Von Le Puy-en-Velay nach Conques

vom 2.10. – 13.10.2006

Le Puy en Velay, 2. Oktober 2006
Heute Morgen um 9.00 Uhr ging es also los auf meine Pilgerreise von Le Puy nach Conques. Wenn ich denn soweit komme vielleicht muss ich ja schon vorher abbrechen. Im Moment sitze ich im Accueil St. François am Fenster und geniesse die letzten Sonnenstrahlen des heutigen Tages. Das Wetter ist bis jetzt wunderbar und viel wärmer als ich vermutet hätte. Man hat mich hier freundlich aufgenommen. Ich zahle € 26.50 für ein Einzelzimmer (!) mit Halbpension.

Im Moment kann ich gar nicht mehr verstehen warum ich solche Ängste durchgestanden habe um hierher zu kommen. Bin froh, dass ich es trotzdem gemacht habe. Es gibt ein schönes Sprichwort: „Mut ist wenn man es trotzdem tut“. Ich möchte meine Zeit auf dem Jakobsweg nutzen um Ängste abzubauen, ich habe so viele Ängste welche mich hindern wirklich zu leben. Die mich hindern das zu tun was ich wirklich möchte. Ich glaube, man kann Ängste nicht loswerden aber man kann sich ihnen stellen, sie zulassen und sie überwinden. Nur schon um hierher zu kommen musste ich so viele Ängste überwinden! Ich möchte auch schwere, dunkle Sachen die nicht zur mir gehören auf diesem Weg abwerfen können. Ich möchte ein neues Vertrauen finden in das Leben, in die Menschen, in Gott und nicht zuletzt in mich. Und falls ich je einen Glauben hatte würde ich den gerne wieder finden!
Morgen werde ich um 7.00 (!) in die Pilgermesse gehen und mir meinen Segen für den Pilgerweg holen. Anschliessend werde ich Richtung Montbonnet aufbrechen, soll ganz schön steil sein hat man mir gesagt. Bin ja mal gespannt was mich da erwartet. Mein Stift gibt auf jeden Fall jetzt schon den Geist auf…;-).
Zum Abendessen gab es zuerst Reissalat, dann Linsen und Pastete, dann Käse und zum Schluss Mousse au chocolat. Die ersten Pilger welche ich getroffen habe waren Schweizer und kommen aus Bern! Werde jetzt noch alles für Morgen vorbereiten und dann ins Bett gehen. Bin ja mal gespannt ob ich es zur Pilgermesse schaffe vor allem da ich den Wecker auf meinem Handy nicht finden kann. Wahrscheinlich hat es keinen.

Montbonnet, 3. Oktober 2006 (14 km)
Was für ein Tag! Gott hat mich wirklich getestet heute. Vielleicht als Strafe weil ich die Pilgermesse und meinen Segen verpasst habe? Schuld daran ist nur mein Handy! Aber ich glaube kaum, dass wenn es Gott gibt er uns straft das tun wir schon selber genug.
In Le Puy musste ich erst einmal den Weg suchen und dabei wäre es ganz einfach gewesen wenn ich mich an meinen Reiseführer gehalten hätte! Auf dem Weg raus aus Le Puy bin ich zuerst einmal einer riesigen Reisegruppe begegnet. Meine erster Gedanke war: „Die schnappen mir bestimmt das letzte Bett in Montbonnet weg“. Ich habe darauf hin versucht mir ein Bett zu reservieren aber leider niemanden erreicht. Die haben sich von einem Car begleiten lassen und konnten deshalb nur mit wenig Gepäck wandern. Ja so Weicheier gibt es auch auf dem Pilgerweg. Nicht wie ich, die Hartgesottene, welche sich durch Regen und Sturm kämpft mit dem schweren Rucksack!
Die ersten paar Stunden war es einfach nur grau aber in St. Christoph sur Dolaizon hat es dann angefangen wie aus Eimern zu schütten. Konnte mich gerade noch in eine Bar flüchten und bei einem Kaffe und Schokoriegel auf besseres Wetter warten. Essen kann man in diesen Bars ja leider nie dabei hatte ich solchen Hunger und ausser einer Bäckerei hatte alles zu. Der Regen hat dann auch bald nachgelassen dafür hat es angefangen heftig zu winden. Barbara, eine andere Pilgerin, hat mir dann Tage später gestanden, dass sie von St. Christoph das Taxi nach St. Privat d’Allier genommen hat. Warum nur bin ich immer so hart mit mir?
Na ja, die zweite Hälfte des Weges stand auf jeden Fall noch vor mir und es ging über eine Hochebene wo ich mehr als 2 Stunden gegen den Wind angekämpft habe und es mich fast vom Weg geblasen hätte. Ich war schier am verzweifeln und hatte auch Angst. Ich habe innerlich gebetet, dass ich einen Unterstand finde aber lange Zeit kam nichts. Da war auch noch so ein seltsamer Pilger welcher ständig an seinen Schuhen rumgenestelt hat und nicht einmal ein Bonjour geschweige denn ein wie geht’s über seine Lippen brachte. Wir sind das ganze Stück über die Hochebenen zusammengelaufen, also ich immer ein gutes Stück hinterher, wollte ihm ja nicht zu Nahe treten da er scheinbar absolut keinen Kontakt wollte. Vielleicht hat er ja ein Stillegelübde abgelegt? Es war auf jeden Fall komisch und hat meine Verzweiflung auf keinen Fall gebessert.
Nach langer Zeit kurz vor Montbonnet kam dann endlich der lang ersehnte Unterstand in Form einer Kapelle. Ich war total erschöpft und dankbar, so dass ich zuerst einmal angefangen habe zu weinen. Dieser Wind hat so an mir gezehrt und war so Kräfte raubend, ich war endlos dankbar in dieser Kapelle ausruhen zu können. Ich hatte auch nicht viel Proviant bei mir, ausser der Bäckerei ist mir nie ein Laden begegnet und so bestand mein karges Mahl aus Wasser, Brot und Tränen. Die Gegend ist schon sehr einsam es begegnet einem kaum ein Mensch dafür um so mehr Kühe und Schafe. Die Pilgersaison ist auch schon fast zu Ende und wenn man sich in der Gîte d’Etape nicht anmeldet riskiert man nichts zu Essen zu bekommen. Wäre mir heute Abend auch fast so gegangen nur hatte der Herbergsvater dann Erbarmen mit mir armen Pilgerin und hat mir Pasta, Tomaten, Eier, Früchte, Käse und Brot rüber gebracht. Ich habe mir dann aus all den Zutaten eine sehr spezielle Pasta gebrutzelt. Wahnsinnig lecker war es nicht aber es hat mir den Bauch gefüllt und ich fühlte mich schon um einiges besser.
Vor dem Essen hatte ich unheimlich Heimweh und habe überlegt meine Pilgerreise abzubrechen. Ich war voller Zweifel und dachte, dass ich mir zuviel zugemutet habe. Es wäre schön gewesen andere Pilger zu treffen und sich auszutauschen.
Das Leben wird sehr einfach wenn man so pilgert und man ist mit sehr wenig zufrieden. Mein grösstes Glück ist es eine Gîte zu finden, ein gutes Essen zu bekommen und vielleicht noch andere Pilger zu treffen. Dieser Weg macht einen dankbar. Dankbar für die kleinen Dinge des Lebens, wie z.B. ein gutes Essen, ein warmes Bett und ab und zu ein freundliches Wort.
Die Gegend hier ist unheimlich schön, wenn nur das Wetter besser wäre. Es wäre schade, wenn ich schon bald abbrechen müsste. In Monistrol gibt es eine Eisenbahn und als ich vorher so deprimiert war habe ich mir überlegt umzukehren. Ich fühle mich sehr verletzlich, schutzlos und den Elementen ausgeliefert. Keine Mauern mehr welche mich schützen. Ich möchte lernen zu vertrauen und dies ist ja einer der Vorsätze die ich mir für diesen Weg vorgenommen habe: lernen wieder zu vertrauen. Ich komme oft an meine Grenzen und ich glaube diese Grenzüberschreitungen sind es welche mich transformieren. Dieser Weg ist eine riesige Herausforderung! So ich mache jetzt Schluss und gebe eine Bestellung ans Universum raus: „Bitte mach, dass es morgen besseres Wetter gibt. Vor allem kein Wind und auch kein Regen!

