war die Luft im Raum stickig da fast alle Fenster zu waren. Gott sei Dank habe ich mir das Bett unter dem Fenster ausgesucht und hatte deshalb frische Luft.
Heute Morgen bin ich bei Regen gestartet und die ersten 7 km bis St. Alban hat es auch nicht aufgehört. Mir sind heute Pilger begegnet welche auf dem Rückweg waren von Santiago, wer weiss vielleicht mache ich das ja auch, sollte ich dann noch Geld haben…;-). Da kam auch ein seltsamer Pilger welcher sich peregrino bianco nannte, keine Ahnung was das bedeuten soll. Vielleicht ist das einer welcher auf dem Rückweg nach Hause und von allen Sünden reingewaschen ist…;-).
Habe mich heute sehr entspannt und gelassen gefühlt auch der Regen konnte mir nicht wirklich was anhaben. Das Gehen ging ganz leicht und mühelos. Habe darum gebetet noch mehr die Kontrolle loszulassen und mein Herz für andere zu öffnen.
Es ist schön wieder einmal in einem Hotelzimmer zu sein mit eigenem Bad und WC. Der pure Luxus! Dies muss manchmal auch sein und doppelt so gut wenn man es zudem noch so richtig geniessen kann. Heute gibt es nur Taboule zum Essen, dafür kann ich auf dem Bett sitzen und die Beine ausstrecken. Wenn man selber kocht kann man schon viel Geld sparen. Das Frühstück lasse ich auch meistens weg. Das kostet nur viel und bringt nichts. Lieber in der Bäckerei 2 Croissants kaufen und in der nächsten Bar einen Kaffee trinken. Man kann dann auch früh starten und muss nicht auf das Frühstück warten welches manchmal erst um 8.00 serviert wird.
Meine Moral ist sehr gut auch wenn das Wetter seit Le Puy schlecht ist. Das Wetter kümmert mich nicht, es ist halt wie es ist und das heisst momentan eher nass. Das einzige was mir manchmal Mühe macht ist wenn es dazu noch stark windet.
In St. Alban habe ich über eine Stunde Pause gemacht und dann hat es auch schon aufgehört zu regnen. Es sind sehr viele Leute unterwegs, vor allem Reisegruppen und das empfinde ich manchmal als störend. Möchte wieder mal Pilger treffen vor allem jene die zu Hause gestartet sind. Wo Agnes wohl ist? Jean-Claude ist wahrscheinlich in Les Estrets geblieben.
Bin eigentlich ganz froh, dass ich meinen Blog nicht mehr aktualisieren muss, irgendwie hat mich das immer gestresst ein Internet suchen zu müssen. Wenn ich zu Hause bin kann ich das dann in aller Ruhe machen.
 

Les Faux, 28.5.2008 (28 km)
Heute habe ich eine sehr lange Etappe gemacht, bin richtig stolz auf mich! Wir hatten heute richtig Glück mit dem Wetter, nur mal kurz ein paar Regentropfen. Die Regenpellerine hatte ich in meinem Rucksack verstaut und ich musste sie Gott sei Dank mal nicht auspacken. Jean-Claude und Marie-France sind in der Domaine du Sauvage geblieben und ich bin mit Vincent bis Les Faux weitergelaufen. Hatte ehrlich gesagt auch keine Lust in der Domaine zu bleiben, da die Gastgeber recht unfreundlich waren.
Wir haben uns vor dem Eingang zum Haus an den Tisch gesetzt und wollten noch einen Moment mit Jean-Claude und Marie-France verbringen bevor wir weiterziehen. Da kam die Madame aus dem Haus und hat gefragt ob wir alle hier übernachten würden und als wir gesagt haben Nein hat sie uns weggescheucht dies sei Privat hier. Wirklich nicht sehr einladend. Hier in Les Faux ist es dafür super sympathisch!
Der berühmt berüchtigte Uwe ist auch da, werde schon mal meine Ohrstöpsel bereit legen…;-). Er ist mir auf jeden Fall auf Anhieb unsympathisch, wenn man ihn unterwegs grüsst dann grunzt er nur aber vielleicht bin ich auch voreingenommen da ich schon soviel negatives über ihn gehört habe. Man muss ja auch nicht alle Menschen welchen man unterwegs begegnet mögen.
Seit Le Puy sind sehr viele Leute unterwegs vor allem solche welche sich den Rucksack transportieren lassen. Pilger trifft man leider nur wenige. Habe zusammen mit Nordie für Morgen in Aumont Aubrac ein Hotelzimmer reserviert, da mal wieder alles ausgebucht ist. Wir haben gerade noch das letzte Zimmer bekommen. Wäre schön wenn sie in den Gîtes 1 -2 Plätze für Pilger frei halten würden, oft ist die Herberge durch Gruppen welche reserviert haben schon ausgebucht.
So, werde mir jetzt leckere Pasta mit Tomaten, Thunfisch und Zwiebeln kochen. Das Gläschen Rotwein gibt es dann nachher im Restaurant.
 
 
Sauges, 27.5.2008 (19 km)
Habe nur eine kurze Etappe gemacht heute und dazu mit vielen Pausen. Es sind viele Pilger und Wanderer unterwegs und irgendwie wird es immer lustiger. Es gibt jetzt auch viel mehr Möglichkeiten um mal anzuhalten und einen Kaffee zu trinken. Jean-Claude habe ich in Le Puy auch wieder getroffen und ich muss immer sehr über seine Geschichten lachen. Heute hat es auch wieder geregnet und am Nachmittag dazu wieder heftig gewindet. Ich werde immer gelassener, nehme das Wetter so wie es ist und reservieren tue ich seit Le Puy auch nicht mehr. Ich entscheide am gleichen Tag bis wo ich laufen will.
Bis jetzt hatte es auch immer genug Platz. Nimmt mich Wunder wo Anges ist, wahrscheinlich ist sie schon in der Domaine du Sauvage. Das würde heissen sie ist mir eine Etappe voraus. Ich wünsche ihr, dass sie neue Freunde findet wie ich auch und viele gute Erfahrungen macht. Freue mich schon wieder auf unser Wiedersehen.
Hier in Sauges ist es ziemlich kalt und ich liege in meinem Schlafsack um mich aufzuwärmen. Überhaupt ist das Wetter seit Le Puy ziemlich beschissen! Es windet, regnet und ist kalt!
 


St. Privat d’Allier, 26.5.2008 (23.5 km)
 
Bin zusammen mit Agnes in Le Puy gestartet. Michael und Konstantin mussten wir leider zurücklassen, es war schon lustig mit diesen beiden. Ich glaube Agnes ist es ziemlich schwer gefallen die beiden zu verlassen…;-).
Ich hatte ein richtiges Deja vue heute. Es war regnerisch und sehr windig wie vor 2 Jahren. Total anstrengend, nur war meine Moral um einiges besser als damals aber es war ja auch nicht mein erster Tag heute. Irgendwann habe ich mir gesagt, dass wenn ich diese Erfahrung wirklich ein zweites Mal machen muss, dann ist es halt so.
In St. Christoph hat es, wie vor 2 Jahren auch, angefangen zu regnen. Agnes und ich haben schnell Pause gemacht um etwas zu essen. Dann auf der Hochebene habe ich Agnes verloren weil sie einfach schneller lief wie ich und ich musste ein paar Mal mit der Pellerine kämpfen. Jeder Pilger der schon einmal versucht hat bei starkem Wind und Regen eine Pellerine anzuziehen weiss was ich meine…;-).
Ich habe am Gurt des Rucksacks einen kleinen Beutel befestigt wo ich immer kleine Sachen zum Essen wie z.B. Müsliriegel, Schokoloade und trockene Aprikosen drin habe. Auf der rechten Seite habe ich immer Zugriff auf meine Wasserflasche. Dies ist total praktisch wenn es regnet und man seinen Rucksack nirgends absetzen kann. Ich kann mich dann entweder im Gehen mit Nahrung versorgen oder mich samt Rucksack und Pellerine hinsetzen. Auf dieser Etappe war dies mal wieder sehr praktisch.
In der Kapelle kurz vor Montbonnet habe ich kurz angehalten und mich hingesetzt. Habe mich daran zurückerinnert wie aufgelöst ich damals war als ich hier angekommen bin. Hatte fast nichts mehr zum Essen, nur Wasser und Brot. Ein ganz harter erster Wandertag, ein richtiger Härtetest. Heute ist alles anders. Das Wetter ist das Gleiche aber ich fühle mich gut.
In Montbonnet habe ich dann eine längere Pause gemacht und mir einen Croque Monsieur und eine Cola gegönnt. Im Fernsehen lief gerade ein Tennismatch mit Roger Federer und das musste ich mir einfach anschauen. Anschliessend gab es auch noch einen Kaffee um wieder in die Gänge zu kommen. Der war auch bitter nötig nach der langen Pause…;-).
Hatte gehofft Agnes in der Gîte von St. Privat d’Allier wieder zu treffen aber sie war leider nicht da, wahrscheinlich ist sie noch 7 km weiter bis Monistrol d’Allier gelaufen. Jetzt ist mal wieder loslassen angesagt aber ich bin mir fast sicher, dass ich sie wiedersehen werde.
Draussen zieht gerade ein Gewitter vorbei und ich bin froh im Trockenen zu sitzen. Ich hoffe Agnes hat nicht beschlossen draussen zu schlafen… Jetzt hagelt es auch noch, der Alptraum jedes Pilgers aber nur wenn man draussen ist…;-).
Teile das Zimmer mit Nordie und Marie-France. Wir haben spontan beschlossen heute Abend zusammen zu kochen. Es gibt Pasta mit Speck, Rahm und Parmesan. Hmmmmmm. So ist es auf dem Pilgerweg; man verliert die einen und lernt dafür wieder andere Leute kennen.
 