Monistrol d’Allier, 4. Oktober 2006 (12.5 km)
Heute Morgen bin ich bei Regen gestartet aber der Wind war Gott sei Dank weg. Gepriesen sei das Universum oder Gott, wer auch immer meine Bestellung entgegengenommen hat. Der Regen ist nämlich halb so schlimm mit meinem Regenponcho, Regenhosen und Windjacke. Am Nachmittag ist dann sogar noch die Sonne raus gekommen und es war richtig schön warm. Beim runter laufen nach Monistrol ist mir eine Pilgerin begegnet welche aus Canada stammt. Sie heisst Julie und hatte sich verlaufen. Sie lief nämlich in die falsche Richtung. Ich habe mich richtig gefreut, mit ihr eine paar Worte zu tauschen, ja und auch eine andere Frau zu treffen welche alleine unterwegs ist.
Ich habe mir unterwegs auch gewünscht andere Pilger zu treffen und jetzt bin ich in einer Gîte voller sympathischer Menschen! Julie ist auch hier. Es scheint also wirklich zu funktionieren wenn man sich etwas von Herzen wünscht. Wenn ich heute nicht andere Pilger getroffen hätte, hätte ich wahrscheinlich aufgegeben und den Zug nach Hause genommen. Vor allem auch weil mir eine Frau in der Bar erzählt hat, dass die Saison vorbei wäre und in den nächsten Tagen alles schliesst. Dies hat mir jeglichen Mut genommen weiter zu gehen. Ich habe versucht Willi anzurufen damit er mir hilft die Züge rauszusuchen da dies von hier aus sehr schwierig ist. Keiner weiss Bescheid. Ich habe ihn dann aber nicht erreicht da er sich frei genommen hat und am Wandern war.
Als ich in Monistrol angekommen bin, war ich zuerst in der Gîte communal. Da war niemand und alles war leer. Es hatte eine Küche wo man kochen konnte, nur wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass alle Läden zu hatten. Ich habe mich eingerichtet, mein Bett gemacht und wollte gerade Duschen. Da habe ich mich noch mal umgeschaut und beschlossen, dass ich nicht hier bleiben will. Ich wusste, dass es noch eine andere Gîte in diesem Ort gibt und wenn es dort keinen Platz gehabt hätte, hätte ich immer noch zurückkehren können. Ich habe dann alles wieder eingepackt und bin abmarschiert.
Wenn ich meiner Intuition nicht gefolgt wäre, hätte ich wieder eine Nacht alleine verbracht und hätte mir nicht mal etwas kochen können da ja alle Läden zu hatten. Ja und wahrscheinlich hätte ich meine Reise abgebrochen. Was mich da wohl gerufen hat? Und wie gut, dass ich auf diese Stimme gehört habe. Es hat mir wieder sehr viel Mut gemacht andere Pilger zu treffen, mich auszutauschen, zu lachen und zu wissen, dass ich nicht alleine bin. Dank diesen Menschen werde ich meine Reise gestärkt und guten Mutes fortsetzen. Es wäre auch ein beschissenes Gefühl gewesen jetzt schon aufzugeben. Ich habe jetzt auch noch andere Frauen getroffen welche alleine reisen. Julie aus Quebec hat wie ich eine Trillerpfeife dabei. Das hilft scheinbar nicht nur bei wilden Hunden und Stieren sondern auch bei wilden Männern…;-).
Ich bin so froh und dankbar, dass ich den Mut hatte mich auf diese Pilgerreise zu begeben. Es hat wirklich sehr viel mit Vertrauen zu tun, ja und irgendwie fühle ich mich auch beschützt. Ausser gestern während diesem Sturm hatte ich bis jetzt eigentlich kaum Angst und war auch nie in Gefahr. Das macht Mut.
Morgen habe ich vor eine Etappe von 21 km zu laufen. Zuerst nach Sauges und dann nach Le Falzet. Ich habe auch mal ohne Schwierigkeiten ein Bett reservieren können sogar ohne Handyempfang. Ich habe jetzt nämlich eine Telefonkarte!
Für Morgen wünsche ich mir gutes Wetter zum Laufen und dass ich immer mal wieder jemanden treffe. Ja und abends eine Gîte voller netter Leute! Was ich mir auch wünsche ist eine Verbindung und einen direkten Kontakt zu Gott! Gute Nacht liebes Tagebuch.