8.5. – 25.5.08 von Genf bis Le Puy

Beaumont, 8.5.2008 (16 km)
Heute habe ich die Schweiz verlassen und da es eine grüne Grenze war habe ich es nicht einmal bemerkt. Da war zwar ein Schlagbaum aber es war nichts angeschrieben. Nun bin ich also wieder im schönen Frankreich und in meiner ersten Gîte d’étape. Bin hier mit 2 Pilgern aus Bayern und wir sitzen in der Sonne und trinken unser Feierabend-Bier und geniessen das Nichtstun. Mein Schlafplatz für Morgenabend in Chaumont ist auch schon reserviert und somit gibt es für mich nichts mehr anderes zu tun als Tagebuch zu schreiben und auf das Nachtessen zu warten.
Habe heute nur eine kurze Etappe gemacht, hätte noch bis zum Mont Sion weiterlaufen können aber dann hätte ich wieder im Hotel übernachten müssen und das wollte ich nicht. Hatte genug Hotels in der Schweiz, es reicht! Muss mein Portemonnaie schonen. Es ist sehr schön hier und ich bin einfach glücklich andere Pilger zu treffen und nicht alleine zu sein. Die Gîte ist bis auf die letzte Matratze ausgebucht!
Morgen geht es weiter nach Chaumont, das ist dann etwas weiter aber ich bin ja jetzt langsam richtig gut eingelaufen und somit sollte das kein Problem sein. Freue mich darauf in Frankreich zu laufen, habe bis jetzt nur gute Erfahrungen in diesem Land gemacht.

Chaumont, 9.5.2008 (23.5 km)
Puuhhh! War ganz schön anstrengend heute, vor allem das letzte Stück ging noch steil bergauf nachdem ich vorher alles runter gelaufen bin. Als ich den Hohlweg runter lief hat mich eine junge Frau auf einem Pferd überholt und mich gefragt wo ich hin wolle. Ich habe gemeint nach Chaumont worauf sie mich entsetzt angeschaut und gemeint hat das wäre aber noch ziemlich weit und vor allem steil. Fand ich ziemlich aufbauend in diesem Moment und ich war auch ziemlich fertig als ich oben angekommen bin.
Seit Genf ist es vorbei mit dem Alleinsein auf dem Pilgerweg. Hatte mich eigentlich darauf eingestellt, dass es bis Le Puy einsam weitergeht und dann kommt alles anders als man denkt. Wahrscheinlich habe ich es mir innerlich so sehr gewünscht Gesellschaft zu haben, dass Gott ein Nachsehen mit mir hatte. Die Gîte heute ist sehr rustikal und einfach und kostet dementsprechend auch nur 7 Euro. Dafür dürfen wir uns im Restaurant auf ein gutes Nachtessen freuen. Ausser Wolfgang und Irene, den 2 Bayern von gestern, sind auch noch Andrina und René aus Genf da und es ist von Anfang an sehr lustig mit ihnen.
Morgen werde ich zum ersten und bestimmt nicht zu letzten Mal ohne Frühstück loslaufen. Hoffe, dass es in Frangy dann den ersten Kaffee gibt. In Frangy werde ich dann auch meinen Proviant aufstocken müssen, da über Pfingsten wahrscheinlich alles zu ist.
Warum denken Pilger eigentlich immer ans Essen?

 Les Côtes, 10.5.2008 (17 km)
Sitze auf der Terasse der Herberge in Les Côtes und brate in der Sonne und das im Mai. Habe gerade gehört, dass hier ein Klima herrscht wie in der Provence. Das merkt man…;-).
Ich bin übrigens zur Direktionssekretärin ernannt worden, da ich immer die Etappen plane und für alle anrufe und reserviere. Gestern hatten wir es total lustig in unserem Rustico, René hat uns alle zum Lachen gebracht mit seinen Sprüchen. Es tut so gut wieder einmal mit anderen Menschen zusammen zu sein. Die meisten werde ich wahrscheinlich bis Le Puy immer wieder sehen.
Die heutige Etappe war kurz und das einzige was mich schmerzt ist meine linke Ferse aber wenn die Etappen nicht zu lang sind geht es. Die Vorstellung ein ganzes Land zu Fuss zu durchqueren ist schon wahnsinnig. Habe heute ausgerechnet, dass ich für 150 m 200 Schritte machen muss. Für 1 km sind es dann 1133 Schritte, 10 km 11’330, 100 km 113’300, 1000 km 1’133’000, 2000 km 2’266’000. Bis ich in Santiago ankomme habe ich ca. 2.5 Millionen Schritte gemacht, wenn das nicht verrückt ist.

Chanaz, 11.5.2008 (24 km)

Liege im Bett im Hotel du Canal von Chanaz und bin total müde. Meine Füsse schmerzen und es erstaunt mich immer wieder, dass am nächsten Morgen die Schmerzen weg sind und ich wieder laufen kann. St. Jacques muss nachts wohl Ueberstunden machen um alle Pilger zu pflegen.
Bin wieder mit Andrina und René zusammengetroffen, ein sehr symphatisches älteres Paar. Er ist 71 und sie 60 aber beide topfit. Sie laufen bis Le Puy und seit Chaumont begegnen wir uns immer wieder.
Als ich vor Chanaz am Campingplatz vorbei wollte sah ich von weitem René winken und mir zurufen ich solle mich beeilen. Sie hatten auf dem Campingplatz ein Bungalow gefunden und für mich hätte es sogar ein eigenes Zimmer gehabt. Habe mich total gefreut, der Bungalow war sehr schön mit einer Veranda davor und Blick auf den Kanal. Ich hatte mich gerade in meinem Zimmerchen eingerichtet und wollte eine Dusche nehmen als die Madame vom Campingplatz vorbeikam und uns mitteilte, dass sie sich geirrt hatte und der Bungalow doch nicht frei wäre. Da hiess es mal wieder loslassen und meine 7 Sachen zusammenpacken. Es wäre ja auch zu schön gewesen um wahr zu sein. René und Andrina habe sich direkt zum Hotel Canal begeben und ich habe mich auf den Weg gemacht um die Gîte rural mit diesem unfreundlichen Gastgeber zu finden welchen ich am Tag zuvor angerufen habe um ein Bett zu reservieren. Die Herberge war ausserhalb von Chanaz und ich musste noch ca. 20 Min. hochlaufen. Als ich sie dann endlich gefunden hatte wollte der Monsieur nichts mehr von meiner Reservation wissen und meinte er hätte kein Zimmer frei. Irgendwie passte dies ja zu diesem unfreundlichen AL. Muss ein richtiger Pilgerhasser sein und mein Reiseführer scheint recht damit zu haben, dass Chanaz nicht sehr Pilgerfreundlich ist. Dann bin ich wieder zurück ins Dorf, eine Frau gegenüber der Gîte rural hatte mir gesagt dass es noch eine andere Herberge gibt nur war da leider niemand zu Hause. Bin dann völlig entnervt ins Hotel du Canal und habe mir ein überteuertes Zimmer für 50 Euro gemietet. Das Zimmer war nicht einmal schön aber in dem Moment wollte ich einfach nur ein Bett und mich ausruhen. Netterweise haben sie mir das Frühstück geschenkt.
Anschliessend bin ich mit Andrina und René Essen gegangen und jetzt bin ich totmüde und liege in meinem Hotelbett. Was für ein Tag und irgendwie bin ich ja trotzdem dankbar, dass ich nicht bei diesem unfreundlichen Gastgeber gelandet bin.

Yenne, 12.05.2008 (16 km)
Wunderschöne Bergetappe aber einfach zu faul um Tagebuch zu schreiben. Haben uns in einem grossen Zelt auf dem Campingplatz kurz vor Yenne einquartiert. Sieht ein bisschen aus wie ein Feldlazarret. Der Campingplatz liegt direkt am Fluss. Jetzt gehen wir nach Yenne etwas essen. Bis bald.

St. Genix, 13.5.2008 (24 km)

Heute war eine wunderschöne wenn auch anstrengende Bergetappe. Bin auf dem Campingplatz in einem Bungalow mit Andrina und es ist wunderschön hier. Meine Füsse schmerzen mal wieder endlos, vor allem die letzten 8 km von St. Maurice runter ins Tal waren sehr anstrengend.
René musste heute nach Hause zurückfahren da er starke Schmerzen im Knie hatte nach der gestrigen Bergetappe wo es auch steil hinunter ging. Gestern in Yenne waren wir auch auf dem Campingplatz in einem grossen Zelt mit ca. 10 Betten. Wir hatten das ganze Zelt für uns alleine. Der Zeltplatz liegt direkt am Fluss und ist sehr schön gelegen am Rande der Stadt. Wir haben uns dann noch total überessen und ich bin mit einem richtigen Kugelbauch ins Bett. Habe beschlossen abends nicht mehr soviel zu Essen, vielleicht ist dies auch ein Grund warum ich so schlecht schlafe.
Anne und Dominique, 2 Schweizerinnen aus der Nähe von Genf, standen auch unvermittelt hier auf dem Zeltplatz von St. Genix. Eigentlich wollten sie ja in St. Maurice bei Monsieur Revel übernachten. Im Outdoor Reiseführer steht er sei eine interessante Persönlichkeit; er ist ein ehemaliger Pfarrer und hat eine eigene kleine Kapelle. Die beiden sind auf jeden Fall um 17.00 da geflüchtet und ca. um 19.30 hier angekommen. Diese Gîte von Monsieur Revel sei ein völliges Bordell und völlig verdreckt laut Anne und Dominique. Es stand noch das Geschirr vom Frühstück rum. Zuerst haben sie Zeit damit verbracht das Bad zu putzen aber plötzlich haben sie es da nicht mehr ausgehalten und sind geflüchtet. Wir sind dann noch alle zusammen auf der Veranda gesessen und haben ein Bierchen getrunken. Habe mich daran erinnert, dass mir Silvie ja eine kleine Pilgerapotheke mitgegeben hat. Dies ist eine kleine Dose mit Tarotkarten für Pilger und die Sprüche sollen speziell in schwierigen Situationen helfen. Jeder von uns hat dann eine Karte gezogen und für jeden war es genau die richtige. Bei mir hiess es Pilgern heisst mit den Füssen zu beten; wenn ich die Schmerzen in meinen Füssen spüre muss ich unendlich viel gebetet haben. Dann sind Anne und Dominique sichtlich müde von den Strapazen zu ihrem Bungalow geschlichen.
Wir haben uns heute Abend ein Fertigsüppchen gekocht und ich habe meine Notration, den Teigwarensalat, gegessen. Wir hatten einfach keine Lust ins Restaurant zu gehen und uns wieder zu überessen. Überhaupt ist mir aufgefallen, dass ich einen riesigen Bauch habe! Muss wohl das tägliche Feierabendbier und das Essen „wie Gott in Frankreich“ sein.
Es ist total friedlich hier auf dem Campingplatz, die Vögel zwitschern, man hört den Fluss rauschen und ich sitze gemütlich auf unserer Veranda. Das Pilgerleben kann so schön sein.

Valencogne, 14.5.2008 (21 km)

Heute war wieder ein sehr schöner und heisser Tag. Ueberhaupt habe ich bisher wahnsinniges Glück mit dem Wetter. Ich musste meine Regenpellerine bisher nicht ein einziges Mal auspacken.
Heute sind wir in einem Acceuil Jacquaire untergekommen. Dies ist eine spezielle Art von Unterkunft welche es nur auf dem Weg von Genf bis Le Puy gibt. Die Vereinigung der Acceuil Jacquaire wurde gegründet da es auf dem Weg nicht genug Gîtes gab. Die Unterkünfte sind immer bei privaten Leuten und dann kann es schon mal sein, dass man in einem Schloss übernachtet, in einem wunderschönen Landhaus oder auf dem Bauernhof. Man kriegt ein Bett und isst mit den Gastgebern und am Ende gibt mann eine Spende. Jeder gibt das was er will und kann wahrscheinlich ein bisschen ähnlich wie das Donativo in Spanien. Schon schön, dass es sowas gibt für die Pilger. Wir haben beschlossen 20 Euro zu geben (10 fürs Essen und 10 für die Übernachtung).
Heute habe ich eine Lektion in Vertrauen erhalten. Wir haben für heute Abend nichts reserviert. Ich habe dreimal versucht in der Gîte anzurufen aber es hat niemand abgenommen. Diese Herberge war dann auch geschlossen als wir hier angekommen sind. Innerlich habe ich schon gedacht, dass ich es jetzt wieder so mache wie ich es gewohnt bin nämlich am Abend vorher anzurufen. Andrina ist da viel entspannter und sagte dass St. Jacques uns bereits irgendwo ein Bett reserviert hat. Ja und sie hatte recht. Bei der Kirche sind wir bei Bernard Berlioz und seiner Frau gelandet welche für uns diese Uebernachtungsmöglichkeit organisiert hat. Wir sind auf einem Bauernhof 2 km ausserhalb von Valencogne und wir wurden mit dem Auto abgeholt und das beste ist, dass wir morgen früh auch wieder hierher zurückgebracht werden.
Nichts zum schlafen zu finden und draussen übernachten zu müssen ist nach wie vor meine grösste Angst und ich wünsche mir dieses Vertrauen und diesen Glauben zu haben immer ein Bett zu finden. Heute Abend kann ich auch nicht reservieren da ich kein Netz habe. Werde morgen also schon wieder vertrauen müssen… Gott scheint mir täglich meine Lektionen zu geben. Ich wünsche mir, soviel Vertrauen zu haben, dass ich einfach planlos drauf loslaufen kann ohne mir Gedanken machen zu müssen wo ich übernachten werde. Ich möchte die Kontrolle abgeben und darauf vertrauen, dass Gott mir jeden Abend ein Bett sucht. Ob ich wohl je an diesen Punkt gelangen werde? Bis Spanien muss ich das schaffen denn dann kann man eh nicht mehr reservieren.
Die Tage vergehen wie im Fluge, ich bin nun schon seit 3 Wochen unterwegs. Heute habe ich eine Karte gezogen und da hiess es: Laufe langsam, denn du kommst doch nur immer wieder bei dir selber an. Wie weise diese Karten doch sind.
Das Nachtessen mit unseren Gastgebern war sehr schön und wir haben viel gelacht. Der Monsieur hat uns 3 verschiedene Chartreuse, ein Likör aus Eisenkraut, versuchen lassen und die Stimmung war dementsprechend angeheitert.