Le Falzet, 5. Oktober 2006 (21 km)
Mann bin ich heute fix und fertig! 21 km von Monistrol über Sauges (steiler Aufstieg!!!) und dann bis nach Le Falzet. Alles tut mir weh! Die Füsse, die Beine, die Schultern, der Rücken. Es ist wie im Altersheim hier in der Ferme Auberge alle humpeln von einer Ecke in die andere. Heute sind wir zu fünft in der Gîte und wir haben es total lustig. Drei waren gestern schon in Monistrol und morgen Abend treffen wir uns wieder in Les Faux. Es ist ein ganz anderes Laufen jetzt, man trifft sich immer wieder irgendwo und trotzdem ist man unterwegs meistens alleine. Jeder geht in seinem Tempo und Rhythmus. Unsere Herbergsmutter hat uns gerade mitgeteilt, dass wir das schlimmste schon hinter uns hätten. Allgemeiner Freudentaumel! Wenn das keine guten Nachrichten sind für unsere schmerzenden Glieder!
Bin jetzt ziemlich zuversichtlich, dass ich es bis Conques schaffen werde. Wie ich von dort wieder wegkomme ist eine andere Frage. Ziemlich kompliziert das Ganze aber habe noch keine Lust mich damit zu beschäftigen.
Ich marschiere stundenlang alleine durch menschenleere Gegenden und doch habe ich nur selten Angst. Ich hätte nie gedacht, dass das so gut geht. Man trifft auch meistens sehr interessante Leute. Es ist eine spezielle Art von Menschen welche diesen Weg geht. Letzte Nacht habe ich kaum ein Auge zugetan, weiss nicht warum aber mein Herz hat so laut und schnell geklopft, dass ich nicht einschlafen konnte. Habe dann meditiert und mir gedacht, dass mein Körper trotzdem ausruht. So war es dann auch. Hoffe aber trotzdem, dass ich heute Nacht gut schlafen werde.

Les Faux, 6. Oktober 2006 (17.5 km)
Wieder ein wunderschöner, langer, anstrengender Tag. Die Füsse tun weh aber sonst fühle ich mich sehr leicht und gut. Was für eine wunderschöne Gegend. Ich musste ständig anhalten um zu fotografieren. Habe mir heute Zeit gelassen und immer wieder Pause gemacht. Meine Füsse haben mich dazu überredet..;-). So viele Kühe, Schafe, Pferde und so wenig Menschen. Wahnsinn!
Heute hatte ich einmal kurz Angst als ich Chanaleilles verlassen habe. Ein roter Renault ist langsam an mir vorbeigefahren und hat dann weiter vorne angehalten. Ich habe schon mal meine Trillerpfeife bereitgehalten. Innerlich habe ich um Schutz gebetet. Als ich vorbeilief war aber niemand da und ich bin durch das Gatter in den Wald. Nach ca. 1 Stunde kam das nächste Gatter und wieder stand dieser rote Renault da. Dann ist ein etwa 80 jähriger Mann ausgestiegen und ich musste Lachen ab meiner unbegründeten Angst. Habe mich dann noch mit dem freundlichen alten Mann unterhalten und er hat mir noch ein bonne route mit auf den Weg gegeben. Ja die Ängste sind halt einfach da aber ich lasse mich dadurch nicht aufhalten und manchmal sind diese Ängste ja auch berechtigt. Bis jetzt hatte ich auf jeden Fall keinen Grund Angst zu haben. Keine wilden Hunde, keine wilden Stiere und schon gar keine wilden Männer! Überhaupt hätte ich nie gedacht, dass ich so alleine in dieser einsamen Gegend wandern kann. Einfach erstaunlich!

Ich treffe jetzt auch mehr Wanderer als die ersten Tage vielleicht liegt es am Wetter. Ich fühle mich auf jeden Fall, trotz Gepäck auf meinem Rücken, immer leichter und habe immer mehr Vertrauen in mich und meinen Körper. Morgen werde ich bis Aumont Aubrac gehen ca. 20 km. Wieder eine Mammutstrecke, auf jeden Fall für mich. Es gibt ja andere die locker zwischen 30 – 40 km hinlegen. Vielleicht schaffe ich das ja auch mal wenn ich länger unterwegs bin.
Zum ersten Mal hat es da wo ich übernachte eine Bar und ich kann genüsslich ein Bier trinken, Tagebuch schreiben und meine nächste Etappe planen. Man wird so richtig schön müde, ich liebe dieses Gefühl nach einem anstrengenden Tag.
Morgen verlassen mich meine beiden Belgier wieder und ich bin wieder alleine unterwegs aber ich werde einfach weitergehen und andere Leute treffen. Ja und beim wandern bin ich ja sowieso immer alleine. Mein Wunsch an Morgen ist wieder gutes Wetter, neue Leute treffen und vor allem keine schmerzenden Füsse und einen leichten Schritt.

Aumont Aubrac, 7. Oktober 2006 (20 km)
Heute war es richtig heiss, dies gibt einem einen Vorgeschmack wie es im Sommer sein muss. Überhaupt ist diese Jahreszeit jetzt wunderschön und es hat nicht all zu viele Leute auf dem Weg. Im Sommer muss dies ja eine Pilgerkarawane sein, was man so hört. Es nimmt mich nur Wunder, wo die dann alle unterkommen am Abend. Wahrscheinlich muss man mehrere Tage vorher reservieren.
Heute habe ich gelernt, dass ich wirklich in meinem Rhythmus gehen muss sonst werde ich schnell müde und meine Füsse fangen an zu schmerzen. Auch finde ich es schwierig, längere Zeit mit jemandem zusammen zu laufen da man seinen Rhythmus dann anpassen muss. Ich lerne auch, genau das zu tun was für mich stimmt und dies auch auszudrücken. Ich finde es schön und bereichernd andere Pilger zu treffen, mich auszutauschen aber dann möchte ich alleine weitergehen. Barbara hat das heute zu spüren bekommen aber auf diesem Weg ist das völlig normal. Niemand ist beleidigt wenn man alleine weitergeht.
Heute Abend bin ich in der Ferme du Barry angekommen wo ich reserviert hatte und es hat sich von Anfang an komisch angefühlt. Alles war schmuddelig, die Zimmer, die Bettwäsche, das Badezimmer und der Herbergsvater war mir auch nicht ganz geheuer. Der ist mir von Anfang an zu Nahe getreten und ich musste immer einen Schritt retour machen. Ich habe schon vorsichtshalber mal kontrolliert ob ich die Türe abschliessen kann, denn es hätte mich nicht gewundert wenn der plötzlich im Zimmer gestanden wäre. Ich habe mir überlegt eine andere Gîte zu suchen aber ich war einfach fix und fertig und mir fehlte die nötige Energie eine Entscheidung zu treffen. Innerlich habe ich gebetet, dass noch jemand in die Herberge kommt und ich nicht alleine hier bin.
Ja und dann stand da plötzlich Christian in der Tür welchen ich in Les Faux kennen gelernt habe und wollte auch hier übernachten. Er übernachtet normalerweise immer nur im Hotel und gestern habe ich ihm von den Herbergen vorgeschwärmt und da wollte er es auch mal ausprobieren. War irgendwie absurd aber wahrscheinlich war es die Antwort auf mein Gebet! Er hat sich kurz umgeschaut und mich dann überzeugt meine Sachen zu packen und mit ihm ein Hotelzimmer zu teilen. Weil er bleibe da auf keinen Fall und mich wollte er auch nicht alleine hier lassen, der Herbergsvater war auch ihm suspekt. Ja und so bin ich also mit einem mir fast unbekannten Mann mit Hund in einem Hotelzimmer mit separaten Betten (darauf habe ich bestanden!) gelandet. Was für ein Luxus! Das einzige was mich stört ist der Fernseher den Christian natürlich sogleich anstellt. Ja man kann nicht alles haben. Ich hoffe zumindest, dass er ein anständiger Mann ist und die Finger von mir lässt. Auf jeden Fall ist es besser als alleine in dieser schmuddeligen Herberge mit einem nicht ganz koscheren Typ zu sein. Christian ist nämlich ganz nett und sehr sympathisch. Dann hat das Hotel noch einen weiteren Vorteil: ich kann mal wieder meine Kleider in der Waschmaschine waschen! Wie wunderbar!!!
Ich bin total begeistert von dieser wunderschönen Gegend hier. Manchmal ist es fast wie im Märchen und ich warte fast darauf, dass mir Elfen und Feen begegnen. Ich bin schon richtig süchtig nach diesem Weg und freue mich schon auf die nächste Etappe. Möchte immer weitergehen, unterwegs sein, nicht anhalten. Ganz nach dem Motto: „Der Weg ist das Ziel“. Morgen werde ich in Rieutort d’Aubrac in einer mongolischen Jurte übernachten auf fast 1200 m. Auf diesem Weg trifft man Leute, geht ein Stück zusammen und geht dann wieder alleine weiter. Es hat auch immer wieder mit loslassen zu tun.
Schade, dass ich den beiden Belgiern, Olivier und Tschadiz nicht mehr Lebewohl sagen konnte. Morgen werden Christian und Barbara bis Nasbinal gehen und das schaffe ich leider nicht. Es sind 26 km! Darum heisst es wieder mal loslassen, neue Leute kennen lernen, ja und einfach immer weiter gehen.

Montgros, 8. Oktober 2006 (23 km)

Heute war wieder ein Mammutmarsch, ich habe 23 km zurückgelegt. Ich komme immer wieder an meine Grenzen. Zuerst wollte ich in Rieutort d’Aubrac in den Jurten übernachten, habe es mir aber doch noch mal anders überlegt und bin bis Montgros durchgelaufen. Das letzte Stück habe ich fast nicht mehr geschafft, ich musste mich zwingen einen Schritt vor den nächsten zu setzen. Bei meiner Ankunft traf ich das Berner Ehepaar, welches ich auf dem Weg nach Les Faux zum ersten Mal getroffen habe. Sie heisst Heidi, an seinen Namen kann ich mich leider nicht erinnern ich weiss nur dass er Pfarrer ist. Merkt man ihm aber nicht an. Die haben mich in der Herberge in Montgros in Empfang genommen und waren total nett. Ich war fix und fertig und sie haben mich wieder aufgebaut, mir Mut gemacht und mich zum Lachen gebracht. Wir haben dann auch das Zimmer zusammengeteilt. Die Gîte in Montgros ist wünderschön nur leider hat die Herbergsmutter Haare auf den Zähnen aber wir haben uns die ganze Zeit gut amüsiert.
Am Morgen bin ich in Aumont Aubrac zusammen mit Christian gestartet wir haben uns aber schon bei der Kirche aus den Augen verloren und ich bin alleine weiter. Irgendwann habe ich ihn dann wieder eingeholt und wir sind ein Stück bis La Chaize de Pere zusammen gelaufen. Der kleine Hund ist total süss und wenn er nicht mehr mag legt er sich einfach auf den Boden und sein Herrchen muss ihn dann ein Stück tragen. Christian kommt aus einer ganz anderen Welt wie ich, er ist Architekt, seit 19 Jahren verheiratet, reich, hat diverse Ferienhäuser, Autos, Segelboot usw. aber wenn man auf dem Pilgerweg ist, ist das alles nebensächlich. Im normalen Leben wären wir uns nie begegnet. Hier auf dem Weg spielt die Herkunft keine Rolle.