 La Frette, 15.5.2008 (22 km)

Heute hatten wir seit langem etwas Regen aber nicht genug um die Regenpellerine auszupacken. Ich habe eine weitere Lektion in Sachen Vertrauen erhalten. Wir haben wieder nichts reserviert und gegen Abend wurde ich ziemlich unruhig und nervös. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob ich dies wirklich Gott überlassen kann für mich ein Bett zu finden. Ist dieser Kerl denn wirklich zuverlässig oder sollte ich es nicht doch besser selber in die Hand nehmen? Im Dorf vor La Frette haben wir nichts zum Übernachten gefunden und sind dann weitergelaufen. In La Frette standen wir vor dem Hotel Les Voyageurs und es sah ziemlich geschlossen aus. Die Fensterläden waren zu und die Haustür war verschlossen. Ich sagte gerade zu Andrina, dass ich ab Morgen wieder reservieren werde und ich diese Unsicherheit satt hätte und in diesem Moment ging die Türe vom Hotel auf und eine alte Dame hat uns freundlich reingebeten. Ich war so froh, nicht weiterlaufen zu müssen und ein Bett zu haben. Gott hat das mal wieder richtig gut hingekriegt, vielleicht macht er es ja wirklich besser wie ich. Er hat mir Andrina geschickt damit ich lerne die Kontrolle loszulassen und zu vertrauen.
Im Hotel haben wir mit René und Jean-Claude zu Abend gegessen. Jean-Claude ist von Genf aus gestartet und will auch den ganzen Weg bis Santiago laufen. Bin froh, dass es noch andere Spinner gibt…;-). Er hat uns soviele Geschichten erzählt welche ihm auf dem Weg von Genf bis hierher wiederfahren sind. Zum Beispiel von Gastgebern welche nicht mit ihm gesprochen haben oder Betten die völlig durchnässt waren. Dann war da ein Deutscher namens Uwe der so laut geschnarcht hat, dass er mitten in der Nacht aus dem Zimmer geflüchtet ist. Im Flur hat er dann ein altes Bett gefunden und als er sich hingelegt hat, hat es gekracht und er lag mit seinem Hinterteil auf dem Boden. Wir haben total gelacht und ich habe mich gefragt, warum mir nicht solche Sachen passieren. Wahrscheinlich ist es so, dass jeder andere Lektionen zu lernen hat auf dem Camino…;-). Meine Themen sind ganz klar Vertrauen finden, Kontrolle loslassen und einen Zugang zu Gott finden.

 Faramans, 16.5.2008 (18 km)

Ich bin mal wieder im Paradies gelandet…! Wir sind in einer Gîte etwas ausserhalb von Faramans. Das Haus liegt in einem wunderschönen Garten und es riecht nach Rosen. Als wir hier ankamen haben wir gedacht, dass es das wohl nicht sein kann, dies ist sicher privat. Da war ein Glocke mit einem Seilzug welche wir dann auch betätigt haben woraufhin ein sehr symphatischer Mann herauskam. Wir haben ganz schüchtern gefragt ob er Zimmer vermiete und ob man hier übernachten könne? Woraufhin er gemeint hat ja dies sei die Herberge und er hätte uns schon erwartet. Bevor wir hier herausgelaufen sind haben wir nämlich schnell angerufen. Ausser der Gîte gibt es noch so kleine Blockhütten wie im Wilden Westen. Alle total liebevoll eingerichtet. Zu meinen Füssen liegt ein wundervoller Cocker Spaniel, im Paradies ist halt auch alles schön.
Habe ein wenig Mühe mit meinen Füssen, habe Krämpfe in der Fusssohle, sehr unangenehm. Muss vielleicht mehr Magnesium essen. Hoffe, dass meine Füsse morgen wieder mitmachen.
Morgen darf ich mal wieder entspannen denn wir haben die Übernachtung schon reserviert in einem Acceuil Jacquaire. Gott gibt mir eine kleine Pause…;-).
Heute haben wir La Côte St. André erreicht und somit schon die Hälfte der Via Gebennensis hinter uns. Es ist wirklich eine sehr schöne Strecke und ich kann sie allen nur empfehlen.
Heute Abend ist noch ein beleibter Deutscher keuchend hier aufgetaucht. Nach der Beschreibung von Jean-Claude waren wir uns ziemlich sicher, dass es sich um den schnarchenden Uwe handelt. Er hat uns gefragt was die Nacht hier kostet und ich habe ihn dann diskret auf die günstigen Blockhütten aufmerksam gemacht. Er ist dann Gott sei Dank in die Blockhütte gegangen und ward nicht mehr gesehen. Der Monsieur musste ihm noch 3 grosse Flaschen Bier bringen. Ich hoffe nur, dass die Blockhütte morgen noch steht und Uwe sie nicht über Nacht zersägt hat…;-).

Bellegarde, 17.5.2008 (22 km)

Heute Morgen um 4.00 hat es angefangen zu regnen und zwar in strömen. Ich lag im Bett, habe das Prasseln des Regens gehört und mich noch tiefer in meinen Schlafsack gekuschelt. Am Morgen hatten wir Mühe aufzustehen und auch das Packen des Rucksacks ging nicht so flott voran wie sonst. Wir mussten uns zum ersten Mal in unsere Pellerine zwängen und ich hatte ziemliche Wiederstände raus in den Regen zu gehen. Wir sind dann zurück nach Faramans gelaufen und haben uns zuerst einmal einen Kaffee und 2 Croissants gegönnt. Dann haben wir uns gut gelaunt in den Regen gestürzt und sind zügig los marschiert. In Pommier haben wir uns zum Trocknen in die Kirche gesetzt und dann hat es für einen kurzen Moment aufgehört zu regnen. Wir mussten vielen riesigen Pfützen auf dem Weg ausweichen und irgendwann fühlten sich meine Füsse auch nicht mehr trocken an. Die Kühe an welchen wir vorbeigekommen sind haben uns angeschaut wie wenn wir total bescheuert wären bei diesem Wetter raus zu gehen. Sie haben nicht unrecht…;-).
In Revel Tourdan konnten wir nach 7 km am Stück endlich mal wieder Pause machen. Der Regen hatte aufgehört und es gab einen schönen Picknickplatz mit Tischen und Bänken wo es schon fast trocken war. Dort haben wir dann noch Markus aus Bern getroffen welcher ziemlich unmotiviert durch die Gegend lief. Er wusste noch nicht wie weit er gehen würde da ihm zur Zeit etwas die Motivation fehlt. Er hat sich auch kaum auf seinen Camino vorbereiten können und war dann fast etwas überrumpelt als er loslief. Also ich hatte genug Zeit nämlich 1.5 Jahre…;-). Im wunderschönen mittelalterlichen Dorf von Revel Tourdan hat uns Markus dann noch zum Kaffee eingeladen.
Dann ging es immer weiter und gegen Schluss war ich schon am Ende meiner Kräfte und dann hat Andrina mich noch in die falsche Richtung geführt aber ich hätte halt selber nachschauen sollen. Meine innere Stimme hatte mich schon länger gewarnt, dass wir in die falsche Richung laufen. Bei der Kapelle oberhalb von Bellegarde habe ich dann endlich meine Karte gezückt und genauer angeschaut und dann war schnell klar, dass wir umkehren mussten. Ich bin dann ziemlich sauer und schnell den ganzen Weg wieder zurück gelaufen. Um 18.00 Uhr sind wir dann endlich angekommen in dem wunderschönen Landhaus in Bellegarde-Poussieu. Danielle die Gastgeberin, ist uns mit dem Auto entgegen gefahren weil sie uns schon vermisst hat. Ich war fix und fertig und meine Füsse fühlten sich an wie Brei.
Jetzt haben wir sehr gut gegessen bei Danielle und André und die Strapazen des heutigen Tages sind schnell wieder vergessen. Diese Acceuil Jacquaire sind schon sehr speziell und die Gastgeber sind alle sehr nett und gastfreundlich. Es hat etwas sehr persönliches wenn man in ihr Haus eingeladen wird, ein leckeres Essen serviert bekommt und mit den Gastgebern am Tisch sitzt. Es ist mal wieder ein traumhaft schönes Haus mit riesigem Garten und wunderschöner Aussicht auf die Berge.
So es ist 22.00 Uhr und ich will nur noch eines nämlich ins Bett auch wenn ich in letzter Zeit wieder sehr schlecht schlafe. Werde meinen Outdoor-Führer hier lassen da ich ihn nicht sehr gut finde. Mit dem gelben Heft von der Association Rhône-Alpes und dem Topo-Guide bin ich hingegen sehr zufrieden.