Jeder macht seine eigenen Erfahrungen und jeder geht den Weg anders. Unter den Menschen welche diesen Weg gehen besteht eine grosse Toleranz und Hilfsbereitschaft und man fühlt sich wie ein Teil vom Ganzen. Auch wenn man alleine ist, fühlt man sich nie einsam. Man spürt die Leute die vor einem und hinter einem laufen und die welche den Weg vor langer Zeit gelaufen sind. Es ist schon sehr speziell und ich bin dankbar ein Teil davon zu sein.
In La Chaize de Pere habe ich die Kirche besichtigt und anschliessend habe ich mich zum ersten Mal verlaufen. Ich bin hin und her bis ich den Weg wieder fand. Ich habe mich geärgert, dass ich nun die beiden verloren hatte und dann habe ich beschlossen mal wieder loszulassen und einfach weiterzugehen. Man trifft Menschen welche einem sympathisch sind, man geht ein Stück zusammen und dann muss man wieder loslassen. Das ist einfach so auf diesem Weg und je schneller man loslassen kann desto leichter fühlt man sich.

Christian hat mir dann eine Nachricht auf den Boden geschrieben und so wusste ich, dass er etwa ein halbe Stunde vor mir ist. Dies ist auch etwas was mich auf diesem Weg sehr berührt hat, die Nachrichten an Mitpilger welche man überall findet. Es ist wirklich wie eine grosse Familie und man fühlt sich untereinander verbunden. Jeder geht zwar in seinem Rhythmus und trotzdem denkt man an den anderen den man zurückgelassen hat und hinterlässt ihm Nachrichten. Einfach schön und meistens erhält man diese kleinen Nachrichten genau dann wenn man sie am meisten braucht. Es gibt einem dann einen extra Energieschub voran zu schreiten.

Ich habe dann beschlossen einfach in meinem Rhythmus weiterzulaufen und so Gott will werde ich ihn wieder treffen oder auch nicht. Es macht einem unwahrscheinlich frei wenn man nicht festhält sondern einfach akzeptiert und weitergeht. Ich habe dann Christian und Barbara in einer Bar unterwegs wieder getroffen. Als ich angekommen bin hätte ich dann eine längere Pause machen müssen aber aus lauter Angst sie schon wieder zu verlieren bin ich zusammen mit ihnen aufgebrochen. Dies habe ich dann bitter bezahlt. Sie waren natürlich völlig ausgeruht und ich hatte nur eine kurze Pause ohne gross etwas zu essen. Ich habe versucht mit ihnen Schritt zu halten aber irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich nicht mehr konnte. Ich habe den beiden dann gesagt ich müsse eine Pause machen und sie sollen weitergehen da ich wusste, dass sie einen weiteren Weg vor sich hatten als ich und sie mussten zügig vorankommen um vor Einbruch der Dunkelheit anzukommen. Ich hatte totale Schmerzen im Rücken und den Füssen. Es ist ihnen sichtlich schwer gefallen mich zurückzulassen aber ich wollte nicht, dass sie sich wegen mir aufhalten lassen.
So sass ich dann ganz alleine in den weiten des Aubrac und sah wie sie sich immer weiter von mir entfernten. Ich fühlte mich schrecklich alleine und musste total heulen. Da hatte ich nette Leute getroffen und jetzt musste ich sie wieder ziehen lassen weil ich nicht mehr weiter konnte. Ich war unendlich traurig und um mich herum grasten die wunderschönen Kühe des Aubrac. Ich war mir sicher, dass ich sie nie mehr wieder sehen würde. Irgendwann habe ich mich dann aufgerappelt und bin weinend weitergelaufen. Ich kam dann an einem Gatter vorbei und da kam ein wunderschönes Pferd auf mich zu und hat mich getröstet. Es hat mich so lieb angeschnaubt, da habe ich Mut gefasst und die Welt war wieder in Ordnung.
Ich habe Christian und Barbara bewusst losgelassen und bin in meinem eigenen Tempo weitergelaufen. Gross war meine Freude als ich sie bei der nächsten Rast an einem Brunnen wieder traf, nur diesmal machte ich nicht den gleichen Fehler und lies sie weiterziehen während dessen ich eine gemütliche Pause einlegte und Kräfte sammelte.
In Rieutort d’Aubrac habe ich dann beschlossen bis Montgros weiterzulaufen, da mir 2 Pilgerinnen unterwegs mitgeteilt hatten, dass es da auch noch eine Herberge gab und in der Jurte war es mir doch zu windig. Ja und um ehrlich zu sein wollte ich die anderen einholen.
Die zusätzliche Anstrengung hatte sich auf jeden Fall gelohnt auch wenn ich fast auf allen vieren in Montgros angekommen bin. In Rietort d’Aubrac wäre ich nämlich wieder alleine gewesen und in Montgros wurde ich ganz herzlich von meinem Berner Ehepaar empfangen. Dieser Tag hatte sehr viel mit loslassen, wieder finden, vertrauen und in meinem eigenen Rhythmus gehen zu tun. Ich fühle mich so unendlich dankbar, dass ich für kurze Zeit auf diesem Weg bin.

St. Chély d’Aubrac, 9. Oktober (20 km)

Heute konnten wir erst um 8.00 Uhr frühstücken und ich habe mich ca. um 8.45 Uhr auf den Weg gemacht. Der Morgen ist immer ganz speziell und es ist meine liebste Tageszeit. Das Licht ist wunderschön, manchmal hat es gefroren in der letzten Nacht und dann sieht man einen leichten Schimmer von Rauhreif. Ich bin alleine gelaufen und kam ziemlich schnell vorwärts. Mühelos lief ich die 3 km nach Nasbinal welche ich am Tag zuvor auf keinen Fall mehr geschafft hätte. Insgeheim hoffte ich in St. Chély d’Aubrac Christian wieder zu treffen und dass hat mich sehr motiviert.
Kurz vor Aubrac ist mir Barbara entgegengekommen die auf dem Rückweg war nach Nasbinal. Sie hatte eine organisierte Tour gebucht und musste in Nasbinal einen Ruhetag einlegen. Sie hat Christian noch ein Stück des Weges begleitet. Sie war traurig, wie ich gestern, weil sie ihren Weggefährten hat weiterziehen lassen müssen. Ich habe sie dann noch getröstet und bin dann auch weitergegangen. Loslassen ist wirklich etwas das wir alle lernen müssen und auf diesem Weg kommt man nicht daran vorbei.
In Aubrac habe ich Heidi und Ehemann wieder getroffen, sie sind dann aber gleich wieder aufgebrochen und haben mir gesagt, dass Christian eben gerade weg ist. Ich bat sie dann ihm mitzuteilen, dass ich heute Abend in St. Chély sein werde, ob er es glaubt oder nicht. Die sind nämlich ziemlich flott unterwegs und ich war mir sicher, dass sie ihn einholen würden. Innerlich musste ich grinsen.
Ich habe mir dann eine schöne, lange, gemütliche Pause (mit Beinen hochlegen) gegönnt mit Kaffee und Kuchen. Der Kuchen war voller wilder Beeren und so gross, dass drei Leute daran satt geworden wären. Kurz vor der Hälfte musste ich leider kapitulieren. Der Monsieur hat mich noch gefragt ob er mir den Rest einpacken soll aber ich wollte nicht, denn jedes Gramm mehr in meinem Rucksack wiegt wie eine Tonne.
Gestärkt und frohen Mutes bin ich dann weiter Richtung St. Chély gewandert. Es war wunderbares, warmes Spätsommerwetter. Überhaupt ist das Wetter mit jedem Tag ein bisschen schöner geworden.
Irgendwann nach Belvezet, ich war mal wieder am Ende meiner Kräfte, kam ein grosses Kreuz welches in einem Steinhaufen steckte. Ich bin schon fast daran vorbei gelaufen als ich in dem Steinhaufen einen Zettel mit meinem Namen entdeckte. Christian hatte mir mal wieder eine Nachricht hinterlassen: „Françoise. Courage tu es bientôt arrivé. 14.20 Christian“. Ich habe mich riesig gefreut und habe mit neuem Schwung meinen Weg fortgesetzt. Diese kleinen Nachrichten sind richtige Motivationshilfen.
Kurz vor 16.30 bin ich in St. Chély angekommen. Ich bin in der Gîte St. André untergekommen und habe ein eigenes Zimmer mit riesigem Doppelbett und eigenem Bad ganz für mich alleine. Geil! Weiss nicht wann ich das letzte Mal alleine in einem Zimmer war. Habe geduscht, meine Kleider gewaschen, meine armen Füsse gepflegt und bin dann Richtung Dorf geschlendert auf der Suche nach einem Bier. Kurze Zeit später ist mir Matt über den Weg gelaufen welchen ich auf der Strecke vor Aumont Aubrac kennen gelernt habe. Habe ihn gefragt wo man hier ein Bier trinken könne worauf er gemeint hat er käme gleich mit, ihm wäre auch danach. Ja und wer sass da im Restaurant, Zeitung lesend und bei einem Bier? Christian natürlich, grosse Freude auf beiden Seiten. Manchmal hat man das Gefühl man kennt sich schon Jahre dabei sind es nur Tage. Es war total lustig wir haben viel gelacht. Christian und ich haben beschlossen am nächsten Tag zusammen weiter zu laufen und ich werde ihn Morgen im Hotel abholen. Morgen Abend werden wir dann in Espalion zusammen essen. Ich glaube aber nicht, dass wir den ganzen Weg zusammen laufen werden sonst verliere ich nämlich wieder meinen Rhythmus! Natürlich hoffe ich auch Heidi und Ehemann wieder zu treffen. Man wird wie eine kleine Familie die sich immer wieder trifft und die Freude ist jeweils gross.
Zurück in meiner Herberge gab es ein total leckeres Essen mit Rindfleisch vom Aubrac. Eine dieser schönen Kühe welchen ich seit Tagen begegne. Schluchz! Aber lecker war es trotzdem.

Espalion, 10. Oktober, 2006 (22 km)
Am Morgen wollte ich Christian um 8.45 Uhr im Hotel abholen aber zu meinem Erstaunen war er schon weg. Ok, habe ich mir gesagt, loslassen ist angesagt und bin alleine losmarschiert. Es war mal wieder wunderschön und ich hatte wie immer morgens einen flotten Schritt drauf. Bald schon habe ich Christian eingeholt und wir sind dann wirklich bis Espalion zusammen gelaufen oder zumindest fast denn beim steilen Abstieg habe ich ihn wieder verloren. Wenn es steil hinuntergeht komme ich nur langsam voran.