Clonas sur Varèze, 18.5.2008 (21 km)

Heute war eine einfache Etappe und ich bin sie zum grössten Teil alleine gelaufen. Es hat gut getan wieder einmal alleine unterwegs zu sein. Andrina ist sehr nett aber sie redet einfach zuviel. Vor allem Morgens laufe ich gerne in Stille und zuviel reden lenkt mich einfach ab.
Letzte Nacht haben die Vögel die ganze Nacht ein Konzert abgehalten. Habe das noch nie erlebt, bei uns hören die Vögel bald nach Sonnenuntergang auf zu singen aber hier ging es die ganze Nacht munter weiter. Irgendwann musste ich dann die Ohropax reintun weil ich einfach nicht einschlafen konnte bei dem Lärm…;-).
Wir sind heute ca. um 9.00 Uhr los und schon bald habe ich mich über das Gerede von Andrina genervt. Wir haben dann René und Jean-Claude getroffen und sind dann mit ihnen ein Stück zusammen gelaufen. In St. Maurice Surieux wollte Andrina noch eine Kirche besichtigen und ich hatte keine Lust auf sight seeing und bin weitergelaufen. Habe dann noch Markus aus Bern getroffen und bin mit ihm ein Stück gemeinsam gelaufen. Da er sehr gross ist und lange Beine hat war ich sehr schnell unterwegs. Konnte das Tempo aber nicht sehr lange mithalten und habe dann Pause gemacht und Markus ziehen lassen. Ich hatte aber alle anderen abgehängt und war von da an alleine unterwegs.
In Clonas sur Varèze hat mich Andrina schon erwartet (keine Ahnung wo sie mich überholt hat) und fast vorwurfsvoll gefragt warum ich nicht auf sie gewartet habe. Von dem Moment an war mir klar, dass ich wieder alleine weiter möchte und keine Lust mehr habe mit Andrina zu laufen. Ich bin zu Hause alleine gestartet und manchmal ist es schön wenn man eine zeitlang mit jemandem gehen kann aber ich habe keine Lust auf irgendeine Art von Zweierkiste wo man dann immer aufeinander warten muss.
Unser Gastgeber Daniel, wohnt in einem wunderschönen Haus welches er selber entworfen hat, mit einer einmaligen Aussicht auf das Tal und die Berge welche wir Morgen überqueren werden. Eine junge Österreicherin namens Agnes, welche in Klagenfurt gestartet ist, ist auch hier. Sie hat das Bett auf einer Empore oben und nun will sie ihren schweren Rucksack da hinauf bugsieren. Was sie alles so mit sich rumschleppt…;-).

La Croix Sainte Blandine, 19.5.2008 (22 km)

Heute Morgen sind Andrina, Agnes und ich von Clonas gemeinsam aufgebrochen. Monsieur Daniel war gar nicht zufrieden mit den 15 Euro welche wir ihm gegeben haben. Scheinbar war dies zu wenig aber er war auch nicht so nett und herzlich wie die anderen. Er war nicht wirklich an uns interessiert und die Unterhaltung beim Abendessen war eher verhalten.
Agnes ist schon seit 2 Monaten unterwegs. Sie ist die dritte Langzeitpilgerin welche ich bis jetzt angetroffen habe. Wir waren uns auf Anhieb sehr sympathisch.
Heute Abend sind wir in einer Jurte auf ca. 700 m. Es ist ganz schön frisch und ich hoffe, dass wir heute Nacht nicht frieren werden und mein Schlafsack warm genug ist. Die Kälte kommt so richtig vom Boden durch die Matratze.
Habe mich auch heute wieder von Andrina abgesetzt und war zum Teil alleine, mit Agnes und mit Jean-Claude und René unterwegs. Ich sollte mit Andrina reden, dass es für mich nicht mehr stimmt mit ihr zu laufen aber bis jetzt habe ich den richtigen Zeitpunkt noch nicht gefunden. Ja und wie man weiss bin ich nicht gerade ein Hirsch wenn es darum geht mich abzugrenzen…
Ansonsten war es eine wunderschöne Etappe heute und auch das Wetter hat gehalten. Hoffe, dass es auch Morgen noch so bleibt. Möchte Morgen bis Les Setoux kommen und dies sind ca. 27 km. Für mich ist das immer noch eine sehr lange Etappe, mal schauen ob es klappt.
Agnes kommt aus Graz und ist wirklich sehr nett und wir verstehen uns sehr gut. Irgendwie eine verwandte Seele. Hoffe, dass ich sie noch öfters antreffen werde bis Santiago. Sie ist auch ein Grund warum ich es bis Les Setoux schaffen möchte Morgen…;-).
Jean-Claude hat mich gefragt, ob ich ab Le Puy mit ihm zusammen laufen möchte, da René da aufhört aber ich möchte lieber alleine weiter. Bin viel mehr bei mir und im jetzigen Moment wenn ich alleine laufe. Zu zweit verbrauche ich zuviel Energie mit Reden und verlaufe mich auch eher da ich immer abgelenkt bin. Möchte mich auch nicht verpflichtet fühlen und gemeinsam Etappen planen. Dies ist mein Camino und ich möchte ihn so laufen wie ich will ohne mich Absprechen zu müssen.
Heute Abend sind Frank und Sylvie unsere Gastgeber und wir Frauen sitzen nur am Tisch, trinken selbst gemachten Sirup und himmeln Frank an. Er ist SEHR attraktiv und offen, nur hat er leider eine Frau und die ist zudem auch sehr nett. Leider gibt es erst um 20.00 Uhr Abendessen hoffe, dass ich bis dann nicht verhungert bin. Vor dem Essen machen wir noch einen Spaziergang zum Croix Sainte Blandine welches auf einem Hügel steht. Agnes und ich klettern auf das Kreuz hoch und geniessen die schöne Rundumsicht. Dann sehen wir Stefan, der Pilger welcher ohne Geld unterwegs ist, mit seinem Kamerateam ankommen und wollen schnell die Flucht ergreifen, da wir keine Lust haben gefilmt zu werden. Stefan will hier sein Zelt aufstellen und die Nacht verbringen. Wir werden später nochmals vorbeikommen um ihn ein bisschen zu erschrecken…;-).
Vor dem Essen spielen wir noch eine Runde Dart und ich bin wirklich sehr schlecht und verliere haushoch.
Das Essen mit Frank und Sylvie war sehr gut und wir haben uns bestens unterhalten. Frank ist daran das Haus umzubauen und ab nächstem Jahr wird es hier eine wunderschöne Gîte geben. Wir sind noch zu früh dran aber die Yurte ist auch einzigartig!
Nach dem Essen gehen Agnes und ich nochmal zum Kreuz und wir heulen wie die Wölfe um Stefan zu erschrecken aber er ist gar nicht zu Hause. Wahrscheinlich ist er mit dem Kamerateam Essen gegangen (nehme an sie haben ihn eingeladen). Wir klettern nochmals zum Kreuz hoch und sitzen einfach in Stille beisammen. Schön, dass es Pilger gibt mit welchen man das kann. Dann sehen wir plötzlich Scheinwerfer und ein Auto kommen. Stefan ist zurück mit seinem Kamerateam und wir ergreifen mal wieder die Flucht…;-).

Les Setoux, 20.5.2008 (27 km)