In St. Côme d’Olt bin ich zur Post und habe Kleider und sonstige Sachen welche ich nicht mehr benötige nach Hause geschickt. Mein Rucksack ist somit 1.5 kg leichter geworden! St. Côme d’Olt ist eine wunderschöne, kleine, mittelalterliche Stadt und wir haben uns noch eine Stadtbesichtigung gegönnt bevor wir weiter marschiert sind. Der kleine Hund musste im Restaurant warten was er auch brav tat. Es war sehr schön mit Christian durch die Gassen zu spazieren und zwischen uns hat es auch etwas geknistert.
Wir wollten dann eine Abkürzung am Fluss Lot entlang nehmen aber schlussendlich war es keine gute Idee da wir den ganzen Weg auf der Strasse zurücklegen mussten. Wenn mir etwas die Füsse kaputt macht dann ist es auf Asphalt laufen (casse pied!). Ich kam mal wieder fast auf allen vieren in Espalion an wo wir uns ein Hotelzimmer genommen haben, da Chris partout nicht zu überzeugen war in einer Gîte zu übernachten und da wir zusammen bleiben wollten habe ich nachgegeben. Für ihn ist es schon ein Entgegenkommen in 2 Sternehotels zu übernachten normalerweise ist er sich 4 Sterne gewohnt…;-) oder besser gesagt seine Frau, die ist nämlich nobel (blaublütig). Christian hat mir dann die Füsse und den Rücken massiert und das hat total gut getan. Ich war dann doch endlich fähig mich in die Dusche zu schleppen. Vor dem Essen haben wir noch unsere Wäsche in die Wäscherei gebracht und als wir sie abholen wollten hatte die Wäscherei schon zu bis zum nächsten Morgen um 9.00 Uhr. Somit war klar, dass wir Morgen erst später starten können. Zuerst haben wir uns nämlich überlegt eine Mammutstrecke bis Golinhac zu laufen und das hätte geheissen ziemlich früh aufzustehen.

Estaing, 11. Oktober 2006 (11 km)
Heute sind wir erst um 12.00 Uhr gestartet und kaum vorwärts gekommen. Wir haben für schlappe 11 km ca. 5 Std. gebraucht. Wir waren alle 3 hundemüde und die Füsse taten immer noch weh von der letzten Etappe.
Ich hatte beschlossen heute nur bis Estaing zu laufen und die Zeit zu nutzen um mich im Reisebüro über die Rückreisemöglichkeiten zu informieren. Ich glaube ich wollte Christian loswerden und lieber alleine weiter laufen. Er beschloss dann aber das gleiche zu tun und so sind wir doch zusammen gestartet.
Ich glaube wir waren so müde weil ich lieber alleine gelaufen wäre und Christian lieber die ganze Etappe bis Golinhac gemacht hätte. Er wusste aber, dass ich das nicht schaffe und so sind wir beide Kompromisse eingegangen und haben nicht gemacht was wir wirklich wollten. Dies hat uns die Energie geraubt. Ich weiss nun zumindest warum so viele Paare zusammen auf diesem Weg starten aber am Ende einzeln ankommen. Den Pilgerweg läuft man am besten alleine in seinem eigenen Rhythmus ansonsten geht man immer Kompromisse ein. Der Preis der Zweisamkeit heisst Kompromisse eingehen.
Ich fand dann aber, dass Christian doch sehr sympathisch ist und vor allem an seinem Hund, habe ich mein Herz verloren. Ich mag ja Hunde eigentlich nicht so aber dieser ist wirklich süss.
Kurz vor Estaing bin ich auf dem Pilgerweg welcher durch den Wald führt geblieben und Christian wollte lieber der Strasse entlang laufen. Als ich wieder auf die Strasse traf fehlte von den beiden jede Spur und da ich mir nicht vorstellen konnte schneller zu sein als sie habe ich meinen Weg nach Estaing fortgesetzt. Zu meinem Erstaunen war ich dann doch zuerst da und zwar deshalb weil der kleine Hund mal wieder nicht mehr laufen wollte und Christian den Hund tragen musste.
In Estaing haben wir ein günstiges, zauberhaftes Pilgerhotel gefunden und nach dem Duschen haben wir sogleich die Stadt erkundet. Wir beschlossen, dass wir morgen eine Etappe überspringen müssen um am Donnerstag in Conques zu sein. Da ich nur am Freitagabend einen Zug zurück in die Schweiz habe.

Estain – Golinhac per Taxi (16 km)

Conques, 12. Oktober 2006 (21 km)
Heute Morgen haben wir das Taxi von Estaing nach Golinhac genommen und sind dann die letzte Etappe von 21 km bis Conques gelaufen. Ich bin am Morgen gleich voran geschritten da ich auf keinen Fall meinen Rhythmus verlieren wollte. Wir waren zügig unterwegs und es war eine wunderschöne Strecke. Wir hatten das Gefühl, dass wir jetzt zu richtig guten Pilgern werden. Jeden Tag tut es etwas weniger weh, der Rucksack wird leichter und das Laufen geht einfacher. Unterwegs ist uns ein Pilger begegnet welcher auf dem Rückweg war von Santiago di Compostela! Er ist Mitte Mai aufgebrochen und plant im Dezember zurück in Belgien zu sein. Das hat mich sehr beeindruckt. Er hatte einen mehrere Meter langen Pilgerausweis! Er hatte auch kein Geld mehr und ich habe ihm meine restlichen Euros überlassen. Ich kann ja in Conques wieder für Nachschub sorgen.
Immer wieder gibt es Kirchen zu besichtigen und dies sind immer willkommene Pausen und Momente der inneren Einkehr. Einmal glaubten wir uns verirrt zu haben und sind die gleiche Strecke dreimal gelaufen weil wir schlussendlich doch auf dem richtigen Weg waren. Das hat uns bestimmt 1-2 km zusätzlich gekostet. Es war das einzige Mal auf dem ganzen Weg wo wir keine Zeichen und Wegmarkierungen fanden und dann ist man gleich verunsichert.
Das letzte Stück nach Conques war dann noch mal so richtig schwer. Es ist steil bergab gegangen und da es am Ende eines Tages war umso anstrengender weil schon total müde. Ich war mal wieder total erschöpft und dem Weinen nahe und hatte das Gefühl nie mehr anzukommen. Musste mich für jeden weiteren Schritt konzentrieren und anstrengen. Manchmal hilft nur noch Beten.

Plötzlich und wie aus dem nichts sieht man die ersten Häuser von Conques. Was für eine Erleichterung und Genugtuung angekommen zu sein! Die letzte Nacht haben wir in der Abbaye Sainte Foy übernachtet. Sogar Christian hat dieses Mal auf sein Hotel verzichtet! Der Empfang im Kloster war sehr herzlich und sehr sympathisch. Die Kathedrale von Conques ist wunderschön und ich war total überwältigt angekommen zu sein.
Beim Abendessen sassen wir mit vielen anderen Pilgern am Tisch und ratet mal wer auch da war? Der seltsame Pilger vom ersten Tag! Er ist Österreicher und wartet auf neue Schuhe aus der Heimat. Deshalb hat er immer an seinen Schuhen rumgenestelt. Ich habe kein Wort mit ihm geredet! So wie er da sass war er auch immer noch in seinem Schweigegelübde.
Abends hat dann eine Schweizer Chorgruppe in der Kathedrale gesungen und es hat mich total berührt. Es ist mir bewusst geworden, dass ich angekommen bin und dieses Gefühl ist überwältigend. Auch zu denken, dass ich es geschafft habe trotzdem dass ich oft an meine Grenzen gestossen bin. Ich fühle mich unendlich dankbar.

Conques 13. Oktober 2006
Heute Morgen haben wir mindestens eine Stunde damit verbracht rauszufinden wie wir hier wieder wegkommen. Ich musste mich immer wieder daran erinnern zu vertrauen, dass ich schon irgendwie nach Hause komme. Wir haben dann ein Taxi gefunden welches uns nach St. Christoph fährt und dann konnten wir endlich entspannen und unsere letzten Stunden in Conques geniessen. Wir haben eine Stadtbesichtigung gemacht und das Städtchen Conques ist einfach atemberaubend schön. Im Hotel St. Jacques haben wir dann noch zu Mittag gegessen unser letztes 4-Gang-Menu. Wollte ein Andenken haben von Conques und habe mir eine Gedenkmünze gekauft. Damit ich nicht vergesse, dass ich es wirklich und wahrhaftig geschafft habe von Le Puy nach Conques zu laufen. 200 km!!! Zum Abschluss bin ich dann noch mal in die Kathedrale und habe eine Kerze angezündet. Habe mich noch eine Weile hingesetzt voller Dankbarkeit. Dieser Weg war sehr anstrengend aber er hat mir soviel gegeben. Ich fühle mich so reich und beschenkt. Habe wieder Vertrauen gefunden in mich, das Leben und Gott. Habe mich wieder gefunden, meine Leichtigkeit, mein Lachen, meine Tiefe. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich ein ganz anderer Mensch bin auf diesem Weg, viel mehr mich selber, unbeschwert und frei. DANKE GOTT!!!

Um 15.00 Uhr hat uns das Taxi abgeholt und wir mussten leider abreisen. Gerne hätte ich meine Reise fortgesetzt aber ich weiss jetzt schon wo ich meinen Weg fortsetzen werde. In Conques! Vielleicht in den nächsten Sommerferien. Ich weiss jetzt, dass ich diesen Weg alleine gehen kann und sogar mit Freude!
Das Taxi hat uns dann nicht nach St. Christoph gefahren sondern nach Decazville. In Decazville hatten wir 20 Min. später einen Zug nach Rodez und dann gleich weiter nach Toulouse.

In Toulouse haben Christian und ich noch mal schnell was gegessen und dann musste er weiter Richtung Montpellier und Avignon. Ich habe die beiden auf den Zug gebracht. Der Abschied war kurz und schmerzlos. Uns beiden war von Anfang an bewusst, dass wir nur ein Stück des Weges zusammen gehen und dann wieder jeder in seine Welt zurückkehrt. Ich hatte kein Bedürfnis festzuhalten und er auch nicht und wenn ich auf diesem Weg etwas gelernt habe dann ist es loszulassen. Es war schön diesen letzten Abschnitt zu zweit zu gehen, zusammen anzukommen, sich zusammen zu freuen dass wir es geschafft haben.

Jetzt sitze ich hier in Toulouse in einer Bar bei meinem dritten Bier und warte auf den Zug nach Genf (geschlagene 4 Std.!). Ich konnte endlich mein Tagebuch nachführen, die letzten 3 Tage bin ich nicht dazugekommen.
Jetzt hat die Bar zugemacht und jetzt treffe ich noch zwei Pilgerinnen mit welchen ich in Conques in der Abbaye Sainte Foy am gleichen Tisch sass und zu Abend gegessen habe. Sie haben heute Morgen um 8.00 Uhr in Conques den Bus genommen und dann in Bezier keinen Platz mehr im TGV bekommen. Somit mussten sie auch nach Toulouse reisen und den TGV nach Genf nehmen.
Ich habe wunderbar geschlafen im TGV. Um 9.00 Uhr waren wir in Genf und um 9.15 fuhr der Zug nach Basel. Gert und ich haben dann im Zugrestaurant zusammen ausgiebig gefrühstückt bis sie in Yverdon ausgestiegen ist. Gegen Mittag war ich wieder in Basel und habe mir sogleich ein heisses Bad gegönnt! Wunderbar!

ULTREIA!!!Immer weiter…

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