Heute war eine Riesenetappe und ich habe nach genau 4 Wochen meine erste Blase am grossen Zeh! Dies musste gleich fotografiert und dokumentiert werden. Endlich kommt mein erstes Compeedpflaster zum Einsatz…;-). Im Grossen und Ganzen ist es aber recht gut gelaufen. Ich laufe wieder alleine und in meinem eigenen Rhythmus und treffe Andrina nur noch selten und manchmal abends in der Gîte und das ist gut so.
Hier in Les Setoux ist es saukalt, immerhin liegt das Dorf auf knapp 1200 m. Liege eingemummelt in meinem Schlafsack um nicht zu erfrieren bis es Abendessen gibt. Der Herbergsvater ist gerade vorbeigekommen und hat die Heizungen eingeschaltet. VIELEN DANK AUCH!!!
Am Freitag bin ich bereits in Le Puy und es gibt Gerüchte, dass schon alles ausgebucht sein soll. Habe deshalb die erste Nacht im Acceuil St. François reserviert vor allem auch weil ich am Wochenende ankomme.
Ich freue mich auf Le Puy, dies ist bereits das dritte Mal, dass ich diese Stadt besuche und sie wird immer etwas spezielles für mich bleiben. Dieses Mal werde ich den Kreuzgang besichtigen und zur Notre Dame du Puy hinaufsteigen, dann habe ich alles besichtigt in Le Puy.
Jetzt bin ich bereits seit 4 Wochen unterwegs und bald habe ich das erste Drittel meines Caminos geschafft. Die Zeit vergeht wie im Fluge und ich habe noch gar keine Lust in Santiago anzukommen. Bin froh, dass das Ziel noch weit entfernt ist. Ich möchte es in vollen Zügen geniessen und jeden Moment auskosten. Ich glaube kaum, dass ich nochmals von zu Hause aus Richtung Santiago starten werde. Ich bin so glücklich, dass ich den Mut hatte diesen Camino zu gehen. Es ist ein riesiges Geschenk!
Ab Le Puy werde ich dann hoffentlich auch jüngere Pilger treffen. Im Moment bin ich mit meinen 47 Jahren praktisch immer die Jüngste. Auf dem Teilstück von Genf nach Le Puy sind vor allem Rentner unterwegs, keine Ahnung woran das liegt.
Auf dem Weg zum Abendessen begegne ich Contin, ein Franzose welcher auch zu Hause gestartet ist. Er schläft bei dieser Kälte draussen vor der Kapelle. Das ist richtig Hardcore, nichts für mich ich bin nämlich ein Weichei…;-). Ich liebe warme Zimmer und Daunenschlafsäcke.
Hier im Schlafsaal sind schon alle im Bett nur ich schreibe noch mit meiner Frontallampe in meinem Tagebuch. Agnes kommt gerade von ihrem Spazierganz zurück und benutzt auch ihre Frontallampe. Ganz schön praktisch dieses Ding!
Es war sehr anstrengend Heute und das letzte Stück bin ich nur noch geschlichen aber trotzdem bin ich sehr stolz auf mich. Langsam bin ich richtig fit und kann auch längere Etappen laufen wenn auch nicht alle Tage. Meine linke Ferse schmerzt noch immer aber am nächsten Tag geht es immer wieder. Schmerz scheint mein ständiger Begleiter zu sein auf dem Camino.
Stefan schläft heute auch in der Gîte. Er ist den Camino letztes Jahr schon gelaufen und wollte dieses Jahr ausprobieren ob es auch ohne Geld geht. Das Kamerateam kommt auch gerade in den Schlafsaal um zu filmen wie er auf dem Bett liegt. Wir stellen viele dumme Fragen und lachen viel. Dummerweise kann er kein Französisch und dann muss er immer andere Pilger fragen welche für ihn Übersetzen wenn es darum geht wo er schlafen kann. Er probiert irgendwie seine Dienste anzubieten damit er gratis übernachten kann. Ehrlich gesagt reisst sich niemand darum für ihn zu Übersetzen. Ich könnte das nicht ohne Geld unterwegs sein und ständig andere Leute um Hilfe fragen. Wahrscheinlich ist das aber eine gute Übung denn sicherlich macht das einem demütig wenn man immer um Hilfe fragen muss.
Tence, 21.5.2008 (26 km)
Heute bin ich um 8.15 in Les Setoux los. Es war ziemlich kalt und windig. Ab und zu hat die Sonne geschienen aber es war vor allem kalt. Bis Montfaucon ist es eigentlich ganz gut gelaufen. Als ich da ankam taten mir aber schon die Füsse ziemlich weh. Habe dann eine Stunde Pause gemacht und ein Sandwich gegessen. Nachher kam ich fast nicht mehr in die Gänge. Unterwegs habe ich dann noch meine Blase aufgestochen und ein Compeedpflaster daraufgeklebt. Ich habe es singend und betend trotz meiner schmerzenden Füsse bis Tence geschafft.
Bin mit Agnes in einem Acceuil Jacquaire und wir haben beide ein eigenes Zimmer bekommen. Luxus pur! In der Yurte war es zu kalt und die Gastgeber haben uns dringend davon abgeraten. Es brauchte nicht viel um uns zu überzeugen uns in ein richtiges Bett zu legen…;-).
Dominique und Laurent sind in meinem Alter und haben 4 erwachsene Kinder zw. 16 und 23 Jahren. Zusätzlich haben sie noch Yasmina aufgenommen, eine 41-jährige Algerierin aus schwierigen familiären Verhältnissen mit psychischen Störungen. Die Franzosen scheinen wirklich keine Nachwuchsprobleme zu haben, hier sind kinderreiche Familien immer noch sehr häufig. Der Abend war nett wenn auch anstrengend. Nach dem Gehen ist man manchmal so müde und hat eigentlich gar keine Lust mehr sich zu unterhalten und Konversation zu machen. Man würde sich am liebsten einfach nur ins Bett legen… aber man kann die Gastgeber auch nicht vor den Kopf stossen.
Übermorgen bin ich in Le Puy. Vor Le Puy gibt es einen Aussichtspunkt den Montjoie, wie der Monte de Gozo in Spanien, wo man die Stadt zum ersten Mal sieht. Freue mich riesig darauf.

St. Julien Chapteuil, 22.5.2008 (26 km)

Schon wieder so eine lange Etappe aber meine Füsse tun nicht gar so weh wie gestern. Es war ein sehr schöner Tag und ich bin wieder ganz alleine gelaufen.
Morgen werde ich früh aufstehen und zeitig loslaufen. Es sind zwar nur 18 km bis Le Puy aber wenn ich schon am frühen Nachmittag ankomme habe ich noch viel Zeit einige Dinge zu erledigen. Freue mich darauf im Acceuil St. François ankommen zu können.

Le Puy-en-Velay, 23.5.2008 (18.5 km)

Bin im Acceuil St. François und fühle mich zum ersten Mal seit langem wieder etwas verloren. Ein wichtiger Wegabschnitt ist zu Ende gegangen und ein neuer Weg beginnt. Es ist wie wenn man wieder von vorne beginnen würde. Es ist auch nicht einfach Ruhetage einzulegen wenn alle anderen weiterziehen oder nach Hause fahren. Agnes wird morgen schon weitergehen, leider, hoffe sie aber irgendwann wiederzusehen. Ich fühle mich aber sehr müde und meine Füsse haben auch eine längere Pause verdient. Werde Samstag und Sonntag in Le Puy bleiben und erst am Montag Richtung St. Privat d’Allier aufbrechen.
Habe mir heute Trekkingsandalen gekauft und meine Turnschuhe werde ich Morgen nach Hause schicken. Leider ist das Paket welches ich gekauft habe zu klein und es passen nur gerade die Schuhe rein. Meine Reiseführer werde ich wohl dalassen müssen.
Muss mich erst noch an die Sandalen gewöhnen und dies ist auf dem Kopsteinpflaster in Le Puy gar nicht so einfach. Fühle mich wie auf Eiern…;-).
Heute Morgen habe ich mir einen Kaffee und ein Croissant in der Bar gegönnt bevor ich in St. Julien Chapteuil gestartet bin. Bin dann ganz beschwingt Richtung Le Puy losgelaufen. Vom Montjoie aus habe ich tatsächlich zum ersten Mal Le Puy gesehen und dann waren es aber immer noch 8 km bis man endlich in der Kathedrale ist. Es war wunderschönes Wetter und die Aussicht war den ganzen Tag grandios.
Dieses Mal war ich nicht so aufgelöst wie das letzte Mal als ich hier in Le Puy angekommen bin aber es ist trotzdem sehr schön hier zu sein. Ich bin vor allem unheimlich stolz auf mich habe jetzt nämlich schon 630 km zurückgelegt…;-). Würde eigentlich noch gerne raus gehen und meine Mitpilger suchen aber ich bin einfach zu müde. Morgen muss ich bis 8.30 das Zimmer verlassen. Werde meinen Rucksack hier lassen, da ich erst ab 15.00 Uhr in den Relais St. Jacques kann.
Le Puy, 24.5.2008
Heute beim Frühstück habe ich Michael getroffen welcher auch im Acceuil Jacquaire in Valencogne war. Haben uns darüber ausgetauscht wie schwierig Ruhetage sein können und dass man teilweise in ein richtiges Loch fällt aber für die Erholung des Körpers sind solche Tage wichtig. Dann musste er auf den Zug welchen ihn zurück nach Deutschland bringt. Er wird den Weg wahrscheinlich in einem Jahr fortsetzen. Als ich die Gîte verlassen wollte habe ich Konstantin und Michael getroffen. Dies sind zwei total süsse Berner welche ich zum ersten Mal kurz nach Clonas sur Varèze getroffen habe. Sie wollen ein Jahr unterwegs sein und sich mit Musik (Didgeridou) etwas Geld verdienen. Sie werden auch nicht nur dem Jakobsweg folgen denn sie wollen auch nach Barcelona. Bin mit ihnen ins Tam Tam gegangen, eine Bar mit Internet wo man auch frühstücken kann. Agnes konnten wir übrigens auch noch überzeugen in Le Puy zu bleiben und mit uns auszuhängen. Wollte hier eigentlich meinen Blog aktualisieren und habe dann festgestellt, dass ich nicht mehr reinkomme. Habe es 100 mal probiert und sogar Benutzerwort und Passwort in ein Textfile geschrieben aber es hat einfach nicht geklappt. Habe es dann völlig entnervt aufgegeben. Scheinbar war meine e-mail Adresse nicht mehr gültig weil ich mein Cablecom-Abo gekündigt hatte. Habe den Blog losgelassen und beschlossen, dass es einfach nicht sein soll. Wenn ich ehrlich bin hat es mich auch gestresst immer ein Internet zu suchen und von der französischen Tastatur reden wir schon gar nicht, denn die treibt einem zum Wahnsinn. Ja und ich will ganz bestimmt keinen Stress auf meinem Camino!
Abends sind wir dann alle zusammen Essen gegangen. Zuerst haben Agnes und ich noch bei strömendem Regen auf Michael und Konstantin gewartet aber sie kamen und kamen nicht. Habe dann beschlossen schon mal ins Restaurant zu gehen da ich um 22.00 Uhr im Relais St. Jacques sein musste weil sie um diese Zeit die Türen schliessen.
Nach dem Essen bin ich zusammen mit Elke nach Hause gelaufen und wir haben den Weg fast nicht mehr gefunden, da die Kathedrale geschlossen war. Habe es dann aber doch kurz vor 22.00 zurück in die Gîte geschafft. Bin freudig hereingestürmt und wurde gleich mit einem dreifachen Psssssssst empfangen. Oje, war ich mal wieder zu laut. Habe dann beschlossen am nächsten Tag nochmals umzuziehen nämlich ins Grand Seminaire, da kann man rein und raus wie man will und muss sich an keine Sperrstunde halten.
Das Dortoire hier ist sehr speziell, es besteht aus kleinen Kabinen mit einem Vorhang davor. Frauen und Männer sind in getrennten Räumen. Hat irgendwie etwas von einem Lazarett. Die Luft im Schlafsaal ist schier gestanden und es hat gestunken. Leider konnte ich kein Bett am Fenster ergattern, das tue ich meistens wenn es irgendwie geht. Habe nämlich festgestellt, dass die meisten am liebsten mit geschlossenem Fenster schlafen und da kriege ich die Krise. Ich brauche Luft zum atmen! Zudem hat eine der Frauen geschnarcht wie ein Weltmeister! Habe mich dann aufs Bett gelegt, eine Schlaftablette genommen und mit meinem i-Pod Ekhart Tolle gehört. Als ich müde wurde; Ohropax rein und schlafen.

Le Puy, 25.5.2008

Heute stand ich um 8.00 Uhr morgens schon wieder auf der Strasse und bin bei Wind und Regen im ausgestorbenen Le Puy herumgeirrt. Zuerst habe ich noch meinen Rucksack ins Grand Seminaire reingeschmuggelt. Agnes hat mir am Abend vorher den Code der Eingangstüre mitgeteilt. Am Sonntag ist hier alles zu vor allem die Bars waren nicht offen damit man einen Kaffee hätte trinken können. Bin dann später wieder ins Grand Seminair zurückgegangen und habe im Esssaal Michael, Konstantin und Agnes getroffen. Habe mit ihnen zusammen gefrühstückt und dann auch gleich ein Zimmer bekommen. Musste Gott sei Dank nicht bis 16.00 Uhr warten, dann macht die Herberge nämlich offiziell auf, bei diesem Sauwetter! Hätte echt nicht gewusst was ich bis 16.00 Uhr machen soll. Ich habe ein riesiges Zimmer mit einem Doppelbett bekommen und die anderen waren alle ganz neidisch. Es sind dann auch alle immer wieder zu mir rübergekommen und das war richtig schön. Agnes hat uns allen eine Shiatsu-Sitzung gegeben und dies war ein wunderbares Geschenk. Habe mich danach wie neugeboren gefühlt. Sie macht das richtig toll! Werde sie dann mal zum Essen einladen als Gegenleistung, wenn sie mir nicht schon bald davon läuft. Denn sie läuft eigentlich grössere Etappen wie ich. Sie ist wirklich total sympathisch und wir hatten von Anfang an einen guten Draht miteinander. Hoffe, dass sie mir noch eine zeitlang erhalten bleibt.
Michael und Konstantin werden Morgen Richtung Arles weiterziehen und Agnes und ich nehmen die Via Podiensis. Wir werden heute Abend im Grand Seminaire zu Abend essen und anschliessend noch zusammen mit Elke was trinken gehen.

30.4. – 6.5.2008 von Noiraigue nach Genf

Heute bin ich nun in Genf angekommen und habe nach langem Suchen endlich enen Platz zum Schlafen gefunden. Bin im Heim der Töchter untergekommen..;-), ist mir eigentlich egal wo Hauptsache ich habe einen Platz zum Schlafen. Habe schon auf dem Weg hierher versucht telefonisch etwas zu reservieren aber überall habe ich nur ein „nous sommes complet“ zur Antwort erhalten. War schier am verzweifeln und habe mir schon überlegt, direkt nach Frankreich weiterzulaufen. Das wären dann nochmal ca. 10 km gewesen und ich habe einiges zu erledigen in Genf. Muss z.B. die Sachen ersetzen, die ich unterwegs liegengelassen oder verloren habe, wie z.B. mein Sackmesser oder mein Duschgel. Genf ist eine riesige Stadt aber die Altstadt ist wunderschön. Jetzt habe ich bereits seit einer Woche nichts schreiben können und weiss gar nicht wo ich anfangen soll.

Von Neuchâtel bin ich dann Abends mit dem Zug nach Noiraigue gefahren und hatte wie so oft das Dortoire (Massenlager) für mich alleine. War ein bisschen öde da und im Restaurant haben sie gerraucht wie blöde. Habe mich dann ziemlich schnell verzogen und bin früh zu Bett gegangen. Das Frühstück für den nächsten Tag hat mir die Madame gleich mitgegeben da sie am nächsten Tag frei hatte und natürlich nicht aufstehen wollte. Für mich war das auch Ok da ich so früh los konnte da sie für den nächsten Tag ab Mittag Regen vorausgesagt hatten.
Ich war dann um 6.45 schon unterwegs und bin den Creux du Van raufgestiegen. Um 8.15 war ich schon auf dem Soliat und habe mich mal wieder gefragt, ob ich eigentlich noch alle Tassen im Schrank habe. Da oben war es saukalt, es ging eine eisige Bise und ich lief Mutterseelenallein da oben rum. Dafür habe ich Gemsen gesehen und dann gedacht, dass ich vielleicht doch nicht ganz alleine bin. Ich war ziemlich flott unterwegs da es konstant nach Regen aussah. Kurz vor La Combaz kam ich auf eine Hochebene und da hat es fast schon gestürmt und mich schier davon geblasen. Habe dann in beschlossen in La Combaz den Bus zu nehmen und bis Ste-Croix zu fahren. La Combaz war aber leider kein Ort sondern nur ein Restaurant welches auch noch zu hatte. Bei der Bushaltestelle gab es keinerlei Angaben wann der nächste Bus fährt. Das Wetter wurde immer schlechter und ich bin dann der Strasse entlang gelaufen und wollte Autostopp machen. Nach langer Zeit hat dann auch wirklich ein Auto gehalten und ein Vater mit seinem Sohn hat mich mitgenommen. Zuerst wollten sie mich nur bis zur nächsten Verzweigung mitnehmen doch dann fing es so heftig an zu schneien, dass sie Mitleid mit mir hatten und mich bis Ste-Croix gefahren haben. Dafür war ich Ihnen endlos dankbar. Habe mich dann in das nächste Café gesetzt und erst mal abgewartet dass es aufhört zu schneien, dann habe ich mir eine Bleibe gesucht und war froh nicht mehr weiter zu müssen. Am nächsten Tag sollte das Wetter etwas besser werden hatten sie vorausgesagt.
Am nächsten Tag bin ich relativ spät los da es erst ab 8.15 Frühstück gab. Das Wetter war besser als am letzten Tag. Es war zwar immer noch saukalt und ab und zu gab es ein paar Graupelschauer aber im grossen und ganzen war es zum aushalten. Bin mal wieder eine ganze Etappe bis Vallorbe gelaufen. Mein Verstand hat mir auch wieder ein paar mal gesagt, dass ich wohl bescheuert sein muss aber ich habe einfach versucht die Stimme in meinem Kopf zu ignorieren und dies ist mir auch ganz gut gelungen. Ich hätte dann den Berg Le Suchet besteigen sollen und innerlich habe ich mir ganz fest gewünscht, dass es doch eine Abkürzung gibt und ich nicht da rauf muss, weil es doch so kalt war. Ich bin dann in der Grange Neuve abgestiegen und habe einen Kaffee getrunken und mich am offenen Feuer aufgewärmt. Dann bin ich weiter und prompt wie auf Bestellung kam die gewünschte Abkürzung. Ich war so glücklich und bin ganz beschwingt weitergelaufen. Irgendwie scheinen meine Gebete immer erhört zu werden und wenn ich Hilfe brauche kriege ich sie auch. Das ist ein gutes Gefühl und macht mich total dankbar. Ich konnte nie lange Pausen machen denn jedes Mal wenn ich mich hingesetzt habe und gerade fertig mit meinem Brötchen war kam wieder ein Graupelschauer und ich musste schnell weiter. Ich war dann dementsprechend müde und die letzten 4 km bis Vallorbe bin ich nur noch geschlichen. War dann froh, als ich in der Augerge pour tous angekommen war und endlich meine Füsse hochlegen konnte.
Von Vallorbe bin ich dann nach Le Pont. Dies war ein kurze Etappe bei schönem Wetter und ich habe mir Zeit genommen etwas Sight seeing zu machen. Zuerst habe ich die Grotten von Orb besucht. Das war sehr beeindruckend und auch etwas unheimlich. Ist irgendwie ein komisches Gefühl soviel Fels über einem zu wissen, man fühlt sich ein wenig eingesperrt. Aber es ist wirklich sehr empfehlenswert und sehr schön gemacht für die Touristen. Mit viel Beleuchtungseffekten….;-). Man sieht auch den Fluss Orb welcher hier unterirdisch durch die Grotte verläuft. Ich war aber trotzdem froh als ich wieder draussen war.
Dann ging es weiter zum Dent de Vaulion ein Aussichtsberg wo man eine wunderschöne Aussicht hat über den Lac Leman. Habe da sogar jemanden von Basel getroffen welcher auch gerade eine Auszeit gemacht hat…;-).
In Le Pont bin ich in einem wunderschönen Hotel direkt am Lac de Joux abgestiegen und habe mich mit Eglifilet verwöhnen lassen. Schliesslich war heute ja mein Touristentag!
Von Le Pont ging es dann auf den Col dur Marchairuz. Ja das war vielleicht eine abenteuerliche Etappe, bin ehrlich gesagt froh, dass ich sie heil überstanden und mich nicht irgendwo da oben verlaufen habe. Ich bin stundenlang durch den Schnee gestapft und war eigentlich nur froh, dass ich den Spuren im Schnee folgen konnte, denn Wegweiser hat man nicht wirklich gesehen. Ich habe mir mehrmals überlegt umzukehren denn es kam mir schon fast leichtsinnig vor so in den Bergen zum zu laufen. Ich war schon fast etwas am verzweifeln und habe mir gesagt wenn ich bis zu diesem Punkt 50 m vor mir niemanden treffe oder ich keinen Grund auf Hoffnung habe, dass ich es schaffen kann, kehre ich um. Als ich zu diesem Punkt kam lief da vor mir ein Paar und ich konnte es mal wieder nicht fassen, dass mein Gebet so schnell erhört wurde. Ich bin ihnen dann einfch hinterher gelaufen und habe mir immer gesagt, dass ich sie einfach nicht aus den Augen verlieren darf. Kurz vor dem Mont Tendre haben sie dann Pause gemacht und ich bin ziemlich orientierungslos und schon fast in Panik rumgelaufen. Habe mich schon gesehen wie ich mich verirre und elendiglich sterbe da oben auf 1600 m. Habe mir dann ein Herz genommen und das Paar nach dem Weg gefragt und die haben mich dann wieder auf den richtigen Weg geschickt. Ohne sie wäre ich komplett verloren gewesen. Endlich war ich dann auf dem Gipfel des Mont Tendre auf 1680 m und da oben hatte es ganz viele Leute und ich war total glücklich nicht mehr allein zu sein. Auf dem Weg runter ging es dann im gleichen Stil weiter, bin stundenlang durch den Schnee gestapft und habe immer wieder den Weg gesucht. Aber immer wenn ich wirklich Hilfe brauchte kam sie auch entweder in Form einer Person oder eines Wegweisers. Ich habe auch immer wieder einen Vater mit 2 Söhnen getroffen und dies hat mir auch geholfen diesen Tag zu überstehen. Ich bin dann fix und fertig auf dem Col du Marchairuz angekommen und habe mich überglücklich diesen Tag überlebt zu haben auf das Bett gelegt.
Vom Col du Marchairuz ging es dann nach St. Cergue wo ich in einem Hotel gelandet bin wo es so richtig unsymphatisch war. Hatte das erste Mal das Gefühl, so richtig über den Tisch gezogen zu werden. Aber lassen wir das es lohnt sich nicht mal darüber zu schreiben. Ansonsten war es ein wunderschöner Tag mit strahlenden Sonnenschein. Verglichen mit dem vorigen Tag war es heute ein Spaziergang. Am Anfang bin ich noch im Schnee rumgestapft aber wirklich erschüttern konnte mich das nicht mehr. Habe auch noch ein paar Mal den Weg gesucht aber nach dem gestrigen Tag war das Peanuts.
Am nächsten Tag bin ich dann weiter nach Founex. Hätte eigentlich noch die zweithöchste Erhebung des Juras nämlich den Mont Dôle besteigen müssen aber nach den Erfahrungen auf dem Mont Tondre habe ich mir das geschenkt und bin direkt runter nach Nyon. In Nyon habe ich mir dann im Touristenbüro Infomaterial mit Uebernachtungsmöglichkeiten vom Schweizer Jakobsweg geben lassen. Der Schweizer Jakobsweg scheint vor allem aus einem zu bestehen nämlich aus Strassen auf dem der arme Jakobspilger dann seine Füsse ruiniert. Zum ersten Mal haben mich meine Füsse so sehr geschmerzt, dass ich Abends fast nicht mehr laufen konnte und das dank der geteerten Strassen. Na ja dies war wahrscheinlich die Strafe dafür, dass ich den zweithöchsten Berg des Juras gemieden habe…;-). Der Jura-Höhenweg ist wirklich sehr zu empfehlen, er ist sehr schön und man läuft praktisch nie auf Strassen. Das nächste Mal würde ich aber erst im Juni loslaufen…;-).
Ja und heute bin ich also von Founex nach Genf wobei ich das letzte Stück den Zug genommen habe damit ich mehr Zeit für die Zimmersuche habe. Es war praktisch wieder alles auf der Strasse aber landschaftlich sehr schön.
Ja und jetzt bin ich in Genf und wenn ich im Töchterheim 2 Nächte bleiben kann gibt es Morgen einen Ruhetag bevor es in Frankreich weitergeht. Von den Finanzen her bin ich froh, dass ich die Schweiz bald hinter mir habe denn es war ziemlich teuer. Musste öfters im Hotel übernachten da es einfach nichts anderes gab und unter 100.- Franken kommt man dann selten weg.
So jetzt seit ihr wieder informiert. Mir geht es im grossen und ganzen sehr gut und auch meine Füsse machen bis jetzt gut mit. Freue mich auf das Abenteuer Frankreich. Bis bald. Françoise